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Dienstag, 25. September 2012

Apotheose

Rückblick auf den Jour de Gloire - José Tomás in Nimés
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von Torodora Gorges

Foto HJD
13.500 Menschen, die am vergangenen Sonntag im Colosseum von Nimes waren, stehen sicher noch genau wie ich unter dem Eindruck dessen, was sie als Augenzeugen miterleben konnten.  Im Internet (ein unverzichtbarer Segen für die aficionados, die nicht dabei sein konnten) sammeln sich zahllose enthusiastische  Kommentare zu diesem magischen Sonntagvormittag, in Wort und Bild. Wir können die einmaligen, unbeschreiblichen  Momente  in Fotos und Videos abrufen und nacherleben. Wer das Glück hatte dabei zu sein, wird diese Stunden für immer in der Erinnerung festgeschrieben erhalten. Unvergesslich, unwiederholbar ist der Tag; Einigkeit in der Begeisterung innerhalb der spanischen und französischen Presse.
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"Und wenn ich noch hundert Jahre leben könnte, 
würde sich so etwas Vergleichbares nie wiederholen."

Ein Journalist
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"Apotheose" und "Apocalypse now dans arénes de Nimes" titelt die Tageszeitung La Marseillaise, assoziiert Seligsprechung mit seiner Person: "Tomás beatifié".

Auch die Sportzeitungen erweisen dem torero und Fußballanhänger José Tomás (kurz JT) Referenz; mir gefällt besonders der kundige Beitrag in der MARCA: "Como un emperador en el Coliseo".

Während der Rückreise nach Deutschland im TGV sammelte und notierte ich meine Gedanken zu dem großartigen Ereignis der matinée des Vortags. Auf den Besuch der corrida am Sonntagnachmittag, die den Abschluss der Feria de Vendimia bildete, verzichtete ich. Ich hätte mich nicht auf El Juli und Sebastian Castella konzentrieren können. Ich hätte ihre Leistung nicht würdigen können und ihnen Unrecht getan, weil JT meine Fantasie und Gedankenwelt besetzt hielt.

Auch die zuvor besuchten corridas der Feria waren verblasst im Glanz des jetzt schon als historisch bewerteten Auftritts von 

José Tomás - el torero de este siglo.

Hier meine spontanen Notizen dazu:

¡JT, 6 toros 6 en solitario!
1 6 .    S e p t e m b e r    2 0 1 2
(11 orejas, 1 rabo symbólico)

Dank des heftigen Mistrals, der in den vergangenen Tagen geweht und den toreros die Arbeit mit den Tüchern erschwert hatte, war das Wetter am Sonntagvormittag von kristalliner Brillanz, das Colosseum sonnenbeschienen; der Sand glänzte goldfarben. Die ideale Kulisse für den Auftritt des toreros, den ich seit der corrida des Abschieds von der PlazaMonumental in Barcelona vor fast genau einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Mein Platz: Toril Bas B, Rang 3.

Große Aufregung, Unruhe, freudige Erwartung, Zeichen vorauseilender Nervosität in den Gesichtern der Besucher um mich herum, die während der drei vergangenen Nachmittage sympathische Nachbarn waren. Sie gehörten zur Internationale der afición a los toros, es wurde nicht nur Französisch oder Spanisch gesprochen. - Mit meinem freundlichen Sitznachbarn aus Norwegen, der obsessiv fotografierte, tauschte ich mich noch über die corrida des Vortags aus. Morante hatte es wieder einmal geschafft, ein ihm gewogenes Publikum zu brüskieren. Die Enttäuschung hatte sich in gewaltiger bronca entladen. Dennoch waren  die überzeugten, "wahren" Morantistas (wie ich und mein Freundin und der norwegische aficionado) der Meinung, dass er mit den Details, die er zeigen konnte, viel Glanz in die Feria gebracht hatte. 
  
Nun rückte der Zeiger der Uhr voran, es wurde stiller. Alle Blicke waren auf das Tor gerichtet, aus dem gleich JT und seine cuadrilla treten würde. "Corrida de expectación - corrida de decepción?!" flüsterte mir meine Freundin U. zu. Wir erhofften den guten Ausgang. Der große Uhrzeiger sprang auf die sechs - 11 Uhr 30 - das weiße Taschentuch des Präsidenten hing über der Brüstung.

Der Einzug von José Tomás löste gewaltig anschwellenden Begrüßungsapplaus aus. Dieser Mann wird verehrt und bewundert wie kein zweiter derzeit lebender torero; egal, was heute passiert, er hat schon jetzt den Rang eines Toreros de Epoca. Dass er die tödliche Verletzung in Mexiko überlebt hat, grenzte  an ein Wunder. Dass es ihm gelang, so weit zu gesunden, dass er sich der heutigen Herausforderung stellen konnte, empfand ich als großes Glück.  (Welche Arbeit, wieviel Liebe wurde dafür eingesetzt!?) Diese und ähnliche Gedanken löste der paseillo in mir aus. 

Was in JT vorgeht, was die messianischen Erwartungen seines Publikums in ihm auslösen, darüber erfährt man nichts. Zu keiner Zeit. Er redet in der Öffentlichkeit nicht. - Er nimmt die Ovationen mit Ernst, ohne Lächeln an. Ein Arzt (in Las Ventas oder einer anderen plaza?) verriet einmal, dass José Tomás selbst unmittelbar nach einer schweren Verletzung keinen erhöhten Blutdruck habe. Ob das seine Gelassenheit unterstützt?
Wir jedenfalls, das Publikum, zeigten unsere Aufregung, richteten unsere Aufmerksamkeit auf den toril, aus dem der erste Stier aus der ganadería Victoriano del Río rannte. Es war ein Vergnügen,  den Maestro bei seiner Capa-Arbeit zu beobachten. Die capa glänzte auffallend,  sie war mit Seide bespannt; wie später zu erfahren war, eine Sonderanfertigung für JT. - Die cuadrilla war in fantastischer Form, bestens aufeinander bezogen in allen Phasen. Eine ästhetische Choreographie! - Der Stier wurde dem Nimenser Publikum gewidmet, die montera fiel auf die "glückverheißende" Seite - dankbarer Jubel.
Der Stier läuft, José Tomás steht in gelassener Ruhe und lenkt ihn. Leichtigkeit, eine Art von Zärtlichkeit zwischen torero und Stier. Der Tod durch den Degen - auch der ohne forcierte Gewaltsamkeit und dennoch effektiv gesetzt - geschieht  ohne Qual und Leiden. Einen Todesstoß dieser Manier haben wir an diesem Vormittag noch bei vier anderen Stieren erlebt: gnädig, ohne brutale Anmutung! So könnte der Tod am Ende eines Lebens willkommen sein?!? In einer Tageszeitung bezeichnete man JT als "sacerdote"; ein Opferpriester, warum nicht?
José Tomás beeindruckte durch sein unerschöpfliches Repertoire und seine kreative Empathie! Für jeden der unterschiedlichen Stiere "erfand" er eine eigene Form des Umgangs. Der dritte toro z.B. protestierte mit lautem, herzzereißenden Muhen gegen die Behandlung durch die picadores und banderilleros, ließ sich dann aber durch JTmuleta in den Bann ziehen und zum Angreifen provozieren und konnte seine Klasse zeigen.

Integrato

Indulto für Integrato 
Der vierte Stier landete einen eigenen Überraschungscoup: Blitzschnell, die meisten Fotografen  konnten  nicht schnell genug ihr Objektiv darauf richten, sprang er in den callejón und erschreckte  die Menschen dort und in den Rängen. Ein Tor wurde geöffnet, er  fand den Weg hinaus in das Rondell, niemand war verletzt worden. - "Ingrato" aus der Zucht der Domeq (Parladé) erwies sich als ein echt wilder Stier, er "rang" mit seinem torero, vergeblich, um die Herrschaft über die seidene capote. Er zeigte bravura und Angriffslust und lief immer wieder in die muleta nach der Regie des Meisters. - Ingrato gefiel mir, er kämpfte. José Tomás erhob den Degen zum Todesstoß, er verharrte länger in dieser Stellung. Man hörte den Ruf "indulto". Man sah die ersten Taschentücher in den Rängen. JT setzte seine Pases mit dem Stier fort, schien einverstanden  mit dem Wunsch der Zuschauer, die immer heftiger nach Begnadigung des Stiers verlangten. Der zunächst unnachgibige Präsident willigte ein, als die bronca gegen ihn Orkanausmaße anzunehmen begann: das gelbe Tuch wurde über die Brüstung gelegt. - Erlöster Jubel und danach der simulierte Todesstoß, JT begleitete Ingrato zum toril. Freudentaumel des Publikums. - Ich dachte an den Herbst 2008, den indulto von Idilico in Barcelona, mein erstes Erlebnis der Begnadigung eines Stiers durch JT. Es hatte mich damals stärker ergriffen, erschien mir einzigartiger.  Über den heutigen indulto wurde auch nachträglich polemisiert! Dennoch: Ich freute mich, dass dieser wild-tapfere Stier von José Tomás ein zweites Leben geschenkt bekam.

Um mich herum sah ich Leute, die hüpften und tanzten und glücklich lachten und sich dessen versicherten, dass sie in ihrer Begeisterung nicht allein waren.

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"Johann Sebastian Bachs Kantate `Jauchzet - frohlocket!´
ging mir durch den Kopf"

Torodora Gorges
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Mein norwegischer Nachbar fürchtete, er könnte einem Herzinfarkt erliegen. Ich sollte ihn gegebenenfalls retten. Mon Dieu! Keine Frage! - Ich konnte seine Emotionen nachvollziehen!
Welchen Reichtum an Ideen entfaltete JT, um Schönheit und Würde "seiner" Stiere zu unterstreichen?!  - Wieder aufs Neue erlebte ich, dass er auf die begleitenden Pasodobles zu verzichten in der Lage ist. "La música callada del toreo" (José Bergamín) - und "concha y flamenca" mit einem Klarinettensolo - was unterstreicht den toreo puro mehr in der aktuellen Situation?

"Mu-si-ca" wird gefordert! JT braucht sie nicht, das weiß man schon lange. ER singt mit leiser Stimme - der eines Knaben - sein "to-rooo"!  Er bannt das Tier mit seinem liebevollen Singsang - in kleiner Terz: "To - rooo"!
"Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute". Dass dieses deutsche Lied Assoziationen zu  JT und der Fiesta de Toros beinhaltet, lässt sich kaum glauben.

Auch das Publikum im Coloseum von Nimes ließ sich zur Ruhe zähmen. José Tomás mit der fragilen Figur einer Statuette von Giacometti, bannt alle mit seiner mäßigenden Autorität zu einvernehmlicher Stille.

Dann der letzte - sechste - Stier, aus der Zucht Victoriano del Río, drahtig, widerspenstig, "hässlich". JT handhabte die muleta so riskant, dass wir uns an die Zeiten erinnerten, wo er uns regelmäßig in Furcht und Schrecken versetzt hatte mit jeder seiner actuaciones. Heftige Stiche der Angst erlebte ich, gegen die ich mich wehrte. Es raubte mir den Atem. Ich verstand dennoch, dass er diesen Stier nicht  "einfach so" gehen lassen konnte.  - Der Stier war extrem schwierig. Bisher waren wir im Colosseum der Tauro-Magie des JT vertrauensvoll gefolgt. "Kurzen Prozess" zu machen, war nicht seine Art. Er wählte seinen Weg, indem er den Stier auf sanfte Art bezwang. In Anmut!  - Killing him softly!


José Tomás lächelte. Er hatte uns während jeder Ehrenrunde ab dem  dritten Stier sein Lächeln geschenkt.  JT -   lächelt!
Foto HJD
Glück, Erlösung, Dankbarkeit - selige Fröhlichkeit - im Coloseum, in der ganzen Stadt Nimes!!
Foto HJD
Gracias, José Tomás!


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Über die Autorin
TORODORA GORGES

Die deutsche Autorin lebt in Frankfurt am Main wo sie als Psychotherapeutin tätig ist. Sie ist die erste deutsche Schriftstellerin, die eine Biografie über einen spanischen matador de toros geschrieben hat. Als leidenschaftliche morantista hat sie ihre Gedanken und ihre Passion über "ihren" torero Morante de la Puebla in Worte gefasst. Dabei ist es ihr gelungen den embrujo von Morante übers Papier nach Deutschland zu tragen. Ihr Portrait eines spanischen Künstlers wurde 2010 in Deutschland und 2011 in Spanien veröffentlicht.

In dieser Lektüre begegnet der Leser erneut José Tomás, wo sie von dem oben erwähnten indulto in der Monumental von Barcelona aus dem Jahr 2008 erzählt.

Auch auf ihrer Internetpräsenz torodoro versteht sie es den embrujo dem Besucher zu übermitteln, wo besonders der Tod des toreros Ignacio Sánchez Mejías im Mittelpunkt steht.