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Montag, 25. März 2013

Viva México! (2. Teil)

Der Morante aus dem Schwarzwald
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Eine Reportage von Dominik Sachsenheimer 

Rückkehr an den burladero mit Puls immer noch über 170 und schweissgebadet, obwohl ich ja eigentlich nur rumgestanden bin.  Dazu Schmerzen in Schienbein und Oberschenkel, wo der Tierkopf mich erwischt hat und im Po durch die harten Landungen auf dem Boden - aber ich bin überglücklich... Kommentare des novilleros German und Gastgeber Luis Miguel: “muy torero, con mas clase que los otros tres” (sehr torero und mit mehr Klasse als die anderen drei) - offenbar aber ohne jede Technik und vollkommen orientierungslos zwischen den einzelnen pases. Damit haben sie leider recht.
Mit dem zweiten Tier läuft es viel besser, ich kann einige “pases” machen, gar zwei komplette Serien, bin allerdings wieder oft selbst am Boden. Dennoch ertönen laute Rufe der Umstehenden. “Artista, hazme llorar!” (Artist, bring mich zum weinen!) höre ich, oder, auf meine süddeutsche Heimat anspielend “El Morante de la Selva Negra!” (Der Morante aus dem Schwarzwald).

Die letzte Kuh des Tages ist riesig, fast Novillo-Format mit recht langen Hörnern, aber sehr gut auf der linken Seite. Jorge hat tolle zehn Minuten mit ihr, dann erwischt sie ihn aber zwei Mal übel, bei einem Tier dieser Grösse spektakulär anzusehen. In Sekundenschnelle sind wir alle im Rund und lenken das Tier ab. Im nachhinein bedacht kurios, dass ich mich ohne nachzudenken so spontan in die Gefahr stürze, für jemand anderen. Wie erwähnt: man  lernt sich auch selbst ein bisschen kennen, beim Stierkampf. Selbst wenn es nur Kühe sind.

Frank und Robert wagen ein paar “pases”, noch ängstlich, nach Jorges aufregendem Missgeschick. Luis Miguel und German rufen “mal sehen, was ‘el torero‘ mit ihr machen kann.” Sie meinen mich. Ich winke ab und verweise auf die Größe des Tiers und ihr nun fortgeschrittenes Wissen darum, dass hinter dem Tuch ein handfestes Ziel zu treffen ist. Also versucht novillero German sein Glück und entgeht nur knapp einem Unfall, was mich bestätigt. Dennoch ärgere ich mich im nachhinein. Außer noch dunkelblaueren Flecken und sechs Tagen Schmerz, statt nur fünf, hätte eigentlich nicht viel passieren können. Es sei denn, man bricht sich bei  der Landung den Arm oder bekommt ein Horn oder einen Huf ins Gesicht, was aber eher in die Wahrscheinlichkeit von Haushaltsunfällen fällt. 

Nach einer heißen Dusche im Hotel wird der Abend lang. Wir vier Nordlichter aus New York und die beiden Einheimischen kennen uns kaum, unterhalten uns aber wie alte Freunde über unsere Kinder, Frauen, Berufe. Der Tequila fließt wie Wein und jeder will die nächtse Runde zahlen, eine Frage der Ehre.

Für Sonntag ist das gleiche Programm geplant. Nachdem ich Samstag bei der letzten Kuh gekniffen hatte, habe ich mir Nachts fest vorgenommen, jeder Aufforderung nachzukommen, auch bei noch so großen Gegnern. Als ich die Tiere dann aber im Stall sehe, stellt sich unmittelbar wieder Herzrasen und der intensive Wunsch ein, gleich zurück ins Hotel zu gehen. Trotz Restalkohol und dem Mut den ich im Traum getankt hatte.

Ich darf auch den Sonntag eröffnen, weil meine verbliebene dritte Kuh wiederum die kleinste ist. Sehr gutes Tier. Einige veronicas und gar eine chicuelina gelingen gut, letztere allerdings eher aus der Not im Rückwärtsgang improvisiert. Mit der muleta bin ich zehn Minuten alleine beschäftigt, ein paar Mal lande ich auf dem Hintern, wie am Vortag oft nur weil ich hektisch über meine eigenen Beine stolpere. Zurück im burladero folgt eine mit todernstem Gesicht vorgetragene Bitte Germans, bei meinem Debüt in Sevilla eingeladen zu werden. Liebevolle Hänselein, die sonst nur zwischen engen Freunden möglich sind,  stellen sich nach so kurzer Zeit ein, das es sich ganz vertraut anfühlt. Das gemeinsame Meistern von Gefahr wirkt als Beschleuniger beim Kennenlernen. Jeder ist in der Arena ganz er selbst – also nie genau so, wie er gerne sein möchte. Durch die wild-romantische Intention des Wollens, die für alle sichtbar auf ihre Limitation prallt, legen sich alle bloß. So werden Fremde innerhalb von wenigen Stunden zu Vertrauten und kommunizieren auf eine innige Art, die man oft vermisst bei Menschen, mit denen man regelmässig aber letztlich viel oberflächlicher zu tun hat.

Nach verrichteter Arbeit versammelt sich die Crew in einer Bar, wir sehen Manzanares hijo live aus Mexico City an, danach mündet der Tag wieder in einem langen Abend in Luis Miguels Wohnzimmer, mit Videos der mexikanischen Torero-Legende Manolo Martinez, dessen Genie die “spanischen Idioten” laut dem Hausherren nie verstanden haben. Seine Kinder müssen am Montag in den Kindergarten, also brechen wir um vier Uhr früh nach zahlreichen Umarmungen auf. Mein Flug geht ebefalls am Montagmorgen, Gliederschmerzen, ein mörderischer Kater, ich finde weder stehend noch sitzend eine erträgliche Position im Flugzeug. Zudem ziert ein Sonnenbrand meinen Hinterkopf,  wo sich die Haare lichten. Aber ich bin bestens gelaunt. Wir sollten das jede Woche machen. Dann wäre ich nach ein paar Jahren zwar verarmt, aber ein halbwegs anständiger “aficionado práctico” in der 250kg-Klasse. Und eventuell ein besserer Mensch.

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Viva México! (1. Teil)
Ein zeitloses Geschenk aus jener Stunde in México