Sonntag, 21. Oktober 2018

Vorbild für Goya?

Die Ikonographie von Jean-Baptiste Boudard
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 von Hans-Gerd T.

Von Hans-Gerd T. aus Leverkusen hat SfA diese Tage folgende Mail erhalten, wo sich der Verfasser auf den Beitrag Goyas Humanisierung der Stierkämpfe vom 17. Oktober 2018 bezieht:
"Mit Interesse habe ich den Beitrag von der Humanisierung von Stierkämpfen durch Goya gelesen. Diesem kann ich durch und durch nur zustimmen. Vor allem in den Bewegungsabläufen findet sich viel Parallelität zum offensichtlich normalen Leben wieder. Nicht umsonst vergleichen, auch viele Gegner von Stierkämpfen, die toreros nicht selten mit Balletttänzern oder Ballerinen. Mit Sicherheit eine Kunst für sich aber ohne Stiere. Oder in den Strassen sehen wir Damen eines jeden Alters mit den typischen Schuhen eines Stierkämpfers, welche auch den Namen eines sehr berühmten Toreros tragen: Manoletinas. 

Vor ein paar Tagen entdeckte ich einem dicken Band eines Freundes von mir zahlreiche Radierungen von Goya und eine Ikonographie von Jean-Baptiste Boudard aus dem Jahr 1759. Auch diese erinnert an Stierkampfs, so wie ein Torero eine muleta halten und führen könnte. 

Also haben wohl im 18. Jahrhundert auch andere Künstler Bewegungen aus dem Stierkampf in ihren Werken refklektieren lassen. Oder haben es sich die Toreros von der Umwelt abgeschaut und diese in der Plaza de Toros vor den Stieren spielerisch wieder dargestellt?"

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ANMERKUNG von SfA:


Der Bildhauer Jean Baptiste Boudard (1710 - 1778) soll, laut dem spanischen Philosophen und Kunsthistoriker Valeriano Bozal Fernández, in der Tat mit seiner Ikonographie "Effort avec trompete" dem spanischen Maler als Grundschema für die Disparates (Torheiten) von Francisco José de Goya gedient haben.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Goyas Humanisierung der Stierkämpfe

Goyas Verbindung zwischen der Welt der Stiere
und der theatralischen Darstellung des menschlichen Lebens
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von Philip de Málaga

Während der antitaurinismo dazu neigt die tauromaquia unter dem Aspekt der antropomorfización zu betrachten, also in der corrida de toros ein grausames Opferritual zu erkennen vermag, sehen vor allem aficionados de toros intelectuales es mit anderen Augen. 

Der Träger zahlreicher Ehrenauszeichnungen für Wissenschaft, Kunst und Kultur, Dr. phil. Rainer Bischof, sieht im Ablauf einer corrida die Darstellung des Lebens im Tode und die Notwendigkeit des Todes im Leben. Mehr noch, es ist die umfassendste Darstellung des Lebens im Sinne des Theaters. Für ein jeden aficionado geschieht dieses auf dem Boden der Kunst - es un arte de torear. Die corrida ist somit auch eine Entwicklung und Resultat in Richtung Humanisierung und Ästhetisierung theatralischer Lebensumstände der Menschen durch ein Opferritual. 

Auch der spanische Maler Francisco José de Goya y Lucientes (1746 - 1828) hat sich sein ganzes Lebens mit den toros auseinandergesetzt. Auch wegen seiner doch sehr genauen Kenntnisse über den Ablauf einer corrida de toros und seiner intensiven Emotionen im Umgang mit diesem Thema, rechtfertigen wohl die Erkenntnis, ihn als einen authentischen aficionado de toros jener Epoche zu bezeichnen. 

Obwohl Goya erst mit 70 Jahren, also 1816 seine berühmte Serie mit 33 Radierungen zum Thema Stierkampf unter dem Titel La Tauromaquia in der Tageszeitung Diario de Madrid veröffentlichte, beschäftigte er sich schon seit seiner Kindheit mit den toros. So stellte er schon im Jahr 1779 auf einem Teppichkarton, "La Novellada", einen torero mit eigenen menschlichen Charakterzügen dar.
"La Novellada" (1779)
1815-1817 entstand die Radierung Disparate de Bestia (Tierische Torheit). Dort stehen vier Personen aus dem Orient in einer leeren Arena, welche eine Plaza de Toros symbolisieren soll, einem Elefanten gegenüber. 
"Disparate de Bestia" (1815-1817)
Einer der Orientalen trägt ein grosses Buch, wohl ein Gesetzbuch, und ein anderer hält ein Halsband mit Glocken. An der Haltung dieser kleinen Gruppe lässt sich  pure Angst vor dem doch recht grossen Tier vermuten. Schliesslich macht der  kontrastreiche hell gezogene Bogen in der Arena den Grenzbereich von der Gefährlichkeit dieser Begegnung zwischen Mensch und Tier deutlich. Genauso wie die barrera-Abgrenzung im ruedo einer Plaza de Toros. Es gibt Interpretationen zu dieser Radierung, welche andeuten, dass Goya mit dem Elefanten auf die Masse des spanischen Volkes, und mit dem orientalischen Grüppchen auf die kleine herrschende macht und die wenigen Intellektuellen anspielen könnte.

Ein weiteres Werk, welches an Elemente aus der tauromaquia erinnert ist Disparate cruel (Grausame Torheit). 
"Disparate Cruel" (1815)
Bei diesem Werk scheiden sich jedoch die Geister um eine passende Bedeutung, eine Erklärung für das Gesehene zu finden. Eine optische Parallele findet man zum tercio de varas einer corrida, wo ein picador mit seiner pica seiner Aufgabe nachgeht. Für Diskrepanz bei diesem Bild sorgen der zornige Ausdruck und das gewaltsame Vorgehen des Mannes mit der vara und die doch eher distanzierte Haltung der sich abwendenden Zuschauer. Übrigens als Mann und Frau, worin ein einige einen gewissen sexuellen Scham drin erkennen wollen. Wie auch immer, ein Bezug zur tauromaquia ist festzustellen, allein schon wenn man einen Blick auf die anderen Radierungen von Goya wirft.
Goya hat sich viel mit dem tercio de varas auseinandergesetzt.
Einer der Motive, warum Goya in seiner La Tauromaquia die Radierungen ohne Untertitel und erklärende Texte zeigte (es gab lediglich ein Beiblatt mit der Aufzählung und kurzen fachlichen Beschreibungen der Grafiken), war zum einen, dass er wohl allgemeine Kenntnisse der Vorgänge bei den toros voraussetzte, und zum anderen wollte er den Blick des Betrachters nicht auf einzelne mögliche Darstellungen lenken, um damit die Illustrationen in ihrer eigenständigen, aber geschlossenen Gesamtheit zu zeigen. Sie sollten auf den Betrachter wirken. So kam es, dass die intellektuelle Betrachtungsweise ins Spiel kam, politische Gegebenheiten angedeutet wurden und der historische Prozess im Ablauf zu erahnen ist:

  • -->  Der freie Auseinandersetzung mit den toros durch die Landbevölkerung.
  • --> Psychische wie physische Überlegenheit durch die Mauren im Umgang mit den toros.
  • -->  Die Übernahme der toros durch den spanischen Adel. Neben den Turnieren übten sich auch die Ritter zu Pferde im Umgang mit der pica. Die mundo taurino wurde zum Spielplatz politischer Machtspielereien.
  • --> Der Übergang der tauromaquia zum spanischen Volk. Ein Privileg, welches die Bürger nicht mehr abgeben wollten.
So kann man durchaus von einer taurinischen Evolution im ruedo wie ausserhalb der Plaza de Toros sprechen. Mehrere Ereignisse parallel erlebt und dargestellt. Und ein jeder mit seinem Anliegen in dieser Thematik: Das Königshaus achtend auf Regentschaft und Staatsgewalt, die Kirche mit Einfluss und Macht, der Adel greifend nach Geld und Landbesitz, das Volk kämpft ums Überleben und die taurinos widmen sich eben ihren toros

Der Stier stirbt so oder so. Meistens um auf unseren Tellern zu landen. Aber auch beim Töten der toros bei den festejos taurinos hat es eine Humanisierung gegeben. Mit der gezielten estocada ist sie "humaner" geworden. Hat man nicht damals auch die Guillotine als eine humanitäre Tötungsart gesehen? So spiegeln sich in dem Bewusstsein solche historischen Ereignisse in einer anderen, eben humanitärer erscheinenden Dimension ab.

Und so erkennen die aficionados de toros intelectuales in der tauromaquia ein Spiegelbild der iberischen Evolution. 
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Quellennachweise:

Heilige Hochzeit, Rainer Bischof, Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar, 2006
Francisco Goya - Leben und Werk, Pierre Gassier, Juliet Wilson, Propyläen Verlag, Berlin 1987
Goya, Valeriano Bozal, Jutta Held, Eleanor A Sayre, Städtische Galerie im Städtischen Kunstinstitut, Frankfurt 1981
El Mundo de Goya en sus dibujos, Enrique Lafuente-Ferrari, Urbion, Madrid 1979
La Tauromaquia, Diario de Madrid, Madrid 1816

Freitag, 12. Oktober 2018

Man muss sich nicht für den Stierkampf entschuldigen

Ein englischer Lord verteidigt die Tradition der Tauromachie
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von Lord Garel-Jones


Der konservative Politiker William Armand Thomas Tristan Lord Garel-Jones ist 1941 geboren und lebte von 1948 bis 1971 in der spanischen Hauptstadt Madrid, wo es ihn immer wieder hinzieht. 1966 heiratete er die aus Madrid stammende Catalina Garrigùes, was ihn immer mehr mit Spanien verband. Mit neun Jahren sah er in Las Ventas seine erste corrida de toros und war von dem espectáculo taurino und dem ganzen Umfeld, der mundo taurino, so fasziniert und begeistert, das er sich in den über zwanzig Jahren auf der Iberischen Halbinsel zum puren aficionado de toros entwickelte. Im April des Jahres 2012 war er sogar der Eröffnungsredner beim pregón taurino der berühmtem Feria de Abril in der andalusischen Hauptstadt Sevilla. Im selben Monat wurde Lord Garel-Jones von der Tageszeitung ABC (Ausgabe Sevilla) mit dem IV Premio Periodístico Taurino ausgezeichnet, welchen im Vorjahr der peruanische Schriftsteller Vargas Llosa und davor der französische Philosoph Francis Wolff erhalten hatten. Für den britischen Politiker gehört die mundo de los toros zur europäischen Kultur. Und es ist für ihn in keinster Weise gerechtfertigt, dass sich Länder wie das Vereinte Königreich in die spanischen Kulturen wie die tauromaquia einmischt, statt den Problemen im eigenen Land Priorität zu geben. Lord Garen-Jones ist Unterstützer und Förderer der Human UK, einer Vereinigung zur Verweltlichung und Förderung des Humanismus.
Der spanischen matador de toros Curro Romero und
der britische Politiker Lord Garet-Jones in Sevilla im April 2012.
"Spanien sollte aufhören sich für die fiesta ständig zu entschuldigen und mit Stolz dahinter stehen, wofür sich der Minister für Kultur, José Ignacio Wert einsetzt." 

"Die tauromaquia ist eine universelle Kunst, die es auf der ganzen Welt zu verteidigen gilt." 

Ich war stets gegen antropomorfización engagiert, welche Tieren menschliche Gefühle zuschreibt. Denn das ist falsch, kein Zweifel. Aber ich bin natürlich total gegen die Misshandlung von Tieren und Pflanzen (ehrlich, denn ich bin unter anderem Mitglied in einer Gesellschaft zum Schutz von Vogelarten). Aber es muss eindeutig klar sein, ein Tier ist definitiv kein Mensch!" 

"Anstatt zu denken dass man sich im Mittelpunkt des Universums befindet sollte Großbritannien erst einmal im Wesentlichen seine eigenen Hausaufgaben erledigen statt das Augenmerk auf den Schutz der Tiere zu richten." 
Der britische Politiker Lord Garel-Jones
erhält für seinen unermüdlichen Einsatz für die tauromaquia
in Sevilla eine Auszeichnung der Tageszeitung ABC.
"Durch die tauromaquia sollen wir nicht in Verlegenheit gebracht werden. Im Gegenteil. Sie ist einer der grundlegenden Fundamente der spanischen Kultur. Eine Welt in der man nur die englische Sprache spricht und die unter dem erdrückenden Gewicht einer nordamerikanischen Kultur leidet, das kann es doch nicht sein. Die toros und die hispanische Kultur haben viel der Welt zu bieten." 

"Weil ich die toros verteidige werde ich oft als Barbar oder als ein Rohling bezeichnet. Aber es ist doch gar nicht schlecht ein Wilder zu sein, stehe ich doch mit meiner Gesinnung neben Leuten wie Goya, Picasso, Ortega y Gasset oder García Lorca." 

"Bezüglich der fiesta sei ein jeder daran erinnert, das er sich auf dem Weg des Lebens zum Tod befindet. Und diesen müsse man, eben wie ein torero, mit Würde gehen."
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Quellennachweise:

Lord Garet-Jones: España tiene que dejar pedir perdón por los toros!, La Vanguardia, 3.4.2014
Entender la gran cultura Europea, Sol y Sombra, 6.4.2012
Tristan Garet-Jones pregonará la Fería de Abril de toros, ABC Sevilla, 17.2.2012
Un ingles como aficionado de toros en Sevilla, SUR Málaga, 23.1.2012
Late Spanish Election Result, The Spectator, 27.3.2004

Dienstag, 9. Oktober 2018

Momente vor der Gefahr

Wenn die Toreros vor der Begegnung mit dem Stier
in sich gehen ...
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von Philip de Málaga


Son las cinco de la tarde. Fünf Uhr Nachmittags. Die corrida de toros gehören zu den wenigen Dingen in Spanien, neben den kirchlichen Messen, welche stets auch pünktlich beginnen. Nach dem paseillo, dem von dem Publikum bejubelten Einmarsch der toreros, tauschen die Helden des ruedos den capote de paseo gegen eine capa de brega aus, vollführen mit viel temple noch einige suertes, und das festejo taurino kann beginnen. 

Ein nachdenklicher Belmonte.
beim Ankleiden für die toros.
Schon seit dem Hotel, wo sich die toreros langsam die traje de luces anziehen, ein durchaus etwas längerer Prozess, tauchen sie tief in ihr Inneres. In Gedanken sind sie schon bei ihrem toro im ruedo. Arme und Beine bereiten sich mental auf die suertes vor und man fragt, was wird dieser tarde de toros wohl bringen? Was muss man geben um zu triumphieren. Werden diese toros überhaupt zulassen das man die Plaza de Toros durch die puerta grande a hombros mit zahlreichen trofeos verlassen kann? Oder wird man mit silencios, einem broncazo, einer cornada oder gar dem muerte abgestraft? 

Wie geht man mit der Angst um? Ohne Frage sie ist da, präsent bis man vor seinem toro steht. Das Gefühl das man einer Situation begegnen wird, welche man als bedrohlich, gar als gefährlich empfindet. Angst, eine Aufforderung zu Disziplin, eine Anweisung zur Vorsicht. Angst ist wichtig, nicht nur überlebenswichtig, sie steht auch für den Respekt dem toro gegenüber. Ein toro bravo ist nun mal ein gefährliches Wesen. Im ruedo sieht er sich bedroht und wird alles und jeden angreifen was ihm im Weg steht. Und nicht zu langsam, denn ein toro beschleunigt schneller als ein Rennpferd. "Ich liebe den toro wie den Mond, je weiter weg, umso besser", erkannte schon der spanische Schriftsteller Federico García Lorca. Vor die Hörner eines toro bravos sollte man sich erst begeben, wenn man die Kunst des toreos auch beherrscht.

Der berühmte matador de toros José Miguel Arroyo "Joselito" bekannte mit 45 Jahren, vor seiner vorerst letzten corrida de toros in Istres (Südfrankreich): "Ich hatte stets ein wenig Angst wenn es zur patio de cuadrillas ging und ich wusste nicht, was mich erwarten wird. Nur eine Illusion oder so überwältigt dass ich nicht einmal atmen kann."
Der maestro "Joselito" hat seinen espada gegen einen Montblanc
ausgetauscht um sein pensamiento taurino schriftlich zu erfassen.
"Ich weiss auch nicht, ob ich dem entspannt entgegensehen kann oder ob es gar eine Bedrohung werden könnte. Diese Menschenmenge die da auf einen einstürmt, zahlreiche Glückwünsche sind zu hören, und ich frage mich, was reden die da, bin ich doch in diesem Moment halb tot vor Angst".

Einer der wohl berühmtesten toreros des letzten Jahrhunderts war der aus dem andalusischen Sevilla stammende Juan Belmonte García (1892 - 1962). Mehr noch, für viele aficionados gilt er selbst heute als der beste wie populärste torero der Geschichte der tauromaquia. Aber trotz seiner Popularität nahm der maestro an einem tarde de toros sein Publikum kaum wahr: "Von dem Moment  an wo ich mir die traje de luces anlege bis zum Ende der letzten espada bin ich alleine. Meine Gedanken und mein Handeln gehören nur dem toro. Im ruedo sehe ich kein Publikum; als ob eine gewaltige Käseglocke über uns steht, sehe und höre ich nichts anderes als den toro".
Der matador de toros Juan Belmonte, "alleine" in einer Plaza de Toros.
"Wenn der toro passiert, geschieht es. Aus zwei wird eins. Toro und torero werden zu einem Kunstwerk von verschieden pases, einer Harmonie von Mensch und Tier, etwas was diejenigen die man nicht sieht in Ekstase bringen soll".

Der aus dem Baskenland kommende matador Iván Fandiño (1980 - 2017) wurde im Juni 2017 im Alter von 36 Jahren von dem toro Provechito in der Plaza de Toros in Air-sur-l`Adour getötet. 
Der matador de toros Iván Fandiño im callejón.
Der Baske fixierte seine komplette mentale Konzentration auf die Arbeit mit dem toro dem er gleich gegenüberstehen würde. Es galt auf jeden Fall die Leute in den tendidos bei Laune zu halten: "Ich bin ein torero des Volkes. Und das Volk will Helden und Heldentaten! Es will unterhalten werden. Ich habe eine Verabredung mit der Geschichte, und wenn ich sterbe, sterbe ich frei. Denn für mich ist die Freiheit kein Abkommen, keine Abmachung, sondern eine tägliche Rebellion. Ich bin der Eigentümer meines Zieles, der Kapitän meiner Seele. Und meine Seele sucht die Einsamkeit und die Stille".

Der Franzose Sebastian Castella (Jahrgang 1983) steht im aktuellen escalafón an siebter Stelle. Ein torero der mit viel Ruhe nahe an den Hörnern arbeitet. Er war der erste französische matador der 2004 die puerta grande in Las Ventas von Madrid öffnete. 
Der Franzose Sebastian Castella.
"Es geht gar nicht darum den triunfo zu suchen, sondern darum, seinen eigenen Weg zu finden. Doch was tun, wenn der toro es nicht zulässt? Was tun wenn einem die Ideen ausgehen? Auf solche Gedanken sollte, nein, darf man erst gar nicht kommen. Man sollte sich nur auf den toro konzentrieren, nur er macht es möglich, damit man seinen Weg finden kann."

Den wohl berühmtesten Gedanken vor einer corrida de toros hatte im Jahr 1964 der schon 28-jährige matador  de toros Manuel Benítez "El Cordobés" vor seiner confirmación in Las Ventas von Madrid
Der weltweit bekannte matador Manuel Benítez "El Cordobés" beobachtet das ruedo.
Zu seiner Schwester sagte er: "Heute Abend kaufe ich dir ein Haus ... oder du wirst Trauer tragen". Puerta Grande o la de la enfermería. Welche Gedanken gingen wohl ihm durch den Kopf, als er im callejón auf seinen ersten toro wartete . . . und er wusste noch nicht, dass er einen toro impulsivo zugeteilt bekommen hat. Ein toro der ihn mit einer cornada verletzt und ihn in die enfermería befördert. Doch El Cordobés lässt es nicht zu, eilt verwundet zurück ins ruedo und tötet den toro. Ein oreja und eine Karriere begann. Auch deswegen, weil die corrida live im spanischen Fernsehen übertragen worden ist.
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Quellennachweise:

Joselito: "Me da miedo llagar a la plaza", Trujillo, La Razón 14. 6. 2014
Der Stierkampf - Eine Kulturgeschichte, Rolf Neuhaus, Insel Verlag 2007
Pensamientos, Toros & Cultura 2015
Alma taurina, Opinión, 4.09.2014
... oder du wirst Trauer tragen, Larry Collins, Dominique Lapierre, Goldmann Verlag 1993

Fotos: mundotoro, Toro & Cultura, Querétaro, Pedro Quintañol

Samstag, 6. Oktober 2018

Sinrazón - ein Drama des Toreros Sánchez Mejías

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von Torodora Gorges



Sinrazón, das Theaterstück des spanischen toreros und Schriftstellers Ignacio Sánchez Mejías (1891 - 1934), 1928 in Madrid uraufgeführt, blieb in Deutschland bisher weitgehend unbekannt. Dank der Übersetzung ins Deutsche von Petra Zickmann kann das Drama, mit 90 Jahren Verspätung, endlich auch dem deutschen Publikum, das an der Kultur Spaniens, insbesondere an seiner Literatur interessiert ist, zugänglich gemacht werden. 
Federico García Lorca (1898 - 1936) hat den Autor und torero  der 1934 den Hornverletzungen durch einen Stier erlegen war, mit seiner berühmten Elegie - dem Llanto por Ignacio Sánchez Mejías - unsterblich gemacht. Sánchez Mejías gehörte, wie sein Freund García Lorca, zu den Gründern der "Generación del 27", der avantgardistischen Literatengruppe.
Die Generación del 27 in einer Studentenresidenz in der spanischen Hauptstadt Madrid.
Er war seinerzeit nicht nur einer der bedeutendsten toreros. Er genoss hohe gesellschaftliche Anerkennung ebenfalls wegen seiner engagierten Aktivitäten in diversen Sportarten, dem Schauspiel, der Musik (hier vor allem dem Flamenco). Unter den Intellektuellen war er wegen seiner schriftstellerischen Fähigkeiten, auch als Journalist, geschätzt. 
Ignacio Sánchez Mejías (1891-1934)
In Ignacio Sánchez Mejías´ Meisterwerk Sinrazón finden sich psychoanalytische wie surrealistische Theorieansätze. Das Stück spielt im psychiatrischen Milieu. Ratio - Vernunft, Unvernunft - Irrationalität! Das Unbewusste, die Realität, das Surreale! Ordnende Kategorien verlieren sich, irren herum!
Das Drama spielt in einer Psychiatrie im Spanien der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In einer Nervenklinik werden, angelehnt an Sigmund  Freud psychoanalytische Theorie des Unbewussten im Zusammenhang mit surrealistischem Gedankengut, Heilungsversuche an seelisch kranken Patienten durchgeführt, von tragikomischen, dadaistischen anmutenden Szenen begleitet.
Ignacio Sánchez Mejías, torero und Boheme. Der Dandy aus der andalusischen Hauptstadt Sevilla
war nicht nur matador de toros sondern auch Polospieler, Rennfahrer, Pilot, Boxer,
Schriftsteller, Schauspieler, Intendant sowie Präsident des Roten Kreuzes
und des Fussballvereins Real Betis Boampie (1930 - 1932).
Dem Theaterstück wächst heute eine überraschende Aktualität zu: Denn wir nehmen wahr, wie die Politik vorgeblich vernünftigen Sachzwängen folgt, deren Irrationalität ständig offenbar wird.
 Die Lektüre von Sinrazón kann insofern auch als Lehrstück mit durchaus ironischem Tiefgang empfohlen werden. 
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Anmerkungen:
Ein Leseprobe finden Sie hier.
Titel:  S i n r a z ó n
Autor:  Ignacio Sánchez Mejías
Zeichnungen: Martina Kügler
Herausgeber:  Doris von Freyberg
Verlag: Book on Demand, 2018
Seiten:  80
ISBN-13: 9783752887211
Preis: 12,00 € (Buch), 7,90€ (E-Book)

Zu beziehen über BoD Buchshop.

Auf der Seite torodoro von Torodora Gorges finden sich viele Information über Llanto por Ignacio Sánchez Mejías von Federico García Lorca.

Weiterführende Artikel von SfA:

Fotos: Archivo Espasa-Calpe, Noticias Universidad, Sinrazón

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Weil Spanien heute weniger bedeutet



von Vicente Blasco Ibáñez


Würde man über die Tauromachie heute anders reden, wenn ... ?
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Der spanische Schriftsteller und Politiker Vicente Blasco Ibáñez ist im Januar 1867 in Valencia geboren. Bis 1898 war sein Leben geprägt von dem Studium der Rechtswissenschaften, Gefängnis und zweimaligen Exil in Frankreich, wo er den französischen Naturalismus kennenlernte. Und noch etwas erlebte er in seiner Jugend. Vor allem in dem Vorort in Valencia gab es zu seiner Zeit nur ein Thema. Die tauromaquia. In allen Gassen, Hinterhöfen und Bars spielten sie eine Rolle, die toros
In Valencia war es normal schon in jüngsten Alter den toros zu begegnen.
Obwohl Blasco sich nicht unbedingt als ein aficionado de las corridas de toros bezeichnete, lebte er ohne Frage die pasión taurina zu dem ganzen Umfeld der toros. Er eignete sich ein Expertenwissen an und wurde sogar in die spanische Hauptstadt nach Madrid geladen, um dort vor spanischen tertulias zu sprechen. Ausserdem pflegte er Beziehungen zu toreros wie unter anderem zu Julio Aparici "Fabrilo", und Manuel García Espatero. Während Espatero 1894 an einer cogida mortal eines toros der ganadería Miura starb, nahm sich "Fabrilo" 1894 das Leben. Der Tod dieser beiden maestros traf Blasco sehr und er begann intensiv sich literarisch mit der mundo de los toros auseinander zu setzen. So erschien 1908 der Roman Sangre y Arena, welcher zum spanischen Bestseller avancierte. Aber nicht nur in Spanien, weltweit und auch in Deutschland erschien es unter dem Titel Die Arena im Jahr 1930. Von diesem Roman gab es vier Verfilmungen: 1916 wo der Autor selbst mit Max André Regie führte. 1922 von Rudolph Valentino, 1941 mit Rita Hayworth und Tyrone Power und schliesslich 1989 mit Sharon Stone. Und wieder einmal haben die toros die Welt erobert. Aber vielleicht zu spät?


Der Schriftsteller Vicente Blasco Ibáñez in der Plaza de Toros von Valencia
"Man beleidigt uns, weil wir heute wenig bedeuten. Die Welt ist wie ein Affe, der die Gesten seines Herrn kopiert. Heute befiehlt England, und die Menschen beider Erdhälften sehen dem lächerlichen Schauspiel zu, wie ein paar Pferde im Rund über eine Bahn laufen. Leider kamen die corridas de toros erst auf, als unsere Macht schon auseinander fiel. Hätten sie aber zu den Zeiten von König Philipp II. dieselbe Bedeutung und Wichtigkeit gehabt wie eben heute, so gäbe es sicherlich zahlreiche Plaza de Toros in vielen Ländern von Europa.
Erzählt mir nicht von den Ausländern! Ich bewundere sie wegen ihrer Revolutionen, und weil wir ihnen auf den geistigen Gebieten sehr viel zu verdanken haben.
Aber was die toros angeht, da haben sie keine Ahnung, und reden nichts anderes als blanken Unsinn!" 
Der torero "Blanco Ibáñez" (Karikatur von Manuel González Martí "Folschi", 1908)

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Quellennachweis:

Sangre y Arena, Vicente Blasco Ibáñez Editorial Prometed, Valencia 1909

Samstag, 29. September 2018

Kreuzen oder nicht kreuzen (2. Teil)

Wenn sich der Torero vor die Hörner der Stiere begibt
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von José Luis Ramón

aus dem Englischen übersetzt von Dr. Andreas Krumbein

Der matador der toros José Tomás kreuzt den toro
Wie bei vielen anderen wichtigen Angelegenheiten hat der matador de toros José Tomás bei der Entstehung dieses neuen Kriteriums einiger der Zuschauer von Las Ventas (wenn auch unfreiwillig) mitgewirkt. Alles begann mit seiner Art der Positionierung vor den Stieren beim Ausführen von chicuelinas und manoletinas, wobei er bei diesen zwei historischen suertes eine frühere Komponente – das Zitieren {el cite} – mitaufnahm, das vorher nicht auf so radikale Weise enthalten gewesen war. An diesem Punkt entdeckte die Plaza de Toros von Madrid, wie zwei suertes die bis dahin als adornos angesehen worden und damit von sekundärer Bedeutung waren, erneuert und nun zur Gruppe fundamentaler pases gezählt werden konnten, wegen der aufrichtigen Art und Weise, in der der Stier zitiert wurde, und wegen der Reinheit ihrer Ausführung. Doch da war mehr: All das kristallisierte sich heraus in der faena mit dem Martilla-Stier „Exhortado“, von dem er in der Feria de San Isidro des Jahres 2002 dos orejas schnitt, ein schwerfälliges Tier, das seine Angriffe nicht wiederholte, und vor dem der Madrileño in einem ausserordentlichen Masse kreuzte, wobei er ein majestätisches Werk errichtete, in dem die fundamentalsten Teilstücke die muletazos waren, die einer nach dem anderen erwuchsen, unverbunden, denn ein Verbinden war unmöglich, doch aufgebaut auf der Basis von (noch einmal) Tapferkeit, Klasse, Wahrhaftigkeit und Reinheit. Das Problem ist, dass das, was ein Sonderfall war – ein fantastischer technischer und ästhetischer Rückgriff, angepasst an die besondere Verfassung  dieses Stiers – einige Las-Ventas-Zuschauer heutzutage jedes Mal mit jedem Stier sehen wollen, gleich ob die Tiere stillstehen oder in den Angriff zurückkommen (im letzteren Falle wäre das Endergebnis, die Bremse zu ziehen und die faena zunichte zu machen). Wenn die matadores dies tatsächlich täten, würde das Verbinden {la ligazón} aussterben, denn wir wissen, dass dies zu erreichen unmöglich ist, wenn ein torero ständig zwischen zwei pases kreuzt. Es war der matador de toros Juan Belmonte, der endgültig das gekreuzte Zitieren mit einbezog, aber wir sollten nicht vergessen, dass, laut den Kritikern und Autoren jener Zeit, der Trianero in seinen frühen Jahren als torero keiner war, der Stiere häufig en redondo passierte: Dies war zu jener Zeit ‚Gallito‘ überlassen.    
Die matadores de toros Belmonte, Trianero, Gallito
Da ich mir vorstelle, dass einige der Zuschauer, auf die ich anspiele, nicht meinen Sichtweisen übereinstimmen werden, habe ich in den letzten paar Tagen drei grosse figuras de toreo herausgesucht, mit der Absicht diese Konzepte so weit wie möglich zu verdeutlichen. Es handelt sich um maestros im Ruhestand, welche mit Hunderten von toros gekämpft haben und demzufolge einem als Autoritäten in der Sache dienen sollten. Diese Männer, die sich selbst vor Stiere gestellt haben, sollten wissen, wovon sie sprechen.
Der Erste ist Paco Camino, und dies sind seine Worte zum Thema: 


Der matador der toros Paco Camino aus Mamas / Sevilla (Jahrgang 1940)
„Es gibt Stiere, die schnell angreifen, mit denen Du nicht zu kreuzen brauchst, und es gibt es solche, die stillstehen, bei denen Du viel kreuzen musst. Alles hängt davon ab, wie sie angreifen. Im toreo sind es verbundene pases {pases ligados}, die eine Gefühlsregung auslösen: Das Verbinden {la ligazón} ist alles. Vor ein paar Jahren in Madrid sprachen die Leute über toreando con el pico, und jetzt liegt die Besessenheit darauf, ob jemand kreuzt oder nicht. Alle 20 Jahre ändert sich der Fokus … Trotzdem, die toreros von Heute kreuzen mehr als jemals, denn der Stier erlaubt das, während der Stier früherer Zeiten es weniger erlaubte, denn sie waren bereitwilliger mit dem Angreifen. Das ist unbestreitbar. Alles hängt auch vom Konzept ab, das man vom toreo hat. Ich war kein torero, der sich gerne nahe an den Stier gestellt und fortwährend gekreuzt hat. Ich mochte es, die Stiere crudos zu lassen [leicht picado und deshalb stark], so dass sie wieder und wieder herankamen. Dieses Geschäft, die ganze Zeit zu kreuzen, ist ein neues Konzept des toreo, aber das bedeutet, das Verbinden von pases wird unmöglich. Im ersten pase, beim Zitieren, sollte man sicherlich kreuzen, aber danach hängt es davon ab, wie der Stier herankommt. Eine andere sehr wichtige Sache: Um zu torear, musst Du den Stier ein wenig hinter Dich schicken und dadurch, wobei man die muleta in seinem Gesicht lässt, bleibt der torero cruzado und ist in der Lage aufeinanderfolgende pases zu verbinden.“
Der zweite torero ist Paco Ojeda
Der matador der toros Paco Ojeda aus Sanlúcar de Barrameda (Jahrgang 1955)
„Dieses Thema kann in sehr wenigen Worten zusammengefasst werden: Der Stier ist derjenige, der festlegt wo Du stehst. In Sekundenschnelle musst Du in der Lage sein Dich dorthin zu stellen, wo der Stier es verlangt, in einer gekreuzten Position oder nicht. Wenn Du das nicht siehst: Auf Wiedersehen, Stier! Aber wenn Du es dann fertigbringst, dann ist es ein zauberhafter Aspekt, und Du bist in der Lage die muletazos einen nach dem anderen zu verbinden. Wenn Du Eins bist mit einem Stier, dann brauchst Du nicht zu kreuzen, denn eine magische Beziehung wird erzeugt zwischen torero und toro. Einige toreros kreuzen mehr als andere und diejenigen, die es tun, tun es aus Gewohnheit, aber die Wahrheit ist, dass, wenn Du immer weiter zusiehst zu kreuzen, ist es zum Vorteil des toreros  denn er fühlt sich wohler. Wenn Du nicht gekreuzt bist und der Stier ist weg zur Seite, dann musst Du ihn hineinbringen: Das ist eine knifflige Seite des toreo. Wenn Du nicht gekreuzt bist, musst Du den Stier hinein wickeln, und das ist es, wovon die Leute angezogen sind. Kreuzen ist für den Beginn einer faena, aber wenn der Stier erst einmal auf das Tuch fokussiert ist, brauchst Du nicht mehr so viel auszugleichen. Soweit es sich um meinen toreo handelt, wenn ich zwischen jedem pase hätte kreuzen und die Harmonie hätte unterbrechen müssen, hätte niemand es sehr gemocht.“
Abschließend der dritte torero Niño de la Capea
Der matador der toros El Niño de la Capea aus Salamanca (Jahrgang 1952)
„Kreuzen oder nicht kreuzen ist nicht mehr als ein Hilfsmittel den Stier zum Angriff anzuregen. Der Stier legt Deine Positionierung fest, sein Gemütszustand legt fest, ob er bereitwillig und fest angreift, die Müdigkeit, die er in einem bestimmten Moment spürt, und dann greift er an gemäss der Anreize, die er erhält: Der torero kann kreuzen oder nicht kreuzen, er kann dem Stier Abstand geben oder ihm nahekommen, oder da kann eine schroffe Bewegung sein, die bewirkt, dass das Tier angreift. Du solltest nicht aus Gewohnheit oder systematisch kreuzen. Auch ist es nicht immer zweckmässig, es zu tun, denn es gibt Male, in denen ein torero in übertriebener Weise kreuzt und alles, was er erreicht, ist eine Verminderung des Risikos, weil der Stier nach aussen hin weggeschickt wird. Es gibt Male, in denen es so aussieht, als bleibt jemand auf der Seite des Horns, und das ist, wenn es gefährlich wird und wo ich immer die grössten Unfälle gesehen habe. Es ist ein Fehler die ganze Zeit kreuzen zu wollen: Wenn jemand viel kreuzt, oft in übertriebener Manier, bringt das in Wirklichkeit einen Vorteil für den torero mit sich.“
El Niño de la Capea, der bei diesen Manövern vor den Stieren nicht kreuzt.
Natürlich wird sich nichts ändern in der Plaza de Toros von Madrid, aber hier sind die Meinungen von toreros die sehr gut wissen, wovon sie sprechen. 

Oder wissen die es auch nicht?

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Text entnommen aus La Divisa, Club Taurino of London Number 233 - November/December 2016, S. 61-63

Übersetzt aus dem Spanischen von Tristan Wood