Samstag, 15. September 2012

Von Ronda zum Omega?

Entwickelt sich der legendäre Goya-Stierkampf zu einer taurinischen Farce?
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von Philip de Málaga 

Francisco schüttelte den Kopf. "Keine toros, keine toreros, nicht einmal Publikum!". Er kam gerade aus Ronda und wir trafen uns auf der Terrasse des staatlichen Paradores und blickten auf die Malagueta. Selbst die dieses Jahr doch eher bescheiden ausgefallene feria taurina von Málaga wäre um vieles besser gewesen. Nein, er schüttelte wieder den Kopf, die Reise zur corrida goyesca wäre nur teuer gewesen. Ziemlich teuer, denn die entradas kosteten jeweils zwischen 50 und 170 Euros. Und seine Familie sei immerhin mit sieben Personen angereist und hätte auf den teuren Schattenplätzen gesessen. Nicht des sombras wegen, sondern um dem embrujo nahe zu sein.

Die toreros

Aber was konnte man schon von diesem cartel erwarten. "Nur weil Paquirri auf dem Plakat steht, darf man aber keine Hoffnung hegen auch so etwas wie Paquirri zu sehen zu bekommen!". Und gleich zu Beginn zeigte jene Person, die sich den Künstlernamen Paquirri zulegte, was ihm stets größte Schwierigkeiten bereitete, die Ausführung einer ordentlichen estocada. Ganze acht pinchazos sowie ein descabello hat er benötigt. Und dafür wurde er vom Publikum lediglich mit einem silencio abgestraft. Überhaupt schien es im wichtiger, die Trauer für seine verstorbenen Tante zur Schau zu tragen als sich dem toreo zu widmen.
So nicht, Herr Paquirri!
El Fandi sei zwar ein mutiger und stets hoch motivierter matador de toros, aber er gehöre nun mal nicht in eine plaza de toros wo die pure arte de torear höchste Priorität haben sollte. Zu viel tremendismo. Und Alejandro Talavante? Wohl der matador mit den besten Vorraussetzungen für eine solche corrida goyesca. Jedoch verglichen mit seinen Auftritten in Málaga vor drei Wochen, erinnerte seine Leistung einem Unterschied zwischen Tag und Nacht. Seine Arbeit mit capa und muleta wirkten verkrampft, übereilt, als ob er dazu gezwungen worden sei.

Die toros

Die ganadería war vielversprechend. Doch was man zu sehen bekam waren "dicke fette unbewegliche Tiere!" Einer dieser toros soll sogar 620 Kilo gewogen haben. Solche toros hätten bei einer goyesca in Ronda wirklich nichts zu suchen.

Das Publikum

Das habe es in den 56 Jahren in der Geschichte der corrida goyesca in Ronda noch nicht gegeben. Sie war nicht einmal ausverkauft. Kein Schild No hay billettes am taquilla. Sparsame Belegung im sol:
Leer Sitzplätze in den tendidos, das hat es noch nie gegeben!
Und diejenigen die dort waren, hätten mit der klassischen afición so wenig gemeinsam, "wie ein Tennisspieler mit einem Elefanten". Neben Don Francisco sassen zwei Damen, die nichts Besseres zu tun hatten, als sich während der ganzen Veranstaltung über eine Hochzeit in Sevilla zu unterhalten, wo sie diese Tage zu Gast waren. Selbst bei der faena tuschelten sie weiter. "Vor Jahren hätte sie man dafür in den tendidos der Real Maestranza gehängt."  

Die plaza de toros
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"So grau wie die burladeros!"

LA RAZÓN
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Foto von Dr. Andreas Krumbein
Die Real Maestranza de Caballería de Ronda gehört ohne Frage zu den ältesten plaza de toros auf der Iberischen Halbinsel. Das 66 Meter breite ruedo entstand 1758 und umgeben von 136 Säulen wurde es zum Tempel, zum Alpha und Omega der tauromaquia. Anfang September eines jeden Jahres findet hier der mittlerweile legendäre Höhepunkt einer jeweils aktuellen temporada taurina in Spanien statt. Die corrida goyesca. Was Wimbledon für den Tennissport darstellt, was der Nobelpreis für die Literatur ist, das ist die goyesca für die tauromaquia. Eine Begegnung der Gesellschaft mit taurinischem Gedankengut. Das Feinste vom Feinsten sollte zu sehen sein. Die besten toreros einer Saison sollten ihr Stelldichein geben um ihre persönliche temporada triumphal vor einem gesellschaftsfähigem Fachpublikum zu beenden. Doch was man zu sehen bekam war nur traurig. Weder Fach noch Publikum. So grau wie die burladeros, konnte man in den Medien lesen.

Und ein dickes NO der afición

Doch dieses Jahr erteilte die afición ein NO dem No hay billettes. Es war ein Nein an den empresario, eine Lossagung an die Adresse es Hauses Ordoñez. Eine Absage an Fran Rivera Ordoñez alias Paquirri. Es kann nicht angehen, dass man in der größten spanischen Tageszeitung EL PAIS zu lesen bekomme, dass es in Ronda eigentlich gar nicht mehr um die toros gehe, sondern viel mehr um das jährliche Zusammentreffen und die dazugehörigen Erinnerungen. Soll die corrida goyesca nur noch zum Instrument der Klatschpresse degradiert werden? 
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"Bei der corrida goyesca sind die toros nicht mehr so wichtig. Was zählt ist die Erinnerung, das  Stelldichein, das Dabeisein, die jährliche Wallfahrt ..."

Antonio Lorca (EL PAÍS)
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Wie es scheint sind die toros in Ronda nur noch Komparsen in einem gesellschaftlichen Spektakel. Zwar steht noch eine plaza de toros im Mittelpunkt, doch die könnte mittlerweile Plaza de Paquirri heissen ... ob nun jener Paquirri der Gegenwart ein Gespür dafür entwickelt, dass die afición damit eigentlich an einen anderen Paquirri denkt ... nun, wie man auch immer dazu stehen mag, die afición hat auf jeden Fall gezeigt wie sie dazu steht, und es bleibt zu hoffen, dass die corrida de goyesca nicht in nächster Zukunft beim Omega ankommen wird.

Und nächstes Jahr? Don Francisco schüttelte zum dritten Male seinen Kopf. "Noch weniger als casi lleno, denn wir werden dort mit Sicherheit nicht mehr hinfahren." Wir lachten aber so komisch fanden wir es eigentlich beide nicht.

Sonntag, 9. September 2012

Quantität als Kult?

Sind es nun so wenige oder doch so viele?
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von Philip de Málaga
Man stösst beim Umgang mit sensiblen, sprich schwierigen Themen nicht selten auf angebliche Sachverhalte, auf diverse Beschreibungen oder irgendwelche statistischen Erfassungen, durch die das Phänomen weder erklärt noch gelöst werden konnte. So haben wir schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts lesen können:
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"Der sicherste Maßstab der Kultur eines Menschen 
ist ihr Sinn für Wertunterschiede, 
ihr Sinn für Formen und die Verachtung der Mengen." 

Graf zu Coudenhove-Kalergi
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Und um jenen Niederfall in die Quantität bewerten, gar verhindern zu können benötigen wir sie: die Zahlen. Bereits der griechische Philosoph Phytagoras erkannte, dass die Zahl das Wesen aller Dinge sei. Aber die Bewertung liegt nun mal bei den Menschen selbst. Eine rein subjektive Entscheidung. Es ist wie mit dem halb vollen Wasserglas. Freuen wir uns über den Inhalt, kritisieren wir den fehlenden Teil oder stellen wir lieber trocken fest, dass das Glas einfach nur doppelt so gross ist?

Bei der taurinischen Betrachtungsweise wird besonders flexibel mit der Analyse von Zahlen umgegangen. Ob antitaurinos oder die aficionados, jeder versucht allein schon mit irgendeinem Kontingent an Ziffern seine Existenz zu rechtfertigen, bzw die der Gegenseite zu schwächen. Objektivität scheint dabei alles andere als angesagt zu sein. Und trotzdem gibt es sie, auch in der tauromaquia, die Zahlen, die Daten und die Fakten:

2006, das grosse Jahr der toros

Gehen wir zurück in das Jahr 2006. Ein Jahr der taurinischen Rekorde. Es gab so viele corridas wie noch nie. Ein schlagkräftiges Argument für die mundo de los toros. Doch die wahre afición begutachtete diese Entwicklung ziemlich differenziert. Beim deutschen Portal La Tauromaquia konnte man nachlesen dass hier die Quantität über die Qualität siege und die ganderías schon lange nicht mehr mit der Zucht von geeigneten toros nachkommen würden. Eine traurige und vor allem wahre Erkenntnis.

Noch im selben Jahr erschien die legendäre Gallup-Umfrage. Bei dieser gaben 26,7 Prozent an, sich für die tauromaquia zu interessieren. Und schon konnte man in zahlreichen nicht-spanischen Medien und Tierschutzportalen lesen, dass 72,1 Prozent den Stierkampf ablehnen. Dabei ist dieses nirgends so festgehalten. Der richtige Wortlaut wäre gewesen, 72,1 Prozent interessieren sich nicht für die toros. Wohlgemerkt, fordern keine abolición, sondern der Stierkampf erregt bei ihnen einfach nur keine Aufmerksamkeit. Dagegen stehen 12 Millionen Spanier hinter ihrer afición. Diese Erkenntnis wurde in den ausländischen Medien nicht einmal erwähnt, geradezu totgeschwiegen.

Hinzu kam das Fernsehen

Viel magischer aus dieser Zeit war die Zahl der 218 Liveübertragungen von corridas im spanischen Fernsehen. Im Sommer 2006 gab es toros fast täglich im spanischen TV live zu sehen. Dann meldeten sich die Sozialisten unter Zapatero zu Wort und unternahem alles um die Stierkämpfe erst einmal im staatlichen Fernsehen zu verbieten. Mit Erfolg.

Und nun nach sechs Jahren kamen sie wieder auf den Bildschirm. Am 5. September 2012 verfolgten 1.154.000 Zuschauer die corrida de toros in Valladolid. Sind das nun viele oder nur wenige? Immerhin eine Einschaltquote von 12,7 Prozent. Für antitaurinos eine geradezu lächerliche Zahl. Aber im Vergleich zu den Vorabenden waren es zu dieser Stunde ganze 43 Prozent mehr Zuschauer!

Katalonien, jene Region die sich gegen alles Spanische zu wehren versucht, wollte die Ausstrahlung der Liveübertragung in Catalunya verhindern. Vergebens, und schliesslich kamen immerhin 126.000 aficionados und andere Interessierte in den Genuss der taurinischen Übertragung von katalanischem Boden aus.

Dann kam Europa

Schliesslich versuchten, Anfang 2007, Abgeordnete des Europäischen Parlamentes ein europaweites Verbot von Stierkämpfen zu bewirken. Doch die Schriftliche Erklärung wurde zu 73 Prozent abgelehnt. Viel erstaunlicher dabei war die Erkenntnis, dass von den 74 Abgeordneten, die sich mit Agrar- und Tierangelegenheiten auseinandersetzten nur 53 Prozent den Antrag unterstützten. Mit anderen Worten, 47 Prozent der Tierschützer waren gegen ein Verbot von Stierkämpfen! Keine andere Statistik zeigt deutlicher auf, dass selbst im Lager der Tierschützer das Thema der tauromaquia vollkommen differenziert betrachtet wird. Das Wasserglas ist eben nur halbvoll oder halbleer.

Aber zu Hemingways Zeiten war alles anders ...

El mundo de los toros kam vor allem durch die Bücher Fiesta (1926) und Tod am Nachmittag  (1932) von Ernest Hemingway zu weltweiter Popularität. Zu jener Zeit also, wo nach allgemeinem Verständnis die tauromaquia im spanischen Leben integriert war wie noch nie. Ein Blick auf die Zahlen konfrontiert den verblüfften Leser mit der Erkenntnis, dass es damals eigentlich doch recht wenige corridas de toros gab.
Entwicklung der corrida de toros im letzten Jahrhundert

Die Zahl der Veranstaltungen, als Hemingway Spanien bereiste und seine taurinischen Werke niederschrieb, betrug an die 250 corridas de toros, mit sinkender Tendenz. Mitte Ende der dreissiger Jahre sank, vor allem wegen den politischen Unruhen die Zahl sogar auf 68 festejos. In dem schon oben genannten Jahr 2006 waren es 1.010 corridas de toros. Und selbst jetzt in Zeiten der Krise pendelt sich die Zahl bei 700 ein.

Und sie ist es doch, eine Kultur

Auch wenn antitaurinos andere Meinungen vertreten, die tauromaquia ist nun mal Teil der spanischen Kultur. Und ohne Frage, im Anspruch auf einem höheren Niveau angesiedelt als andere Veranstaltungen. Man geht nicht eben mal zu einer corrida de toros und versteht sofort um was hier eigentlich geschieht. Es ist hier nicht wie beim Fussball, wer Tore schiesst gewinnt. Nein, der Weg zum Tod des Stieres, der in einer plaza de toros vollführt wird, unterliegt Regeln und Gesetzen, begleitet von Emotionen und Passionen. Mit Mut, Einfühlungsvermögen und mit Eleganz vollführen die toreros ihre Arbeit.

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"Tapferkeit ist die letzte Waffe, 
die die Natur dem Menschen gelassen hat, 
gegen die Leiden des Lebens und Sterbens"

Graf zu Coudenhove-Kalergi
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Um unter anderem dieses zu erkennen verlangt es eine Erkenntnisfähigkeit, einen taurinischen Sinn, ein Feingefühl für diese naturalistische Begegnung zwischen Mensch und Tier. Und so erhebt sich die tauromaquia in den Kreis der sublimen Kulturgüter.

Dementsprechend finden sich die toros auch in den Statistiken der kulturellen Veranstaltungen des spanischen Ministeriums für Kultur wieder:

Personen die mindestens eine Veranstaltung besuchten, 2010/2011 (Angaben in Prozent)
Es ist nicht zu übersehen, wie sich die Welt der Stiere im Mittelfeld der Bildenden Künste etabliert hat. Mehr noch, denn mit 8,5 Prozent sogar noch vor der Oper (6,1%) und der klassischen Musik (7,7%). Die fiesta de toros scheint in Spanien sogar Vorrang vor einem Besuch in der Zirkusarena (8,2%) zu haben. Was die Differenzierung der Geschlechter angeht, so besuchten 10,2 Prozent der caballeros im vergangenen Jahr mindestens einmal eine corrida. Bei der weiblichen Bevölkerung waren es 6,4 Prozent.
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"Das sicherste Zeichen für Barbarei und Primitivität 
ist der Kult der Zahl und der Quantität."

Graf zu Coudenhove-Kalergi
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Ob es nun so viele oder so wenige sind, spielt in der Bewertung der tauromaquia überhaupt keine Rolle. Auch wenn es antitaurinos sich so gerne wünschten, das Mehrheitsprinzip kann nicht zum Tragen kommen, denn kulturelle Veranstaltungen wie die Oper, der Tanz oder auch der Zirkus würden ihre Rechtfertigung verlieren. 

Viel schlimmer für die überzeugten Retter der Tierwelt ist jedoch der intellektuelle Widerstand. Philosophen, Künstler, Professoren, Schriftsteller und andere Meinungsbildner der Gegenwart bringen Argumente auf den Tisch mit denen sie nichts anfangen können, nichts anfangen wollen, mehr noch, sie können damit nicht einmal umgehen.

Samstag, den 8. September 2012 um 21:45 Uhr:
Auch das ist nur eine Zahl, die ohne inhaltlicher Substanz vollkommen irrelevant wäre.
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Quellennachweise
Richard Nikolaus Graf zu Coudenhove-Kalergi, japanisch-österreichischer Schriftsteller und Politiker (1894 bis 1972)
Phytagoras von Samos, griechischer Philosoph (570 v. Vhr. bis 510 v. Chr,)
La Tauromaquia, führendes deutsches Internetportal über den Stierkampf
Gallup Umfrage, Befragung von 1.016 Personen im Zeitraum vom 1. bis zum 14. Oktober
Mediasetespaña, Telecinco S.A. 2012
Europäisches Parlament, Schriftliche Erklärung 0002/2007 vom 7.1.2007
Ministerio de cultura, Estatística 10/11, Encuesta de hábitos y prácticas culturales en España 2010 -2011.
Juan Medina, 110 años de toros en España, 

Sonntag, 2. September 2012

Vergebene Chancen


Die Afición könnte mehr: Die Gesellschaft ermutigen ...

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Ein Beitrag von Dr. Andreas Krumbein

Ein wesentliches Merkmal und großes Verdienst der im Blog Stierkampf für Alle publizierten Texte ist die kontinuierliche Auseinandersetzung eines aficionado mit den öffentlichen Auftritten, Äußerungen und Aktionen von Gegnern des Spanischen Stierkampfes, den antitaurinos, die gezielt auf die Abschaffung der corrida de toros und damit, in letzter Konsequenz, auch auf die Abschaffung des Kampfstieres, des toro bravo, hinarbeiten.

Trotz meiner Übereinstimmung mit dem größten Teil der von Philip de Málaga geschriebenen Texte, gibt es Überzeugungsunterschiede in Details und persönlichen Auffassungen, so z.B. hinsichtlich der Art und Weise, wie die aficionados auf öffentliche Auftritte der antitaurinos reagieren und reagieren sollten. Da ich, ebenso wie Philip de Málaga, den öffentlichen Auftritt einer Gruppe von antitaurinos vor Beginn der letzten corrida de toros der diesjährigen feria de agosto in Málaga erlebt habe, nehme ich Philips Angebot wahr, einen Beitrag für seinen Blog zu verfassen und meine Wahrnehmung des Geschehens und meine diesbezüglichen Gedanken und  Schlussfolgerungen zu veröffentlichen.

Wie war die Situation? Vor der plaza de toros in Málaga, befand sich eine Gruppe von zwischen 50 und 100 zum größten Teil schwarz gekleideten Personen, die in Sprechchören Parolen skandierten und eine Vielzahl von Plakaten und Transparenten zeigten. Drei Frauen, die sich einige Schritte vor der Gruppe befanden, äußerten ihre ablehnenden Überzeugungen zum Wesen der corrida de toros, zum Verhalten und zur Einstellung der Besucher von corridas de toros über Megaphone,
und verlangten deren Abschaffung. Einige der Demonstranten hielten ihre Arme nach oben und zeigten ihre geöffneten, rot gefärbten Handflächen .
Auf den Plakaten standen Parolen wie „Basta de Matanzas“ (Schluss mit dem Schlachten), „Stop Uso de Animales“ (Stoppt die Nutzung von Tieren), „Bullfight Abolition“ (Stierkampf Abschaffung), „Los Animales no son Entretenimiento“ (Tiere sind nicht zum Zeitvertreib) und „Basta de Especismo“ (Schluss mit dem Speziesismus). Auf den Transparenten waren die Namen der Organisationen Igualdadanimal und equanimal zu lesen,
die sich dem Aktivismus für die Gleichstellung vom Tier mit dem Menschen und der möglichst umfassenden Zuschreibung von Rechten für Tiere widmen. Ähnliche Aktionen wie in Málaga haben im August dieses Jahres in Pontevedra (Galizien) und in Bilbao (Baskenland) stattgefunden.

Meine ersten Reaktionen waren affektgesteuert: Dagegen muss ich etwas tun! Das ist nicht richtig, was die da machen! Der Schwarze Block! Fast gleichzeitig wurde mir meine Hilflosigkeit bewusst und ich tat nichts besseres, als Photos und Filme mit meiner Pocketkamera zu machen, und im Verlaufe der Zeit wurden mir einige andere Dinge bewusst. In der Gruppe befinden sich überwiegend Frauen. Die Stimmen und Gesichtsausdrücke der einzelnen: Wie kämpferisch, ja unnachgiebig und verbissen, wie verzerrt ihre Gesichter sind, wie sich die Stimmen überschlagen. Es sind auch Ausländerinnen darunter. Mir kam der Gedanke an die Hysterie aufgepeitschter Menschenmassen und das Klischee der linken, modernistischen, gut betuchten Akademiker, die die Gesellschaft umbauen wollen, in den Sinn. Die anderen, die Besucher der bald beginnenden corrida de toros kamen mir ebenso hilflos vor, wie ich selbst es war. Viele photographierten, einige schauten irritiert und verunsichert, die Mehrheit stand nicht vor, sondern hinter den Demonstranten, im Schatten der Bäume, niemand stellte sich der Herausforderung und den Provokationen, es gab zunächst keine Gegenreaktion. Die Afición ist überrascht und ratlos und reagiert zunächst nicht.


Nach einiger Zeit formierte sich eine gegnerische Gruppe, die ebenso kämpferisch „Fuera, fuera!“ rief und dabei bedrohlich im Takt ihrer Rufe die geballten Fäuste schwang. Ich sah einen Mann, der so tat, als wolle er seine beiden Spielzeug-Banderillas auf die Demonstranten werfen, und der dabei hässlich grinste, was mich beides stark abstieß. Irgendwann kam starke Bewegung in die Situation, als sich die von Anfang an bereitstehende Polizei zwischen die antitaurinos und die Gegenprotestierer stellte und dafür sorgte, dass beide Parteien einen ausreichenden Abstand voneinander einhielten. Die Gruppe der Gegenprotestierer hatte sich spontan formiert, sie bestand ausschließlich aus Männern und, meinem Eindruck nach, aus Angehörigen der unteren sozialen Schichten, ihr Agieren hatte eine Tendenz, die auf mich so wirkte, als könne sich aus diesem Agieren eine Gewalttätigkeit entwickeln. Diejenigen Teile der Afición, die irgendwann reagieren, tun dies auf die falsche Weise.

Ich muss nachdenken! Ist es wirklich nicht richtig, was die antitaurinos da machen? Doch, es ist richtig. Sie geben ihren Überzeugungen im Rahmen der ihnen vom Staat garantierten Rechte Ausdruck, die Demonstration war angemeldet, nach Ablauf des für die Demonstration gesetzten Zeitrahmens war sie zu Ende. Sie versuchen andere dazu zu bringen, ihre eigene Überzeugung anzunehmen. Dass sie dabei unlauter vorgehen, dass sie versuchen andere zu manipulieren, dass sie nicht differenzieren (z.B. welchen Tieren genau, welche Rechte zugestanden werden sollen und ob diese dann immer und ohne Einschränkung eingehalten oder sogar durchgesetzt werden sollen, und wer dann in praktischer Ausübung für die Durchsetzung verantwortlich sein soll), dass sie die Tendenz haben, die Rechte anderer Minderheiten nicht wahren, sondern deren Rechte einschränken zu wollen, möglicherweise durch die Gewalt des Staates selbst, dessen Entscheidungsgremien irgendwann vielleicht geneigt sind, der einen Minderheit zu folgen, um die Entfaltungsmöglichkeiten einer anderen Minderheit zu beschneiden, all das stößt mich ab, manchmal widert es mich an, ebenso wie es mich anwidert, wenn ein aficionado so tut, als wolle er seine Spielzeug-Banderillas auf meine Gegner werfen. Was die antitaurinos tun, ist richtig. Die Art und Weise, wie sie es tun, ist falsch. Doch dass sie die Afición herausfordern und provozieren, ist ihr Recht, und das sollen sie innerhalb des gesetzlichen Rahmens in vollem Umfange nutzen dürfen.

Was hat die Afición dem entgegenzusetzen?

Die antitaurinos sind wenige, doch sie sind gut organisiert. Sie sind medial hervorragend präsentiert, ihre Aktionen, ja ihr Aktionismus, bringen ihnen eine enorme Publicity und einen starken Widerhall im Ausland, ihr Ziel sind diejenigen, die nichts vom Stierkampf verstehen, diejenigen, die neutral sind, und die aufgrund ihrer Unkenntnis leichte Opfer antitaurinischer Manipulationen und der griffigen, undifferenzierten Parolen werden können. Die Forderungen der antitaurinos werden immer stärker in ein theoretisches, weltanschauliches Konzept eingebettet, den Anti-Speziesismus: Eine Abgrenzung des Menschen vom restlichen Tierreich und eine dadurch legitimierte Ausbeutung von Tieren wird abgelehnt, der Mensch ist im wesentlichen auch ein Tier, deshalb müssen allen anderen Tieren, dieselben Rechte zugestanden werden, wie dem Menschen; insbesondere darf der Mensch keine Tiere töten, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Als Konsequenz daraus ergeben sich der Veganismus und die generelle Ablehnung, dass Tiere oder tierische Produkte in irgendeiner Form vom Menschen genutzt werden. Diese Charakterisierung ist stark vereinfachend, doch trifft sie den Kern. Erkennbar sind Tendenzen, die gesamte Gesellschaft vom Anti-Speziesismus zu überzeugen oder sie dahin zu bringen, sich mit ihm abzufinden.

Die antitaurinos nutzen auf geschickte Weise Schlagworte der taurinischen Afición um gegen die tauromaquia, die toros, die corrida de toros und gegen die aficionados zu kämpfen. Dazu gehören Parolen wie „La Tortura! Ni arte, ni cultura!“ (Folter! Weder Kunst, noch Kultur!), „Tauromaquia! Tortura! No es diversión!“ (Stierkampfkunst ist Folter! Das ist keine Belustigung!) oder „Respeto ya para los animales!“ (Sofortiger Respekt für die Tiere). Das Töten der Stiere wird in undifferenzierter Weise mit Folter gleichgesetzt, die üblichen Entgegnungen der Afición, dass die tauromaquia Kunst und Kultur sei, werden einfach negiert: „Nein, Du hast Dich geirrt! Das ist eben weder Kunst, noch ist es Kultur!“ Es wird eben so definiert. Dass das Töten der Stiere nichts mit Belustigung, Lustigkeit oder Erheiterung zu tun hat, obwohl beim Stierkampf auch gelacht wird, wird nicht reflektiert, es wird den aficionados einfach unterstellt, dass sie sich am Tod und den Leiden des Stieres erheitern und es wird zur Polarisierung verwendet. Es wird Respekt für die Tiere gefordert, obwohl der aficionado davon überzeugt ist, gerade in einer corrida de toros einem Tier in hohem Maße Respekt zu zollen. Ich erwarte, dass in absehbarer Zeit das Argument, dass die tauromaquia mit zur kulturellen Vielfalt (diversidad) gehört, in gleicher Weise negiert wird.

Von Kunst und Kultur zu sprechen, ohne dies in einen größeren Zusammenhang einzubetten, ist ja auch sehr dünn. Weder die antitaurinos noch aficionados machen klar, was genau sie unter Kunst und Kultur verstehen. Das geht natürlich auch nicht, wenn man sich unvorbereitet einer Gruppe von Gegnern gegenübersieht, die Parolen ruft. Dennoch sollte sich – im Prinzip – jeder aficionado zumindest in Ansätzen darüber bewusst sein, was er eigentlich unter Kunst und Kultur bei der tauromaquia versteht. Es ist auch klar, dass nicht jeder aficionado das für sich selbst leisten kann. Es gibt aber Leute, die sich darüber im klaren sind, die darüber nachdenken und für sich selbst Antworten gefunden haben. Manche haben auch für andere Antworten gefunden. Hervorzuheben ist hier der französische Philosoph Francis Wolff, Professor für Philosophie an der Universität von Paris und Verfasser der Philosophie des Stierkampfes. Bemerkenswert, zusätzlich zur Tatsache, dass eine Philosophie des Stierkampfes, der auch in Spanien äußerst hohe Aufmerksamkeit geschenkt wurde, von einem Nicht-Spanier stammt, ist die Reaktion des Mannes, der für die französische Seite der taurinischen Afición Stellung bezieht. 


Jedoch: Es mangelt an Austausch über diese Fragestellungen, an ausreichender Vernetzung, an offensiver Darstellung der eigenen Positionen und Überzeugungen in der Öffentlichkeit, an Vorbereitung auf solche Aktionen, wie sie in Málaga von den antitaurinos durchgeführt wurden, obwohl die Aktion vorher angekündigt war, an Mut sich den Provokationen zu stellen. Da wird „Fuera, fuera!“ gerufen, „Lasst uns doch in Ruhe! Haut ab!“. Keiner ruft: „Wir wollen aber Stiere haben! Wir wollen dieses Schauspiel sehen, denn es ist uns wichtig!“ Es kann in einer solchen Situation nicht über die Beweggründe gestritten werden, aber man kann und muss sich öffentlich bekennen, es reicht nicht im Vorbeigehen den Demonstranten schnippisch etwas zuzuzischeln, wie eine Wilmersdorfer Witwe. Doch erfolgreich kann man so nicht sein, wenn jeder alleine agiert.


Die Afición muss Herausforderungen annehmen! Und sie muss sich organisieren.

Die Afición reagiert nicht oder sie reagiert zu spät. Wenn sie reagiert, dann tut sie es unadäquat. Es muss gesprochen werden darüber, was die Stiere, die toros, ausmacht, woher die corrida de toros in ihrer heutigen Form stammt und welche kulturellen Entwicklungen und Strömungen dazu beigetragen haben, dass sie so ist wie sie heute ist. Es muss gesprochen werden über die Vielzahl von unterschiedlichen Symboliken, die sich in der heutigen corrida de toros vereinigt haben. Der Symbolik der antitaurinos – Sieh meine offenen Hände, ich komme ohne Waffen, wie das Tier, das unbewaffnet ist. Ich lasse mich von Dir schlachten, wie Du das Tier schlachtest, und ich zeige Dir das Blut, das Du vergießt. Und ich kleide mich in Schwarz, wie der Tod, den Du bringst, schwarz ist. – müssen die Symboliken der corrida de toros, die das Leben des Menschen bejahen und das Überleben der Menschen feiern, gegenübergestellt werden. Es muss gesprochen werden über den Sinn von Ritualen, wie sie das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft festigen und dazu beitragen, das Leben übersichtlich zu machen und sich die Richtigkeit der eigenen Überzeugungen und Traditionen bewusst zu machen und sich ihrer zu versichern, so wie die antitaurinos sich der Richtigkeit ihrer Überzeugungen in der Ritualen ihres Aktionismus versichern. Es muss gesprochen werden über den Sinn von Opfern, wie sie in der corrida de toros anklingen. Es muss darüber gesprochen werden, warum die öffentliche Darstellung und das Miterleben des Todes für den Einzelnen und die Gemeinschaft etwas Gutes sein kann.

Weder Kunst noch Kultur sind von sich aus gut. Was daran gut oder schlecht ist, entscheidet das ethische System derjenigen Gesellschaft, in der man lebt, und ein solches System ist Änderungen unterworfen, die von unterschiedlichen Seiten getrieben oder gehemmt werden. Damit die von den antitaurinos betriebenen Unternehmungen zu Werteänderungen innerhalb unseres ethischen Systems nicht fruchten, – Und ich halte die Überzeugungen der antitaurinos für grundfalsch und bin gegen die von ihnen getriebenen Änderungen! – muss die afición sich der ethischen Werte der tauromaquia bewusst sein, ohne dass sie in direkten Konfrontationen Instrument der Auseinandersetzung sein könnten. Doch sie müssen die Basis eines jeden aficionado sein, wenn er glaubwürdig seine Überzeugungen anderen erklären will oder muss. Die toros sind eine Tradition! Na, dann tradiert doch mal! Das geht nicht, ohne das gesprochen, überzeugt und gestritten wird, basierend auf glaubwürdigen Argumenten.

Die größte Gefahr für das Überleben der toros und der tauromaquia sind zwei Dinge: wirtschaftliche Not und Gleichgültigkeit. Das erste steuert die Entscheidung, ob ein potenzieller Besucher einer corrida de toros das Geld dafür ausgeben kann oder ob er es dringender für etwas anderes ausgeben muss oder will. Das zweite steuert, ob sich jemand überhaupt mit dem ersten Punkt befasst. Lobbyismus in dem Sinne, dass ein ganadero prahlt, er habe exzellente Kontakte zur Europäischen Kommission und er könne darüber schon die üblichen Subventionen sicherstellen, sind so passée, wie sie schon immer unlauter waren. Wenn eine Tradition nicht mehr oder nur unzureichend, z.B. unglaubwürdig, mit zu wenig argumentativer Substanz oder ohne Wahrhaftigkeit, an die folgenden Generationen weitergegeben wird, dann wird sie verschwinden, wie das eben so ist, beim zeitlichen Wandel einer Gesellschaft. Es ist zu wenig, wenn die Intellektuellen lediglich einen Sachverhalt bis in extreme Tiefen analysieren, ihn theoretisch in vollem Umfang verstanden haben und sich dann zufrieden der nächsten Analyse zuwenden. Es muss auch eine praktische Umsetzung der theoretischen Erkenntnisse so erfolgen, dass ein großes Spektrum von potenziell Interessierten erreicht wird.        

Die aficionados, also jeder Einzelne, und die Afición, also die Gesamtheit aller aficionados, vergibt jedes Mal eine Chance, wenn sie die Herausforderung durch die antitaurinos nicht als Möglichkeit begreift und sich ihr offensiv stellt, mit einem klaren, offenen und öffentlichen Bekenntnis zu den toros und der tauromaquia und einer festen argumentativen Basis und Kenntnisse der Tradition. So gerüstet, kann es gelingen die Gesellschaft zu ermutigen, den Nutzen der corridas de toros für jeden Einzelnen und die Gemeinschaft zu reflektieren.   

Ich hoffe zwei Dinge: Entweder, dass ich mich mit meiner Einschätzung irre. Das wäre das beste. Oder dass sich möglichst schnell etwas ändert.

Sonst sehe ich, was ich erblicke, wenn ich die antitaurinos betrachte: schwarz!

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Über den Autoren:
DR. ANDREAS KRUMBEIN

Taurinische Biografie

Besonders geschätzte toreros:
  • José Miguel Arroyo "Joselito"
  • Luis Francisco Esplá
  • José Tomás
  • Juan José Trujillo
Leitmotiv:
  • "Wenn ein Tier für einen stirbt, muss man hinsehen!"

Donnerstag, 30. August 2012

Eine schlechte Entscheidung

Devolución eines toros während der faena


In Colmenar, bei Madrid, fand gestern eine corrida de toros statt, bei dem das público Zeuge einer höchst merkwürdigen Entscheidung des Präsidenten geworden ist. Denn erst im letzten tercio, als der matador de toros Ivan Vicente versuchte mit einen zugegebenermassen untauglichen toro eine faena zustande zu bringen, zeigte der presidente das grüne pañuelo. Er wies eine devolución des toros an. Der Stier musste ausgetauscht werden. Und das beinahe wenige Minuten vor de estocada.

Diese Entscheidung mutete nicht nur recht seltsam an, sondern sie war auch in höchsten Grade regelwidrig. Denn im nationalen reglamento taurino, welches für die Comunidad de Madrid gültig ist, kann man in Kapitel V, Artikel 84 im 1. Absatz nachlesen: "Der Präsident kann den Austausch des Stieres anordnen, wenn dieser bei Eintritt in das ruedo für die lidia nicht geeignet zu sein erscheint." Und in Absatz 2 wird ergänzt, "wenn sich ein Stier während der lidia als ungeeignet zeigt, ist dieser mit der puntilla zu töten, und wird nicht durch ein anderen Stier ersetzt." Klare Worte, denn nur beim Eintritt kann der presidente eine devolución anordnen, nachher nicht mehr.

Abgesehen von den rechtlichen Konsequenzen, was ist hier in Colmenar eigentlich geschehen? Internetportale wie burladero sehen in dieser Entscheidung ein Nachgeben gegenüber dem lautstark protestierenden Publikum. 

Da stellt sich die Frage, liegt denn ein solches Verhalten im Interesse der tauromaquia? Wohl kaum, denn gerade in diesen Zeiten wollen sich die geordneten festejos taurinos, wie die corridas de toros, die novilladas oder der rejoneo, bewusst von den ungeordneten Verhältnissen anderer Stierfeste trennen. Eine corrida ist eben keine capea. Auf dem Land herrscht Disziplinlosigkeit und die toros sind der Willkür des Volkes ausgesetzt. In einer plaza de toros dagegen herrscht Ordnung, dessen Gesetze durch ein reglamento taurino bestimmt werden. Und es ist die Aufgabe dessen Präsidenten für die Einhaltung sorgen. Da sollte kein Raum für individuelle Entscheidungen sein. Nicht die Willkür, nicht die Laune auch nicht irgendwelche Sympathien sollte das Geschehen bestimmen, sondern eine professionelle Vorgehensweise ist von allen Beteiligten, den toreros, den ganaderías, den Veranstaltern und eben auch den Präsidenten als selbstverständlich abzuverlangen. 

Nicht anders verhält es sich mit den oftmals viel zu grosszügig erteilten indultos. In zahlreichen  taurinischen Plattformen war dieses schon ein Thema.

Sonntag, 26. August 2012

Manolete - Blut und Leidenschaft

Grosses Kino ohne Passion

Ein holländischer Regisseur, ein amerikanischer Hauptdarsteller und eine englische Sprache in einem britischen Film über eines der spanischsten Themen überhaupt, der tauromaquia. Was kann man da erwarten?


Der Film erzählt die letzten Jahre des wohl berühmtesten matador de toros der vierziger Jahre, Manuel Laureano Rodríguez Sánchez bekannt unter Manolete, dargestellt durch Oskarpreisträger Adrien Brody. Dabei steht die turbulente Liebesbeziehung zu Antonia Bronchalo Lopesino, alias Antoñita Lupe Sino (Penelope Cruz) im Mittelpunkt der Handlung. Sein tragischer Tod im Jahr 1947 in der plaza de toros von Linares in Andalusien sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Die britische Produktion bleibt trotz der Unterstützung durch das staatliche spanische Fernsehen TVE, der spanischen Regierung und der Landesregierung aus Valencia ein nichthispanisches Erzeugnis. Das erkennt man an den Dialogen, an den verbalen Ausdrucksformen. Selbst eine spanglish sprechende Penelope Cruz konnte da auch nicht viel mehr retten.

Der Film beginnt jedoch vielversprechend. Während man die Schauspieler vorstellt werden die Originalpersonen gezeigt und benannt. Das verleiht dem Werk einen historischen Anspruch.

Doña Angustias, die Mutter von Manolete
Bilder und Kameraführung verstehen durchaus zu überzeugen. Ohne Frage erkennt man hier die professionelle Erfahrung der Filmemacher. Auch der akustische Background ist ansprechend und passt sich gefühlvoll der Handlung an.
Manolete auf dem Weg sich als Stierkämpfer zu behaupten
Manolete in Gedanken
Doch mit der Handlung stößt der Film schnell an seine Grenzen. Obwohl Regisseur Menno Meyjes schon mit Drehbüchern wie für Die Farbe Lila, Das Reich der Sonne, Ausnahmezustand oder Indiana Jones und der letzte Kreuzzug sich nicht nur einen Namen machte, sondern auch viel Einfühlungsvermögen für die Hauptpersonen zeigte, so wirkt hier die Geschichte wie eine, unter einem pseudokünstlerischem Anspruch, wahllos zusammengewürfelte Abfolge. Die sparsam angesetzten Dialoge tun zwar der Atmosphäre gut, aber inhaltlich erinnern sie eher an südamerikanische Telenovelas. Der wohl einzige Bezug zur spanischen Sprache. Beiden Hauptdarstellern gelingt es nicht die spannungsgeladene Beziehung mit der nötigen Leidenschaft, wie sie ja im Titel versprochen wird, dem Publikum zu vermitteln. Auch einen historischen Hintergrund zur Francozeit sucht man vergebens.

Verblüffend die Ähnlichkeit des Hauptdarstellers mit dem Original, der damit aber seine Rolle als Statist in einem taurinischen Spektakel nicht überspielen kann. Obwohl die beiden matadores de toros Juan Antonio Ruiz "Espartaco" und das Armani-Model Cayetano Rivera Ordoñez als Experten des Stierkampfs die Dreharbeiten beratend begleitet haben, kann dieser Streifen in taurinischer Hinsicht so gar nicht überzeugen. Fast alle Manöver von Manolete, alias Adrien Brody werden kopflos dargestellt, oder aus einer luftigen Perspektive gezeigt.

Der Schnitt zwischen dem Schauspieler und dem agierenden torero wirkt künstlich, zu erkennbar, da stehen zwei im ruedo. Einer mit toro, einer ohne. Das merkt ein jedes Kind. Ein jeder, der schon einmal eine richtige corrida de toros auf dem Bildschirm verfolgen konnte. Man erkennt schnell die Welten zwischen diesem Streifen und der Realität. Geradezu eine Beleidigung für die afición. Der Moment der Wahrheit wird zum bedeutungslosen Schauspiel degradiert. Zu einer gesichtslosen tauromaquia. Es ist nicht mehr der Mensch, der über das Tier dominiert, sondern der Griff in die filmische Trickkiste verwehrt dem Zuschauer genau das, worum es eigentlich geht. Und war es nicht Manolete, jener geniale Vertreter der tauromaquia, der während des Zeit des zweiten Weltkrieges und danach dem Stierkampf seinen Kopf verlieh?
Erst der Kopf ...
... dann das gesichtslose Manöver.
Antitaurinos befürchteten, dass die tauromaquia durch diesen Film erneut einen weltweiten Popularitätsschub erleben könnte. Vor allem die Präsenz von Adrien Brody und Penelope Cruz liess sie Schlimmes erahnen. Doch nun können sie sich entspannt nach hinten legen, denn dieser Streifen ist weit von dem entfernt, was sich die afición erhoffte, bzw. dem antitaurinismo zusätzliche Sorgenfalten bereiten könnte.

Von April bis Juli 2006 wurde gedreht. Leider ist es kaum nachzuvollziehen, warum es dieser über 20 Millionen Euro verschlingenden Produktion nicht gelungen ist die im Untertitel versprochene Passion rüberzubringen. Und was die taurinische Sichtweise angeht fragt man sich, warum nicht entsprechende Spezialisten hinzugezogen worden sind, denn augenscheinlich waren Cayetano und Espartaco damit wohl ein wenig überfordert.
Seit dem 24. August 2012 
in den spanischen Kinos.

Donnerstag, 23. August 2012

Wieder toros live bei TVE!

Nach sechsjähriger Pause überträgt das spanische staatliche Fernsehen wieder Stierkämpfe live!


Es war nur eine Frage der Zeit. Und jetzt gibt es sie wieder Liveübertragungen von Stierkämpfen im Hauptkanal des öffentlichen spanischen Fernsehens. Während internationale Medien nur von dem vorübergehendem Verbot von Stierkämpfen in San Sebastian berichteten und antitaurinos vom Todesstoss für den Stierkampf zu erzählen wissen, wird diese Neuigkeit dem internationalen Publikum fast vollkommen vorenthalten.

Vor sechs Jahren übertrug TVE seine vorerst letzte corrida aus dem nordspanischen Zaragoza. Nun kann sich die afición spanienweit über die erste Live-Übertragung einer corrida de toros aus dem Herzen Kastiliens freuen. Nicht irgendein cartel, sondern ein cartel de lujo mit figuras wird in Valladolid ein Millionenpublikum vor den Fernseher locken.: El Juli, José Mª Manzanares und Alejandro Talavante.

Je nach Interesse und vor allem nach Höhe der Einschaltquote wird man mit den weiteren Übertragungen umgehen. Aber eins dürfte schon jetzt feststehen, die Millionen aficionados werden mit Sicherheit ihre Chance nützen, sich für ihre Leidenschaft einzusetzen.

Für die Gegner der toros dürfte es eins schwieriges Unterfangen werden. Denn für eine Veranstaltung zu werben, die in ihren Augen eigentlich verboten gehört sorgt sicherlich auch für eine entsprechende zusätzliche Audienz. Aber das kann ja nicht im Interesse der antitaurinos liegen. Auch wenn das Fernsehen dabei ist, aber die Kameras vom spanischen Fernsehsender TVE stehen nun mal innerhalb der Plaza de toros.

Sonntag, 19. August 2012

Die Gesellschaft ermutigen ...

Die Feria von Málaga geht nun dem Ende zu und auch die antitaurinos wollten sich noch zu Wort melden. Auf verschiedenen Internetportalen angekündigt, so auch auf Facebook, und von den 2.360 Eingeladenen sollten es 200 bis 300 Demonstranten werden. Doch letztendlich erschienen lediglich keine 75 antitaurinos die sich strategisch vor den taquillas in Stellung brachten.

Bewaffnet mit Megaphonen versuchten sie in penetrantem Tonfall antitaurinischen Einfluss zu üben. "tauromaquia abolición ... tauromaquia, abolición". Die toros gehören abgeschafft. Einfach nur verboten! Das war und ist die Botschaft. Doch statt etwas Positives zu bewegen wirkte jenes sekkantes Geplärre eher wie eine störende Geräuschkulisse. 

Und für wenige Minuten kam dann Bewegung ins Spiel. Denn die afición war nicht bereit dieses Auftreten so ganz ohne Kommentare hinzunehmen. "Fuera" war es plötzlich zu hören. "Fuera, fuera ...", dabei lag die Betonung auf dem letzten a. "Zieht leine" eine klare Aufforderung sich zu distanzieren. Dabei ist fuera durchaus ein taurinischer Begriff. Denn wenn toreros eine schlechte gar feige Leistung bringen werden sie vom Publikum mit jenem Wort abgestraft. Und hier in diesem Moment waren es die antitaurinos die mit einer verbalen Ausladung bedacht worden sind.

Und da standen sie nun, das Grüppchen der 75 Demonstranten und wurden zum Objekt photografischer Begierde. Zwar haben sich die antitaurinos strategisch bei den Kassen positioniert, um zu erreichen, dass sie vielleicht jemand davon überzeugen können sich doch keine entradas zu besorgen, doch ein Blick auf die taquillas zeigte, vor allen sechs Kassen bildete sich bis zu Beginn der Veranstaltung ein Menschenauflauf.

Fast 10.000 Besucher zählte diese corrida de toros. Menschen die zu ihrer afición a los toros stehen. bekennende aficionados. Und jeder der sich mit dieser Thematik schon einmal auseinandergesetzt hat, der weiss, eine Überzeugung der Gegenseite wird niemals zustande kommen. Wozu sich in die Höhle des Löwen begeben, wenn man nichts erreichen kann? Um es vielleicht werbewirksam auf den eigenen Portalen zu bringen? So wie PETA jedes Jahr diese Demonstration der Nackten in Pamplona organisiert? Obwohl PETA bisher in Sachen der abolición noch nichts erreicht hat, setzen dieses jedoch immer wieder medienwirksam in Szene. Das Portal SOS-Galgos schrieb: Der Protest soll die Gesellschaft ermutigen, die enorme Ungerechtigkeit die gegen die Tiere begangen wird, zu reflektieren. In diesem Protest reflektierte sich etwas, was die Gesellschaft bewegen soll? Nun, die zig Tausend vor der Plaza de toros, die haben sich nur in eine Richtung bewegt ... in das Innere der La Malagueta.


Samstag, 11. August 2012

Toros ≠ Toros

Stiere ≠ Stiere? Stiere sind nicht gleich Stiere? Auf den ersten Blick erscheint diese Formulierung eher widersprüchlich, doch gerade hieran wird deutlich, wie Nichtkenner der taurinischen Szene im verbalen Nirwana untergehen zu drohen. Der Philosoph Reinhard Haneld hat auf dem Internetportal La Tauromaquia im Sommer 2008 einen längeren Beitrag über die Taurosophie veröffentlicht. Im dritten Kapitel, wo es um die Ambivalenz des Opfertieres geht, schreibt er: "... wird das Opfertier geliebt. Auf eine noch durchaus ähnliche, durch Ambivalenz geprägte Weise  l i e b e n  die Spanier, und besonders die aficionados unter ihnen, die Stiere. Bei Außenstehenden erregt dies immer wieder Unverstand: Ihnen fällt nicht auf, daß sich die Anhänger aficionados de toros und nicht de toreros nennen. Es sind Liebhaber, Kenner, die sich in der Passion für die Stiere vereinen." Wer sich ein wenig im spanischen Stierkampfvokabular auskennt, dem scheint diese Erkenntnis durchaus einleuchtend. Ein aficionado ist ohne Frage ein Liebhaber, ein Fan, jemand der für etwas eine Leidenschaft entwickelt. Ein toro ist ein Stier, ein Kampfstier, und im Wort toros findet sich rein grammatikalisch gesehen die Pluralisierung wieder. Viele Stiere. Folglich ist ein aficionado de toros wohl ein Liebhaber von zahlreichen Stieren. Und es stimmt auch ein wenig. Denn es lässt sich nicht verleugnen, der toro steht nun mal im Mittelpunkt eines jeden festejo taurino. 

Bei so viel Euphorie denkt man auch an den Ausspruch vamos a los toros. Gehen wir zu den Stieren. Doch da stellt sich die Frage, wohin gehen wir eigentlich? Auf die Weide, zur dehesa, in den Stall? Ja, das könnte es bedeuten. Aber eben nicht nur! Denn wer einen Blick in den spanischen Brockhaus für Stierkämpfe, den Cossío wirft, findet unter dem Begriff toros nicht etwa die Mehrzahl von toro im Angebot sondern ein Beschreibung mit lediglich elf Worten: "Los toros, so nennt man die fiesta oder corrida de toros." Punkt aus! Mit fiesta ist selbstredend die fiesta nacional gemeint, sozusagen der Oberbegriff für die Welt des Stierkampfs. Mit anderen Worten, toros steht als Hyperonym in erster Linie für die mundo de los toros. Und wer genau hinschaut, wird feststellen, dass in genau jenem Begriff sich keine Andeutungen wie Kampf, Gefecht oder Ähnliches reflektieren, welches wir unbestritten fälschlicherweise in ausländischen Übersetzung wie zum Beispiel Stierkampf oder bullfight vorfinden. Und so sind Aussenstehende schon im Vorfeld dazu verurteilt, etwas in die toros hineinzuinterpretieren, was es nicht ist. Es ist kein Wettkampf.

Die Erklärung für toros ist aber nicht nur den aficionados vorbehalten. Denn auch im Diccionario de la lengua española findet sich eine entsprechende Definition. Ähnlich dem Cossío lesen wir eine Erklärung für die pluralisierte Version des Wortes toro:





Und selbstverständlich weiss auch der Cossío alemán die richtigen Worte dafür zu finden.



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Quellennachweise:
Reinhard Haneld, Taurosophie, Teil III, La Tauromaquia, 28.07.2008
COSSÍO, Band I, Seite 360, Espasa Calpe S.A., 2007
Real Academia Española, Diccionario de la lengua española, edición 22
Cossío alemán, Das deutschsprachige Lexikon des Stierkampfs