Samstag, 13. Februar 2016

Mallorca: Was denn nun? Tierschutz ja oder nein?




von Philip de Málaga


Am letzten Dienstag hat die Balearenregierung die toros endgültig verboten
Aber zwischenzeitlich werden die Ziegen ausgerottet ...
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Am vergangenen Dienstag hat die Zentralregierung der Balearen Inselgruppe die letzten Schritte in die Wege geleitet, um auf der besagten Inselgruppe die festejos taurinos, und somit die Tradition der tauromaquia endgültig zu verbieten. Im Gegensatz zu Katalonien richtet sich dieses Verbot nicht nur gegen die corridas, sondern gegen alle Veranstaltungen mit toros, novillos, becerros oder vacas. So soll es keine capeas oder encierros mehr wie in Fornalutx geben. In erster Linie richtet sich die abolición de los toros gegen die plaza de toros in der Hauptstadt, dem Coliseo Balear, sowie gegen die Ortschaften Alcúdia, Inca und Muro.

"Mallorca ohne Blut" sind ihrem Ziel näher gekommen
Um ihr Ziel zu erreichen mussten sie vorerst das Tierschutzgesetz entsprechend anpassen um dann ein Verbot durchzusetzen. Und diesem Vorgang stand der Zentralregierung nichts mehr im Wege, denn die sozialistische PSOE und die Parteien  Podemos und Més halten hier die Mehrheit gegen die konservative PP, welche die Kultur der toros unterstützt.

Bei diesem Verbot wird der Tierschutz sehr weit vorgeschoben. Mallorca von diesem "Trauma der Stierkämpfe" zu befreien heisst es.  Mallorca sin sangre, Mallorca ohne Blut ist der Slogan. Ohne Blut? Keine Tötung? Tierschutz für freie Tiere?

Doch da geschieht auf den Balearen gerade in diesen Tagen etwas, genau am letzten 4. Februar, was sogar die animalistas in Aufregung versetzte. Die gossen Zeitungen wie El Mundo oder die Mediengruppe Vocento brachten es und auch Parteien wie die PACMA empörten sich:

Die Regierung der Balearen liess auf der Insel Es Vedrá alle Ziegen erschiessen.
Nicht gerne gesehen auf den Balearen
(Foto: El Mundo)
In einem sechsstündigen Massaker wurden von Scharfschützen alle 45 Ziegen auf der kleinen Insel Es Vedrá getötet. Weitere tausende von Ziegen, zum Beispiel auch auf Ibiza, sind noch zum Abschuss frei gegeben. Die nationale wie lokale Presse ging nicht gerade zimperlich mit der Wortwahl um. Da ist die Rede von Ausrottung der Ziegen. Vernichtung einer Tierrasse, Massentötung im Auftrag der Regierung usw. Diese wiederum hat Ihre Handlung damit gerechtfertigt, dass man um den Schutz der Natur, insbesondere der Waldlandschaften besorgt sei, da diese nach diversen Bränden erheblich reduziert sein. 

Tatsache ist und bleibt, diese Vorgehensweise ist unumstritten gesetzwidrig  und widerspricht dem Tierschutzgesetz 8/2003. 

Wie man das auch immer bewerten will, hier fliessen in Sachen Tierschutz in die Debatte zur tauromaquia völlig neue Argumente mit ein. Denn immerhin basiert der Versuch der abolición de los toros auf funktionierende Tierschutzgesetze. Und die hat ja die Regierung selbst nun ein wenig in Frage gestellt. Eins ist klar, die toros sind nun verboten, aber bitte nicht mit dem Vorwand um den Schutz der toros wegen.  Denn die toros für die festejos taurinos werden weiterhin auf dem spanischen Festland gezüchtet, eben nur nicht mehr zu den Balearen geliefert. Der Tod wurde lediglich woanders hin verlegt.

Freitag, 12. Februar 2016

Die erste Zeichnung über Stierkämpfe kam von einem Belgier





mit Jan van der Straet


Der 1523 in Brügge geborene Künstler hatte viele Namen. Giovanni Stradano, Giovanni de Strada, Johaness Strands oder Johann Stradanus.  Nach seiner Ausbildung in Antwerpen zog er mit 27 Jahren nach Florenz, wo er für die Herzöge von Medici arbeitete. So war er auch unter anderem im Vatikan tätig. Wahrscheinlich hatte er dort auch seine Begegnung mit den toros, wo es auf dem Sankt Markus Platz in jenem Jahrhundert einige festejos taurinos gab. Der nachfolgende Druck entstand im Jahr 1578 mit dem Titel "So verherrlicht sich der wilde Stier". Es ist die älteste erhaltende Zeichnung aus der tauromaquia, die es noch gibt, ist im Besitz der Sammlung von Juan Barco, und ist im Museum der Künste über die Tauromachie in Málaga zu sehen. Dieses Kunstwerk fertigte der Künstler unter dem Namen Johaness Stradanus an, was nicht selten zu dem Irrtum führt, dass der Künstler von diesem Werk nicht selten mit Herkunft als Deutscher genannt wird.



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Quellennachweis:


Centro de Arte de la Tauromaquia

Colección Juan Barco
Plaza del Siglo
E 29015 Málaga

Öffnungszeiten:
Mo. bis So. 10:00  bis 20:00, im Sommer bis 21:00


Donnerstag, 11. Februar 2016

Rainer Maria Rilke, der die Stiere nie sah

Er erinnert an Toreros, hat aber nie einen Stierkampf erlebt 
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von Philip de Málaga



Der in Prag geborene deutschsprachige Lyriker Rainer Maria Rilke (1875 bis 1926) hat in seinem ganzen Leben nie eine corrida de toros gesehen. Und trotzdem ist er der mundo de los toros auf seine Art begegnet. Am intensivsten wohl im andalusischen Ronda.

Rainer Maria Rilke in Spanien. Auf der Iberischen Halbinsel immer wieder ein Thema.
(Foto: el mundo)
Im Herbst 1912 begann seine Reise nach Spanien. Angetrieben die Bilderwelt von El Greco zu entdecken und zu erleben erreichte er über Toledo, Granada, Sevilla am 9. Dezember 1912 Ronda. "Es ist einfach wunderbar, dass ich Ronda gefunden habe, indem alles Erwünschte sich zusammenfasst," schrieb er am 18. Dezember seinem Freund und Verleger Anton Klippenberg, "die spanischste Ortschaft, phantastisch und überaus grossartig auf zwei enorme steile Gebirgsmassive hinaufgehäuft, die die enge Schlucht des Guadalvin auseinanderschneidet ...schliesslich das bequeme, geläufige Hotel, in dem ich vor der Hand sogar ganz allein bin."  Das Hotel hat des dem Schriftsteller besonders angetan. Es handelt sich dabei um das Vier-Sterne-Hotel Reina Victoria.

Diese Postkarte von seinem Hotel schickte Rilke am 19. Dezember 1912 an die Schriftstellerin
Lou Andreas Salomé, welche auch mit Sigmund Freund und Friedrich Nitzsche befreundet war.
Eigentlich wollte Rilke dort nur ein paar Tage verweilen, aber schliesslich blieb er dort bis zum 18. Februar 1913. Vor allem hat es ihm das morgendliche Wachwerden angetan:, als er durch das offene Fenster die Berge erblickte und der Ruhe lauschte. Hatte er doch seit 1910 wegen Depressionen mit einer Schreibblockade zu kämpfen. Doch die schien sich hier zu lösen und er begann den ersten Teil der spanischen Trilogie zu schreiben. Aber nichts über die mundo de los toros.

Antonio Montes "Paquirro"
Und nun stellt sich die Frage nach den toros. Wie ist hier eine Brücke zu schlagen? Viel erstaunter wird der geneigte Leser wahrscheinlich sein, wenn er liest, dass seine bekannten Zeilen über den torero Antonio Montes "Paquirro" schon fünf Jahre vorher niedergeschrieben hat, in Paris am 5. August 1907. Hinzu kommt die Tatsache, das der matador de toros schon am 4. April 1851 in Chiclana verstorben war, also 56 Jahre vor dem Gedicht, und wo Rilke noch nicht einmal geboren war.

Wie es dazu gekommen ist? Zum einen soll ihn eine innere Sucht nach der Iberischen Halbinsel dazu inspiriert haben. Hinzu kommt seine Verehrung spanischer Maler wie Francisco de Goya bis hin zu Ignacio-Zuloaga, welche sich in ihren Werken intensiv mit der tauromaquia auseinander gesetzt haben.

Toreros von Ignacio-Zuoaga
Tauromaquia von Francisco de Goya
Angeregt durch die optische Kunst, gemischt mit den Erzählungen seiner Freunde welche die Welt bereisten und ergänzt durch seine Phantasie und sprachgewaltige Ausdrucksweise schrieb er eine Poesie, welche eigentlich nur taurinischen Poeten vorbehalten ist. Allein schon der Titel, Corrida, lässt nicht auf einen deutschen Ursprung schliessen, schon gar nicht erwartet man jemanden, der zu jener Zeit die toros nicht mal gesehen hat und sie nur von den Bildern her kennt. Aber trotzdem erschien diese poesía taurina im Ersten Teil seiner Neuen Gedichte im Jahr 1907, indem der Verfasser die Frage nach dem Sinn des Todes aufstellt, den torero als Held darstellt, toro und Mann als Einheit verknüpft bis hin zum momento de la verdad, dem Tod des toros:


CORRIDA
In memoriam Montez, 1830

Seit er, klein beinah, aus dem Toril
ausbrach, aufgescheuchten Augs und Ohrs,
und den Eigensinn des Picadors
und die Bänderhaken wie im Spiel

hinnahm, ist die stürmische Gestalt
angewachsen – sieh: zu welcher Masse,
aufgehäuft aus altem schwarzen Hasse,
und das Haupt zu einer Faust geballt,

nicht mehr spielend gegen irgendwen,
nein: die blutigen Nackenhaken hissend
hinter den gefällten Hörnern, wissend
und von Ewigkeit her gegen Den,

der in Gold und mauver Rosaseide
plötzlich umkehrt und, wie einen Schwarm
Bienen und als ob ers eben leide,
den Bestürzten unter seinem Arm

durchlässt, – während seine Blicke heiss
sich noch einmal heben, leichtgelenkt,
und als schlüge draussen jener Kreis
sich aus ihrem Glanz und Dunkel nieder
und aus jedem Schlagen seiner Lider,

ehe er gleichmütig, ungehässig,
an sich selbst gelehnt, gelassen, lässig
in die wiederhergerollte grosse
Woge über dem verlornen Stosse
seinen Degen beinah sanft versenkt.



Mittwoch, 10. Februar 2016

Edith Hultzsch in der ersten Reihe

Eine deutsche Künstlerin widmet ihr Hauptwerk der Tauromachie
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von Günter Hultzsch


Es gibt kaum einen Künstler, der so eigenartig, so direkt und aufregend, so spontan aufgeladen von der Erregung des Augenblickes jene Eleganz aufzeichnet, die dem torero in der Choreografie des Kämpfers mit dem Stier eigen ist, wie die Malerin Edith Hultzsch.“ Mit diesen Worten beschrieb der Düsseldorfer Kunsthistoriker Dr. Beisker das Werk meiner Grosstante Edith Hultzsch anlässlich der Ausstellungseröffnung von „Taureaux“.
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„Ich kann mich besser definieren, 
wenn ich male als wenn ich spreche. 
Alles über mich finden sie in meinen Bildern“ 

Edith Hultzsch
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So beantwortete Edith Hultzsch die Frage nach ihrer Person und Motivation. 1908 in Berlin geboren, hat Sie nicht viel Biografisches hinterlassen, dafür aber um so mehr Bilder und Zeichnungen, die ihr Leben und Wirken widerspiegeln – charakteristisch für diese außergewöhnliche Malerin. Was der Betrachter aus ihren Bildern schliesst: eine extrem starke Persönlichkeit, die es versteht, sich auf das Wesentliche, das Allgemeingültige und Beständige zu konzentrieren. Sie verzichtet sie bei ihrer Malerei auf Farbe – der Großteil ihrer Bilder sind schwarzweiße Tuschpinselzeichnungen, –  sie malt keine Personen, keinen Hintergrund. So schafft sie Dokumente, die dem Betrachter das Allgemeingültige wiedergeben, nicht den speziellen Moment eines bestimmten Ereignisses – eine zeitlose Kunst.

Bei den meisten ihrer Gemälde handelt es sich um schwarz-weisse Tuschpinselzeichnungen
Corrida Arles, 1971
Banderillero, 1975
Estocada, 1971
Von Anfang an faszinierte mich die Bewegung“. Bewegung - ihr Lebensinhalt: -  den entscheidenden Moment einer Bewegung festzuhalten – beim Sport, beim Tanz und beim Stierkampf – die drei Hauptthemata ihres Schaffens!  


Muleta, 1982
Banderillero, 1984
Eine Meisterin im Festhalten des flüchtigen Augenblickes einer Bewegung.

Hervorzuheben ist, dass die Malerin die schwarzweissen Pinselzeichnungen unmittelbar am Ort des Geschehens zu Papier brachte, ohne jegliche Vorarbeit durch Skizzieren und ohne spätere Nacharbeit, dass heisst Edith Hultzsch zeichnete mit Tusche und Pinsel in den Sportstätten und den plaza de toros. Man muss sich vorstellen, dass sie mit Aquarellblock, Pinsel und Tusche in der ersten Reihe, barrera, sass und stets drei Plätze beanspruchte, um ihre frischen Zeichnungen ablegen zu können. 
Die Künstlerin benötigte in einer plaza de toros zwei bis drei Plätze an der barrera
um ihre Zeichnungen anzufertigen
Wo dies nicht möglich war – beispielsweise in Pamplona oder bei Tanzaufführungen - skizzierte sie in Sekundenschnelle mit Bleistift. Aus diesen Skizzen entstanden im Atelier wunderschöne farbige Gouachen, die Betrachter eindrucksvoll die ganze Spannung der Bewegung vermitteln.
Nach Skizzen aus der plaza entstanden zuhause die herrlichen Kunstwerke
Das größte Oeuvre ist beim Stierkampf entstanden

Von 1961 bis 1990 bereiste Edith Hultzsch im Sommer regelmässig Frankreich, Spanien und Portugal. Dort galt ihre ganze Faszination bald den Stieren. Sie beschäftigte sich mit den toros auf der Weide, ihrem Verhalten, der Aufzucht –  Thema „Ferrade“- und im ruedo einer plaza de toros. Was sie dort als Malerin am meisten beeindruckt, ist die Ästhetik und Rasanz der Bewegung.
1981: Edith Hultzsch in Pamplona wo sie als erste Ausländerin den Wettbewerb
für das cartel taurino gewinnt.
1981 gewann Edith Hultzsch als erster nichtspanischer Künstler den ersten Preis beim Wettbewerb für das cartel taurino zur Fiesta Sanfermines in Pamplona. Seither war sie häufig Ehrengast des Veranstalters der weltberühmten Fiesta.

Die Künstlerin aus Berlin war mit zahlreichen Ausstellungen auf internationaler Ebene vertreten. So gab es ihre Werke in Deutschland von 1966 bis 1988 an 35 Orten zu sehen. Auf internationaler Ebene in Spanien, Frankreich, Portugal, Argentinien, Österreich und in den Niederlanden.



Im Jahr 2006 verstirbt die Künstlerin im Alter von 97 Jahren in Nordrhein-Westfalen.



Noch bis zum 21. Februar 2016 läuft noch eine schöne und umfassende Ausstellung mit 74 Bildern unter dem Titel Kunst von Edith Hultzsch im Wasserschloss in Bad Rappenau, mit den Hautthemen Sport, Tanz und Stierkampf.


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Weitere Informationen:

Wer daran interessiert ist, zusätzliche Informationen über Edith Hultzsch zu erhalten, oder am Erwerb einzelner Bilder, bzw. Interesse daran hat eine Ausstellung auszurichten, der wende sich bitte an die Mail von Herrn Günter Hultzsch: h.g.hultzsch@t-online.de oder direkt an SfA: philipdemalaga@me.com

Dienstag, 9. Februar 2016

Dietrich Bonhoeffer konnte dem Ritus Stierkampf etwas abgewinnen

Ein deutscher Theologe und die mundo de los toros
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von Philip de Málaga


Im Februar 1928 reiste Dietrich Bonhoeffer im Alter von zweiundzwanzig Jahren nach Katalonien, um dort einen Posten als Vikar in der ausländischen und vorwiegend kaufmännisch orientierten Gemeinde in Barcelona anzutreten. Und obwohl er sich hauptsächlich dem Vereinsleben der deutschen Kolonie widmete, fand er auch Interesse an dem Anderen. An dem spanischen Leben. Den Weltenbummlern, den Vagabunden, Fremdenlegionären und sogar Tierbändigern, die dem Zirkus Krone auf der Spanienreise verloren gegangen sind.

Schon zu Beginn seines Aufenhaltes in Barcelona begegnet er der mundo de los toros.  Ein deutscher Geistlicher und die toros? In der Buchkritik von Martin Dorenkamp ist zu lesen: "Der vielfach distanziert und kalt wirkende Bonhoeffer mit seiner Leidenschaft für die frommen Verse von Matthias Claudius, der Begeisterung für den Stierkampf, dem Eintreten für die schwarzen Christen Amerikas und dann wieder dem Hang zur geistlichen Zucht.Bonhoeffer und die Stiere, da scheint wirklich etwas dran zu sein.

Und so kam es in der Tat, dass Dietrich Bonhoeffer eine corrida de toros besuchte. Obwohl es bei seinem ersten Stierkampf zu diesem Zeitpunkt noch viel blutiger zuging als heute, denn damals trugen die Pferde der picadores noch keinen peto, war Bonhoeffer von diesem Spektakel gleich von Beginn an fasziniert. Eine Faszination die sein ganzes Leben anhalten sollte.
Eine Postkarte aus Barcelona: "Mit Matadorengruss"

Am Ostersonntag im Jahr 1928 nahm ihn und seinen Bruder Klaus ein Lehrer der deutschen Schule mit zu einer corrida de toros. "Ich hatte schon vorher mal eine gesehen und kann eigentlich nicht sagen, dass ich von der Sache so abgeschreckt wäre, wie viele Leute meinen, es ihrer mitteleuropäischen Zivilisation schuldig sein müssen. Es ist doch eine grosse Sache wilde ungehemmte Kraft und blinde Wut gegen disziplinierte Courage, Geistesgegenwart und Geschicklichkeit ankämpfen und unterliegen zu sehen. Der Moment der Grausamkeit spielt doch nur eine geringe Rolle, zumal im vergangenen Stierkampf zum ersten Mal die Pferde Bauchschutz hatten, sodass die entsetzlichen Bilder der ersten corrida fehlten," schrieb Bonhoeffer im April 1928 an seine Eltern.

Es wäre wohl übertrieben Bonhoeffer als einen aficionado de toros zu bezeichnen. Trotzdem liess er mit seinem Bruder Klaus keine Möglichkeit aus, wo auch immer sie waren, eine corrida oder festejo taurino zu besuchen. Seine Zwillingsschwester Sabine  lehnte die toros dagegen ab: "Nicht einmal geschenkt werde sie sich so etwas ansehen!"

Allein in der Erkenntnis, dass ein lutherischer Theologe sich für die toros begeistern konnte, zuzuschauen wie ein animalisches Wesen im ruedo einer plaza de toros getötet wird, sehen sicherlich nicht wenige einen gewissen Widerspruch. Oder gerade deswegen gerechtfertigt? Schon ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die mundo de los toros sehr mit der katholischen Konkurrenz verbunden war und ist. Mehr noch. Im 16. Jahrhundert, begann mit der Verehrung des Jungfrauenkultes und den Heiligenentdeckungen zu den Stierfesten eine regelrechte Katholisierung der toros. Schliesslich setzte man den Stierkampf auch als ein deutliches Zeichen gegen die protestantischen Bewegungen aus dem Norden ein.

Doch Bonhoeffer sah es vollkommen anders. Nicht mit der Kirche sondern wegen der Kirche. Er sah in der corrida das Pedant zur sonntäglichen Messe.
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"Ich denke, es ist kein Zufall, 
das im Lande des düsteren und schroffsten Katholizismus 
gerade der Stierkampf unausrottbar festsitzt." 

Dietrich Bonhoeffer
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Wieder zurück in Deutschland verliert er nichts an seiner Faszination für die toros. Seinen Schülern in Frankenfelde erzählte er nicht nur über die mundo de los toros, sondern er zeigte ihnen sogar die Manöver mit der capa und der muleta und demonstrierte Ihnen wie man den estoque führt, als ob der embrujo die lutheranische Theologie im alemannischen Gefilde erreicht hat. Und mit dem Manöver einer verónica konnte er auf jeden Fall auch kirchengeschichtliches mit einbringen.

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Siehe auch:

Kirche und Stierkampf ist ein Thema, wo SfA schon mehr darüber berichtet hat. Hier eine Übersicht über einige Beiträge und Reportagen bei SfA welche zum Thema Kirche seit 2009 erschienen sind:
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Quellennachweise:

EBERHARD RUGE, Dietrich BOnhoeffer, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbeck 1976
WOLF DIETER ZIMMERMANN. Wir nannten ihn Bruder, Wichern Verlag, Berlin 2004
FERDINAND SCHLINGENSIEPEN, Dietrich Bonhoeffer 1906 -1945, Verlag C.H. Beck, München 2005
PHILIP DE MÁLAGA, Der katholische Stier, Juli 2012

Montag, 8. Februar 2016

Der deutsche Torero

In der Tat, es gab auch mal einen deutschen Stierkämpfer in Spanien
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von Philip de Málaga


Man hat ja schon von asiatischen, afrikanischen und slawischen toreros gehört, und in Europa ordnet man diese Beschäftigung vorläufig den Franzosen, Spaniern und Portugiesen zu. Und was ist mit Deutschland? Nun, die toros sind da erst mal laut Gesetz verboten. Und somit gibt dort verständlicherweise keine plaza de toros und eben auch keine festejos taurinos.

Aber es gibt in Germanien sehr wohl eine afición a los toros, mit absolut steigender Tendenz. Es bekennen sich immer mehr als aficionados. Sogar lassen sich auch einige toreros de salón und aficionados prácticos entdecken, wie zum Beispiel SfA-Mitarbeiter Dominik Sachsenheimer. So liegt es doch so langsam an der Zeit, dass sich irgendwann mal ein germanischer Siegfried ins ruedo traut. Aber um einen zu finden müssen wird erst einmal in die Vergangenheit schauen. Genau vierzig Jahre zurück. Da gab es jemanden aus Deutschland der auszog, um Stierkämpfer, um ein richtiger matador de toros zu werden.

Gross, blond und deutsch, so entsprach er gar nicht dem Vorbild eines toreros. welche sich meistens aus tiefster Armut und mit grössten Durchhaltevermögen hocharbeiten müssen.  Viel mehr noch. Er stammt von edler Herkunft, ist Baron, hat in Oxford studiert und sogar als Doktor der politischen Wissenschaften abgeschlossen. Sein Name: Michael Rüdiger von der Goltz. Doch wie kommt nun ausgerechnet jemand so gebildeten Ranges aus einem märkischen Adelsgeschlecht, wo eigentlich schon seit dem 13. Jahrhundert Generäle und Offiziere das Sagen haben, zur mundo de los toros? Gar ins ruedo einer plaza de toros um gegen gefährliche toros anzutreten?

Michael-Rüdiger von der Goltz
Die Begegnung mit dem Tod

Eigentlich ist Miguel von der Goltz in der Schweiz geboren, hatte aber einen deutschen Pass. Danach lebte er in Uruguay und Guatemala und nach seinem Studium in Oxford zog es ihn nach México. Dort hat er sich 1968 einer Studentenbewegung angeschlossen, welche sich für neue Landreformen einsetzte. Allerdings gingen sie dabei relativ mit rebellischen Mittel vor. So kam es, das er wegen seiner Beteiligung an jener Studentengruppe eines Tages in der Ortschaft Cuernavaca von einem speziellen Suchkommando geholt und auf einen Platz vor ein Erschiessungskommando gestellt. Der Baron sah seinem tödlichen Ende entgegen, und war davon überzeugt jetzt sterben zu müssen. Dabei ärgerte er sich auch ein wenig, dass er bis zu diesem Zeitpunkt keinen einzigen Lebenstraum hatte erfüllen können. Doch lange musste er nicht mehr hadern, denn das Todesurteil stellte sich noch rechtzeitig als ein Irrtum heraus.

Nun ein mögliches Sterben vor den Augen gehabt zu haben, veränderte seine innere Einstellung zum Tod. Zum einen zeigte es die Besonderheit zum Überleben auf und auf der anderen Seite trieb es ihn an viele Dinge nicht mehr zu versäumen. So begegnete der Oxfordstudent langsam der mundo taurino. Sehr langsam.

Seine Zeit als torero

Obwohl aus nicht gerade armen Hause beschloss er den Weg der einfachen novilleros einzuschlagen. Unter dem Künstlernamen Miguel Rodrigo zog er von Fest zu Fest und hoffte für irgendeine capea, novillada sin caballos, oder sonstiges festejo taurino einen Vertrag zu bekommen. Seine Mission schien klar, dem Tod zu begegnen um ihm dann wieder entfliehen zu können.

Um nicht ganz die Form zu verlieren, übte er auch heimlich nachts auf den dehesas der ganaderías. Dort schnitt er dann am Ende den Tieren den Schwanz ab, um den ganaderos ein Zeichen zu geben, das mit diesem Tier schon mit muleta oder capa gearbeitet wurde und er für eine corrida somit unbrauchbar geworden ist.

 Mit seinem Freund und ebenfalls novillero Rafael übt Miguel heimlich bei Nacht.
In den folgenden fünf Jahren gelang es dem deutschen torero an vierzig novilladas teilzunehmen. Teilweise unter erbärmlichen und gefährlichen Umständen. Denn zum einen gab es öfters nicht mal eine richtige plaza de toros, und die Marktplätze wurden einfach mit Balken, Barrikaden, Tischen oder ähnlichem verschlossen um eine plaza, gar ein rundes ruedo für die novillada zu kreieren, zum anderen waren die Tiere, die novillos, gegen die sie antraten nicht ganz ungefährlich, denn es waren jene übriggebliebenen der ganaderos, wo sich die professionellen toreros weigerten diesen gefährlichen Tieren entgegen zu treten.

Miguel Rodrigo entwickelte sich zu einem besonders mutigen und waghalsigen torero welcher die Begegnung mit dem Tier nicht scheute. Im Gegenteil er suchte die Nähe. Er hatte keine escuela taurina besucht, sondern lernte alles auf der Reise von anderen taurinos. Sein Stil war spektakulär. Da war er schon eher ein tremendista, Also seine Arbeit mit den novillos konnte nicht unbedingt den klassischen crítico taurino überzeugen, aber die Massen. Wenn er zum Beispiel vor dem novillo stand, die muleta beiseite hielt und das Tier auf die Hörner küsste. Auch den estoque, mit welchem er den entscheidenen Todesstoss im momento de la verdad ausführte schien der Stierkämpfer aus Deutschland zu beherrschen.
Miguel Rodrigo bei der estocada
Jene fünf Jahre waren für Miguel keine Jahre um reich zu werden. Obwohl er in Sevilla im Viertel Santa Cruz, am Plaza Doña Elvira eine Acht-Zimmer-Wohnung plus Dachtrasse unterhielt, welche er an Touristen vermietete.
Sevilla: Der Platz Elvira, wo der deutsche torero sein nobles Domizil hatte
Miguel war der Meinung, wenn einer matador de toros werden will und vor der alternativa steht, der sollte schon Grosszügiges vorweisen haben. Auch wenn er dafür hungern muss. Denn bei seinen Auftritten hatte er damals gerade mal 39.000 Peseten bekommen. Wenn überhaupt. Das sind umgerechnet 500 Euro. Nach Abzug aller Kosten, seiner cuadrilla und Emilio, sein persönlicher mozo de espada  blieben ihm selbst keine 50 Euro mehr übrig. Ohne die Hilfe seiner Freunde reichte das kaum zum überleben.

Der deutsche torero auf dem Weg zu einer novillada. Hinter ihm Emilio sein mozo de espada
Aber dann kam sein grosser Tag. In Pozuelo de Alarcón, einem Vorort der spanischen Hauptstadt Madrid, hatte er nicht nur seinen grossen Auftritt, sondern auch eine wichtige Begegnung. Der presidente der novillada war der Polizeichef und als empresario trat der Schlachter der Gemeinde auf. Letzter hatte nichts zu verlieren, denn zum Ende hatte er ja immer noch das Fleisch der novillos zum Verkauf. Auch hier gab es keine richtige plaza de toros und am Mirador wurde für dieses festejo taurino eine eigene plaza improvisiert.

Wo es in Pozuelo de Alarcón die Stiere gab.
Das besondere an diesem Tage war ein prominenter Gast aus der mundo de los toros. Aus Córdoba kam Don Rafael Sánchez Ortiz angereist, in der mundo taurino als "Pipo" bekannt. Denn er war es, der dem legendären und berühmten matador de toros Manuel Benítez "El Cordobés" als sein apoderado und persönlicher Begleiter zu Weltruhm verhalf. Nach Rücktritt seines Schützlings zog sich auch der apoderado aus dem Geschäft mit den toreros zurück und verprasste geradezu sein ganzes Vermögen an den Spieltischen der Casinos auf der ganzen Welt. In der Zwischenzeit kehrte El Cordobés wieder zurück in die plaza de toros und nach einer gewissen Zeit war Don Pipo pleite. Nun war es für ihn an der Zeit, einen neuen torero zu suchen, um ihn an die Spitze des escalafóns zu bringen. Und da hörte er von dem mutigen jungen blonden Mann aus Deutschland, der mit seinen Tieren genauso furchtlos arbeitete wie El Cordobés.

Also reiste der Manager aus der Welt der toreros nach Madrid um Miguel Rodrigo zu sehen. Und was er zu sehen bekam liess ihn wohl begeistert aufschreien, "Dieser Deutsche ist ja viel besser als El Cordobés!".  Er war so angetan vom toreo des adligen novilleros aus Alemania dass er sofort begann, in der Mitte der novillada Pläne zu schmieden. Diesen Mann würde er ganz gross rausbringen. Er soll seine alternativa, den Ritterschlag zum richtigen matador de toros, in der grössten und wichtigsten plaza de toros in Europa bekommen, in Las Ventas, und als padrino wird natürlich sein "Freund" der berühmte maestro  Manuel Benítez El Cordobés Pate stehen. Und einen neuen Künstlernamen hätte er auch schon für ihn: Miguel de Alemania.

Da stand er nun, der neu gekrönte Miguel de Alemania und betrat für seinen zweiten novillo die improvisierte plaza bei Madrid. Noch mutiger, noch näher, noch mehr angespornt, und wieder mit suertes, wo das Publikum einfach nur die Luft anhalten musste. Purer tremendismo für die Karriere. So nah dran war er noch nie. Wieder einmal küsst er die Hörner und dann geschieht es. Der novillo wirbelt herum und schleudert den torero in den arena.  Lautes Raunen von den Rängen. Schleunigst eilen die banderilleros herbei, lenken den novillo mit den capas von Miguel weg und tragen ihn in die enfermería, besser gesagt zum Esstisch des anliegenden Altenheims wo er von einem veterinario behandelt wurde. Eine Prellung an der Brust und eine kleine cornada am Unterleib sorgten für Entwarnung.

Wenige Tage später fahren dann der zukünftige matador de toros Miguel de Alemania und sein apoderado Don Rafael Sánchez Ortiz zu einer richtigen corrida de toros, wo El Cordobés antrat. Dort besuchten sie den maestro vorher in seinem Hotelzimmer, wo dieser sich gerade für seinen Auftritt vorbereitete. Dem Anliegen, für Miguel der padrino zu sein hatte er nichts entgegen zu setzen. So schien der Karriere des ersten deutschen matador de toros nichts mehr im Wege zu stehen.

Miguel de Alemania und Pipo bei El Cordobés, wo der deutschen torero von ihm
die Zusage der Patenschaft für seinen Ritterschlag zum matador de toros  erhielt.
Aber es kam anders

Denn von nun an verlor die mundo de los toros die deutsche Hoffnung aus den Augen. Es hiess er sei nach Mexiko geflogen um dort sich vorzubereiten. Aber man weiss eigentlich gar nichts. Auch im spanischen COSSÍO ist er nicht genannt. Es gibt Quellen die zu berichten wissen, dass Michael von der Goltz wohl in einem amerikanischen Film mitgespielt habe. Alles nur Vermutungen bis hin zur letzten Annahme. Da heisst es, er sei auf einer Insel im Mittelmeer gewesen und morgens schwimmen gegangen. Aber nie wieder zurückgekehrt.

Und so wartet die deutsche afición noch heute auf den torero aus ihren Reihen.