Freitag, 24. Januar 2014

Die Reise nach Amerika hat sich gelohnt




von Philip de Málaga


Spanischer Stier in Venezuela begnadigt
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Wenn ein toro seine ganadería, sein trautes Heim verlässt um auf Reisen zu gehen, ist es meistens seine Begegnung mit dem Tod. Fast ausnahmslos. Erst recht wenn das Tier die Reise über den Atlantik antritt. Mehrere tausend Kilometer, nur um in einer plaza de toros einen würdevollen Tod zu sterben. So brach der toro Flor azul, die blaue Blume, aus der ganadería Torrestrella auf, um nach San Cristobal in Venezuela transportiert zu werden. 

Dort betrat Flor Azul, mit der Nummer 107, als último de la tarde, vor der beeindruckenden Kulisse von 16.000 Zuschauern, das ruedo und wurde von dem gerade ernannten Lokal-matador de toros Fabio Castañeda (mit seinem ersten feierte dieser seine alternativa). Im Innenkreis empfing in Castañeda mit verónicas und einer revolera.

Fabio Castañeda mit einer verónica (Foto: mundotoro)
Bei tercio de varas vollführte der junge matador de toros einige wunderbare chicuelinas. Beim zweiten tercio liess es sich Castañeda nicht nehmen die banderillas selbst zu setzen. Dazu lud er seinen padrino El Fandi sich dabei ebenfalls zu beteiligen.

Die faena begann der neue matador auf den rodillas, den Knien, ebenfalls in den medios, und lässt den toro an seinem pecho, seiner Brust vorbei rauschen. Er entledigt sich seiner manoletillas, stellt sich Flor azul, und und lässt ihn herrlich ruhig passieren, vollführt elegante molinetes und lässt ihm dann eine gewisse Ruhe. Schliesslich setzt er mit seiner muleta erneut zu wunderbaren naturales an, welche den Rausch des toreos in die tendidos übertragen und den beiden Akteuren Standing Ovations einbringen. Der fast ausverkaufte coso kollabierte und die ersten Rufe nach einem indulto ertönten. Mit grosser Gelassenheit arbeitete Castañeda weiter mit seinem toro und die indulto-Rufe werden lauter. Der presidente lässt sich nicht beeindrucken, schliesslich muss ja auch der ganadero seine Zustimmung geben. Der torero wechselt seinen espada und führt weitere Manöver mit viel Feingefühl aus. In den tendidos wird es lauter, man verlangt eine Begnadigung, während der toro weiterhin mit viel embestida den Aufforderungen der muleta folgt. Mit circulares und temple steht das Urteil der Zuschauer fest. Die Köpfe des Publikums verschwinden in einem Meer von weissen Taschentüchern oder ähnlichem um ihrem Wunsch mehr Druck zu verleihen, begleitet von dem Chor aus 16.000 Mündern. Flor azul gibt nicht nach, greift immer wieder mit viel bravura an, weitere circulares und dann ist es geschehen. Das orangene pañuelo des presidentes zeigt es an: Indulto! Flor azul wird begnadigt. Ein spanischer Stier triumphiert in Südamerika!

Nun muss Fabio Castañeda lediglich die estocada ohne estoque simulieren und erhält dann als trofeos symbolische dos orejas. Und so öffnet er zusammen mit El Fandi die puerta grande von San Cristobal.

Puerta grande für El Fandi und Fabio Castañeda (Foto: mundotoro)

Donnerstag, 23. Januar 2014

Nur 38 Prozent bleiben für die taurinische Szene




von Philip de Málaga


Bei den Eintrittskarten denken viele, dass der Löwenanteil an die toreros geht. 
Stimmt das?
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Im Internetportal mundotoro gab es eine interessante Studie zu lesen, wie sich eine entrada zu für eine corrida in Sevilla zusammensetzt. Ziemlich ohne Ideen erwirbt man seine Eintrittskarten zu den festejos taurinos und die meisten denken im Unterbewusstsein, dass der Löwenanteil an die empresarios bzw. an die toreros geht. Zwar mag es wohl eintreffen, wenn Star-matadores wie José Tomás eintreffen, aber dann muss es durch andere corridas kompensiert werden. So zeigen es die Zahlen von mundotoro auf. Allein siebenundzwanzig Prozent fliessen für steuerlichen Abgaben und Genehmigungen. Knapp ein Drittel erhält das Rathaus für die Miete. Für das Personal der plaza de toros werden mindestens weitere sechs Prozent benötigt, je nach Niveau der Instandhaltung.

Übrig bleiben 38 Prozent für die toreros, apoderadosganaderos und den empresario. Mit anderen Worten, der Löwenanteil der entradas fliesst längst nicht in den Sektor taurino. Der Staat, die Rathäuser und nicht selten die Kreistage halten weit ihre Hände auf und sind letztendlich die Verdiener an den toros, obwohl sie eigentlich gar nichts dazu beitragen, ausser hier und da Genehmigungen auszustellen. Weder beteiligen sie sich an den organisatorischen Angelegenheiten und noch weniger haben sie den Mut sich dem toro entgegenzustellen, gar ihr Leben zu riskieren. So sind die empresario gezwungen, den Mut der toreros bzw. die toros günstiger zu erwerben. 

Die rechte Seite wird von öffentlichen Einrichtungen geschluckt.
Die restlichen 38 Prozent (links) bleiben für den Sektor taurino.
(Foto: mundotoro)
Die Leidtragenden finden sich ohne Frage im Nachwuchs, der nicht selten gratis antreten, wenn nicht überhaupt draufzahlen muss, um überhaupt antreten zu dürfen.

Fazit: Solange weit mehr als 60 Prozent von einem Verwaltungsapparat verschluckt werden, wird es für die mundo de los toros auch in der Zukunft weiterhin sehr schwer werden, finanzielle Konzepte zu entwickeln, die es für alle Beteiligten auch attraktiv gestallten. Man darf gespannt sein, ob der Comisión Consultativa Nacional de Asuntos Taurinos dazu etwas Passendes einfällt. 

Dienstag, 21. Januar 2014

Wenn man beim Toreo telefoniert



Über eine suerte die sich suerte del teléfono nennt
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von Colin Ernst 


Auf der Suche nach suertes, die man nicht jeden Tag sieht, stieß ich zum wiederholten Mal auf Arturo Reverte, der den aficionados schon den quite con capote al brazo, die revertina geschenkt hatte. 

Arturo Reverte
Auf einer alten Zeichnung sah ich, zu meiner Verwunderung, den maestro, in einer Pose, die ich zu seiner Zeit, um 1890 nicht erwartet hätte. „Das Telefon“. Jeder kennt es - Manuel Benitez “El Cordobés“ war einer der "Vieltelefonierer", aber auch Paquirri oder heute El Fandi haben das Telefon in ihrem Repertoire. Sogar im rejoneo hat es seinen festen Platz. Ich hatte das suerte del teléfono eigentlich Carlos Arruza “El Ciclón“ zugeschrieben (Mexico, 1920 bis 1966), der dafür bekannt war. Auch Julio Robles hat gern zum Telefon gegriffen. Der Unterschied zwischen dem suerte del télefono“ von Reverte und dem Telefon von Arruza ist, das Reverte nach der Arbeit mit der capa, und im tercio de varas zum Telefon griff, während Arruza dies im dritten tercio, dem mit der muleta, telefonierte. Dies ist bis heute so geblieben. 

Carlos Arruza "El Ciclón"
Am Rande dieser Ermittlungen, stiess ich auf ein anderes Detail im Leben des toreros Arturo Reverte: Eines Tages erschien der maestro zu einer corrida in Málaga und ein aficionados lobte seine schöne traje de luces (grün und gold). Der maestro erwiderte: "Mit einer, gleicher Art und Farbe, hat mich in Madrid ein Stier der ganadería Benjumea erwischt." Die Farbe der traje brachte Reverte wirklich kein Glück, auch an diesem Tag in Málaga, war es ein toro der Saltillos, der ihn erwischte und vier Monate später brachte ihm ein Ibarra de Bayona seine schwerste cornada bei.

Montag, 20. Januar 2014

Wenn Adduktoren das Toreo verhindern




von Collin Ernst


Enrique Ponce sagt alle corridas in Südamerika ab
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Der matador de toros Enrique Ponce hat alle corridas in Venezuela und Columbia abgesagt! Wie schon seit längerer Zeit hat er Probleme mit den Adduktoren. Ich mache mir Sorgen, denn auch mich haben letztendlich diese "Biester" an der Ausübung meines Berufes als Reiterin gehindert. 

Was sind diese Adduktoren? Den schwächsten Teil der vorderen Oberschenkelmuskulatur bilden die Adduktoren. Sie werden beim Heranziehen des Beins, beim Schiessen und bei Richtungswechseln benötigt. In Folge der Überlastung beim Fussball, oder dem toreo (z.B. bei der poncina neigen Adduktoren zur Verkürzung. Wird dieser nicht durch ein spezielles Dehnprogramm entgegengewirkt, so kommt es z. B. bei einem Ausfallschritt (z. B. dem Setzen der banderillas al quiebro), bei dem die ganze Länge des Muskels benötigt wird, zu einer Reizung oder sogar zu einem Einriss. Die Reizungen machen sich an der schwächsten Stelle des Muskels am ehesten bemerkbar, also am Muskelansatz der Sehne. Und diese sitzt bei den Adduktoren am Schambein. Also sind für einen torero diese Dehnungen, wie bei der larga cambiada oder der poncina sehr schmerzhaft. 


Und nicht nur das! Im Moment, wo der Schmerz einsetzt, ist man beinahe inmobil, ausser Stande die schnelle Wendung, oder was auch immer, auszuführen. Das Bein gehorcht quasi Sekunden lang nicht. Sich so einem Stier gegenüber zu stellen ist Selbstmord, oder, wenn man nicht ehrlich torerieren kann, Betrug am Publikum. Und dies ist das Letzte was maestro Ponce tun würde. Er wird sich nun, gewiss mit einem erfahrenen Physiotherapeuten, vorbereiten, auf die Saison in Spanien - immerhin steht er mit Las Ventas in der spanischen Hauptstadt Madrid im Wort und wer den maestro kennt, wird er alles daran setzen, zum rechten Moment fit zu sein. im Moment sieht es so aus das er bis Ende Februar pausiert. Fuerza maestro!

Sonntag, 19. Januar 2014

Wenn Hacker in die Mundo Taurino eindringen



von Ursula Herzog
& Philip de Málaga


An Geschmacklosigkeit kaum noch zu überbieten
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Die Welt des antitaurismo versucht immer neue Wege zu gehen. Dabei spielt eine gewisse Rechtmässigkeit oder gar Legalität kaum mehr eine Rolle. Provozieren ist angesagt. Stören eben wo man kann. Auch hier stehen Beleidigungen, Abwertungen bis hin zur Diskriminierung im Vordergrund. Ob empresarios, ganaderías, plaza de toros, apoderados, Medien die darüber berichten, selbst SfA, alle stehen im Visier der antitaurinischen Angriffe. Sogar vor den toreros wird nicht Halt gemacht. Diesmal hat es den französischen matador de toros Sebastián Castella erwischt, dessen Seite gehackt worden ist:

Ein Mörder zu sein soll Kunst sein?
Da sei doch mal die Überlegung erlaubt, wenn man Menschen so etwas, wie in der obigen Grafik dargestellt, wünscht, wird derjenige dann nicht auch selbst zum Mörder?

Samstag, 18. Januar 2014

Welches Tercio gefällt einem am besten?

Jeder hat da sicherlich seine eigenen Interessen
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von Colin Ernst 


Oft gefragt, welches tercio mir am besten gefällt, kommt man schon ins Grübeln. Was ist schöner…, die suertes der capa von Morante, die Führung der muleta von Ponce?


Mich persönlich beeindruckt das tercio de banderillas. Es verlangt Mut, Körperbeherrschung und gute Kenntnis über den Stier und seine Reaktion. Im Laufen nicht nur den Hörnern auszuweichen, sondern im gleichen Moment zwei Stäbe punktgenau zu platzieren ist schon ein Kunststück an sich. Gehe ich zu einer corrida, freue ich mich immer, wenn die maestros die banderillas selbst setzen. Ihren banderilleros erlauben die wenigsten toreros ein aufwendiges tercio de banderillas. So sieht es für den Zuschauer aus, als wenn man nur auf den Stier zu rennt und diesem die Stäbe in den Rücken rammt. Greift der maestros selbst zu den bunten Stäben, steigt die Spannung in den tendidos. Aus dem einfachen Akt wird ein Kunstwerk. Allein die Präsentation, wie der torero ins ruedo schreitet, sich aufstellt, dreht und wendet wie ein Pfau – Elegant. Mit zierlichen Schritten, wie in einem Ballett längst vergangener Zeiten, tänzelt er auf den heranstürmenden Stier zu. Elegante Drehungen in der Luft, vor den Hörnern, oder ein plötzliches Stehenbleiben, eine Körpertäuschung nach rechts, zack sitzt das par. Ein beeindruckendes Schauspiel, das einem die Haare zu Berge stehen lässt.


Der matador de toros Luis Francisco Epla mit den banderillas
Der für mich beste matador de toros, welcher mit den banderillas triumphiert hat, ist Luis Francisco Espla, heute leider nicht mehr aktiv. Früher gab es sogar corridasa, die mit Absicht ein cartel mit drei torero-banderilleros führten. Paquirri, El Soro, Nimeño II, Victor Mendes und Morenito de Maracay, waren zu ihrer Zeit die Könige der plazas, ihr Part der banderillas war ein wichtiger Bestandteil der corrida. Heute heißen die Helden mit den bunten Stäben Juan Jose Padilla, Antonio Ferrera und El Fandi und sie haben eine große Fangemeinde. Natürlich können die meisten toreros auch banderillas setzen, sogar Meister Morante hat in Ronda gezeigt, dass er exzellent mit ihnen ist. Ich habe verschiedene toreros gefragt, wieso sie keine banderillas setzen… Die meisten sagen, das ihnen dieses tercio am wenigsten gefällt, das es sie nicht erfülle, wie zum Beispiel ein guter capotazo. Ich habe allerdings bei einigen figuritas den Verdacht, dass sie das Risiko scheuen.
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Hinweis:

Gerne möchten wir zu diesem Thema auf die fünf SfA Berichte von Domingo Delgado de la Camara hinweisen, 
mit  einer Übersetzung von Dr. Andreas Krumbein:

Das Tercio de banderillas (1. Teil) SfA Reportage vom 12.12.2013
Das Tercio de banderillas (2. Teil) SfA Reportage vom 13.12.2013
Das Tercio de banderillas (3. Teil) SfA Reportage vom 16.12.2013
Das Tercio de banderillas (4. Teil) SfA Reportage vom 17.12.2013
Das tercio de banderillas (5. Teil) SfA Reportage vom 18.12.2013

Freitag, 17. Januar 2014

Über den Kampf von zwei Lebewesen



von Karl Krolow



Der deutsche Schriftsteller (1915 bis 1991), bekannt durch zahlreiche Auszeichnungen in Sachen Kunst, Kultur und Literaturpreise hat sich ebenfalls dem Thema de tauromaquia genährt.

"Er hat sein professionelles Handwerk verrichtet,
welches keines ist,
vielmehr die kunstvoll hergerichtete Vorstellung
eines Kampfes zweier Lebewesen,
hinter dessen der Schatten 
des Todes lauert."

Donnerstag, 16. Januar 2014

Morante in New York City




von Dominik Sachsenheimer


Amerikaner zeichnen spanischen torero aus
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Am Dienstag, den 14. Januar 2014 zeichnete der New York City Club Taurino den matador Morante de la Puebla mit einer Ehrenmedallie im Rahmen eines festlichen Diners aus. Der maestro kam mitten in der südamerikanischen Saison zwischen seinem mano a mano mit El Juli in Manizales (Kolumbien) und seinem Auftritt in Leon (Mexico) unverhofft auf ein paar Tage Urlaub nach Manhattan.

Die überaus aktive Präsidentin des Clubs Lore Monnig hielt eine kurze Ansprache, Vize-Präsident und aficionado práctico Robert Weldon verlas die schmissige Laudatio, der er eine Homage an den ebenfalls anwesenden apoderado Morantes, den Ex-matador und Spezialisten für “corridas durasAntonio Barrera voranstellte. Morante nahm die Ehrung wie zu erwarten sehr bescheiden und fast schüchtern auf und beschränkte sich statt langer Reden lieber auf das entspannte Plaudern mit den knapp 50 anwesenden Clubmitgliedern.

Der maestro gab sich als grosser Fan des Boxsports zu erkennen und wollte unbedingt wissen, in welchem der vielen New Yorker er am folgenden Tag wohl trainieren könne. Nach kurzer Diskussion zwischen meiner Wenigkeit und diversen anwesender Journalisten von Sports Illustrated und ESPN einigte man sich auf das legendäre “Gleasons”, nur wenige Schritte auf der anderen Seite des East River in Brooklyn (“el Triana de Nueva York”). Hoffe sehr auf Bilder im Netz von diesem Workout, dem ich leider nicht beiwohnen konnte.

SfA-Mitarbeiter Dominik Sachsenheimer
mit dem matador Morante de la Puebla
In den Gesprächen ums Fitnessprogramm fiel mir allerdings einmal mehr auf, dass selbst matadores, die im traje de luces im Vergleich zu ihren Kollegen eher kompakt wirken, im echten Leben neben mir mittelgrossen und mittelalten Mann knapp 20 Kilo nördlich des Weltergewichts erstaunlich zierlich und schlank daher kommen. Nun denn. Generell wurde während des dreistündigen Abendessens außergewöhnlich viel über die körperlichen Aspekte des torero-Berufs gesprochen, vielleicht auch, weil Morantes Qualitäten als bedeutendster torero-Künstler seiner Generation so schwer in Worte zu fassen sind und mithin gesehen, erlebt, gespürt werden müssen statt analysiert. Von dem banderillero José Antonio Jiménez “Lili” lernte ich zum Beispiel über sein Training des “über die Bande Hechtens” und ausserdem, dass die plaza de Las Ventas zu Madrid bei vielen seiner Kollegen nicht nur wegen des zunehmend verblödenden tendido 7 ein unbeliebter Ort sei, sondern vor allem, weil die dort überdurchschnittlich hohe barrera den Fluchtweg erschwert. Ganz anders sähe das in Frankreich aus und im Süden Mexicos, wo die barreras vieler Arenen eher niedrig ausfallen. Interessante Perspektive eines Insiders.

Der angedrohte Boykott der Maestranza durch die matador-Elite wurde nicht weiter diskutiert, bleibt aber hoffentlich nur ein vorübergehender Schreck.

Einmal mehr zeigte der von aficionados aus den USA, Spanien, Holland, Peru, Kolumbien, Deutschland und Haiti besuchte Abend die Strahlkraft der fiesta “inter”-nacional, was auch die Jungs und chicas von mundotoro und burladero erkannten, letztere gar mit Hinweis auf das hiesige Rauchverbot in geschlossenen Räumen:




In diesem Sinne kann man die Lesern von SfA nur immer wieder auffordern, sich bei jeder Gelegenheit zu den Stieren zu bekennen. Viva la fiesta!

Mittwoch, 15. Januar 2014

Florito

Ein Bericht über die cabestros
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von Colin Ernst 

Man sieht es nicht oft, aber man hat bestimmt schon von ihnen gehört..., von den "cabestros". Das sind die zahmen Ochsen, die bei bestimmten Gelegenheiten den Stier aus der Arena geleitet. In dem Fall, zückt der Präsident ein grünes Tuch, welches anzeigt, das der toro als untauglich in den corral zurück verbracht wird. Nun kommen die sogenannten cabestros zum Einsatz und mit ihnen der cabestrero. Das ist der mayoral der Ochsen, ihr Leiter. Was auf den ersten Blick einfach erscheint, ist eine fortwährende Arbeit mit diesen besonders gezüchteten Rindern, deren Zuchtbasis ursprünglich, zum Teil, die Gleiche ist, wie die der toros bravo. Allerdings wurde bei ihnen das Arbeits.- und Hausrind eingekreuzt, was sich in ihrem Körperbau und ihrem comportamiento, dem Benehmen widerspiegelt. In ganz Spanien bekannt, ist "Florito", der mayoral der cabestros von Madrid. Seine Herde ist eine "autentica obra de arte" ein authentisches Kunstwerk. Kaum einer, der nichts mit Rindviehchern zu tun hat, weiß diese Arbeit zu würdigen.

(Foto: Toros y Toreros)
Florito Fernandez Castillo's Geburt mag wegweisend gewesen sein, er wurde tatsächlich in der plaza de toros von Talavera de la Reina geboren. Er wollte torero werden und in den 80gern trat er als novillero unter dem Namen "Niño de la Plaza" auf. Es erfolgte ein Umdenken und er setzte als dritter mayoral in der Familie die Tradition fort. Sein Debüt, 1993, mit den zahmen Ochsen hatte er in der plaza in der er geboren wurde, Talavera, der empresario von Las Ventas, Chopera, forderte ihn im gleichen Jahr an. Was steckt hinter dieser Arbeit?

Die "mansos" von Florito sind zwischen drei und zwölf Jahre alt. Seine Equipe besteht aus elf Ochsen, weiß mit braunen Köpfen, welche gut bewaffnet sind. Acht oder neun von ihnen sind "Profis" der Rest wird von ihnen angelernt.

Der mayoral, der mittlerweile selbst züchtet, gewöhnt die Ochsen von klein auf an Geräusche, Bewegungen und alle Elemente, die ihnen so auf dem Weg zur plaza begegnen. Er selbst wählt später die Besten aus, sie müssen Ruhe ausstrahlen, aber gleichzeitig dürfen sie sich dem Stier nicht unterordnen oder versuchen diesen zu dominieren. Daher werden sie mit 18, 20 Monaten kastriert. Und er trainiert mit dem Nachwuchs täglich. In der Armada hat jeder Ochse seinen Platz und sie müssen auf die Zurufe des mayorals reagieren. Beim Zungenschnalzen geht es Links herum, mit "Wooop" nach rechts. Sie sollen den Stier in die Mitte nehmen und ihn sicher heraus geleiten. Florito selbst ist zu Fuß mit dabei, bewaffnet mit einem langen Stock, dirigiert er seine Tiere vom Rand aus, mit Stimme und Gesten. Im Idealfall sind seine Truppen und der toro bravo in zwei Minuten verschwunden. Aber mitunter verweigert der Stier selbst da die Mitarbeit und maestro Florito legt selbst Hand an, mit seinem Stab und seiner Jacke, lockt er das Tier vom callejón aus zum toril, worin er letztendlich verschwindet.

All das ist nur ein Teil seiner Arbeit während der feria. Er ist dabei, wenn die toros abgeladen werden, er verbringt sie in die corrales und reinigt diese. Auch die Besichtigung durch die Tierärzte, die Auslosung der Stiere, sowie der Griff zur puntilla, dem tödlichen Messer, wenn Stiere zurückgewiesen werden, all das gehört zu seinen Aufgaben. Florito, wer ihn mit seinen cabestros sieht, kann staunen, ein aufrechter, stolzer Mann, der im „Arte de tauromaquia“ ein Platz gebührt.

Dienstag, 14. Januar 2014

Puerto de Santa María




von Colin Ernst


Über die merkwürdigen Anforderungen eines Rathauses
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Schon zum Jahresende 2013 wurden Ausschreibungen veröffentlicht, für diverse plazas de toros. Die Verträge mit dem alten empresarios liefen aus, oder wurden nicht erfüllt, seitens des Selben, was zur Kündigung führte, wie in Zaragoza geschehen. Dort wurde der Betreiber der plaza rausgeklagt, weil er die Forderungen und Zahlungen an das Rathauses nicht geleistet hatte.


Eine der plazas die nun zur Ausschreibung anstehen ist die plaza von El Puerto de Santa María (Südandalusien). Der vormalige empresario hat sie arg vernachlässigt. Als ich diese, im letzten Winter, nach dreijährigem, vergeblichen Besuchen endlich offen vorfand, war das Entsetzen groß. Die puerta grande, schön mit Stierköpfen geschmückt, war noch der beste Eindruck, dieser plaza, die schon alle Größen des toreo gesehen hat. Das Rondel, war grün von Gras und Unkraut. Der Sand über dem toros und toreros der Geschichte Blut vergossen hatten, überwuchert von Grünzeug – Una pena, eine Peinlichkeit, das Wort dafür!. Das museo taurino – ein Witz. Drei verlauste ungepflegte Stierköpfe und ein paar carteles und Erklärungen zur Geschichte, das war es. Der Besuch war gratis, daher habe ich nicht schlecht über diesen Besuch berichtet. Aber es war klar ersichtlich, das hier nur übergepinselt wurde, nichts wurde wirklich in Ordnung gebracht. Der Rost frisst, die Farbe blättert und der empresario hat auf Jahre nichts an dem Zustand geändert. Nach ernsthafter Aufforderung im letzten Jahr hat er der plaza ein wenig Make-Up verpasst, das war es. Nun steht die plaza offen für neue empresarios, die sich an ihr bereichern – so scheint es. Wer aber die Forderungen des Rathauses an den empresario durchrechnet, kommt hier zu einem anderen Ergebnis. Schon in den vergangenen Jahren hatte ich mich mit Freunden, aficionados aus El Puerto, über die Situation unterhalten, keiner war glücklich über das Trauerspiel um den coso puerturense. Carmelo Garcia, der empresario der plaza von Sanlúcar de Barrameda, Tarifa und Utrera, welche er mit seinem alten Freund und banderillerokollegen Antonio Caba betreibt, wollte sich auch um die plaza in El Puerto bemühen. Er hat hart gearbeitet, um der Stadt ein angemessenes Angebot zu machen… Angesichts der Forderungen der Stadt, wird er keine Bewerbung abgeben. Ausschreibung: Fast ein jährlich Gebühr von 20.000€:

 Canon anual variable porcentaje de taquilla, un 3 por ciento de los ingresos brutos susceptibles de mejorar al alza (este apartado supone 45 puntos sobre 100 a la hora de la puntuación): 120.000€. (Jährliche Beteiligung an den Einnahmen der Kasse, variabel)

 Obras de Mejora  (Inversión total 40.000€) Repercusión anual: 10.000 € )(Verschönerungsarbeiten – eine Summe, mit der man bei dem Zustand der Plaza nicht auskommt)

Inversión total Museo, sala exposiciones, tienda… Repercusión Anual: 8.000 € (Geld für das Museum, Ausstellungssäle und Geschäfte, auch hier ist der Zustand das Problem)

 Impuesto IBI anual del inmueble: 30.000 € (Mehrwertsteuer und ähnlichen Abgaben)

Luz y Agua. Cláusula 14ª Pliego (Plaza abierta 360 días al año) Anual: 38.000 € (Strom und Wasser für ein Jahr, recht teuer...)

 Mantenimiento anual inmueble con las indicaciones del pliego: 30.000 € (Instandhaltung)

Impuestos y Arbitrios actuales. IAE, licencias, etc. Cláusula 14ª Pliego: 40.000 € (en este apartado en la Cláusula 14ª también dice “y los que se puedan crear durante la Vigencia del contrato). (Steuern und Abgaben)

Personal Contrato anual para las Visitas, Seguridad, Limpieza: 40.000 € (Wenig für das Personal, welches zu Feriazeiten mit zehn Mal mehr Personal rechnen muss.)

Obligación contratación Ingeniero y Periodista con experiencia en Plaza de Andalucía. Cláusula 16ª apartado 11, gasto anual: 45.000 € ( Bezahlung von einem Ingenieur und einem Journalisten, also für zwei Leute, während die Bezahlung für das restliche Personal, noch darunter liegt.)


TOTAL: 381.000 .-€ pro Jahr, bei einem Vertrag über vier Jahre. Die plaza verfügt über ca. 12.000 Sitzplätze, der abono kostete zwischen 850.- € und 450.-€, die Einzelkarten liegen bei ca. 160 und 60 Euro für die corridas, novilladas und rejoneo sind günstiger…  Fast 400.000 Euro und noch ist kein cartel geschrieben, keine ganadería in den corrales und noch keine Werbung gemacht!. Und dies alles angesichts der bescheidenen Lage in der sich nicht nur der mundo taurino von El Puerto befindet sondern die ganze Stadt. Cádiz und Jerez sind die Metropolen, und El Puerto ist nicht in der Lage, diesen, Besucher abzutrotzen. Als eine der größten plazas der Region müsste sie eigentlich triumphieren. An den carteles kann es nicht liegen, figuras und führende ganaderías sind präsent gewesen.

Nur knapp 90.000 Einwohner aber eine plaza de toros für 12.687 Zuschauer.
Und fast alle grossen figuras sind dort angetreten.
Alles in Allem, braucht diese plaza eine Bluttransfusion. Blutgruppe TTA – Toros, Toreros y Afición um wieder auf zu leben. Die absurde Forderung des Ayuntamiento, besonders in diversen Posten wie Renovierung Beschäftigung und Nebenkosten, aber kein Etat für Werbung, usw. Die Stadt begründete die Kritik ihrer Forderungen, seitens der empresarios, als Strategie von Simon Casas, der sich angeblich auch diese plaza einverleiben möchte, und so den Preis drücken will. Als Manager einer plaza sind diese Forderungen inakzeptabel, die Herren wollen ja verdienen, sind kein wohltätiger Verein. Und die Stadt fordert nur… was gibt sie, um ein Spektakel zu organisieren…?

Für Carmelo Garcia sind die Forderungen schlicht zu hoch, Simon Casas empört sich, das er sogar Strom und Wasser der plaza zu bezahlen hätte und erklärt dass er gar nicht daran dächte, die plaza zu managen.

Wo aber liegt die Lösung? Selbst die sozialistische Partei von El Puerto, die PSOE, empfindet die Forderungen als weltfremd. Wenn alle so denken, sollte das Paket noch einmal überdacht werden, oder eine Ausschreibung ohne diese Bedingungen stattfinden, so kann jeder empresario seine Ideen präsentieren. Ein Manager vom Kaliber Simon Casas wäre nicht das Schlechteste, er hat Geld und Background. Aber ich wünsche mir einen empresarios wie Carmelo Garcia für El Puerto, einen Mann, von dem ich weiß, das er sein letztes Hemd für die plaza gibt und über klare Ideen für eine corrida und das Erhalten und Gestalten einer plaza verfügt und im mundo taurino bekannt und geachtet ist. Da er weder toreros managet, noch mit einer bestimmten ganadería „verheiratet“ ist, ist er frei von allen Einflüssen und könnte sich als Glücksgriff für El Puerto erweisen, denn er ist in dieser schönen Ecke von Andalusien aufgewachsen und kennt die Menschen dort, was für mich ein Pluspunkt ist. Ich bin gespannt, wie das Spiel ausgeht und wünsche meinen Freunden in El Puerto, den aficionados, das der coso endlich wieder den Platz einnimmt, der dieser plaza gebührt.

Montag, 13. Januar 2014

Europa und der Stier (3. Teil)

Gedanken zum europäischen Umgang mit der mundo de los toros
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von Torodora Gorges


Die schottische Autorin A.L. Kennedy gilt als talentierte Schriftstellerin. Ihr Buch „Stierkampf" ist das zweite von drei ihrer auf Deutsch vorliegenden literarischen Werke. Zugang zum Thema sucht sie auf sehr subjektive Weise. Im Oszillieren zwischen fiktiver Literatur und Journalismus entsteht eine Art von Reisebericht. Sie konfrontiert ihre persönliche Befindlichkeit und Sensibilität mit einem großen Faktenwissen und setzt ihr psychosomatisches Leiden in Beziehung zu den Qualen der Kreatur. Dass sich ein Schriftsteller symbolisch ständig dem Todesstoß ausgesetzt erlebt, Literatur demnach der Tauromachie vergleichbar sei, erkannte vor ihr bereits Michel Leiris. In erster Linie sucht Kennedy in der corrida de toros emotional-affektive und transzendentale Elemente, von denen sie auch ihren Schreibprozess bestimmt sieht.

Ich schreibe dieses Buch, weil ich auf der Suche nach Glauben bin", erklärt sie im Eingangskapitel „Begegnung mit dem Tod". Im Kapitel „Glaubensakte" erwägt sie mögliche Gemeinsamkeiten in den religiösen Wurzeln der corrida und dem Autodafe der Inquisition. Durchgängig kämpft Kennedy mit ihrer zunehmenden Faszination für das blutige Ritual und dem moralischen Gebot des Tierschutzes. Sie informiert gründlich und unterhaltsam, wenn auch für Stierkampfkundige – wie sie selbst einräumt – keine Novitäten geboten werden. Details behandelt sie dabei bisweilen großzügig: dem im 19. Jahrhundert berühmten Stierkämpfer Antonio Sánchez, „El Tato", musste nach einer Hornverletzung das Bein amputiert werden. Man verfiel auf die etwas makaber anmutende Idee, das verlorene Bein des beliebten Madrider toreros in Formalin zu konservieren und diese Reliquie im Schaufenster einer Apotheke auszustellen. Das so zur Schau gestellte Bein – und nicht die Prothese des toreros – wie Kennedy irrtümlich angibt – wurde später bei einem großen Brand ein Opfer der Flammen. Mit der schriftstellerischen Freiheit geht die sachliche Genauigkeit glücklicherweise nur bei der Schilderung weniger Fakten verloren.

Mit besonderer Faszination liest man das letzte Kapitel „Tor der Angst". Überaus eindrucksvoll und mitreißend schildert die Autorin ihre Erlebnisse als Zuschauerin von verschiedenen Stierkämpfen mit gegenwärtig populären toreros in der Arena La Maestranza von Sevilla. Es gelingt ihr, den Leser miterleben und mitleiden zu lassen, was sie empathisch-literarisch auf die an der corrida Beteiligten – Tier und Mensch –projiziert. Sie beschreibt die corrida als Erfahrung eines religiösen Mysteriums und bezieht sich damit auch auf Federico García Lorca, der seinem Freund, dem vom Stier getöteten torero Ignacio Sánchez Mejías, durch seine Totenklage ein unvergängliches Denkmal setzte.

Für Stierkampfinteressierte – seien es Befürworter oder Gegner – ist die Lektüre aller drei Neuerscheinungen empfehlenswert, auch wegen ihres überwiegend nüchtern-sachlichen Stils (abgesehen von A.L. Kennedys Transzendenzanmutungen). Die Autoren verzichten auf Pathos und Schwulst, wie sie oft in Büchern spanischer Herkunft zur rechtfertigenden Abwehr stierkampfgegnerischer Positionen zu finden sind. Es wird nicht zu leugnen versucht, dass die Ansprüche an ein Gelingen des Rituals zwischen Stier und Mensch oft grausam scheitern und die Interaktionen barbarisch tierquälerisch entgleisen können. Dies – wie die Autoren - vor allem der heute praktizierten, stark kommerzialisierten Form der corrida anzulasten, kommt jedoch zu sehr einer nostalgischen Verklärung guter alter Zeiten gleich.

Hier noch eine Anmerkung: Für Stierkampfgegner oder distanzierte Skeptiker, sofern sie ausreichend Spanisch verstehen, dürfte die Lektüre einer 2001 in Madrid erschienenen Publikation interessant sein. Unter dem Titel „Antitauromaquia" hat Manuel Vicent seine seit 20 Jahren regelmäßig für die Tageszeitung „El Pais" geschriebenen Artikel aktualisiert und veröffentlicht. Brillant und höchst polemisch kämpft er in der Form des Pamflets gegen alle denkbaren Stierkampf befürwortenden Argumente aus den dunklen Bereichen seiner Nation, dem „España negra y irracional". Unverhohlen empört und drastisch-schonungslos prangert er die blutigen „Massaker" an, die als Kultur getarnten und vom spanischen König applaudierten Torturen, die einer demokratischen humanen Gesellschaftsform in einem vereinten Europa unwürdig seien. -

Werfen wir zuletzt noch einen Blick auf ein literarisches Meisterwerk, das 1926 in Paris ersterschienen war und vor wenigen Jahren (1998, Steidl) bei uns neu aufgelegt wurde: „Tiermenschen". In diesem autobiographischen Roman lässt Henry de Montherlant, selbst ein leidenschaftlicher „aficionado", der in jungen Jahren eigene Erfahrungen als torero gemacht hatte, einen alten spanischen Herzog gegen anti-taurinische Vorbehalte raisonieren: „Man weiß sehr wohl, daß der Stierkampf in unserm Lande der große Bindestrich zwischen den verschiedenen Ständen ist. Man hat es darauf abgesehen, durch die Vernichtung des Stierkampfes die Einheit der spanischen Seele zu vernichten".

Heute, viele Jahrzehnte später, in der Aera der europäischen Union, wird um den Stier(kampf) nach wie vor polemisiert, argumentiert, gestritten und gekämpft. Vermutlich wird er die zunehmende Einheit Europas weder gefährden noch gar vernichten. Vielleicht wird Europa auf den Kampf-Stier in seiner irritierenden, vielfältige Projektionen zulassenden Faszination genauso wenig verzichten können wie auf den Stier-Kampf mit seinen Ambivalenz und Widerspruch beinhaltenden und auslösenden Funktionen.


Kaum bekannt durch die Medien wurde als Folge der Anschläge in den USA, dass in Eriwan / Armenien nach Überwindung verschiedenster Hindernisse am 7. September im Jahre 2001 eine corrida mit spanischen toros und toreros stattfand. Ein Land, bisher europäischer Außenseiter, nähert sich Europa über den Stier, - eine absurde Vorstellung?

Sonntag, 12. Januar 2014

Europa und der Stier (2. Teil)

Gedanken zum europäischen Umgang mit der mundo de los toros
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von Torodora Gorges


Im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts hatte Kurt Tucholsky im südfranzösischen Bayonne – grenznah zu Spanien – einem Stierkampf beigewohnt. Mit seiner unnachahmlich satirisch-kritischen und trotz aller Distanziertheit anschaulich-mitreißenden Darstellung lässt er den Leser in seinem „Pyrenäenbuch" teilhaben am Erlebten. Er schafft es überdies, in aller Kürze nonchalant-nebenbei einen brillanten kulturhistorischen Abriss der „corrida de toros" zu geben, deren ihn überwältigenden ambivalenten Eindruck er schließlich so resümiert: „Eine Barbarei. Aber wenn sie morgen wieder ist: ich gehe wieder hin."

75 Jahre sind seither vergangen. Zum empörten Entsetzen der Tierschützer hat das Interesse und der Zulauf zu den corridas in den letzten Jahren stetig zugenommen, nur leicht gebremst durch die BSE-Krise im vergangenen Jahr. Zweifel, ob Spanien wegen dieses Makels „europafähig" wäre, bleiben politisch folgenlos. Nicht nur in ihrem Ursprungsland, sondern auch in Südfrankreich breiten sich die Stierkämpfe mehr und mehr aus. Entgegen anderen Behauptungen werden auch dort die Stiere durch den Degenstoß in der Arena vor den Augen des Publikums getötet. Die gesetzliche Erlaubnis dazu besteht seit 1951.

Europa und der Stier! Welche Menschen nun lassen sich anziehen und fesseln von dem Schauspiel, das andere rundheraus als unzeitgemäßes blutig-sadistisches Hinrichtungsspektakel ablehnen? Neugierige und häufig schlecht informierte Touristen, die den folkloristischen Angst-Lust-Kick suchen, erliegen nicht so zahlreich der Faszination des archaischen Rituals, dass sie – wie oft behauptet – für den Tod von immer mehr Stieren in der Sommersaison verantwortlich zu machen wären. In der Regel wiederholen sie ihren Besuch in der Arena nicht. –

Worin besteht für Kenner und Liebhaber des Stierkampfs seine ungebrochene Attraktivität? Was reizt Zuschauer, denen keine besondere Neigung zu gewaltsamen Impulsen oder primitiver tierquälerischer Lust nachzuweisen ist, zum wiederholten, regelmäßigen Besuch der ritualisierten Interaktionen zwischen Stieren und Menschen? Wie ist es zu erklären, dass überzeugte Anhänger dieses Geschehens, also „Fans" des Stierkampfs, sich „aficionados de los toros" nennen, soviel wie (begeisterte) „Liebhaber der Stiere"?

Drei Bücher zum Thema „Stiere" sind unlängst erschienen, in denen diesen Fragen nachgegangen wird. Die Verlage setzen offenbar bei den deutschsprachigen Lesern ein ausreichendes Interesse an diesem brisanten, politisch so wenig „korrekten" Thema voraus.

Gemeinsam ist den drei nordeuropäische Autoren - es sind die schottische Literatin A.L.Kennedy, Stierkampf; der Kärntner Journalist Harald Irnberger, Toros y Toreros; und der deutsche Ethnologe Karl Braun ¡Toro! – eine vorurteilsfreie, um Verstehen und Verständnis bemühte Auseinandersetzung auf dem Hintergrund umfassender theoretischer, aber auch aus eigener Anschauung gewonnener Sachkenntnisse. Alle drei konfrontieren den Leser mit ihrer Ambivalenz und den Konflikten, die wohl jeden Teilnehmer und Beobachter, der gegenüber dem Stierkampfritual sympathisierende Neigungen entwickelt, immer aufs neue „anfechten" dürften.

Es gibt ein Leben vor dem Tod am Nachmittag" - so untertitelt H. Irnberger sein Buch „Toros y Toreros". In Abwandlung des Titels „Tod am Nachmittag" erweist er dem „Meister" Hemingway Referenz, dessen Lektüre ihn in jungen Jahren zunächst zum „angelesenen" und später zum leibhaftigen „aficionado" geprägt hat. Irnberger weiß, dass viele spanische Stierkampfkenner aus unterschiedlichen Motiven nicht mit Hemingways Einschätzungen und Beurteilungen einverstanden sind. Sein eigener Versuch, Jahrzehnte später dem berühmten Hemingway-Brevier einen überfälligen „Anhang" anzufügen, ist so gut gelungen, dass es dessen Lektüre evtl. ersetzen könnte. Kurzweilig, humorvoll und anekdotenreich referiert Irnberger Wissenswertes über Stiere und Menschen, die miteinander und voneinander leben. Sozusagen hautnah erlebt er seit vielen Jahren in Andalusien die Allgegenwart des Stiers in der Alltagsöffentlichkeit. Der Leser kann den Lebenslauf eines toro bravo (Kampfstier) von der Geburt bis zum Todesstoß in der Arena exemplarisch ebenso nachvollziehen wie die Entwicklung eines toreros vom novillero (Neuling, Novize) zum matador de toros (dem Meistertitel oder der Promotion vergleichbar). Im Hinblick auf die Tradition der Kampfstierzucht informiert Irnberger über geschichtliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Er setzt sich mit den Argumenten der Gegner des Stierkampfs auseinander, er kritisiert den verstärkten Trend zu Kommerzialisierung und Banalisierung und beschäftigt sich mit der schwierigen Rolle der Frau in diesem Männerberuf. Große toreros der Vergangenheit werden vorgestellt und zitiert, etwa Belmontes Definition: „Der Stierkampf ist eine spirituelle Übung. Er findet vor allem im Kopf statt. Er ist eine wirkliche Kunst". Enrique Ponce, ein derzeit sehr berühmter Stier-„Künstler", ergänzt: „Das Wichtigste ist, dass der Kopf gut funktioniert. Stierkampf ist nichts für Idioten." Gleichzeitig beklagt Irnberger, dass gerade in der gegenwärtigen Situation große Könnerschaft oft ohne Anerkennung und Verdienst bleibt, während Mittelmass, Leichtsinn, Clownerie und Geldgier („das Ende der Würde") triumphieren. Seine Sorge um den kulturellen Niedergang der fiesta nacional ist verständlich! Die im Klappentext von Irnbergers Buch vertretene Meinung: ..."das traditionelle Drama vom Sterben des Stiers ist zur vulgären Schmierenkomödie verkommen" kann dennoch nicht generalisiert werden.

Nach Karl Brauns Ansicht beruhen die Konflikte um den Stierkampf in Europa auf interkulturellen Missverständnissen. In seinem Buch „¡Toro! Spanien und der Stier" versucht er, die soziokulturellen und psychologischen Hintergründe der corrida aufzudecken und Nicht-Spaniern einsichtig zu machen. Im ursprünglichen Sinn bedeutet corrida de toros der Lauf mit den Stieren. Durch die San-Fermin-Fiesta in Pamplona weltweit bekanntgeworden, wird dieser oft lebensgefährliche Brauch - weitaus weniger spektakulär jedoch – besonders in ländlichen Gegenden bei festlichen Gelegenheiten (z.B. zu Ehren von Heiligen) praktiziert. Braun berichtet über traditionelle örtliche Stierfeste und deren Verwurzelung im Mythos.

Kaum zu vermuten bei dem volkstümlich-lärmenden, ziemlich derben Treiben ist hinter dem Unterhaltungswert des Stierlaufs noch dessen unbewusste symbolische Bedeutung als Opfer- oder Fruchtbarkeitsritual. Das anschließende gemeinsame Verzehren des Stiers im Dorf z.B. gibt noch Hinweise auf den versöhnend-vereinenden Opfermahlcharakter. Unter Bezugnahme auf einen folkloristischen Text fokussiert Braun seine These: „Dass der Stier es ist, der ein menschliches Mit-Opfer fordern kann, daraus entspringt die Aggression gegen den Stier; daß der Stier im allgemeinen das den Menschen entlastende Opfertier geworden ist, daraus entspringt die große positive Emotion für den Stier..." in Spanien.

Nach einem Rückblick auf den vorchristlichen Kult um Artemis, die „von Stieren umgebene Göttin", geht Braun in einem prähistorischen Exkurs auf Mutter-Göttinnen ein, die nach dem Vorbild des Mondes (die Sichel gleichgesetzt mit dem Stierhorn) Leben und Wiedergeburt symbolisieren. Die heidnischen Göttinnen wurden „christianisiert" und als „Virgenes" (Heilige Jungfrauen) in den Dienst der katholischen Kirche genommen, in deren Schutz in Spanien, dem „Marienland schlechthin" – so Braun - die volkstümlichen Bräuche um den Stier praktiziert werden.

Was den Zuschauer der modernen corrida de toros (den Stierkampf in der Arena, wie er seit mehr als 200 Jahren ausgeübt wird) erwartet, bringt Braun auf folgende Formel: „Die corrida ist kein Kampf, nicht einmal ein Wettkampf... Es ist kein Treffen zweier gleichwertiger Gegner; der Stier ist Mittel nur zu einem einzigen Zweck: die mit Risiko verbundene Fähigkeit des Menschen (zu zeigen), sich ungebändigte Natur zu unterwerfen..." Der Ablauf einer corrida einschließlich des Tötungsakts ist durch strenge Regeln kontrolliert; von sadistischen Impulsen oder Blutlust seitens der agierenden oder zusehenden Personen könne keine Rede sein, meint Braun. Er fragt nach dem Ursprung der starken gefühlsmäßigen Bindung des spanischen Volks an seine fiesta nacional. Eine der in Erwägung gezogenen Theorien lautet: Mit dem Niedergang der berittenen Adels-Corrida gegen Ende des 18. Jahrhunderts übernahm das (Fuß-)Volk die Stierspiele. Aus den zunächst wilden, ungebändigten Interaktionen entwickelten sich die wohl geordneten strengen Formen, die nach der Tradition bis heute für die corrida gelten. Demnach könnte – in einer provokativen These - die Aufklärung als Nährboden des Rituals der corrida de toros gelten.

Gegen Ende des Buches, bevor er in einem letzten Kapitel „Das Töten und die Ordnung in der Kultur" – auch hier wieder unter kulturhistorischen, philosophischen oder psychoanalytischen Aspekten - thematisiert, erlaubt sich Braun die Forderung, dieses Ritual in die Reihe der zu schützenden Kulturgebilde aufzunehmen.. Mit ironischem Hinweis auf „allenthalben stattfindende Denkmalsucht und Musealisierung" wagt er die Frage: „Haben kulturgeprägte Interaktions- und Sozialformen, die noch intakt sind, etwa weniger Rechte als von Kultur geschaffene materielle Objektivationen?"

Im bibliographischen Anhang dieser beiden Stierkampf-Fachbücher sucht man als Kenner bedauerlicherweise vergebens den Namen des Autors Lorenz Rollhäuser, der 1990 bei Rowohlt „Toros, Toreros" veröffentlicht hat. Die Lektüre dieses Sachbuchs, das höchst mitreißend und originell geschrieben ist, bedeutet neben der fachlichen Bereicherung einen intellektuellen Genuss, auf den ein Hinweis sich unbedingt gelohnt hätte.

---> Europa und der Stier (3.Teil) folgt