


Fast alle Tierschutzorganisationen sprechen von der Stierkampf-Lobby. Der Mafia der tauromaquia. Skrupellose Promotoren die sich in einer Art Geheimbund organisieren und von dort aus ihre Fäden ausstrecken. Mit ihrem Machtimperium kontrollieren sie alle spanischen Medien, sogar Polizeiangaben sollen beeinflusst worden sein. Prominenz aus Kultur, Politik, Sport und Wirtschaft stehen auf ihren Gehaltslisten und sind gern gesehene Gäste bei den corridas de toros. Und schliesslich wagen sie es, die Macher der Sierkampfszenerie, auch noch Subventionen zu erhalten. Die Stierkampfarena sei eine Plaza Nostra, ein Sündenpfuhl, wo gewalttätige Machos ihren perversen Vergnügen nachgehen können. Natürlich zu Gunsten geldgieriger Mafiosos und auf Kosten armer Lebewesen.
in die Metropole zu werfen. Schliesslich wollte man doch auch wissen, was da auf einen zukommen könnte. Während die taurinos sich fragten, welche Zahl an Demonstranten zum Nachdenken anrege, beschäftigte die Veranstalter eher die Frage nach dem Minimum an Beteiligung um überhaupt irgendetwas in Bewegung setzen zu können. Und schon lesen wir bei der antitaurinisch eingestellten Zeitung Público, dass die Organisatoren eine Beteiligung von an die 25.000 Personen angeben. Um dem nicht zu widersprechen bezifferte man dann im selben Blatt die Beteiligung als “Miles de personas” (Tausende von Menschen), ohne dabei irgendwie konkret zu werden.
Zwei- bis dreitausend Demonstranten! Was sagt uns diese Zahl? Doch so viele oder nur so wenig? Vergleicht man diese Zahlen mit den Zuschauerzahlen von Stierkämpfen in Madrid ist die Erkenntnis eindeutig. In den Monaten Mai und Juni gibt es allein in der plaza de toros von Madrid 36 Stierkämpfe. Bei einer Kapazität von 24.000 Zuschauern käme man auf die stolze Zahl von über 850.000 verkauften entradas. Natürlich, nicht alle Tage sind gut besucht, aber auf eine Zahl kann man sich sicherlich einigen. Denn mehr als eine halbe Million werden es schon sein. Wahrscheinblich an die 700.00'0. Und wenn man dann dieses, man kann ruhig sagen, etwas grössere Häufchen an antitaurinos gegenüberstellt, liegen die Demonstranten bei weit unter einem Prozent. Das ist weder genug noch politisch gesehen irgendwie relevant.



In der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 ist zu lesen: “Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.” Dabei findet der letzte Teil, “ohne Rücksicht auf Grenzen” beim Tierschutz sicherlich seine eigene Interpretation.
Um ihr Ziel eines
europaweiten Verbotes von Stierkämpfen näher zu kommen, scheint den antitaurinos fast jedes Mittel recht. Gerade am Dienstag dieser Woche konnten wir beim Internetportal von SOS Galgos einen Boykottaufruf spanischer Waren zur Kenntnis nehmen. Als Erklärung heisst es, “das Land steckt in der Krise, das Gesundheitssystem ist schlecht, Kranke warten monatelang auf einen Operationstermin, für jedes “OLÉ” welches man schreit, bleibt ein weiterer Patient ohne Operationssaal und vielen spanischen Familien steht das Wasser bis zum Hals.” Mit anderen Worten, durch den Boykott wird letztendlich dem Patienten geholfen. Dies zu glauben sei einem jeden selbst überlassen.
Die Organisation tierdach.de ruft zum Boykott spanischer Sponsoren auf. Hier wird die Liste allerdings lang (siehe Stierkampf in der Werbung). Besonders bezieht man sich da auf IBERIA, weil sie mit dem torero El Juli werben sowie die Firmen Volkswagen, Cadillac, Renault, Daimler Chrysler, Easy Jet, Jim Beam und Lidl. Auch Bücher und Touristenführer stehen im Schussfeld, die nur andeutungsweise neutral über den Stierkampf berichten.

Die Tierrechtsbewegung Flensburg zielt auf die Reisebranche: Boykott von Reisebüros, Reiseveranstaltern, Hotels und Restaurants. Dabei soll man sich auch die Mühe machen den jeweiligen Institutionen mitzuteilen, warum man deren Dienstleistung nicht in Anspruch nimmt. Die deutschen Organisationen animal 2ooo und die Initiative Anti-Corrida haben per Internet zu einem generellen Tourismusboykott aufgerufen, wie auch die Arbeitsgemeinschaft Tier & Welt von einem konsequenten Boykott der Luftlinien und der Touristikbranche spricht.
Bei Foren zum Tierrechtsdiskurs wird generell gefordert Spanien konsequent zu boykottieren. Dieser allgemeine Spanienboykott findet sich allerdings auch auf anderen Anti-Stierkampf-Portalen.
Vor einem Jahr wurde ich von einer lokalen Anti-Stierkampf-Organisation sogar zu einem Boykott einer Picasso & Goya –Ausstellung in Fuengirola aufgefordert, weil es dort Exponate mit Stierkampfmotiven zu sehen gab.
Diese Aufzählung könnte sicherlich noch unentwegt fortgesetzt werden. Souvenirläden, Kunstobjekte, Museen, Theater und Opernhäuser etc.. Alles sei radikal zu boykottieren. Den Empfehlungen eines Boykotts scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Und was ist mit dem Danach? Dem Fleisch der toros nach einer corrida? Den Verzehr auch boykottieren?
Glauben überzeugte Tierschützer wirklich, mit diesen Boykottmassnahmen nur annähernd etwas erreichen zu können? Besinnen wir uns, die Welt der Stiere lebt nicht vom Tourismus (Der grosse Irrglaube: Stierkampf sei für den Tourismus). Auch fügt ein Boykott anderer ökonomischer Betriebe dieser Branche keinen finanziellen Schaden zu. Mal ehrlich, ob nun eine Fluglinie wie IBERIA wirtschaftliche Verluste erleidet, das interessiert aus dem Umfeld der tauromaquia doch wirklich keinen. Und grosse Konzerne wie Daimler, Volkswagen, Lidl und Co. werden bei Umsatzverlusten ganz bestimmt nicht in der Welt der toros die Schuldigen suchen oder gar vermuten.






Wie soll das gehen?
Nehmen wir mal an, es würde den Tierschützern gelingen einen solchen Einfluss auf die Politiker zu bekommen, um eine Abschaffung der Stierkämpfe zu bewirken. Was würde eine abolición de la tauromaquia, sagen wir mal im nächsten Jahr bewirken?
Denn ein solches Verbot wirft zunächst folgende Fragen auf:
Fragen aber fast keine Antworten.
Was sagen die Tierschützer?
Fragt man einen antitaurino, wie er sich die Abschaffung von Stierkämpfen vorstelle, und mit welchen wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Konsequenzen zu rechnen sei, wird man angeschaut als ob man von Marsmännchen erzähle. Tierschützer fordern bekanntlich die totale Abschaffung von Stierkämpfen in Europa. Aber über die möglichen Konsequenzen für die betreffenden Länder (Spanien, Frankreich und Portugal) haben sie wohl dabei noch nicht nachgedacht. Ist ihnen nicht mal in den Sinn gekommen. Jüngst nahm Sandra B. aus Marbella, eine überzeugte antitaurina, wie folgt Stellung: “Die haben das ganze Leben lang Stiere gequält, damit sehr viel Geld verdient, und da geschieht es ihnen nur recht, wenn sie jetzt selbst dafür zahlen müssen”. Kann man den Meinungen einiger Tierschützer glauben schenken, so sollen die Geschädigten sich selbst überlassen werden. Und ob das eine demokratische Alternative ist, sei mal dahingestellt.
Und was meinen die Politiker?
Auf nationaler Ebene fürchtet man am Beispiel von Spanien bei einem Stierkampfverbot vor allem zwei Dinge. Erstens: Spanien steuert eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent an. Da können sie so einen weiteren Brocken von bis zu 150.000 joblosen Personen nun wirklich nicht mehr gebrauchen. Zum anderen ist der Stierkampf nach wie vor zu populär. Das erkennt auch der sozialistische Regierungspräsident Rodriguez Zapatero, der nach verschiedenen Vorstössen durch seine Partei schliesslich seine Mannen zurückpfiff und in der Tageszeitung ABC verkündete, dass der Staat “no tiene ninguna intención de hacer nada contra los toros”, also nicht die Absicht habe, gegen den Stierkampf vorzugehen. Das Wählerpotential unter der afición sei einfach zu groß.
Auf europäischer Ebene sieht es ein wenig anders aus. Dort herrscht keine Furcht vor Wähler-Verlust. Allerdings scheinen die 785 Abgeordneten nur recht einseitig von den Antragstellern informiert worden sein. Obwohl einige Vertreter aus der Stierkampfszene für wenige Tage beim Parlament präsent waren, um ihre Welt der toros zu vertreten hat es eine ernsthafte Auseinandersetzung über die Konsequenzen wohl nie gegeben. Verschiedene Schreiben an die Abgeordneten wurden im Sinne der tauromaquia sehr oberflächig gar unbefriedigend beantwortet: "Angesichts der Folgen, die sich bei einem Verbot der Stierkämpfe ergeben würden, ist es natürlich zu bedauern, dass so viele Menschen ihre Arbeit verlieren. Allerdings steht der Schutz des Arbeitsmarktes nicht über allen Gütern." Oder:
"Auch wenn ich prinzipiell ein Verfechter des Subsidiaritätsprinzips bin - insbesondere wenn es den Bereich der Kultur betrifft - so besteht doch Handlungsbedarf seitens der EU, wenn Mitgliedstaaten nicht vertragskonform handeln. In diesem Fall können auch wirtschaftliche Gründe nicht geltend gemacht werden." Schliesslich: “Wir danken Ihnen für den Hinweis. Ich muss zugeben, mir darüber noch keine Gedanken gemacht zu haben. Ich werde es aber im Arbeitskreis anregen”. Mit anderen Worten, auch Europa ist auf eine mögliche abolición de la tauromaquia so gar nicht vorbereitet.
Aber eines dürfte klar sein. Ein Ende der Stierkämpfe wird Europa sehr viel Geld kosten. Und ob diesen Aufwand die Bürger der Europäischen Union bereit sind zu leisten, steht auf einem anderen Papier.
Und was machen dann die Stierkämpfer
Bei einer Abschaffung von Stierkämpfen werden bis zu 150.000 direkte wie indirekte Arbeitsplätze vernichtet. Eines der Probleme der ungefähr 70.000 direkt Involvierten ist, ein großer Teil hat nichts anderes gelernt, als die Welt der toros. Sie benötigen nicht nur einen neuen Arbeitsplatz, sondern sie müssten erst einmal umgeschult werden. Ein teures Vergnügen für den Staat.
Über die Perspektiven der Züchter
Ein Anfrage bei dem Verband der Stierzüchter, dem Departmento de Comunicación de la Union de Criadores de Toros de Lidia, kurz UCTL, wie sie im Falle einer abolición de la tauromaquia ihre Zukunft sehen, fand zügig eine Reaktion: “Muy negativamente en el ámbito de empleo y muy negativamente en cuanto al mantenimiento de las explotaciones agropecuarias y lo que esto implica en sostenibilidad en condiciones óptimas de la dehesa, lugar donde se crían los animales”. Weder für die Mitarbeiter noch für die landwirtschaftliche Entwicklung lägen interessante Perspektiven ja nicht mal akzeptable Alternativen vor. Das Problem, man könne eben nicht von heute auf Morgen auf Massentierhaltung umstellen, damit es sich finanziell lohnend auswirkt. Auch wären die so genannten dehesas, die Weiden der Kampfstiere dafür vorerst nicht geeignet.
Fazit
Weder Tierschützer noch Politiker haben irgendeine Vorstellung davon, wie man denn im Sinne aller Beteiligten eine Abschaffung von Stierkämpfen europaweit realisieren könnte. Mehr noch, es gab nicht einmal sondierende Gespräche dazu. Und solange antitaurinos weiterhin die afición dermassen verbal beschimpfen, ihr “Menschsein” abwerten, wird es eine solche Annährung nicht so schnell geben.
Subventionen auf dem falschen Weg? So sehen es die Tierschützer
Es scheint nur verständlich, dass Tierschützer auch mit menschlichen Argumenten versuchen zu punkten. So reden sie häufig von einer Stierkampf-Mafia die Millionen verdient, oft auch wegen der Subventionen, und dass man mit diesem Geld wohl viel nützlichere Dinge anstellen könnte. Gerade in der letzten Woche wurde im Beitrag Der grosse Irrglaube: Stierkampf sei für den Tourismus! ein Kommentar darüber geschrieben: “Die Subventionen in Millionenhöhe für die Tauromaquia sollten besser dem spanischen Bürger zufliessen und nicht einigen wenigen Bonzen der Tauromafia”. Und weiter heisst es: “Mit all diesem Geld könnte man in Spanien Krankenhäuser modernisieren oder neu bauen, man könnte genügend ärztliches Fachpersonal bezahlen.” Von Klaus M. aus Bocholt erhielt ich ein Mail mit unter anderem folgendem Inhalt: “Es scheint mir unerträglich, dass es in diesen Zeiten in Europa immer noch so viel Armut gibt. Und statt die Gelder in solche modernen Gladiatorenspiele der Neuzeit, wie den spanischen Stierkampf zu verschwenden, sollte man sich um die Bedürftigen kümmern”. Öffentliche Gelder für Stierkämpfe, dass erzürnt wohl einige Gemüter.
Ungerechtfertigte Gehälter?
Die Zweifel, dass ein José Tomás bei seinem letzten Auftritt angeblich 400.000 Euros erhalten haben soll habe ich ja schon im Beitrag Wenn Wohltätigkeit weh tut! dargestellt. Aber wenn es so gewesen wäre, ist nicht nachzuvollziehen, warum dieses als “nicht vertretbar” interpretiert wird.
Ein berühmter matador de toros verdient im Verhältnis zu anderen Stars aus Sport und Showgeschäft relativ wenig. Es sind vielleicht gerade mal an die zehn toreros, wenn überhaupt, die da pro Auftritt 100.000 Euros oder mehr verdienen. So ein Stierkämpfer muss, gleichwie ein Fussballer, seinen möglichen Triumpf über Jahre hart erarbeiten. Und nur sehr wenige haben es auch wirklich geschafft.
Prioritäten oder schlechtes Gewissen?
Den Übel dabei sehen die Tierschützer wohl im Publikum. Würden diese nämlich ihre Gelder nicht zu den plaza de toros bringen, würde man der so genannten Stierkampflobby die Fundamente entziehen. Also will man den Besuchern, oder möglichen Besuchern ins Gewissen reden, sie informieren, welche Armut es auf der iberischen Halbinsel gibt. Sollte man das wirklich tun?
Jüngst sass ich mit Geschäftspartnern in einem gehobenen Lokal. Die Speisen waren köstlich genauso wie die Rechnung: Fast zweihundert Euros. Schließlich meinte Don Pedro: “Mit dem Geld hätten wir auch für ein halbes Jahr die Patenschaft von einem Kind oder von sechs Kindern für einen Monat übernehmen können”. Ein anderer rechnete weiter: “Und wenn man das umrechnet wären es insgesamt so zwischen 400 und 600 Speisen”. Wir stimmten zu und diskutierten über diese Thematik. Ist es nicht so, dass fast alles was wir machen, so wie wir leben, auch bei aller Bescheidenheit, im Vergleich zu restlichen Welt purer Luxus ist? Da könnte man hinterfragen, nur weil es so viel Elend gibt, sollte man zum Beispiel die besseren Lokale meiden? Nicht mehr bei Hermés einkaufen gehen oder BMW fahren? Darf man seinen kulturellen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden? Sicherlich nicht. Es sollte einem jedem selbst überlassen sein, nach ethischen oder religiösen Werten seine eigenen Prioritäten zu setzen, und sich nicht von Bestimmungen durch Dritte bevormunden zu lassen. Wohlgemerkt, in unseren Breitengraden jedoch unter Anerkennung demokratischer Werte und gesetzlichen Vorgaben.
Was sagt die Wirtschaft dazu?
Nicht alle Stierkampfarenen fahren kostendeckend oder gar gewinnbringend. Zum Beispiel Barcelona, Córdoba und Granada. Hier geht es in erster Linie um die Erhaltung der Tradition der tauromaquia.
Das trifft auch für Stierkämpfer zu. Ein Grund warum sich unter den banderilleros, den so genannten Hilfsstierkämpfern, zahlreiche gescheiterte matadores de toros oder novilleros befinden. Wie oben schon beschrieben, nur wenige schaffen den finanziellen Durchbruch und das gilt auch für viele empresarios.
Aber trotzdem ist der Stierkampf ein gewinnbringendes Geschäft. Direkt wie indirekt werden in Spanien Millionen an Euros umgesetzt. Und in Zeiten der Krise, die natürlich auch die tauromaquia eingeholt hat, scheint es nicht sehr sinnvoll, gerade jetzt einen funktionierenden kompletten Wirtschaftszweig einzustampfen.