Donnerstag, 16. Januar 2014

Morante in New York City




von Dominik Sachsenheimer


Amerikaner zeichnen spanischen torero aus
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Am Dienstag, den 14. Januar 2014 zeichnete der New York City Club Taurino den matador Morante de la Puebla mit einer Ehrenmedallie im Rahmen eines festlichen Diners aus. Der maestro kam mitten in der südamerikanischen Saison zwischen seinem mano a mano mit El Juli in Manizales (Kolumbien) und seinem Auftritt in Leon (Mexico) unverhofft auf ein paar Tage Urlaub nach Manhattan.

Die überaus aktive Präsidentin des Clubs Lore Monnig hielt eine kurze Ansprache, Vize-Präsident und aficionado práctico Robert Weldon verlas die schmissige Laudatio, der er eine Homage an den ebenfalls anwesenden apoderado Morantes, den Ex-matador und Spezialisten für “corridas durasAntonio Barrera voranstellte. Morante nahm die Ehrung wie zu erwarten sehr bescheiden und fast schüchtern auf und beschränkte sich statt langer Reden lieber auf das entspannte Plaudern mit den knapp 50 anwesenden Clubmitgliedern.

Der maestro gab sich als grosser Fan des Boxsports zu erkennen und wollte unbedingt wissen, in welchem der vielen New Yorker er am folgenden Tag wohl trainieren könne. Nach kurzer Diskussion zwischen meiner Wenigkeit und diversen anwesender Journalisten von Sports Illustrated und ESPN einigte man sich auf das legendäre “Gleasons”, nur wenige Schritte auf der anderen Seite des East River in Brooklyn (“el Triana de Nueva York”). Hoffe sehr auf Bilder im Netz von diesem Workout, dem ich leider nicht beiwohnen konnte.

SfA-Mitarbeiter Dominik Sachsenheimer
mit dem matador Morante de la Puebla
In den Gesprächen ums Fitnessprogramm fiel mir allerdings einmal mehr auf, dass selbst matadores, die im traje de luces im Vergleich zu ihren Kollegen eher kompakt wirken, im echten Leben neben mir mittelgrossen und mittelalten Mann knapp 20 Kilo nördlich des Weltergewichts erstaunlich zierlich und schlank daher kommen. Nun denn. Generell wurde während des dreistündigen Abendessens außergewöhnlich viel über die körperlichen Aspekte des torero-Berufs gesprochen, vielleicht auch, weil Morantes Qualitäten als bedeutendster torero-Künstler seiner Generation so schwer in Worte zu fassen sind und mithin gesehen, erlebt, gespürt werden müssen statt analysiert. Von dem banderillero José Antonio Jiménez “Lili” lernte ich zum Beispiel über sein Training des “über die Bande Hechtens” und ausserdem, dass die plaza de Las Ventas zu Madrid bei vielen seiner Kollegen nicht nur wegen des zunehmend verblödenden tendido 7 ein unbeliebter Ort sei, sondern vor allem, weil die dort überdurchschnittlich hohe barrera den Fluchtweg erschwert. Ganz anders sähe das in Frankreich aus und im Süden Mexicos, wo die barreras vieler Arenen eher niedrig ausfallen. Interessante Perspektive eines Insiders.

Der angedrohte Boykott der Maestranza durch die matador-Elite wurde nicht weiter diskutiert, bleibt aber hoffentlich nur ein vorübergehender Schreck.

Einmal mehr zeigte der von aficionados aus den USA, Spanien, Holland, Peru, Kolumbien, Deutschland und Haiti besuchte Abend die Strahlkraft der fiesta “inter”-nacional, was auch die Jungs und chicas von mundotoro und burladero erkannten, letztere gar mit Hinweis auf das hiesige Rauchverbot in geschlossenen Räumen:




In diesem Sinne kann man die Lesern von SfA nur immer wieder auffordern, sich bei jeder Gelegenheit zu den Stieren zu bekennen. Viva la fiesta!

Mittwoch, 15. Januar 2014

Florito

Ein Bericht über die cabestros
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von Colin Ernst 

Man sieht es nicht oft, aber man hat bestimmt schon von ihnen gehört..., von den "cabestros". Das sind die zahmen Ochsen, die bei bestimmten Gelegenheiten den Stier aus der Arena geleitet. In dem Fall, zückt der Präsident ein grünes Tuch, welches anzeigt, das der toro als untauglich in den corral zurück verbracht wird. Nun kommen die sogenannten cabestros zum Einsatz und mit ihnen der cabestrero. Das ist der mayoral der Ochsen, ihr Leiter. Was auf den ersten Blick einfach erscheint, ist eine fortwährende Arbeit mit diesen besonders gezüchteten Rindern, deren Zuchtbasis ursprünglich, zum Teil, die Gleiche ist, wie die der toros bravo. Allerdings wurde bei ihnen das Arbeits.- und Hausrind eingekreuzt, was sich in ihrem Körperbau und ihrem comportamiento, dem Benehmen widerspiegelt. In ganz Spanien bekannt, ist "Florito", der mayoral der cabestros von Madrid. Seine Herde ist eine "autentica obra de arte" ein authentisches Kunstwerk. Kaum einer, der nichts mit Rindviehchern zu tun hat, weiß diese Arbeit zu würdigen.

(Foto: Toros y Toreros)
Florito Fernandez Castillo's Geburt mag wegweisend gewesen sein, er wurde tatsächlich in der plaza de toros von Talavera de la Reina geboren. Er wollte torero werden und in den 80gern trat er als novillero unter dem Namen "Niño de la Plaza" auf. Es erfolgte ein Umdenken und er setzte als dritter mayoral in der Familie die Tradition fort. Sein Debüt, 1993, mit den zahmen Ochsen hatte er in der plaza in der er geboren wurde, Talavera, der empresario von Las Ventas, Chopera, forderte ihn im gleichen Jahr an. Was steckt hinter dieser Arbeit?

Die "mansos" von Florito sind zwischen drei und zwölf Jahre alt. Seine Equipe besteht aus elf Ochsen, weiß mit braunen Köpfen, welche gut bewaffnet sind. Acht oder neun von ihnen sind "Profis" der Rest wird von ihnen angelernt.

Der mayoral, der mittlerweile selbst züchtet, gewöhnt die Ochsen von klein auf an Geräusche, Bewegungen und alle Elemente, die ihnen so auf dem Weg zur plaza begegnen. Er selbst wählt später die Besten aus, sie müssen Ruhe ausstrahlen, aber gleichzeitig dürfen sie sich dem Stier nicht unterordnen oder versuchen diesen zu dominieren. Daher werden sie mit 18, 20 Monaten kastriert. Und er trainiert mit dem Nachwuchs täglich. In der Armada hat jeder Ochse seinen Platz und sie müssen auf die Zurufe des mayorals reagieren. Beim Zungenschnalzen geht es Links herum, mit "Wooop" nach rechts. Sie sollen den Stier in die Mitte nehmen und ihn sicher heraus geleiten. Florito selbst ist zu Fuß mit dabei, bewaffnet mit einem langen Stock, dirigiert er seine Tiere vom Rand aus, mit Stimme und Gesten. Im Idealfall sind seine Truppen und der toro bravo in zwei Minuten verschwunden. Aber mitunter verweigert der Stier selbst da die Mitarbeit und maestro Florito legt selbst Hand an, mit seinem Stab und seiner Jacke, lockt er das Tier vom callejón aus zum toril, worin er letztendlich verschwindet.

All das ist nur ein Teil seiner Arbeit während der feria. Er ist dabei, wenn die toros abgeladen werden, er verbringt sie in die corrales und reinigt diese. Auch die Besichtigung durch die Tierärzte, die Auslosung der Stiere, sowie der Griff zur puntilla, dem tödlichen Messer, wenn Stiere zurückgewiesen werden, all das gehört zu seinen Aufgaben. Florito, wer ihn mit seinen cabestros sieht, kann staunen, ein aufrechter, stolzer Mann, der im „Arte de tauromaquia“ ein Platz gebührt.

Dienstag, 14. Januar 2014

Puerto de Santa María




von Colin Ernst


Über die merkwürdigen Anforderungen eines Rathauses
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Schon zum Jahresende 2013 wurden Ausschreibungen veröffentlicht, für diverse plazas de toros. Die Verträge mit dem alten empresarios liefen aus, oder wurden nicht erfüllt, seitens des Selben, was zur Kündigung führte, wie in Zaragoza geschehen. Dort wurde der Betreiber der plaza rausgeklagt, weil er die Forderungen und Zahlungen an das Rathauses nicht geleistet hatte.


Eine der plazas die nun zur Ausschreibung anstehen ist die plaza von El Puerto de Santa María (Südandalusien). Der vormalige empresario hat sie arg vernachlässigt. Als ich diese, im letzten Winter, nach dreijährigem, vergeblichen Besuchen endlich offen vorfand, war das Entsetzen groß. Die puerta grande, schön mit Stierköpfen geschmückt, war noch der beste Eindruck, dieser plaza, die schon alle Größen des toreo gesehen hat. Das Rondel, war grün von Gras und Unkraut. Der Sand über dem toros und toreros der Geschichte Blut vergossen hatten, überwuchert von Grünzeug – Una pena, eine Peinlichkeit, das Wort dafür!. Das museo taurino – ein Witz. Drei verlauste ungepflegte Stierköpfe und ein paar carteles und Erklärungen zur Geschichte, das war es. Der Besuch war gratis, daher habe ich nicht schlecht über diesen Besuch berichtet. Aber es war klar ersichtlich, das hier nur übergepinselt wurde, nichts wurde wirklich in Ordnung gebracht. Der Rost frisst, die Farbe blättert und der empresario hat auf Jahre nichts an dem Zustand geändert. Nach ernsthafter Aufforderung im letzten Jahr hat er der plaza ein wenig Make-Up verpasst, das war es. Nun steht die plaza offen für neue empresarios, die sich an ihr bereichern – so scheint es. Wer aber die Forderungen des Rathauses an den empresario durchrechnet, kommt hier zu einem anderen Ergebnis. Schon in den vergangenen Jahren hatte ich mich mit Freunden, aficionados aus El Puerto, über die Situation unterhalten, keiner war glücklich über das Trauerspiel um den coso puerturense. Carmelo Garcia, der empresario der plaza von Sanlúcar de Barrameda, Tarifa und Utrera, welche er mit seinem alten Freund und banderillerokollegen Antonio Caba betreibt, wollte sich auch um die plaza in El Puerto bemühen. Er hat hart gearbeitet, um der Stadt ein angemessenes Angebot zu machen… Angesichts der Forderungen der Stadt, wird er keine Bewerbung abgeben. Ausschreibung: Fast ein jährlich Gebühr von 20.000€:

 Canon anual variable porcentaje de taquilla, un 3 por ciento de los ingresos brutos susceptibles de mejorar al alza (este apartado supone 45 puntos sobre 100 a la hora de la puntuación): 120.000€. (Jährliche Beteiligung an den Einnahmen der Kasse, variabel)

 Obras de Mejora  (Inversión total 40.000€) Repercusión anual: 10.000 € )(Verschönerungsarbeiten – eine Summe, mit der man bei dem Zustand der Plaza nicht auskommt)

Inversión total Museo, sala exposiciones, tienda… Repercusión Anual: 8.000 € (Geld für das Museum, Ausstellungssäle und Geschäfte, auch hier ist der Zustand das Problem)

 Impuesto IBI anual del inmueble: 30.000 € (Mehrwertsteuer und ähnlichen Abgaben)

Luz y Agua. Cláusula 14ª Pliego (Plaza abierta 360 días al año) Anual: 38.000 € (Strom und Wasser für ein Jahr, recht teuer...)

 Mantenimiento anual inmueble con las indicaciones del pliego: 30.000 € (Instandhaltung)

Impuestos y Arbitrios actuales. IAE, licencias, etc. Cláusula 14ª Pliego: 40.000 € (en este apartado en la Cláusula 14ª también dice “y los que se puedan crear durante la Vigencia del contrato). (Steuern und Abgaben)

Personal Contrato anual para las Visitas, Seguridad, Limpieza: 40.000 € (Wenig für das Personal, welches zu Feriazeiten mit zehn Mal mehr Personal rechnen muss.)

Obligación contratación Ingeniero y Periodista con experiencia en Plaza de Andalucía. Cláusula 16ª apartado 11, gasto anual: 45.000 € ( Bezahlung von einem Ingenieur und einem Journalisten, also für zwei Leute, während die Bezahlung für das restliche Personal, noch darunter liegt.)


TOTAL: 381.000 .-€ pro Jahr, bei einem Vertrag über vier Jahre. Die plaza verfügt über ca. 12.000 Sitzplätze, der abono kostete zwischen 850.- € und 450.-€, die Einzelkarten liegen bei ca. 160 und 60 Euro für die corridas, novilladas und rejoneo sind günstiger…  Fast 400.000 Euro und noch ist kein cartel geschrieben, keine ganadería in den corrales und noch keine Werbung gemacht!. Und dies alles angesichts der bescheidenen Lage in der sich nicht nur der mundo taurino von El Puerto befindet sondern die ganze Stadt. Cádiz und Jerez sind die Metropolen, und El Puerto ist nicht in der Lage, diesen, Besucher abzutrotzen. Als eine der größten plazas der Region müsste sie eigentlich triumphieren. An den carteles kann es nicht liegen, figuras und führende ganaderías sind präsent gewesen.

Nur knapp 90.000 Einwohner aber eine plaza de toros für 12.687 Zuschauer.
Und fast alle grossen figuras sind dort angetreten.
Alles in Allem, braucht diese plaza eine Bluttransfusion. Blutgruppe TTA – Toros, Toreros y Afición um wieder auf zu leben. Die absurde Forderung des Ayuntamiento, besonders in diversen Posten wie Renovierung Beschäftigung und Nebenkosten, aber kein Etat für Werbung, usw. Die Stadt begründete die Kritik ihrer Forderungen, seitens der empresarios, als Strategie von Simon Casas, der sich angeblich auch diese plaza einverleiben möchte, und so den Preis drücken will. Als Manager einer plaza sind diese Forderungen inakzeptabel, die Herren wollen ja verdienen, sind kein wohltätiger Verein. Und die Stadt fordert nur… was gibt sie, um ein Spektakel zu organisieren…?

Für Carmelo Garcia sind die Forderungen schlicht zu hoch, Simon Casas empört sich, das er sogar Strom und Wasser der plaza zu bezahlen hätte und erklärt dass er gar nicht daran dächte, die plaza zu managen.

Wo aber liegt die Lösung? Selbst die sozialistische Partei von El Puerto, die PSOE, empfindet die Forderungen als weltfremd. Wenn alle so denken, sollte das Paket noch einmal überdacht werden, oder eine Ausschreibung ohne diese Bedingungen stattfinden, so kann jeder empresario seine Ideen präsentieren. Ein Manager vom Kaliber Simon Casas wäre nicht das Schlechteste, er hat Geld und Background. Aber ich wünsche mir einen empresarios wie Carmelo Garcia für El Puerto, einen Mann, von dem ich weiß, das er sein letztes Hemd für die plaza gibt und über klare Ideen für eine corrida und das Erhalten und Gestalten einer plaza verfügt und im mundo taurino bekannt und geachtet ist. Da er weder toreros managet, noch mit einer bestimmten ganadería „verheiratet“ ist, ist er frei von allen Einflüssen und könnte sich als Glücksgriff für El Puerto erweisen, denn er ist in dieser schönen Ecke von Andalusien aufgewachsen und kennt die Menschen dort, was für mich ein Pluspunkt ist. Ich bin gespannt, wie das Spiel ausgeht und wünsche meinen Freunden in El Puerto, den aficionados, das der coso endlich wieder den Platz einnimmt, der dieser plaza gebührt.

Montag, 13. Januar 2014

Europa und der Stier (3. Teil)

Gedanken zum europäischen Umgang mit der mundo de los toros
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von Torodora Gorges


Die schottische Autorin A.L. Kennedy gilt als talentierte Schriftstellerin. Ihr Buch „Stierkampf" ist das zweite von drei ihrer auf Deutsch vorliegenden literarischen Werke. Zugang zum Thema sucht sie auf sehr subjektive Weise. Im Oszillieren zwischen fiktiver Literatur und Journalismus entsteht eine Art von Reisebericht. Sie konfrontiert ihre persönliche Befindlichkeit und Sensibilität mit einem großen Faktenwissen und setzt ihr psychosomatisches Leiden in Beziehung zu den Qualen der Kreatur. Dass sich ein Schriftsteller symbolisch ständig dem Todesstoß ausgesetzt erlebt, Literatur demnach der Tauromachie vergleichbar sei, erkannte vor ihr bereits Michel Leiris. In erster Linie sucht Kennedy in der corrida de toros emotional-affektive und transzendentale Elemente, von denen sie auch ihren Schreibprozess bestimmt sieht.

Ich schreibe dieses Buch, weil ich auf der Suche nach Glauben bin", erklärt sie im Eingangskapitel „Begegnung mit dem Tod". Im Kapitel „Glaubensakte" erwägt sie mögliche Gemeinsamkeiten in den religiösen Wurzeln der corrida und dem Autodafe der Inquisition. Durchgängig kämpft Kennedy mit ihrer zunehmenden Faszination für das blutige Ritual und dem moralischen Gebot des Tierschutzes. Sie informiert gründlich und unterhaltsam, wenn auch für Stierkampfkundige – wie sie selbst einräumt – keine Novitäten geboten werden. Details behandelt sie dabei bisweilen großzügig: dem im 19. Jahrhundert berühmten Stierkämpfer Antonio Sánchez, „El Tato", musste nach einer Hornverletzung das Bein amputiert werden. Man verfiel auf die etwas makaber anmutende Idee, das verlorene Bein des beliebten Madrider toreros in Formalin zu konservieren und diese Reliquie im Schaufenster einer Apotheke auszustellen. Das so zur Schau gestellte Bein – und nicht die Prothese des toreros – wie Kennedy irrtümlich angibt – wurde später bei einem großen Brand ein Opfer der Flammen. Mit der schriftstellerischen Freiheit geht die sachliche Genauigkeit glücklicherweise nur bei der Schilderung weniger Fakten verloren.

Mit besonderer Faszination liest man das letzte Kapitel „Tor der Angst". Überaus eindrucksvoll und mitreißend schildert die Autorin ihre Erlebnisse als Zuschauerin von verschiedenen Stierkämpfen mit gegenwärtig populären toreros in der Arena La Maestranza von Sevilla. Es gelingt ihr, den Leser miterleben und mitleiden zu lassen, was sie empathisch-literarisch auf die an der corrida Beteiligten – Tier und Mensch –projiziert. Sie beschreibt die corrida als Erfahrung eines religiösen Mysteriums und bezieht sich damit auch auf Federico García Lorca, der seinem Freund, dem vom Stier getöteten torero Ignacio Sánchez Mejías, durch seine Totenklage ein unvergängliches Denkmal setzte.

Für Stierkampfinteressierte – seien es Befürworter oder Gegner – ist die Lektüre aller drei Neuerscheinungen empfehlenswert, auch wegen ihres überwiegend nüchtern-sachlichen Stils (abgesehen von A.L. Kennedys Transzendenzanmutungen). Die Autoren verzichten auf Pathos und Schwulst, wie sie oft in Büchern spanischer Herkunft zur rechtfertigenden Abwehr stierkampfgegnerischer Positionen zu finden sind. Es wird nicht zu leugnen versucht, dass die Ansprüche an ein Gelingen des Rituals zwischen Stier und Mensch oft grausam scheitern und die Interaktionen barbarisch tierquälerisch entgleisen können. Dies – wie die Autoren - vor allem der heute praktizierten, stark kommerzialisierten Form der corrida anzulasten, kommt jedoch zu sehr einer nostalgischen Verklärung guter alter Zeiten gleich.

Hier noch eine Anmerkung: Für Stierkampfgegner oder distanzierte Skeptiker, sofern sie ausreichend Spanisch verstehen, dürfte die Lektüre einer 2001 in Madrid erschienenen Publikation interessant sein. Unter dem Titel „Antitauromaquia" hat Manuel Vicent seine seit 20 Jahren regelmäßig für die Tageszeitung „El Pais" geschriebenen Artikel aktualisiert und veröffentlicht. Brillant und höchst polemisch kämpft er in der Form des Pamflets gegen alle denkbaren Stierkampf befürwortenden Argumente aus den dunklen Bereichen seiner Nation, dem „España negra y irracional". Unverhohlen empört und drastisch-schonungslos prangert er die blutigen „Massaker" an, die als Kultur getarnten und vom spanischen König applaudierten Torturen, die einer demokratischen humanen Gesellschaftsform in einem vereinten Europa unwürdig seien. -

Werfen wir zuletzt noch einen Blick auf ein literarisches Meisterwerk, das 1926 in Paris ersterschienen war und vor wenigen Jahren (1998, Steidl) bei uns neu aufgelegt wurde: „Tiermenschen". In diesem autobiographischen Roman lässt Henry de Montherlant, selbst ein leidenschaftlicher „aficionado", der in jungen Jahren eigene Erfahrungen als torero gemacht hatte, einen alten spanischen Herzog gegen anti-taurinische Vorbehalte raisonieren: „Man weiß sehr wohl, daß der Stierkampf in unserm Lande der große Bindestrich zwischen den verschiedenen Ständen ist. Man hat es darauf abgesehen, durch die Vernichtung des Stierkampfes die Einheit der spanischen Seele zu vernichten".

Heute, viele Jahrzehnte später, in der Aera der europäischen Union, wird um den Stier(kampf) nach wie vor polemisiert, argumentiert, gestritten und gekämpft. Vermutlich wird er die zunehmende Einheit Europas weder gefährden noch gar vernichten. Vielleicht wird Europa auf den Kampf-Stier in seiner irritierenden, vielfältige Projektionen zulassenden Faszination genauso wenig verzichten können wie auf den Stier-Kampf mit seinen Ambivalenz und Widerspruch beinhaltenden und auslösenden Funktionen.


Kaum bekannt durch die Medien wurde als Folge der Anschläge in den USA, dass in Eriwan / Armenien nach Überwindung verschiedenster Hindernisse am 7. September im Jahre 2001 eine corrida mit spanischen toros und toreros stattfand. Ein Land, bisher europäischer Außenseiter, nähert sich Europa über den Stier, - eine absurde Vorstellung?

Sonntag, 12. Januar 2014

Europa und der Stier (2. Teil)

Gedanken zum europäischen Umgang mit der mundo de los toros
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von Torodora Gorges


Im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts hatte Kurt Tucholsky im südfranzösischen Bayonne – grenznah zu Spanien – einem Stierkampf beigewohnt. Mit seiner unnachahmlich satirisch-kritischen und trotz aller Distanziertheit anschaulich-mitreißenden Darstellung lässt er den Leser in seinem „Pyrenäenbuch" teilhaben am Erlebten. Er schafft es überdies, in aller Kürze nonchalant-nebenbei einen brillanten kulturhistorischen Abriss der „corrida de toros" zu geben, deren ihn überwältigenden ambivalenten Eindruck er schließlich so resümiert: „Eine Barbarei. Aber wenn sie morgen wieder ist: ich gehe wieder hin."

75 Jahre sind seither vergangen. Zum empörten Entsetzen der Tierschützer hat das Interesse und der Zulauf zu den corridas in den letzten Jahren stetig zugenommen, nur leicht gebremst durch die BSE-Krise im vergangenen Jahr. Zweifel, ob Spanien wegen dieses Makels „europafähig" wäre, bleiben politisch folgenlos. Nicht nur in ihrem Ursprungsland, sondern auch in Südfrankreich breiten sich die Stierkämpfe mehr und mehr aus. Entgegen anderen Behauptungen werden auch dort die Stiere durch den Degenstoß in der Arena vor den Augen des Publikums getötet. Die gesetzliche Erlaubnis dazu besteht seit 1951.

Europa und der Stier! Welche Menschen nun lassen sich anziehen und fesseln von dem Schauspiel, das andere rundheraus als unzeitgemäßes blutig-sadistisches Hinrichtungsspektakel ablehnen? Neugierige und häufig schlecht informierte Touristen, die den folkloristischen Angst-Lust-Kick suchen, erliegen nicht so zahlreich der Faszination des archaischen Rituals, dass sie – wie oft behauptet – für den Tod von immer mehr Stieren in der Sommersaison verantwortlich zu machen wären. In der Regel wiederholen sie ihren Besuch in der Arena nicht. –

Worin besteht für Kenner und Liebhaber des Stierkampfs seine ungebrochene Attraktivität? Was reizt Zuschauer, denen keine besondere Neigung zu gewaltsamen Impulsen oder primitiver tierquälerischer Lust nachzuweisen ist, zum wiederholten, regelmäßigen Besuch der ritualisierten Interaktionen zwischen Stieren und Menschen? Wie ist es zu erklären, dass überzeugte Anhänger dieses Geschehens, also „Fans" des Stierkampfs, sich „aficionados de los toros" nennen, soviel wie (begeisterte) „Liebhaber der Stiere"?

Drei Bücher zum Thema „Stiere" sind unlängst erschienen, in denen diesen Fragen nachgegangen wird. Die Verlage setzen offenbar bei den deutschsprachigen Lesern ein ausreichendes Interesse an diesem brisanten, politisch so wenig „korrekten" Thema voraus.

Gemeinsam ist den drei nordeuropäische Autoren - es sind die schottische Literatin A.L.Kennedy, Stierkampf; der Kärntner Journalist Harald Irnberger, Toros y Toreros; und der deutsche Ethnologe Karl Braun ¡Toro! – eine vorurteilsfreie, um Verstehen und Verständnis bemühte Auseinandersetzung auf dem Hintergrund umfassender theoretischer, aber auch aus eigener Anschauung gewonnener Sachkenntnisse. Alle drei konfrontieren den Leser mit ihrer Ambivalenz und den Konflikten, die wohl jeden Teilnehmer und Beobachter, der gegenüber dem Stierkampfritual sympathisierende Neigungen entwickelt, immer aufs neue „anfechten" dürften.

Es gibt ein Leben vor dem Tod am Nachmittag" - so untertitelt H. Irnberger sein Buch „Toros y Toreros". In Abwandlung des Titels „Tod am Nachmittag" erweist er dem „Meister" Hemingway Referenz, dessen Lektüre ihn in jungen Jahren zunächst zum „angelesenen" und später zum leibhaftigen „aficionado" geprägt hat. Irnberger weiß, dass viele spanische Stierkampfkenner aus unterschiedlichen Motiven nicht mit Hemingways Einschätzungen und Beurteilungen einverstanden sind. Sein eigener Versuch, Jahrzehnte später dem berühmten Hemingway-Brevier einen überfälligen „Anhang" anzufügen, ist so gut gelungen, dass es dessen Lektüre evtl. ersetzen könnte. Kurzweilig, humorvoll und anekdotenreich referiert Irnberger Wissenswertes über Stiere und Menschen, die miteinander und voneinander leben. Sozusagen hautnah erlebt er seit vielen Jahren in Andalusien die Allgegenwart des Stiers in der Alltagsöffentlichkeit. Der Leser kann den Lebenslauf eines toro bravo (Kampfstier) von der Geburt bis zum Todesstoß in der Arena exemplarisch ebenso nachvollziehen wie die Entwicklung eines toreros vom novillero (Neuling, Novize) zum matador de toros (dem Meistertitel oder der Promotion vergleichbar). Im Hinblick auf die Tradition der Kampfstierzucht informiert Irnberger über geschichtliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Er setzt sich mit den Argumenten der Gegner des Stierkampfs auseinander, er kritisiert den verstärkten Trend zu Kommerzialisierung und Banalisierung und beschäftigt sich mit der schwierigen Rolle der Frau in diesem Männerberuf. Große toreros der Vergangenheit werden vorgestellt und zitiert, etwa Belmontes Definition: „Der Stierkampf ist eine spirituelle Übung. Er findet vor allem im Kopf statt. Er ist eine wirkliche Kunst". Enrique Ponce, ein derzeit sehr berühmter Stier-„Künstler", ergänzt: „Das Wichtigste ist, dass der Kopf gut funktioniert. Stierkampf ist nichts für Idioten." Gleichzeitig beklagt Irnberger, dass gerade in der gegenwärtigen Situation große Könnerschaft oft ohne Anerkennung und Verdienst bleibt, während Mittelmass, Leichtsinn, Clownerie und Geldgier („das Ende der Würde") triumphieren. Seine Sorge um den kulturellen Niedergang der fiesta nacional ist verständlich! Die im Klappentext von Irnbergers Buch vertretene Meinung: ..."das traditionelle Drama vom Sterben des Stiers ist zur vulgären Schmierenkomödie verkommen" kann dennoch nicht generalisiert werden.

Nach Karl Brauns Ansicht beruhen die Konflikte um den Stierkampf in Europa auf interkulturellen Missverständnissen. In seinem Buch „¡Toro! Spanien und der Stier" versucht er, die soziokulturellen und psychologischen Hintergründe der corrida aufzudecken und Nicht-Spaniern einsichtig zu machen. Im ursprünglichen Sinn bedeutet corrida de toros der Lauf mit den Stieren. Durch die San-Fermin-Fiesta in Pamplona weltweit bekanntgeworden, wird dieser oft lebensgefährliche Brauch - weitaus weniger spektakulär jedoch – besonders in ländlichen Gegenden bei festlichen Gelegenheiten (z.B. zu Ehren von Heiligen) praktiziert. Braun berichtet über traditionelle örtliche Stierfeste und deren Verwurzelung im Mythos.

Kaum zu vermuten bei dem volkstümlich-lärmenden, ziemlich derben Treiben ist hinter dem Unterhaltungswert des Stierlaufs noch dessen unbewusste symbolische Bedeutung als Opfer- oder Fruchtbarkeitsritual. Das anschließende gemeinsame Verzehren des Stiers im Dorf z.B. gibt noch Hinweise auf den versöhnend-vereinenden Opfermahlcharakter. Unter Bezugnahme auf einen folkloristischen Text fokussiert Braun seine These: „Dass der Stier es ist, der ein menschliches Mit-Opfer fordern kann, daraus entspringt die Aggression gegen den Stier; daß der Stier im allgemeinen das den Menschen entlastende Opfertier geworden ist, daraus entspringt die große positive Emotion für den Stier..." in Spanien.

Nach einem Rückblick auf den vorchristlichen Kult um Artemis, die „von Stieren umgebene Göttin", geht Braun in einem prähistorischen Exkurs auf Mutter-Göttinnen ein, die nach dem Vorbild des Mondes (die Sichel gleichgesetzt mit dem Stierhorn) Leben und Wiedergeburt symbolisieren. Die heidnischen Göttinnen wurden „christianisiert" und als „Virgenes" (Heilige Jungfrauen) in den Dienst der katholischen Kirche genommen, in deren Schutz in Spanien, dem „Marienland schlechthin" – so Braun - die volkstümlichen Bräuche um den Stier praktiziert werden.

Was den Zuschauer der modernen corrida de toros (den Stierkampf in der Arena, wie er seit mehr als 200 Jahren ausgeübt wird) erwartet, bringt Braun auf folgende Formel: „Die corrida ist kein Kampf, nicht einmal ein Wettkampf... Es ist kein Treffen zweier gleichwertiger Gegner; der Stier ist Mittel nur zu einem einzigen Zweck: die mit Risiko verbundene Fähigkeit des Menschen (zu zeigen), sich ungebändigte Natur zu unterwerfen..." Der Ablauf einer corrida einschließlich des Tötungsakts ist durch strenge Regeln kontrolliert; von sadistischen Impulsen oder Blutlust seitens der agierenden oder zusehenden Personen könne keine Rede sein, meint Braun. Er fragt nach dem Ursprung der starken gefühlsmäßigen Bindung des spanischen Volks an seine fiesta nacional. Eine der in Erwägung gezogenen Theorien lautet: Mit dem Niedergang der berittenen Adels-Corrida gegen Ende des 18. Jahrhunderts übernahm das (Fuß-)Volk die Stierspiele. Aus den zunächst wilden, ungebändigten Interaktionen entwickelten sich die wohl geordneten strengen Formen, die nach der Tradition bis heute für die corrida gelten. Demnach könnte – in einer provokativen These - die Aufklärung als Nährboden des Rituals der corrida de toros gelten.

Gegen Ende des Buches, bevor er in einem letzten Kapitel „Das Töten und die Ordnung in der Kultur" – auch hier wieder unter kulturhistorischen, philosophischen oder psychoanalytischen Aspekten - thematisiert, erlaubt sich Braun die Forderung, dieses Ritual in die Reihe der zu schützenden Kulturgebilde aufzunehmen.. Mit ironischem Hinweis auf „allenthalben stattfindende Denkmalsucht und Musealisierung" wagt er die Frage: „Haben kulturgeprägte Interaktions- und Sozialformen, die noch intakt sind, etwa weniger Rechte als von Kultur geschaffene materielle Objektivationen?"

Im bibliographischen Anhang dieser beiden Stierkampf-Fachbücher sucht man als Kenner bedauerlicherweise vergebens den Namen des Autors Lorenz Rollhäuser, der 1990 bei Rowohlt „Toros, Toreros" veröffentlicht hat. Die Lektüre dieses Sachbuchs, das höchst mitreißend und originell geschrieben ist, bedeutet neben der fachlichen Bereicherung einen intellektuellen Genuss, auf den ein Hinweis sich unbedingt gelohnt hätte.

---> Europa und der Stier (3.Teil) folgt


von Henry de Montherlant



"Ich misstraue Personen,
sagte der Herzog mit jenem Freimut,
der eine echte spanische Persönlichkeit ist,
die ihre Tierliebe so sehr betonen.
Oft übertragen sie jene Liebe,
die sie für Menschen nicht empfinden,
auf die Tiere!"

Samstag, 11. Januar 2014

Solidarität für "El Chano"




von Colin Ernst


Toreros setzen sich für den schwer verletzten banderillero ein.
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Solidaridad für "El Chano". Der banderillero, der 2012 in Ávila, unter der Order von Milagros de Peru, von einem Stier so schwer verletzt wurde, das er nun im Rollstuhl sitzt, hat große Pläne. Und er hat Unterstützung von Seiten der figuras. Am 22. März diesen Jahres findet ein festival in der plaza de toros Vista Alegre (Madrid) zu seinen Gunsten statt. Die Stiftung "El Juli international" und die matadora de toros Cristina Sánchez organisieren das Ganze. Zugesagt haben figuras wie der rejoneador Diego Ventura und die matadores de toros Enrique Ponce, El Juli, Manzanares, Perera, Talavante und der novillero Alvaro Lorenzo


Nachdem feststand, das Vicente Yangüez "El Chano", sein restliches Leben im Rollstuhl verbringen muss, suchte er nach etwas, was ihn animiert und fordert. Fündig wurde er im Sport für Behinderte. Nun will er um die Teilnahme bei den Paraolympiaden kämpfen. Sein Sportgerät ist das sogenannte Handbike. Wieder einmal zeigt sich, als welchen Holz toreros geschnitzt sind. "El Chano" hat sein Ziel hoch gesteckt und wir wünschen ihm "fuerza und mucha suerte" (Kraft und viel Glück), das er mit der Unterstützung seiner ehemaligen Kollegen sein Ziel erreicht.

Freitag, 10. Januar 2014

Enrique Ponce

Über einen der grössten Kenner der Stiere
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von Colin Ernst 


Wie charakterisiert der maestro Enrique Ponce die verschiedenen Stierzuchten? Für mich ist Enrique Ponce einer der größten Stierkenner in der Szene. Keine Bewegung des Tieres entgeht ihm, er weiß um die besonderen Eigenschaften der Züchtungen. Und er kann das Gesehene hervorragend umsetzen. Etwas, was ihn vom Durchschnittstorero unterscheidet. Worauf achtet der maestro? Auf die hechura und den Körperbau, da kann sein geschultes Auge schon einiges herauslesen. Wie bewegt sich das Tier, galoppiert es zum burladero, oder trabt es. Letzteres, oder das Annähern im Schritt, mag er nicht. Senkt der Stier den Kopf, wenn er zum burladero kommt oder stößt er nach oben? Das alles sind nur Hinweise, Anzeichen, aber der torero weiss um die Veränderungen, die der Stier während der lidia durchmacht. Auch er hat sich mit den ganaderías beschäftigt und die Domecq Stiere hält er für sehr komplett. Sie haben einen ausgewogenen Körperbau, mittlere Bewaffnung, mittlere Größe, recorrido, temple und sind nobel. Was dem maestro wenig gefällt, das sie schon mal am Ende eines muletazos gern mit dem Kopf hochstossen, das ist sehr lästig, schmälert die Ästhetik. Über die Victorinos, mit denen er viele erfolgreiche corridas bestritten hat, äußert er sich positiv. Sie greifen immer schön an, mit dem Kopf nach unten, sie bleiben bei dir. Sie sind ernst zu nehmen, auch wenn sie kleiner und kompakter sind. Auch er sieht die Ähnlichkeit mit den mexikanischen Stieren, die allerdings noch mehr Santa Coloma Anteil im Blut haben, als die Albaserradas von Victorino Martin. Die encaste Nuñez (zum Beispiel Alcurrucen) gefällt ihm der toro mit dem weißen Horn, engatillado, mit rythtmischer Galoppade. Kritisch sieht der maestro ihn in der capote, da sei er kompliziert und man muss viel aus ihm herauslocken. Aber so hat man schon so manch überraschende faena zu sehen bekommen. Mit den Atanasios (zum Beispiel Valdefresno) hat er in den 90gern viele Triumphe gefeiert. Sie seien ähnlich wie die Nunez. Besonders gefallen sie ihm mit der muleta, wo sie beständig, mit dem Kopf nach unten, folgen, viel temple haben. Die Atanasios haben ordentliche Hörner, schwere Knochen, langem, schwerem Körperbau, was schon sehr beeindruckend ist, wenn man davor steht. Die encaste Murube (zum Beispiel Fermín Bohorquez) gefällt ihm wegen ihrem Rhythmus im Galopp, viel temple, aber mit Problemen den Kopf zu senken. Über die Santa Colomas (zum Beispiel Prieto de Cal): Ein sehr ehrlicher toro, der gut galoppiert, bleibt mit gesenktem Kopf in der muleta, hat Ausdauer… ein perfekter toro – wenn es ein „guter“ Santa Coloma ist. Ein „schlechter“ ist der listige toro, der den Kopf nicht senkt, der dich sieht und sucht. Da muss man sehr perfekt arbeiten, sich mit der muleta decken, der toro „malo“ ist der intelligente Stier.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Europa und der Stier (1.Teil)

Gedanken zum europäischen Umgang mit der mundo de los toros
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von Torodora Gorges


Wer das Thema, ob nun Stierkampf oder corrida de toros genannt, grundsätzlich ablehnt, braucht nicht weiter zu lesen. Kein Gegner soll für den Stierkampf gewonnen oder in seiner gegnerischen Position erschüttert werden. Es geht nicht darum, ihn gegen seine Kritiker zu verteidigen und zu rechtfertigen.


Nach der antiken Mythologie ist die Gestalt Europas mit dem Stier verbunden. Im kollektiven Unbewussten stellen der Stier und Europa eine Einheit dar, die sich über die darstellenden Künste vermittelt hat. Ich möchte mit dem Buch Morante de la Puebla - Torero dafür eintreten, dass der Stierkampf in den Regionen Europas erhalten wird, wo er traditionell schon immer beheimatet war, aber jetzt vom Verbot bedroht ist.

Die wachsende Einheit des modernen Europa in Form der Europäischen Union könnte – so sieht es derzeit aus - die zunehmende Trennung der mythologisch-symbolischen Verbindung zwischen
Europa und dem Stier zur Folge haben: Das moderne Europa, den Vorstellungen „politischer Korrektheit“ verpflichtet, ist dabei, sich zu entmythologisieren und sieht sich zum Verzicht auf den Stier-Kampf genötigt, gleichzeitig aber – und nicht bedacht - zum Verzicht auf den Kampf-Stier.

Henry de Montherlant
Ich vertrete die Ansicht, dass Europa durch ein Verbot des Stierkampfs an kultureller Vielfalt verliert. Wie der französische Romancier Henry de Montherlant 1926 argwöhnt: „Man hat es darauf abgesehen, durch die Vernichtung des Stierkampfs die Einheit der spanischen Seele zu vernichten“, so fürchten die Anhänger der fiesta nacional immer wieder, dass mit der Zerstörung der Tauromachie die Kultur Spaniens zerfallen könnte. Seitens der Befürworter bemüht man sich in jüngerer Zeit um die Anerkennung der Tauromachie als Bestandteil des Weltkulturerbes. Für sie ist die fiesta de toros von der Kultur des Landes nicht zu trennen. Ginge es nach den Vorstellungen der Vertreter „politischer Korrektheit“, so wäre sie innerhalb der Europäischen Union vermutlich längst verboten worden, und Europa hätte an kultureller Vielfalt und Diversität verloren.

Das umstrittene Thema lässt keine vorurteilsfreie Diskussion zu. Abgründe trennen die Gegenspieler. Die ewig gleiche Wiederholung altbekannter Argumente macht sie für die Kontrahenten nicht überzeugender! Wer in der Tauromachie nur sadistische Tierquälerei und Brutalität zu sehen bereit ist, bleibt verschlossen für andere Meinungen. Mit griffigen Slogans proklamieren die Gegner die für sie unversöhnlichen Widersprüche der Tauromachie: „La tortura no es arte ni cultura!“ (Die Tortur ist weder Kunst noch Kultur) oder „Si la tauromaquia es arte, el canibalismo es gastronomía!“ (Wenn die Tauromachie Kunst ist, dann ist Kannibalismus Gastronomie!).

Tierschützer machen sich zunehmend in den traditionellen europäischen „Stierkampfländern“ Spanien, Frankreich, Portugal, ebenso wie in den Ländern Mittel- und Südamerikas gegen den Stierkampf stark. Bislang ohne Erfolg. Durch eine in Brüssel Anfang Juni 2008 getroffene Entscheidung ist der Erhalt der fiesta de toros in den Ländern Europas mit Stierkampftradition vorläufig gesichert.

Einige katalanische Orte hatten sich bereits in den vergangenen Jahren zu „stierkampffreien Zonen“ deklariert, ohne nennenswerte Kontroversen damit auszulösen. Gegen das Ende der fiesta de toros in Barcelona, der Stadt mit der zweitgrößten plaza de toros, erheben sich gegenwärtig jedoch heftige Proteste. Das antitaurinische Klima Kataloniens entspreche nicht einer größeren Tierliebe, meinen die spanischen Befürworter der corrida de toros. Zu verstehen sei deren Ablehnung nur im Zusammenhang mit der separatistischen Politik der Katalanen und ihrem Argwohn gegenüber dem traditionalistischen „zentralistischen Spanien“.

Verteidigt wird die fiesta nacional zunehmend seitens einer „Internationale“ von europäischen und außereuropäischen Anhängern der Tauromachie. In den vergangenen Monaten (Stand März 2010) erfuhr die spanische „Welt der Stiere“ mediale Unterstützung zum Beispiel seitens der „New York Times“ und „La Repubblica“, die sich detailliert mit der innerspanischen Kontroverse beschäftigten und für den Erhalt der fiesta de toros eintraten. Auch die Artikel der deutschen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ tragen in der Regel durch ihre objektive und unpolemische Berichterstattung zur Aufklärung ihrer Leser bei.

Die deutsche Autorin dieser Zeilen zählt sich zu dieser „Internationale“ der afición a lostoros und betont mit Nachdruck, dass es keineswegs ihr Anliegen ist, Stierkampfgegnern – antitaurinos – die eigene befürwortende Position verständlich zu machen oder nahe zu bringen. Genauso wenig will sie neugierige Leser, die sich an diese Lektüre heranwagen, zu Anhängern der fiesta de toros bekehren.

Ernest Hemingway und der Stierkampf
Jahr für Jahr werden wissenschaftliche oder literarische Werke auf dem Gebiet der „Welt der Stiere“ neu verlegt. Schon Ernest Hemingway sprach von mehr als zweitausend spanischen Büchern und Broschüren, auf die er sich bei der Veröffentlichung seines inzwischen klassischen Werkes „Tod am Nachmittag“, 1932,beziehen konnte. Unter diesem Titel eroberte Hemingways Buch den englischsprachigen Raum. Seine Übersetzung in viele Sprachen verschaffte der Kunst der Tauromachie globale Verbreitung und Bedeutung. Auch im Deutschen wurde HemingwaysTod am Nachmittag“ zum Synonym für das Ritual des Stierkampfs. Die Übersetzung erschien 1957, also in einer Zeit, als der deutsche Spanien-Tourismus seinen Aufschwung nahm.

Aber schon davor, im ausgehenden 19. und frühen 20.Jahrhundert hatten sich Reisende in Spanien für die fiesta de toros interessiert, sich entweder von den „blutigen Volksfesten“ abgestoßen oder vom exotischen Reiz angezogen gefühlt. Als „Stiergefechte“ bezeichnete man um diese Zeit noch die Konfrontation von Mensch und Tier. Kulturkritiker setzten sich mit dem „anstößigen“ Thema
auseinander. Literaten, Musiker und Maler ließen sich in ihren Kunstwerken sowohl vom folkloristischen Element wie vom tödlichen Mythos inspirieren. „Carmen“, nach Prosper Mérimées Novelle von Georges Bizet vertont, ist eines der bekanntesten Beispiele.

Der Stier als Symbol fand Eingang in die Sprache des Alltags und wurde zum Sinnbild dunkler Kräfte in kulturellen und politischen Auseinandersetzungen. Für die einen repräsentierte er ungebundene Lebenskraft und Leidenschaft, für die anderen dagegen eine den Zivilisationsprozess bedrohende Macht. Ich gehe davon aus, dass ihre potentiellen Leser sich mit einem gewissen Bestand an Vorbehalten dem „prekären“ Thema nähern. Unvoreingenommenheit oder gar Neutralität sind nicht vorauszusetzen, wissbegierige Neugier einem befremdenden kulturellen Phänomen gegenüber schon eher. Bei den meisten Menschen, die sich nicht von vornherein einem möglichen inneren Konflikt durch totale Abwehr verschließen, bleibt der Zugang zur Welt der Tauromachie solange ein theoretischer, ein intellektueller, bis sie zum ersten Mal mit dieser Welt, dem mundo de los toros, in unmittelbaren Kontakt kommen. Sei es, dass sie als Zuschauer direkt an einer corrida de toros teilnehmen – oder indirekt an deren medialen Übertragung.

Die Erschütterung über das, was gesehen und erlebt wird, greift tief ins Unbewusste, man kann sich ihrer nicht erwehren. Viele Menschen treffen daraufhin die Entscheidung, sich von dieser als grausam empfundenen Welt in Zukunft fern zu halten; sie wählen die Eindeutigkeit. Andere, trotz ihrer ebenso tiefen Erschütterung, vermeiden eine prinzipielle Tabuisierung dieser Welt. Das Befremdende, das Unverstandene in Form des Archaischen hat sie erfasst und beschäftigt sie innerlich weiter. Diejenigen, die sich von dem Geschehen einfangen und berühren lassen, fühlen sich in einen Zustand innerer Zerrissenheit versetzt.

Eine Barbarei!“, so schreibt Kurt Tucholsky nach dem Besuch einer corrida in Südfrankreich. „Aber wenn sie morgen wieder ist: ich gehe wieder hin“. Die Ambivalenz, die Tucholsky 1927 in seinem Pyrenäenbuch kurz und handfest auf den Begriff bringt, wird von allen geteilt, die sich dem kultischen Charakter der Interaktion zwischen Mensch und Stier nicht verschließen, die sich affizieren lassen. Obwohl die ambivalenten Gefühle den meisten Stierkampfanhängern weitgehend unbewusst bleiben, spielt der abgewehrte Zwiespalt zwischen ethischen Überzeugungen und dem mystischen und irrationalen Reiz des archaischen Todesrituals immer wieder eine Rolle im Erleben der aficionadosa los toros.

Das spanische Wort afición beinhaltet mehr als Affinität, es ist mit Zuneigung und Liebe zu übersetzen. Die afición a los toros ist dieLiebe zu den Stieren. Die aficionados wenden sich dem Objekt ihrer Liebe immer wieder neu zu, können nicht davon lassen, folgen einer Art von Wiederholungszwang. Manche Beobachter gehen noch weiter in ihrer Beurteilung: „Die Liebenden wie die aficionados sind keine Gelegenheitskonsumenten, sondern Süchtige“, heißt es in einer 1986 erschienenen kulturanalytischen Interpretation der corrida de toros, auf die in meinem Buch über die Biografie von Morante de la Puebla noch näher eingegangen wird.

Phänomene der Sucht lassen sich bei allen Menschen beobachten, die sich mit Leidenschaft einer Sache, einer „Liebhaberei“ hingeben. Die sich zu ihrer afición bekennende Verfasserin nahm die beschriebenen Gefühle der Ambivalenz ebenso wie die zuletzt erwähnten „süchtigen Anteile“ staunend an der eigenen Person wahr. Sie beschreibt ihre ganz persönliche Annäherung an die spanische fiesta de toros, ihre neugierigen Versuche, eine komplexe fremde Welt zu durchdringen und sich allmählich anzueignen. Sie setzt an konkreten Erfahrungen an und vermeidet eine abstrakte Diskussion.

„Material“ ihrer Überlegungen liefern zum einen ihre eigenen, subjektiven Erfahrungen, und zum anderen ihre Konzentration vor allem auf den exemplarischen Lebenslauf eines toreros, der mit seiner Karriere seit über einer Dekade den „mundo taurino“ in Atem hält: José Antonio Morante Camacho „Morante de la Puebla“

Dass die Autorin gerade diesen torero in den Fokus ihrer Abhandlung stellt, ist weniger in der „Berühmtheit“, der Prominenz, dieser faszinierenden Figur begründet. Seiner Kunst, seinem irrationalen Zauber – dem embrujo- liegen die „morantistas“ zu Füßen, zu denen sich auch die Autorin zählt. Die besondere Aufmerksamkeit, die sie dem sensiblen Künstler-Torero widmet, ist seiner biographischen Entwicklung geschuldet, die stärker als vergleichbare professionelle Werdegänge Einblick in die Psychodynamik einer Torero-Persönlichkeit bietet. Sein einzigartiger Werdegang steht im Fokus der Reflexionen der Autorin, die mit hinreichender Distanz auf
psychoanalytischem Hintergrund Bewunderung und Respekt für die „fiesta más culta“am Beispiel Morante de la Pueblas zum Ausdruck bringt.

Die Autorin ist überzeugt: Im Stierkampf wird ein Drama inszeniert, das sich in seiner Irrrationalität jeder rationalen Erklärung entzieht. Einer durchrationalisierten Gesellschaft muss dieses kulturelle Phänomen daher zunehmend zum Ärgernis werden. Man könnte sagen: Unsere Gesellschaft ist dabei, sich zu Tode aufzuklären.
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Quellennachweise:
Morante de la Puebla - Torero, Torodora Gorges, Vorwort, Frankfurt 2010
Gunzelin Schmid Noerr/Annelinde Eggert, Aufsatz aus: Kultur-Analysen, Frankfurt, 1986