Freitag, 29. Juni 2012

Leeren- statt Ehrenrunde?

Über die Rechtfertigung einer vuelta al ruedo

Es scheint schon irgendwie merkwürdig. Weder im klassischen Nachschlagewerk zum Thema Stierkampf, dem El Cossío, weder im Fachverzeichnis von Hemingway noch beim führenden Internetportal Mundotoro finden sich klärende Worte. Allerdings hat das deutsche Portal La Tauromaquia eine Definition dafür: 

Eine vom Publikum begeistert applaudierte Runde eines matador an den tablas entlang, bei der der matador entweder seine Trophäen präsentiert, - oder ohne Trophäe(n), nach einer besonders guten faena, bei der aber die estocada misslungen ist, sodass keine Trophäe vergeben werden konnte.

Mit anderen Worten, wenn die Mehrheit des Publikums eine Auszeichnung fordert und diese vom Präsidenten verweigert wird, kann zum Beispiel ein matador de toros zu seiner Ehrenrunde antreten. Scheint irgendwie gerechtfertigt zu sein.

Was ist aber, wenn die tendidos halbleer sind, oder überhaupt die Plaza de toros kaum gefüllt ist? 

Vor zwei Wochen gab es in der Malagueta in Málaga eine Becerrada. Die Plaza de toros zählte keine 500 Zuschauer. Keine vier Prozent der Plätze waren besetzt. Wenn also jetzt 260 Zuschauer dem torero gut zugeneigt sind, wären das bescheidene zwei Prozent.

Ehrenrunde vor leeren Rängen.
Da sei doch die Frage erlaubt, ob in einem solchen Falle eine vuelta al ruedo überhaupt Sinn mache? Denn wo kein Publikum ist kann doch auch keine Begeisterung aufkommen.
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Quellennachweis:
La Tauromaquia ... und in deutsch?

Freitag, 8. Juni 2012

Die Wirtschaftskrise und der Stier

Er ist überall zu sehen. Fast kein internationales Medium, was ihn nicht abbildet. Den toro bravo. Jenen Kampfstier der unweigerlich mit dem Stierkampf in Verbindung gebracht wird. Dabei geht es gar nicht um ihn und auch steht über ihn nichts geschrieben. Aber jeder sieht ihn, jeder erkennt ihn und jeder weiss was seine Mission ist.

Die Wirtschaftskrise und der Stier. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, aber es zeigt wieder einmal auf, wie unzertrennlich der toro bravo zu Spanien gehört. Das weiss auch die Welt.








Mittwoch, 23. Mai 2012

Ich wäre im Gefängnis oder tot!


"Meine Ängste und
meinen Hunger
verwalte ich selber!"
"Hätte ich mich nicht als torero behaupten können, ich wäre heute sicherlich im Gefängnis, wenn ich nicht schon an einer Überdosis gestorben wäre." Mit diesem eher dramatischen Bekenntnis beginnt eine ungewöhnliche Autobiografie des ehemaligen matador de toros José Miguel Arroyo Delgado, der afición als Joselito bekannt.

Der am 1. Mai 1969 in Madrid geborene torero erzählt von seiner alles andere als einfachen Kindheit, die sich zwischen Drogen und Junkies abspielte. Die Strasse wurde sein Zuhause und im Laufe der Zeit entwickelte er sich zu einem frühreifen Drogenhändler. "Ich kannte mich bestens aus, konnte ohne weiteres zwischen den verschiedenen Arten von Haschisch unterscheiden. Das Beste kam aus dem Libanon, ein Rötlicher, aber der Braune aus Marokko war auch ziemlich gut", erklärt er um sein angelerntes Fachwissen unter Beweis zu stellen. Su casa, sein Heim war eine Brutstätte für die Drogenszene. In der Küche, im Wohnzimmer, oder wo auch immer "había kilos y kilos de chocolate"; fast keine Schublade, wo nicht irgendwelche Drogen versteckt waren. Und als man dann seinen Vater wegen Kokainhandel verurteilte übernahm er die Geschäfte. "Aber ich habe mit Drogen nur gedealt und nie welche zu mir genommen. Ich habe nur Zigaretten geraucht."

Sein Vater war im Gefängnis
Die Wende kam, als er zum ersten Mal seinen Vater im Gefängnis besuchte. "Als ich ihn dort sah ist mir das Herz in die Hose gerutscht." Er begann zu erahnen, welche Folgen das alles haben könnte. Und es war sein Vater der ihm die Tür für eine neue Zukunft öffnete, indem er ihn in einer escuela taurina anmeldete.

Dort lernte er Martín Enrique Arranz und seine Frau Adela kennen, die ihn aufnahmen wie ihren eigenen Sohn. Und er begann schnell zu lernen, was ihm fehlte. "Ich gewann wieder Boden unter den Füssen und es gefiel mir von den Erwachsenen respektiert zu werden. Aber sie haben mir schnell die Leviten gelesen, wenn ich mal wieder Unsinn im Kopf hatte". Die beiden matadores de toros El Fundi und José Pedro Prados waren ihm treue Weggefährten. Und so verwandelte er sich in kurzer Zeit zu einem Musterschüler bis er am 21. Juli 1983 seinen ersten großen Auftritt in der größten Plaza de toros von Spanien hatte. Genau dort, begann die Geburt eines Idols der afición von Las Ventas, der größten Stierkampfarena von Europa. Und Joselito war gerade erst einmal vierzehn Jahre alt.

Wenn Joselito in Madrid auftritt füllten sich alle 24.000 Plätze.

Dabei geht der Autor nicht nur schonungslos mit seiner eigenen Vergangenheit um, sondern nicht weniger offen äussert er sich über seine Kollegen. Jesulin de Ubrique könne nicht erwarten respektiert zu werden, wenn er diesen Respekt noch nicht einmal sich selbst gegenüber erbringe. Ein Enrique Ponce sei eher kühl, denn er würde nie das fühlen können, in dessen höchsten Genuss er selbst gekommen sei und das Auftreten eines José Tomás wirke eher brutal denn stilistisch.

Seine Mutter liess die Familie im Stich.
Sehr offen spricht er über sein gestörtes Verhältnis mit seiner Mutter, die ihre Familie einfach verlassen hatte. "Ich weiss bis heute noch nicht, warum sie das getan hat". Danach hatte er sie nur noch bei drei Gelegenheiten gesehen. Das erste Mal beim Tod seines Vaters, dann, er war schon längst ein erfolgreicher matador de toros, nach einer Verletzung durch einen toro in Madrid besuchte sie ihn mit ihrem neuen Lebensgefährten im Krankenhaus.  "Dabei machte sie so auf fröhlich und tat so, als ob nichts geschehen wäre. Es war unerträglich". Schliesslich sah er sie bei einem Stierkampf in Alcalá zum dritten Mal, "und ich beschloss, dass es für mich besser sei, ihr aus dem Weg zu gehen. Danach habe ich keinen Vertrag in Alcalá mehr angenommen".

Nicht weniger ungewöhnlich die Tatsache, dass Joselito auch seine politischen Gedanken zum Besten gibt. Aus seiner leicht links orientierten Ader macht er keinen Hehl und soziale wie politische Ungerechtigkeit bringe ihn zum Verzweifeln. Am schlimmsten finde er diese arroganten und selbstherrlichen Señoritos, denen es in erster Linie nur um ihre eigene Machtposition gehe. Aber er bekenne sich zum spanischen Königshaus, vor allem zu Don Carlos. Trotzdem erklärt er, "Er sei ein wenig Republikaner, und ganz manchmal sogar antiklerikal". Ein linker Millionär, so wird er beschrieben und genau darin sieht er sein Dilemma. "Die Rechten weisen mich wegen meinen linken Neigungen zurück, und die Linken wollen nichts von mir wissen weil ich zu reich bin". Und schliesslich fügt er hinzu: "Ich habe halt die Seele und Gefühle eines Armen."

"Wer hätte diesem Zuhälter einmal vorausgesagt, jenem Gauner in Lederjacke, der ich mal war, der Uhren und Kassettenrekorder auf freiem Gelände klaute, dass man ihm eines Tages Visitenkarten vorlegen würde und ihn behandelt wie seine Exzellenz. Um ehrlich zu sein, ich weiss eigentlich immer noch nicht, wer von den beiden der wahre Joselito ist." ... die letzten Zeilen in einer spanischen Version vom Tellerwäscher zum Millionär, von Drogenhändler zum Caballero.

Ein solches Buch zu schreiben verlangt Mut. Den Mut eines toreros, der es versteht mit der Angst umzugehen. "Ich hatte Angst und es hat mich einiges an Überwindung gekostet. Es ist wie sich auszuziehen und ins Leere zu springen. Ich füllte mich so unheimlich schutzlos. Aber jetzt ist es vorbei."

TV-Interview in Antena 3
Dem spanischen TV-Sender Antena 3 verriet der die Gründe für sein Buch: "Zunächst einmal, weil mir danach war, zum zweiten diente es mir als Therapie und drittens, der für mich wichtigste Punkt, möchte ich diejenigen motivieren, die sich in einer ähnlichen Situation wie ich befinden. Ich möchte ihnen aufzeigen, wie schwer die Situation auch sein mag, sie sollen die Hoffnung nie aufgeben." 

José Miguel Arroyo begann mit Drogen und verliess als Joselito die Plaza de toros durch die puerta grande. Ein Leidensweg mit Happy End. Der Cossío, der spanische Brockhaus zum Thema Stierkampf, widmet ihm ganze fünfundvierzig Seiten und schliesst mit den Worten ab, "Joselito hat die Seelen der afición erobert". Und mit dieser Autobiographie, immerhin schon in der fünften Auflage, gewiss nicht nur die Seelen der afición.

Siehe auch: Adrian Neville: Joselito el Verdadero

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Quellennachweise:
Mediengruppe VOCENTO
Entrevista a José Miguel Arroyo, Antena 3, 20.03.2012
Cossío, Band 11, Espasa Calpe, S.A., 2007
Joselito el verdadero, José Miguel Arroyo, Espasa Calpe, S.A., 2012 (nur in spanischer Sprache)






Sonntag, 19. Februar 2012

Ein Grund zum Jubeln?

"In der spanischen Region Katalonien wurde durch eine Parlamentsabstimmung mit knapper Mehrheit der Stierkampf ab 2012 verboten. Die Tierschützer jubeln, ohne die Hintergründe dieses angeblichen "Erfolges" zu beachten." vegane-gesellschaft.de (1)

Eigentlich scheint diese Überschrift nicht in diesen protaurinischen Blog zu passen. Aber dieser Titel verdient insofern seine Aufmerksamkeit, weil er auf der anderen Seite geäussert worden ist. Das Portal vegane Gesellschaft (1) erkennt die Politisierung zu dieser Thematik und bedauert vor allem das überproportionale Vorgehen verschiedener Tierschützer und stellt die Frage nach der Effektivität. Die sei miserabel, denn die Zahl der in Katalonien getöteten toros beläuft sich auf weniger als 0,00001 Prozent der in Spanien getöteten Tiere.

Getötete Tiere in Spanien pro Jahr:
Vögel  Schweine  Rinder Toros
Konsterniert stellt man fest, jahrelange Proteste und Abertausende Personenstunden Aktivismus und am Ende rettet man nur 100 Tiere. Eine Investition in einen lediglich kleinen und schwachen Randbereich des Tierschutzes.

Zwar erkennt man den Einwand der Aktivisten an, dass es doch egal sei, wodurch der Stierkampf abgeschafft worden sei, denn zumindest werden dadurch diese Tiere nicht mehr umgebracht. Aber hier irrt der Autor. Denn der einzige Unterschied besteht darin, dass die ganaderías, also die Stierzuchten ihre toros nicht mehr nach Barcelona verkaufen, sondern an andere Plaza de toros

Wir erinnern uns, 2007 bei der Schriftlichen Erklärung des Europäischen Parlamentes waren es 72 Prozent aller Abgeordneten, und immerhin 49 Prozent der europäischen Tierschützer, die ein europaweites Verbot von Stierkämpfen nicht unterstützten (2).

Beide Fälle zeigen auf, wie kontrovers das Thema Stierkampfverbot selbst unter den aktiven Tierschützern gesehen wird.
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Quellennachweise:
(1) Stierkampfverbot - Ein Grund zum Jubeln?, vegane-gesellschaft.de
(2) Informationsbüro der Europäischen Union für Deutschland

Sonntag, 5. Februar 2012

Der Wert eines Werts

José Ignacio Wert
Spaniens Minister für Kultur, Bildung und Sport Don José Ignacio Wert verkündete am letzten Donnerstag die neuen Richtlinien in Sachen spanischer Kultur. Verständlich für ein jeden aficionado, dass dabei auch das Thema der Tauromachie angesprochen werden sollte. Die Welt des Stierkampfes wurde nicht enttäuscht und Wert versprach auf nationaler wie internationaler Ebene alles Mögliche zu bewegen, um die tauromaquia zum Kulturerbe zu erklären. 

Federico García Lorca
Der aus Madrid stammende Wert stellte unmissverständlich klar, dass die tauromaquia eine kulturelle Disziplin sei, los toros son cultura, welche sich in der spanischen Kunst und Literatur widerspiegeln würde. So zitierte er den Poeten García Lorca, für den sich im Stierkampf wahrscheinlich der grösste poetische wie vitale Reichtum Spaniens findet. 

Damit der Minister seine Richtlinien auch durchsetzen kann, beruft er dafür gesondert eine Comisión Consultiva Nacional de Asuntos Taurinos ein, einen nationalen Beratungsausschuss für Stierkampfangelegenheiten, der alle nötigen Schritte für eine kulturelle Erbschaft in die Wege leiten soll. 

Joan Tardá i Coma (ERC)
Wenn Madrid so etwas von sich gibt, dann dauert es gar nicht lange bis Katalonien antwortet. So war es auch diesmal. Joan Tardá, politischer Führer der Republikanischen Linken Kataloniens (ERC), stellte trocken fest, dass es in Catalunya auch weiterhin keine toros mehr geben werde, es sei denn, die Legion marschiere ein.

Und damit die Eigenbrötler aus dem politischen Lager in Barcelona die Nachricht auch verstehen, richtete der Minister seine Worte in katalanischer Sprache gegen antispanisches Gedankengut. Als taurino respektiere er die antitaurinos, aber er wünschte sich, dass dieses auf Gegenseitigkeit stosse. Und was die Legion angehe, so gedenke er eine kleine Armee von mündlichen Komunikationen aufzubringen. 

Irgendwie erinnert das an Asterix und Obelix. 

Wir befinden uns im Jahr 2012 n. Chr. Ganz Spanien ist von Taurinos besetzt... Ganz Spanien? Nein! Eine von unbeugsamen Antitaurinos bevölkerte Region hört nicht auf, der Tauromachie Widerstand zu leisten. ...

Siehe: Kennen Sie Toro?

Freitag, 27. Januar 2012

Der digitalisierte Stier

Antonio
El niño de la albóndiga
Für viele ist er einer jener Kellner von denen man sich gerne bedienen lässt. Stets froh gelaunt behandelt er einen jeden Gast so, wie man sich vielerorts nur erträumen kann. Eigentlich wollte er torero werden. Hatte sogar schon einen Kampfnamen: El niño de la albóndiga. Der Kerl einer Frikadelle, das junge Fleischkpflanzerl oder einfach nur das Bulettenkind. Wie auch immer, auf jeden Fall waren ihm die toros doch eine Nummer zu gross, zu schnell, zu gewichtig, mit bedrohlich langen und spitzen Hörnern, kurz, viel zu gefährlich um sich in den Rund einer Plaza de toros zu wagen.

Es war kalt, der Himmel blau und die ersten Sonnenstrahlen erwärmten den grossen Platz am Hafen in Málaga. Ich schlenderte vorbei am Plaza, als Antonio, jener vorweg gepriesene Kellner auf mich zukam, warte Philip ich habe da etwas für dich. Es passte mir gut, denn es war gerade an der Zeit sich einen café con leche zu genehmigen und einen Blick in die Tageszeitung zu werfen. Der Kaffee kam, die Zeitung auch und ein strahlender Antonio stand vor mir. Er habe etwas in seinen Schubladen entdeckt, dass mir gefallen könnte. Nichts besonderes, aber bevor es im basura, im Mülleimer landete, wollte er dem Objekt noch eine Überlebenschance geben. Und die lag bei mir.

Genau genommen waren es zwei Artikel. Da waren Aufkleber mit Stierkampfmotiven und eine Postkarte.  Letzteres fiel mit gleich ins Auge. Da ist ein schwarzer toro von einem Videospiel fasziniert, während de r torero schon von Motten angefressen und Spinnweben umgeben eine eher traurige Figur abgibt. Und das nur, weil ein digitalisierter Stier das Interesse am roten Tuch verloren hat. Welch eine Wonne für einen jeden antitaurino.

Los Toros visto por Ozelui
Ein Blick auf die Rückseite verrät das Alter von diesem Kunstwerk. 1981, vor dreissig Jahren ist es entstanden und will schon damals wissen, welche Bedeutung die Digitalisierung für die tauromaquia haben könnte.

Da kann man sich doch mal fragen wie sieht das überhaupt aus mit dem Zusammenprall dieser Welten. Welchen Einfluss hat das digitale Zeitalter auf die tauromaquia? Gewiss, man kauft sich die entradas mittlerweile online, auch auch die wichtigsten Medien befinden sich im World Wide Web und Liveübertragungen von Stierkämpfen aus Amerika verfolgt man ebenfalls im Netz. 

Doch wie sieht es in den Plaza de toros aus? Welche Rolle spielen technische Neuerrungenschaften bei einer corrida de toros? Nicht eine! Im Gegenteil, technischer Firlefanz scheint verpönt. Seien es Grossleinwände in den tendidos, wo der Zuschauer die Manöver noch einmal in Zeitlupe verfolgen kann, gar als Bewertungsgrundlage für die möglichen Auszeichnungen, oder Messgeräte, um die Abstände zwischen torero und toro festzuhalten, oder elektronische Werbetafeln, ähnlich wie in Fussballstadien, nein, so etwas ist gänzlich unerwünscht. 

Die Welt der toros lebt von den einzelnen Momenten. Momente der Natürlichkeit. Jeder für sich eine Sekunde der Wahrheit. Jene Erlebnisse nach denen sich ein jeder aficionado sehnt. Nicht am Fernseher, auch nicht auf der Grossbildwand, und schon gar nicht mit digitalisierter Bestätigung wie die Hundertstelsekunden beim Sport, nein live, gefühlt und miterlebt. Genau das sind die Momente, und auch wenn diese nur einige wenige Minuten im Leben eines aficionados ausmachen, es sind jene Augenblicke die man nie vergessen möchte. 

Sonntag, 4. Dezember 2011

Ein Ave Maria für die Antitaurinos

Es war ein herrlicher Sonntag. Blauer Himmel und eine wärmende Sonne trieben ganze Horden von Menschen in die Innenstadt von Málaga. Und wer genau hinschaute konnte sie sehen.  Jene die sich von der Wahlniederlage des letzten Monats noch nicht erholt haben. Die antitaurinos. Kraftvoll wollten sie sich spanienweit in vielen Städten in Szene setzten und für ihre Sache demonstrieren. Für die abolición, ein europaweites Verbot von Stierkämpfen. Tausende, zig tausende sollten es sein, doch wer nachzählte, in Málaga war es gerademal eine Hundertschaft.

Antitaurinos in Málaga
Auf der Plaza de la Constitución, im Herzen der südspanischen Metropole versammelten sie sich, gleich einer Schar schwarz gekleideter Jünger, um einen symbolischen Friedhof aus kleinen weissen Pappgrabsteinen. Dabei riefen sich gegenseitig zu: "abolición ... abolición ... abolición.". In ihren Händen hielten sie Stangen mit schwarzen Wimpeln wie wir sie von den chinesischen Heerscharen kennen, und in leuchtendem Gelb verkündeten diese ihr Kampfwort, abolición. Doch die chinesische Wirkung blieb aus, den es waren keine Schaaren zu sehen.

Andrés ist Anwalt und schaute sich kopfschüttelnd das Geschehen an. Wir gehören zu den anderen,  meinte er schmunzelnd, als man uns einen Handzettel geben wollte und stellte trocken fest, dass das eher an eine gothische Subkultur erinnere als an eine Demonstration. Und so wirkte es auch auf die wenigen Schaulustigen. Ein älteres Touristenpaar aus Portsmouth erkundigte sich höflich, was dass denn solle. Nun, erklärte der Anwalt, nur ein paar Verrückte die Spanien abschaffen wollen.

Ave Maria
Durch ein Megafon ertönte eine krächzende Stimme, lucha con nosotros, kämpfe mit uns! Es ruft der Friedhof der Kuscheltiere. 

Eine Stimme erklang, gar so lieblich und doch verzerrt. Aber die Melodie aus Kadenzen und Septakkorden einer Quetschkommode verriet die Herkunft. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde des Todes. Ein Amen für die abolición. Ergriffen wurde durch das blecherne Megafon verkündet, was für ein emotionaler Moment dieser doch gewesen sei, bestätigt durch bescheidendes in die Hände klatschen einzelner Jünger.
Bravo für ein Ave Maria

Doch wer aufmerksam zuhörte fragte sich, über wen reden die? Wer ist hier eigentlich der Sünder? Für wen wird so andachtsvoll gesungen? Wird nicht gerade die Kirche verflucht, weil sie zum Entsetzen der Stierkampfgegner keine Stellung gegen die tauromaquia bezieht? Oder zeigt sich eine Welle der Toleranz, eine heimliche Akzeptanz für kirchlich geistige Güter? Wohl kaum.

Wie der Zufall es wollte zog ein Prozession der Heiligen Jungfrau der Virgen de los Remedios vorbei. Begleitet von ihrer Bruderschaft, den Anhängern und den geistlichen Vertretern, die liebevoll ihre Jungfrau mit Verehrungshymnen besangen.

Der Blick fiel wieder zurück auf die Gothiktruppe, welche unbeeindruckt das Megafon lauter stellte um den Störenfrieden ja nicht die verbale Machtherrschaft auf dem Platz zu überlassen. Lucha con nosotros. Für wenige Minuten die Stimmen zu senken, um der Prozession mit ihrer Jungfrau den nötigen Respekt zu zollen, das kam ihnen wohl nicht in den Sinn.
Virgen de los Remdios
Singen von Ave Maria, sind ergriffen und wenn dann eine richtige Maria vorbeikommt wollen sie von ihr nichts wissen. Ein respektloser und unerzogener Haufen, polterte der Anwalt los. Ein elegant gekleideter Herr gesellte sich zu uns. Dies alles sehe irgendwie deprimierend aus, meinte er, also ob sie ihre eigenen Ideen zu Grabe tragen.
So sehen nicht überzeugte Demonstranten aus.
Und da standen sie nun, so ziemlich alleine gelassen. Sangen sich gegenseitig an und müssten doch gemerkt haben, dass sich eigentlich kaum einer für sie so richtig interessiert.

Siehe auch: Sympathie oder Mitleid für eine Antitaurina?

Montag, 21. November 2011

Spanien hat gewählt

Sin palabaras - ohne Worte


Freitag, 11. November 2011

Spanien wählt

Spanien wählt am 20. Noveber 2011
Wahlkampf in Spanien. Der Termin rückt näher und das Buhlen um Wähler kommt in die heisse Phase. Da der Ausgang schon festzustehen scheint, kämpf man eben um die kleinen Dinge. Die Parteien um den Einzug, die Sozialisten um Schadensbegrenzung und die PP neigt zu Habgierigkeit. Dabei interessiert die Wähler vor allem nur eins: Ihr Leben, ihr Standard, ihre Zukunft und ihre Kultur. Für die aficion bekommt derjenige die Stimme, der sich für den Erhalt der Tauromaquia einsetzt. Bei gut fünfzehn Millionen aficionados ein wahrlich riesiges Wählerpotencial.

Das erkannte auch der Spitzenkandidat der Partido Popular, Mariano Rajoy, der am letzten Dienstag im Privatsender Antena 3 (*1) verkündete,  "Haré lo posible porque haya toros en toda España. Incluida Cataluña". Eindeutiger geht es nun wirklich nicht mehr. Er und seine Partei werden alles dran setzen um die Tradition der Tauromaquia aufrechtzuhalten. Das gilt auch für Katalonien. Punkt aus!

Was für ein Stich mitten in das Herz der antitauristas. Nur wenige Tage vor der Wahl, verkündet genau die Partei, die mit grösster Wahrscheinlichkeit gewinnen wird, vor einem Millionenpublikum, nicht nur dass sie weitere Störversuche diverser antitaurinos auf keinen Fall dulden werde, sondern stellt auch den katalanischen Alleingang in Sachen abolición de los toros, also ein Verbot von Stierkämpfen in Frage.
Mariano Rajoy Brey

Mariano Rajoy gibt ohne weiteres zu, dass er kein grosser aficionado de toros sei, aber trotzdem gelegentlich Stierkämpfe in Pontevedra oder Sevilla besuche. Er selbst spricht sich für die Freiheit aus: "Man kann keinen verpflichten zu Stierkämpfen zu gehen, aber genauso wenig kann man diese verbieten". Schliesslich findet sich die Förderung der Verbreitung der Tauromaquía als Kulturerbe und Teil der spanischen Tradition im Wahlprogramm der Partido Popular wieder (*2). 


Eine nationale Auszeichnung für die Tauromachie

Ángeles Gónzález-Sinde Reig
Und das Leiden der Gegner geht weiter. Noch bevor es zum grossen Rededuell der Spitzenkandidaten kam, verkündetedie die spanische Kulturministerin Ángeles González-Sinde die Einführung einer neuen staatlichen Auszeichnung. Die Premio Nacional de Tauromaquia (*3). Seitdem die Tauromachie im Juli diesen Jahres dem Ministerium für Kultur unterstellt worden ist (*4), versteht sich die Stierkämpferkunst ofiziell als eine artistische Disziplin. Es sei nur eine logische Konsequenz, "die Personen oder Einrichtungen auszuzeichnen, die sich durch ihren Einsatz hervorgetan haben, um sich für die Verbreitung der kulturellen Werte der Tauromachie einzusetzen", so die Kulturministerin.

Dotiert mit 30.000 Euros übertrifft diese staatliche Auszeichnung alle Prämien für Literaturpreise, welche lediglich eine Zuwendung von 20.000 Euros erhalten. Die katalanische Tageszeitung La Vanguardia ist entsetzt (*5). Wie kann der Staat etwas auszeichnen, was von einzelnen Regionen (die kanarischen Inseln und Katalonien) verboten worden ist? Fassunglos nehmen sie zur Kenntnis, dass von nun an, toreros, ganaderos, empresarios taurinos etc. höher prämiert werden als die Werke von Schriftstellern, Geschichtsprofessoren oder Journalisten. Die Tauromachie wurde auf die Ebene der Schönen Künste, des Theaters und der Musik gestellt; alles Elemente die wir am tarde de toros, im sol y sombra und beim Erklingen des paso dobles  erleben können.

Wie auch immer die Wahl ausgehen wird, der Gewinner steht schon jetzt fest:  

La Fiesta Nacional. 


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Anmerkungen:
(*1) Interview mit der Chefredakteurin der Nachrichten von Antena 3 Gloria Loman mit einer Einschaltquote von 11,5 Prozent.
(*2) Fomentar la difusión de la tauromaquia como patrimono cultural y traditional español. 
(*3) BOLETÍN OFICIAL DEL ESTADO,  Núm. 269, Sec. III., Pág. 116575, 8/11/2011
(*4) BOLETÍN OFICIAL DEL ESTADO, Núm. 209, Sec. I, Pág. 94912
(*5) "La última estocada de Sinde" von Albert Lladó, La Vanguardia, 9/11/201

Sonntag, 30. Oktober 2011

Es ist Zeit für die Stiere

Während man in anderen Gebieten über das Für und Wieder der tauromaquia sich streitet geht die südspanische Metropole Málaga still und heimlich ihren taurinischen Weg. Anlässlich ihres 175. Jubiläums veranstaltete die Diputación de Málaga una semana taurina. Eine Woche lang wurde sich mit der tauromaquia auseinandergesetzt und im Mittelpunkt stand ein runder Tisch mit Persönlichkeiten aus Kultur und der Welt der Stiere, eine praktische Vorführung der Stierkampfschüler aus Málaga mitten auf dem Plaza de la Constitución und eine Ausstellung mit Photographien von Pablo Cobas.

Das besondere an dieser Ausstellung Tiempo de Tauromaquia war ohne Frage der Ort. Nicht in einem Museum, in keiner Gallerie, und auch nicht in irgendeiner Bar. Man wählte die Fassade eines Gebäudes im Herzen von Málaga, direkt am Plaza de la Constituciön. Zu sehen sind Momente der arte del toreo, der Stierkämpferkunst. Zehn überdimensionale Schwarz-Weiss-Photos erfreuen die Augen der flanierenden Herrschaften auf der noblen Calle Marques de Larios.


Der sechsundzwanzigjährige Pablo Cobas aus Málaga ist kein Unbekannter. Zahlreiche Ausstellungen, viele Preise und gerade in diesem Jahr gewann er den "III. Fotowettbewerb der Semana Santa".


Webauftritt des Künstlers: Pablo Cobas Fotografía

Siehe auch:

Sonntag, 23. Oktober 2011

Antoñete, Tod am Nachmittag

Sonntag in Andalusien. Es ist noch früh am Morgen. Nur wenige Kreaturen zeigen sich im Strassenbild. Die letzten Gestalten der Nacht, die ersten Kirchgänger, die Taxifahrer, Bäcker und die Zeitungshändler, welche die jüngsten Exemplare der Presse sorgfältig vor ihrem Stand ausbreiten. Neben dem Kantersieg von Real Madrid wissen die Medien auch vom Tod zu berichten. Vom Tod am Nachmittag. Nicht im ruedo, sondern in einem Krankenhaus in Madrid.
Der Himmel ist schwarz. Es donnert und grollt, helle Blitze erleuchten schmerzend die Silhouette der Altstadt von Málaga. Es regnet in grossen Tropfen. Der Himmel weint und Spanien trauert. 

Nichttaurinos werden von ihm kaum gehört haben, aber diejenigen, die sich zur afición bekennen, wissen sehr wohl, warum die taurinischen Flaggen auf Halbmast hängen. Antonio Chanel Albadalejo "Antoñete" hat gestern der Welt Lebewohl gesagt. Nicht die toros haben ihn besiegt, nein, der Tabak und die Einsamkeit gaben dem Leben eines der grossen toreros ein jehes Ende. Wer als Neuaficionado das Glück hatte Antoñete in Aktion zu sehen, der kam in den Genuss der Tauromaquia noch einmal die Hand zu schütteln, so wie man sie Anfang Mitte des letzten Jahrhunderts kannte. Die grossen Juan Belmonte und Manolete lassen grüssen.

Antoñete, ein Mythos der Tauromaquia, eine Legende aus der Welt des Stierkampfes. Der Geschmack des guten toreos. Sein klassischer Stil mit den Stieren zu kämpfen, seine persönliche Art im Umgang mit der Tauromaquia lassen ihn als Teil der taurinischen Geschichte erleuchten. Für immer und unvergesslich.

Für den kolumbianischen matador de toros Cesár Rincón war er Idol und Vorbild. Und mit Erfolg. Im Jahr 1991 konnte man in der Presse lesen, Cesár Rincón in Madrid kämpfen zu sehen, ist wie Gott etwas zu fragen und er antwortet dir. Ein Mythos lebt weiter.

Wer kennt ihn nicht? Atrevido, den weissen Stier. 15. Mai 1966, das war keine faena, das war eine Simphonie. Unvergessliches Delirium in der grössten Plaza de toros von Europa. Las Ventas, seine Plaza de toros, hier ist er, hier war er zuhause.


Kein anderer hat es verstanden wie er die Geometrie des toreos umzusetzen, kaum einer konnte mit der Distanz zum toro so umgehen wie er. Seine Manöver waren durch und durch geplant, bis in das kleinste Detail durchdacht, er beherrschte das Terrain. Das toreo war für ihn wie eine taurinische Gleichung die er meisterte. Gewiss, sein Stil mag für einige wenige etwas altmodisch gewesen sein, der Vergangenheit angehörend und vielleicht auch zu schlicht, aber stets elegant, majestätisch, klug und überlegen.

Antoñete, descanse en paz.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Die heilige Verónica

Es ist wohl das bekannteste und in der Regel auch eines der ersten Manöver die ein matador mit dem toro vollführt. Dabei tritt der torero dem Stier mit der capa entgegen. Bei der capa handelt es sich um einen zweifarbigen Cape, einem außen rosa farbenen und innen gelben Umhang, der normalerweise mit beiden Händen gehalten und geführt wird. Der Name capa wird von capote abgeleitet und im Cossío, dem spanischen Brockhaus für Stierkampf findet sich die Erklärung: Instrumento de torear ... para burlar y torear al toro. Ein Instrument des Stierkampfes um den Stier zu täuschen und um mit dem Stier zu arbeiten. Wobei das Wort torear absolut vielseitig übersetzt werden kann. Denn neben mit dem Stier zu kämpfen, steht es für provozieren, belästigen aber auch verspotten. Im besagten COSSÍO verweisst man erst einmal auf ein anderes Wort: Lidear los toros en la plaza. Und schliesslich: Acción de dar al toro lidia. Also eine Tätigkeit mit dem Stier im Rahmen einer lidia, der Gesamtheit aller auszuführenden Figuren.mit einem toro während eines Stierkampfes.

Und was hat das bis jetzt mit der Heiligen Verónica zu tun? Wenn ein toro das Rund einer Plaza de toros betritt, wird er meistens vom matador mit einer Serie von veronicas empfangen. Dabei hält der torero die capa mit beiden Händen frontal zum toro und versucht ihn zu locken um ihn an sich vorbei führen zu können.
Ein Torero lockt den Stier mit der capa
Der Torero führt den Stier an sich heran
Der Torero führt den Stier an sich vorbei

El Greco: Die Heilige Verónica (um 1580)
Jenes Manöver nennt man verónica. Ein jeder der in irgendeinweise mit dem Stierkampf konfrontiert ist hat diesen Namen schon mal gehört. Nach irgendeiner Heiligen benannt, sei er erzählt man, und die ganz Schlauen wissen sogar etwas von einem Schweisstuch zu berichten. Und es stimmt

Die Figur trägt den Namen nach der Heiligen Veronica, einer angeblichen Jüngerin von Jesu Christi, obwohl nicht sicher ist, ob sie überhaupt existiert hat. Auf seinem Kreuzweg soll sie Jesu ein Schweisstuch mit beiden Händen in der Art gereicht haben, wie eben jenes Manöver der toreros ausgeführt wird. So zumindest stellt es sich in zahlreichen Kunstwerken dar.

"Costillares"
Die Erfindung des Manöver der verónica wird Joaquín Rodríguez, bekannt unter dem Namen Costillares (1746 - 1799), zugeschrieben. Überhaupt war er der erste torero der begann mit capa und muleta die ersten kunstvollen Manöver zu vollführen. Die Namensgebung ist aber von José Degado "Pepe Hillo" (1754 - 1801) erfolgt, der diese Figur in seiner Tauromaquia von 1796 erstmals schriftlich festhält.



Der spanische matador Enrique Ponce in Mexiko mit einigen verónicas:
 

Abschließend sei festgestellt, dass sich die verónica selbstverständlich auch in ein Verb konvertieren lässt, veroniquear: Regaterín tuvo una gran tarde, hasta como torero, pues veroniqueó superiormente.

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Quellennachweise:
  • COSSIO, Band 1, Espasa Calpe S.A., 2007
  • CINCO LUSTROS DEL TOREO, José D. De Quijano (Don Quijote), Ediciones de "La Fiesta Brava" Barcelona 1933
  • EL ARTE DE TOREAR, José Delgado "Pepe Hillo", 1796:
Pepe Hillo
“La Verónica: Esta es la que se hace de cara al Toro , situandose el Diestro en la rectitud de su terreno . Es la mas lucida , y segura que se executa ; y sus reglas son áproporcion de los Toros . El Franco ,Boyante , Sencillo ó Claro que todo es uno, se debe dexar venir por su terreno, y quando llegue á jurisdiccion cargarle la Suerte y sacarla , y hasta este acto , parará el Diestro los pies para lograr echarle quantas suertes quiera, procurando siempre que quede la Res derecha y no atravesada . Si estos Toros tienen muchas piernas deberá el Diestro situarse á bastante distancia ,a la Suerte, porque siempre pueden rematarla , pero sí carecen de ellas se han de citar sobre corto ,de forma que rematen y hagan suerte; y si no ,sucede muy de continuo que se quedan por falta de piernas antes de llegar á el engaño , o en el centro, y entonces puede peligrar el Diestro”