Donnerstag, 16. Oktober 2014

Ist der Stierkampf archaisch?

Ist es gerechtfertigt den klassischen Stierkampf als archaisch zu bezeichnen?
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von Philip de Málaga


Wenn antitaurinos gegen die mundo de los toros zu Felde ziehen richtet sich ihr Zorn in erster Linie gegen die klassischen corridas. Also die corrida de toros, die novilladas und das rejoneo. Fast nie gegen die festejos populares, wenn man von dem Toro de la Vega und den becerradas in Algemesí (Valencia) absieht. Die grossen Aktionen der antitoristas richten sich vorwiegend gegen den passionierten aficionado, bzw. die taurinos der corridas. Dabei wir oft damit argumentiert, dass das Geschehen im ruedo nicht mehr zeitgemäss wäre und nicht zu einem modernen Spanien gehöre. Dabei wird häufig die fiesta de los toros als archaisch abgestempelt. Als etwas dermassen Antikes, welches noch weit vor Christi Geburt platziert gehöre.

Gewiss, der Umgang mit den toros im Allgemeinen, den gibt es schon seit langem. Man denke nur an die minoischen Stierspiele auf der griechischen Insel Kreta. Und so finden sich in der Tat in der Mythologie diesbezügliche Zusammenhänge. So wird es dem griechischen Heros Herakles zugeschrieben, der Erste gewesen zu sein, der versuchte einen Stier zu bändigen.

Im Plast non Knossos (Kreta) findet sich ein Fresko mit einem Springer über einen Stier,
welches athletisches wie kultisches Ereignis galt.
Auch in der Bibel finden finden sich unter Moses Stierkulte als Opferritual, beziehungsweise als Spender der weiblichen Fruchtbarkeit.

Die erste historisch bekannte Persönlichkeit, welche Stiere in Sevilla und Cádiz vom Pferd aus mit einer Lanze bekämpfte war Julius Caesar. Sozusagen der erste namentlich bekannte picador oder rejoneador. Der römische Imperator war dermassen davon angetan, dass er dieses Schauspiel beim Circus in Rom einführte. Man kann sagen, es war das erste Mal, dass ein Stier vor einem Publikum antrat um zu sterben. Jedoch gab es hierfür kein Regelwerk. Die Stiertöter konnten vorgehen wie sie wollten um das Publikum zu befriedigen.

Costillares
Gewiss lassen sich solche Ereignisse, wie gerade beschrieben, als archaisch bewerten. Nur haben diese Spektakel mit der heute corrida de toros so gar nichts gemein. Was sie unterscheidet sind zwei Begriffe: Willkür und Reglementierung. Und Willkür ist im ruedo nicht erwünscht. Die heute organisierten festejos taurinos unterliegen einem strengen reglamento taurino.  Es kommt nicht nur darauf an, dass der toro stirbt, sondern im Laufe der Zeit ist das Wie an Bedeutung gestiegen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Anfang des klassischen toreo a pie findet sich im 18. Jahrhundert wieder. Erst ab 1750 gab es den ersten matador de toros, mit Namen Costillares, der es verstand mit einer capa und der muleta umzugehen und der den Beginn der tauromaquia in die Wege leitete.

In Frankreich wird der Beginn der Geschichte der corridas sogar erst in das 19. Jahrhundert verlegt. Also mit die Letzten, welche der mundo de los toros beitraten. Und trotzdem waren sie die Ersten, welche die tauromaquia zum Kulturerbe deklarierten.

Man kann also gut erkennen, dass mindestens zweitausend Jahre nach der Archaik der Beginn der corrida anzusiedeln ist. Welches wiederum darlegt wie verfehlt die Argumentation vom archaischen Ursprung angewendet wird.

Eine Lanze für den Toro de la Vega (2. Teil)

Eine Stellungnahme zu den Tötungsritualen von Stieren
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von Dr. Andreas Krumbein


Die Durchführung des Tötungsrituals ist etwas Besonderes. Es geschieht nur selten,
Der pregonero 2014 André Viard
manchmal nur einmal im Jahr. Man bereitet sich vor, man macht sich fein, man ist aufgeregt, man will dabei sein, es miterleben, vielleicht in direkter Aktion daran teilnehmen. Man feiert ein Fest, das Tötungsritual selbst ist eine öffentliche Zeremonie. Man erlebt bei sich selbst und anderen manchmal starke Emotionen. Danach ist man zufrieden. Manchmal, nicht immer. Man geht essen und trinken. Man hat den Tod erlebt, gesehen wie er zugefügt wurde – vielleicht hat man ihn selbst zugefügt – und eingetreten ist, man hat Lebensgefahr mit angesehen und beobachtet, wie durch das Aufwenden von Mühen und durch das Annehmen von Risiken ein Ziel auf einem Weg voller Gefahren erreicht wurde. Vielleicht ist man den Weg ein Stück weit selber gegangen und hat es selber erlebt und gespürt.

Und warum machen die das? Warum tun Menschen Dinge, die andere als grausam empfinden? Ist der Mensch vielleicht einfach so? Warum ist der Mensch manchmal grausam zu Tieren? Warum ist er es manchmal zu Menschen? Welche Umstände oder Gegebenheiten müssen vorliegen, damit ein einzelner Mensch grausam ist, welche, damit eine Gruppe es ist? Was bedeutet es, wenn eine Gruppe von Menschen eine geplante, organisierte Grausamkeit an einem Tier verübt? Was bedeutet es, wenn eine solche Gruppe dies an einem anderen einzelnen Menschen oder an einer anderen Gruppe verübt? Warum passiert so etwas immer wieder, unvorhersehbar und in fürchterlichster Ausprägung, gegenüber anderen Menschen? Ist es im Menschen, vielleicht in jedem einzelnen, angelegt, dass er zum aktiven Täter wird, wenn die Umstände und Gegebenheiten in bestimmter Weise vorliegen? Kann man diese Umstände und Gegebenheiten antizipieren, für einen einzelnen oder eine Gruppe? Kann man das Auftreten von Grausamkeiten gegen Menschen steuern, begünstigen oder verhindern? Kann die organisierte Grausamkeit gegen Tiere als Steuermechanismus dienen? Dient die organisierte Grausamkeit gegen ein Tier, in Anlehnung an seit Jahrtausenden erlebte Jagd- und Kampferfahrungen und ausgeübte Opferrituale und eingebettet in althergebrachte Riten, Symboliken und Gebräuche der Stabilisierung der Gemeinschaft zur Abwehr von Angriffen und Gefahren, die von innerhalb und außerhalb der Gruppe das Bestehen der Gemeinschaft bedrohen und zerstören könnten?  

Ein Raketenschuss, dann ein Knall – es beginnt. […] Der Stier Presumido stürzt mit seinen fünfhundert
Volante, Toro de la Vega 2012 (Foto: Gerardo Abril)
Kilogramm die Gasse abwärts in Richtung Fluss. Vor und hinter ihm rennen die Mutigsten. Jetzt hat er die Brücke erreicht und biegt in das offene Gelände ein. Der entscheidende Moment kommt. Noch hundert Meter bis zur Fahne.
Presumido schaut nicht zur Seite, er läuft und läuft. Reiter sprengen heran und flankieren ihn. Bei der Fahne ein Gewirr und dann eine große Staubwolke: die Lanzenmänner haben den Stier verpasst. Verzweifelt rennen sie ihm mit ihren langen Stangen nach. Presumido ist zu schnell. Er läuft geradeaus und sucht Schutz im Pinienwald. Einen Kilometer später macht er am Waldrand halt. Die Verfolger holen ihn ein. Eine erste Lanze fährt in seine Flanke. Presumido dreht ab und flieht in den Wald, die Lanzen­kämpfer hintendrein. Der sandige Boden macht ihnen schwer zu schaffen. Auf der anderen Seite des Waldes erreicht ihn Felipe Abril, El Carpita, als erster. Drei-, viermal fährt seine Lanze in die schwarze Flanke des Tieres. Presumido fällt in die Knie. Er steht nicht mehr auf. Langsam
 sickert sein Blut in den Boden. Eine Minute später ist er tot. So beschreibt Werner Herzog die an eine paläolithische Jagd erinnernde Stierhatz des Toro de la Vega, die jedes Jahr am zweiten Dienstag des September in Tordesillas (Provinz Valladolid) am Río Duero stattfindet. Der alte Brauch, heute mehr ein Turnier, hat seine Regeln: Der Stier darf erst ab der Fahne angegriffen werden, und wenn er die Gemeinde­grenze erreicht, ohne dass ein Lanzenträger zum Stoss gekommen ist, wird er begnadigt. Wer aber den Stier erledigt, gilt als der Geschickteste, Schnellste, Stärkste und bekommt den untersten, buschigen Teil des Schwanzes als Trophäe zugesprochen, die er auf seine Lanze steckt; früher waren es die Hoden.“ [1]

Moscatel der ganadería Victorino Martín, Toro de la Vega 2009 (Foto: mundotoro)
Aber die Kunst! Was ist mit der Kunst? Die Kunst ist das Totschlagargument, mit dem sich der aficionado selbst die Grube gräbt. Die Kunst dient der Ausschmückung, der Verzierung, sie ist ein Element der Vervollkommnung, sie ist wie goldene alamares auf der chaquetilla, sie ist die Maraschino-Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Sie ist Kultiviertheit, Geschmack, Stil und Eigenart, doch sie ist nicht der Grund, warum die Menschen zu den Stieren gehen, weder bei der corrida, noch bei den festejos populares, sie war nie der Grund und wird es nie sein. Wer die Kunst im Zusammenhang mit der corrida de toros verwendet, hat meist nicht einmal definiert, was er damit meint. Hat er es, so versäumt er in der Diskussion mit seinem Gegenüber zu erörtern, was der denn unter Kunst versteht. Und so redet man aneinander vorbei und um den heißen Brei. Das Argument und die Konzentration auf die Kunst dienen dazu, die Grausamkeit, die bei jeder corrida de toros in mehr oder weniger starkem Maße für den Einzelnen wahrnehmbar ist, zu verbrämen und erträglich zu machen, so lange bis man sie erfolgreich verdrängt hat. Doch wer zu den Stieren geht, muss sich gerade diesem Aspekt stellen, der Grausamkeit. Jedes gewaltsame Töten eines Lebewesens hat etwas grausames, manchmal mehr, manchmal weniger, und für unterschiedliche Menschen auf verschiedene Art und Schwere. Solange der Mensch tötet, muss er sich der von ihm ausgehenden Grausamkeit bewusst sein und sie sich aktiv bewusst machen. Auch dazu dienen die Stiere.

Stellvertretend für die Vielzahl von festejos populares mit Stieren breche ich hier eine Lanze für den Toro de la Vega und für die Art und Weise, wie er von einer Gemeinschaft von Menschen zu Tode gebracht wird. Ob ich selber als Beobachter eines so ausgeführten Tötungsrituals das Geschehen ertragen könnte, gälte es noch unter Beweis zu stellen. Trotz allem: die festejos populares sind die direkten Vorfahren der corrida de toros, vielleicht ihre ungehobelten Verwandten vom Lande. Die mag man unangenehm finden oder vielleicht sogar hassen. Verraten oder umbringen darf man sie nicht.  

Im Übrigen: die Tradierung der Hintergründe und Bedeutung der althergebrachten Riten, Symboliken und Gebräuche, ihre Verteidigung gegen Angriffe und Abschaffung und das öffentliche Stellungbeziehen in Medien und Diskussionen in Spanien, wer übernimmt das?

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Quellennachweis:

[1] Rolf Neuhaus, Der Stierkampf, eine kleine Kulturgeschichte, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2007


Weitere Informationen zu diesem Thema:


Offizielle Webseite: Patronato del Toro de la Vega

Reinhard Haneld, Taurosophie 
Karl Braun, Der Tod des Stieres, Fest und Ritual in Spanien, Verlag C. H. Beck, München, 1997
Lorenz Rollhäuser, Toros, Toreros, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbeck bei Hamburg, 1990
Rainer Bischof, Heilige Hochzeit, Böhlau Verlag, Wien, München, Weimar, 2006

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Eine Lanze für den Toro de la Vega (1. Teil)

Eine Stellungnahme zu den Tötungsritualen von Stieren
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von Dr. Andreas Krumbein


Die corrida de toros, so wie sie sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts aus den Anfängen einer Darbietung für die Bevölkerung, unter Erscheinens und Akzeptierens bezahlter, professioneller Spezialisten für das Töten und durch die Erarbeitung und Einführung komplizierter Regeln bis zum heutigen Tage entwickelt hat, vereint in sich eine verwirrende Vielzahl von Details, Überresten und Anspielungen auf althergebrachte Riten, Symboliken und Gebräuche aus vielen Regionen Spaniens und möglicherweise eines viel weiter ausgedehnten Bereiches um das Mittelmeer. Diese Riten, Symboliken und Gebräuche selbst sowie die Art und Weise, wie und zu welchen Anteilen sie in die corrida de toros eingeflossen sind, wie stark sie dort in Erscheinung treten und welche Bedeutung sie für die Menschen der früheren Epochen gehabt haben mögen und welche Bedeutung sie für den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt heutzutage haben oder haben könnten, ist Gegenstand von Interpretationen, Deutungen und Diskussionen, sowohl beim einfachen aficionado als auch in der Wissenschaft. Da gibt es die Demonstration von Mut und Männlichkeit beim Laufen der Stiere zum Beispiel während der encierros oder bei capeas, da gibt es die Opferung der jungen Männer, deren Leben irgendwann geschont und als deren Ersatz wertvolle Tiere, nämlich Stiere, getötet wurden. Da gibt es die Hochzeitsstiere, die einem frisch vermählten Ehepaar die Nachkommenschaft sichern sollen, es gibt das gemeinsame Totschlagen und –stechen eines Stieres mit anschließendem gemeinsamen Zerlegen, Zubereiten und Verzehr des Fleisches durch das gesamte Dorf. Es gibt in dem, was bei der corrida de toros dargeboten wird, das Erkennen einer als schicksalhaft angesehenen gesellschaftlichen Rolle von Mann und Frau, die Zuschreibung dieser Rollen den Akteuren toro und matador, und den allmählichen Rollentausch zwischen den beiden. Es gibt das Erkennen sexueller Komponenten zwischen den beiden Rollen und der Ausübung des Geschlechtsaktes.

Volante, Toro de la Vega 2012
(Foto: Gerardo Abril)
Ob das alles tatsächlich so ist, ob die Deutungen stimmen oder nicht, ob die überlieferten Erzählungen Erfindungen sind oder reale Ereignisse wiedergeben, ist häufig unklar, wirkliche Beweise gibt es nicht, lediglich Indizien. Indizien gibt es auch für die Ansicht, dass die Art und Weise, wie in Spanien Stiere bei gemeinschaftlich ausgeführten Ritualen getötet werden, ursprünglich auf die Jagd zurückgeht. Der Mensch begann einerseits dem Stier sein Territorium streitig zu machen und sich neuen Lebensraum zu erobern, andererseits war der Stier aufgrund seiner Größe und Masse ein begehrter Lieferant für Fleisch, Haut, Horn und Knochen. Der Stier verteidigt sein Leben und sein Territorium (su terreno), er ist gewaltig und wild und wird, vor allem wenn er als einzelnes Tier von der Herde abgesondert wird, außerordentlich aggressiv; wegen seiner Stärke und Waffen ist er sehr gefährlich. Der Mensch lernt, sich gegen die Art, wie sich der Stier verteidigt, zu wehren. Mensch und Stier sind in dieser Epoche natürliche Rivalen. Später entwickelt sich das Opfer des Stieres, der im Mittelmeerraum einerseits als Lebensspender oder Überträger sexueller Potenz das Prinzip des Schöpferischen symbolisierte und dessen heilbringende Wirkung man für sich selbst erbat. Andererseits existierte der Stier als Symbol zerstörerischer, roher Kraft und Gewalt, die den Menschen und sein Überleben bedroht, die gebändigt und vernichtet werden soll, oder auch als Symbol des Bösen, dessen Vernichtung und Verzehr durch Übertragung der Lebenskraft des Opfertieres neues Leben schafft oder dessen Tod mit Vorstellungen von Weihe und Wiedergeburt verbunden waren. Man kann Anklänge an solcherart Glauben und religiöse Vorstellungen in allen spanischen Tötungsritualen mit Stieren erkennen. Zwingend ist das nicht, aber es geht.


Die corrida de toros ist ein besonders entwickeltes Tötungsritual mit Stieren. Federico García Lorcas Ausspruch „Ich glaube, dass der Stierkampf heutzutage das kultivierteste Fest der Welt ist“. wird zu Recht an exponierter Stelle zitiert. Doch darf Kultiviertheit, hoher Bildungsstand und gute Erziehung dem aficionado den Blick für einen anderen Teil der (vermeintlichen) Wirklichkeit und des menschlichen Wesens nicht trüben: „Cossío meinte, die historisch älteste Form des Stierkampfs, abgesehen von der Jagd und bevor er im dreizehnten Jahrhundert zu einem Privileg des Adels wurde, sei zweifellos das tumultuarische, anarchische und brutale Stierspiel auf provisorisch zu diesem Zweck hergerichteten öffentlichen plazas gewesen, an dem Adlige und Leute aus dem Volk, Stierkämpfer zu Pferd und zu Fuß, Amateure und manchmal auch bezahlte Stiertöter teilnahmen. Das Volk »lief« die Stiere (»correr toros«), hetzte sie, lief mit ihnen zum Platz, die Stiere wurden dort eingepfercht und einer nach dem anderen losgelassen, und die Adligen bewiesen Mut und Geschicklichkeit, indem sie - unterstützt von Lakaien zu Fuss, die den Stier mit ihren capas in Position brachten und ihm Harpunen oder banderillas setzten, - den Stier vom Pferd aus mit der Lanze oder dem »rejón« (kurze Lanze) verletzten oder töteten. War der Stier erschöpft, aber noch nicht tot, oder fand sich für einen Stier kein caballero, so fiel das Volk über das Tier her und machte ihm den Garaus.“ [1] Schilderungen solcher Vorkommnisse und besonderer Eigenarten bei den sogenannten „Stierspielen“ gibt es in Neuhaus Kulturgeschichte über Stierkampf [1] viele. Alle sind für das Empfinden eines Mitteleuropäers sehr grausam, manche in der bildlichen Vorstellung fast unerträglich. Doch warum ist das so? Und: Warum machen diese Menschen so etwas?

VolanteToro de la Vega 2012
(Foto: José Carpita)
Das numerische Gewicht der »festejos populares« oder »menores« (Stierspiele und –kämpfe außerhalb der Arenen, für die kein Eintritt zu zahlen ist) übersteigt nach wie vor bei weitem das der »festejos profesionales« oder »mayores«. Es gibt etwa acht- bis zehnmal so viele »kleine« Stierfeste wie große; bei ihnen werden rund doppelt so viele Tiere getötet wie in den Arenen, und sie weisen wohl mindestens ebenso viele Teilnehmer auf wie die Arenen Zuschauer verzeichnen.“ [1] Die Situation für den aficionado, der der corrida de toros zugetan ist, sich aber mit den anderen Tötungsritualen mit Stieren nicht abfinden kann, stellt ein ebenso großes Dilemma dar, wie dasjenige, in dem sich mancher antitaurino befindet, der den Stierkampf abschaffen will, aber die übliche Schlachtung von Nutztieren aus der Landwirtschaft akzeptiert. (Siehe dazu den Beitrag Stierkampf und Tierquälerei [2].) Es gelingt nicht, das eine, dem man zugetan ist, gegenüber dem anderen, das man ablehnt, durch Argumente zu stützen, ohne sich selbst zu widersprechen oder die eigene Position zu zerstören. Besucht man als aficionado eine corrida de toros, hat man sich damit abgefunden, dass ein Tier öffentlich getötet wird, dass die Möglichkeit besteht, dass der Stier Schmerzen empfindet, dass das Töten und das Sterben des Stieres lange dauern kann und dass der Stier im allgemeinen den Kampf gegen den Tod durchlebt und möglicherweise auch durchleidet. Alle Argumente, dass der Stier, aus welchen Gründen auch immer, keine Schmerzen empfände oder nur reduziert, können nicht geltend gemacht werden, denn ein Beweis dafür kann nicht erbracht werden. Von ihrer Grundstruktur her ist die corrida de toros so geartet wie alle spanischen Tötungsrituale mit Stieren: eine Gemeinschaft von Menschen tötet gemeinsam ein Tier. Dass nicht jeder Einzelne bei der Ausführung der Tötungsprozedur mit Hand anlegt, spielt dabei keine Rolle. Der matador fungiert als Abgeordneter der Gemeinschaft, in deren Auftrag er den Stier für die Gemeinschaft, der er selbst angehört, tötet. Für die Übernahme des damit verbundenen Risikos, der Lebensgefahr und der Verpflichtung bestimmte Regeln einzuhalten, die das Risiko und die Gefahr noch erhöhen, wird er vom Rest der Gemeinschaft bezahlt. Die Gemeinschaft lässt sich damit ihren Schneid abkaufen, doch eines behält und trägt sie: die Verantwortung für die Tötung des Tieres, das für jeden einzelnen Anwesenden bei der corrida stirbt, eine Verantwortung, deren Übernahme nach außen hin und in aller Öffentlichkeit sichtbar gemacht wird und zu der jeder Anwesende steht. Häufig wird der Dreiklang von Stier, matador und Publikum, das sowohl die Qualitäten von Stier und matador beurteilt und einfordert, bemüht. In "Die Herausforderung der Corrida" [3] wird zusätzlich die presidencia als vierte Komponente, die die Einhaltung von Regeln auf Seiten der toreros sowie auf Seiten des Publikums zu kontrollieren und durchzusetzen hat und gegen den das Publikum als Vertreter der Obrigkeit und Gegenspieler des gemeinen Volkes in Opposition gehen kann, eingeführt, was anthropologisch, soziologisch und sozial-psychologisch von höchstem Interesse ist, für die prinzipielle Einordnung von Tötungsritualen mit Stieren jedoch ohne Belang. Eigentlich gibt es nur zwei wesentliche, gegensätzliche Komponenten: das Tier und die Gemeinschaft von Menschen, die nach dem Tod des Tieres verlangt und die Tötung ausführt.

Fortsetzung folgt.

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Quellennachweise:

[1] Rolf Neuhaus, Der Stierkampf, eine kleine Kulturgeschichte, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2007
[2] Andreas Krumbein, Stierkampf und Tierquälerei, Stierkampf - Corrida de toros, 2007
[3] Gunzelin Schmid Noer, Annelinde Eggert, Die Herausforderung der Corrida - Über den latenten Sinn eines profanen Rituals, Seite 99 bis 162 in: Kultur-Analysen - Psychoanalytische Studien zur Kultur. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1986

Dienstag, 14. Oktober 2014

Ausverkauft!




von Philip de Málaga


Nur 44 Stierkampfveranstaltungen 
waren in Spanien und Frankreich 2014 komplett ausverkauft
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In diesem Jahr zählte die temporada taurina etwas mehr als 1.000 corridas. Im Grossen und Ganzen konnten sich die empresarios der plaza de toros nicht beklagen. Oft füllten sich die tendidos zumindest für zwei Drittel, häufig gab es ein casi lleno, aber zu einem No hay billetes, also einem ausverkauftem Hause hasta la bandera hat es nur ganze 44 Mal gereicht. Das sind gerade Mal etwas mehr als vier Prozent. Und es gibt nur einen matador de toros, der zwar wenig antritt, wenn er aber im ruedo zu sehen ist, ist ein No hay billetes garantiert. Der diestro José Tomás. In diesem Jahr mit drei Auftritten.

In einer ausverkauften plaza de toro anzutreten, der Traum eines jeden toreros
(Foto: mundotoro)
Die führenden plaza de toros mit einem No hay billetes in 2014 waren:
  1. Pamplona ( 9 x ausverkauft mit 175.761 Zuschauern)
  2. Madrid ( 6 x ausverkauft mit 141.000 Zuschauern)
  3. Valencia ( 3 x ausverkauft mit 38.652 Zuschauern)
  4. Málaga ( 3 x ausverkauft mit 36.000 Zuschauern)
  5. Mont de Marsan ( 3 x ausverkauft mit 21.300 Zuschauern)
  6. Istres (2 x ausverkauft mit 7.800 Zuschauern)
Die Liste mit den matadores mit den meisten No hay billetes in 2014:

Sie sorgten für die meisten ausverkauften plaza de toros:
Die maestros El Juli, José María Manzanares und Morante de la Puebla
(Foto: mundotoro)
  1. mit 12 corridas:
    • El Juli (= 32 Prozent seiner Auftritte)
  2. mitcorridas:
    • Morante de la Puebla (= 30 Prozent seiner Auftritte)
  3. mit 8 corridas:
    • José María Manzanares (= 28 Prozent seiner Auftritte)
  4. mit 7 corridas:
    • Finito de Córdoba (= 28 Prozent seiner Auftritte)
  5. mit 6 corridas:
    • Alejandro Talavante (= 21 Prozent seiner Auftritte)
    • Iván Fandiño (= 12 Prozent seiner Auftritte)
  6. mitcorridas:
    • Sebastian Castella (= 12 Prozent seiner Auftritte)
    • Miguel Ángel Perera (= 11 Prozent seiner Auftritte)
  7. mit 4 corridas:
    • Enrique Ponce (= 10 Prozent seiner Auftritte)
    • Juan José Padilla (= 7 Prozent seiner Auftritte)
    • El Fandi (= 7 Prozent seiner Auftritte)
    • El Cordobés (= 12 Prozent seiner Auftritte)
  8. mit 3 corridas:
    • José Tomás (= 100 Prozent seiner Auftritte)
    • Antonio Ferrera (= 8 Prozent seiner Auftritte)
  9. mitcorridas:
    • Diego Urdales (= 18 Prozent seiner Auftritte)
    • Juan Bautista (= 8 Prozent seiner Auftritte)
    • Rafaelillo (= 18 Prozent seiner Auftritte)
    • Javier Castaño (= 6 Prozent seiner Auftritte)
    • Manuel Escribano (= 6 Prozent seiner Auftritte)
    • Alberto Aguilar (= 11 Prozent seiner Auftritte)
    • Miguel Abellan (= 6 Prozent seiner Auftritte)
    • Úceda Leal (= 18 Prozent seiner Auftritte)

Montag, 13. Oktober 2014

Konfrontation mit dem Tod

Über die Gefahren beim toreo
wenn junge Leute dem Tier gegenüberstehen
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von Torodora Gorges
(Fotos: mundotoro)

Ein torero, ob als Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, riskiert Gesundheit und Leben bei seiner Konfrontation mit dem Stier, dessen Tod er vorbereitet. Regelmässig setzt er sein eigenes Leben aufs Spiel. Um nicht selbst Opfer der Übermacht des Stieres zu werden, muss er deren Schnelligkeit und Stärke, aber auch seine Lernfähigkeit berücksichtigen. Man weiss, dass ein toro innerhalb von kurzer Zeit die Finten Täuschungen der toreros durchschaut hat und "Bescheid weiss" - el toro sabe latín, sagt man im Fachjargon. Man hat deswegen in der corrida einen begrenzten Zeitraum von zwanzig Minuten festgelegt, innerhalb dessen sein Tod erfolgen muss, damit das Leben des toreros nicht durch sein Wissen des Stieres gefährdet wird.

Der toro ist ein guter Beobachter und lernt schnell.
Die wichtigen Gebote für den torero heissen:
Der torero muss durch seinen Einsatz den toro verlangsamen, mässigen und schliesslich führen, dominieren. Mit Hemingways Beschreibung: "Parar los pies: die Füsse stillhalten, während der Stier angreift; templar: das Tuch langsam bewegen; mandar: das Tier mit dem Tuch beherrschen und kontrollieren". Auf welche Weise ein toro diese grundlegenden Aufgaben inszeniert, macht seine "persönliche Note" aus, auch schon in ganz jungen Jahren, wie es zum Beispiel in Videoaufzeichnungen des jugendlichen Morante de la Puebla zu sehen ist.

Parar los pies, den Stier passieren lassen ohne seine Füsse zu bewegen.
Hier mit geschlossenen Beinen.
Der matador de toros Talavante am letzten Samstag in Zaragoza
Immer aufs Neue droht einem torero Gefahr durch eigene Fehler im Umgang mit dem Tier und durch dessen Unberechenbarkeit. Er ist während seiner Arbeit ständig wechselnden Gefühlen - Schrecken, Angst, Freude, Stolz oder Beschämung - unterworfen. Die Furcht vor Versagen und Misserfolg lässt sich vermutlich nur mit grossem Energieaufwand aus dem Bewusstsein ausblenden, ebenso die eigene Todesangst. Sie muss verdrängt und verleugnet werden, wenn sie nicht, wie beim typischen Draufgänger zu beobachten, ins Gegenteil verkehrt wird.

Psychisch werden immense Abwehrleistungen von einem Menschen gefordert, der schon im Jugend- oder gar Kindesalter reale Erfahrungen mit dem Tod und mit dem Töten gemacht hat. Der Akt der Tötung des Stieres am Ende einer corrida de toros ist mit einem festlichen archaischem Opferritus vergleichbar. Das Überich des Menschen, der diesen Tod innerhalb des tradierten Reglements zelebriert, ist durch das Ritual "ent-schuldigt". Sein individuelles Gewissen fühlt sich entlastet durch das Wissen um die kollektive Zustimmung.

Momente welche die toreros fürchten.
Wie aber wird das Töten eines Stieres von einem noch sehr jungen Menschen erlebt? Der österreichische Filmemacher Günther Schweiger befragt einen Jungen, der mit anderen Gleichaltrigen in einer escuela taurina ausgebildet wird, ob es ihm nicht Leid tue, einen Stier zu töten. Er antwortete: "Nein, er muss doch sowieso sterben". Das ist eine Form der Rationalisierung, die dem allgemeinen kindlichen Gefühl von Liebe, Ehrfurcht und Mitleid für das Tier widerspricht. Welche innere Zerrissenheit muss der Junge überwinden, um zum erforderlichen tödlichen Stoss mit dem Degen überzugehen? Kann er die Ambivalenz mit denselben Mechanismen abwehren wie ein "gestandener", erwachsener Mann?

Alumnos in einer escuela taurina, noch ohne Stiere
Von den erfahrenen toreros wissen wir, dass sie die toros seit ihrer Kindheit lieben. In der Zärtlichkeit eines toreros gegenüber dem Stier, in der harmonisch gebundenen Bewegung, drückt sich seine libidinöse Beziehung zu ihm aus. Ich stelle mir vor, dass es während der Laufbahn eines toreros immer wieder zu psychischen Krisen kommen kann, die im Zusammenhang mit seinem inneren Dilemma gegenüber dem Tod des Stieres stehen.

Die Berührung, der Kontakt mit dem Tod.
Die Abwehr des Konflikts kann unter bestimmten Bedingungen im Laufe der Entwicklung eines matadores zusammenbrechen.

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Quellennachweise:

Torodora Gorges, Morante de la Puebla -Torero, Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2010
Ernest Hemingway, Death in the Afternoon, Charles Scribner`s Sons, New York, 1932

Sonntag, 12. Oktober 2014

Der Reichsführer wird ohnmächtig

Heinrich Himmler besucht einen Stierkampf in Madrid
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von Philip de Málaga


Bei der Reise in die Vergangenheit entdeckte SfA etwas aus der Zeit des Dritten Reiches. Am  20. Oktober 1940 besuchte der Reichsführer der SS Heinrich Himmler eine corrida de toros in Las Ventas, in der plaza de toros der spanischen Hauptstadt. Dem Mann aus Deutschland wurde ein regelrechtes cartel de lujo geboten: Marcial Lalanda (SfA-Lesern dürfte er mittlerweile bekannt sein), Rafael Ortega "Gallito" und die alternativa von Pepe Luis Vázquez. Ein tarde de toros mit einem No hay billetes. Aber nicht wegen des Besuches aus Deutschland

Auf den carteles wurden die spanischen Señoras und Señoritas aufgefordert sich für diesen tarde entsprechend spanisch mit Schal zu kleiden und mit gut aussehender Frisur. Obwohl es regnete begann die corrida pünktlich um Viertel vor Vier. Und gleich zu Beginn wurde hier mit einer Tradition gebrochen. Der Paso Doble erreichte die tendidos. Nach dem paseillo wurde von der banda taurina die deutsche und spanische Nationalhymne sowie die La Falange gespielt.


Es regnete weiter und trotzdem wurde das espectáculo taurino begonnen. Doch im Laufe der corrida geschah im palco der Nazis etwas höchst Unerwartetes. Der Reichsführer war dermassen entsetzt was er im ruedo zu sehen bekam, ihm wurde schwindelig und schliesslich fiel er in Ohnmacht. Der servicio médico eilte herbei um Himmler wieder auf die Beine zu helfen. Etwas später verurteilte ausgerechnet jene Person, die für eines der grössten Verbrechen gegen die Menschheit verantwortlich ist, die toros als ein verachtenswertes und höchst blutiges Schauspiel. 

Heinrich Himmler und der torero Marcial Lalanda
Es regnete in Strömen weiter und nach dem dritten toro wurde die corrida suspendiert. Wie das Protokoll verlangte, betraten dann die matadores de toros den palco wo ihnen von Himmler deutsche Medaillen und silberne Zigarettenetuis überreicht worden sind.

Himmler sollte noch eine zweite corrida in Bayona (Galizien - oben mittleres Foto links) besuchen. Aus nachvollziehbaren Gründen kam es nicht dazu.

Samstag, 11. Oktober 2014

Mit 34 Peseten zum Millionär

Marcial Lalanda - 1932,  Stierkampf in Alicante
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von Philip de Málaga


Bleiben wir noch ein wenig in der Vergangenheit. Gehen wir zurück in das Jahr 1932. In jenem Jahr ist ein internationaler Bestseller zum Thema der tauromaquia entstanden. Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway veröffentlicht sein Werk "Tod am Nachmittag". Kein angehender aficionado ist zumindest in der Vergangenheit nicht daran vorbei gekommen es zu lesen. Beeindruckend war das damals noch einzigartige "Erklärende Spezialverzeichnis für gewisse Worte, Bedeutungen und Redewendungen die beim Stierkampf verwendet werden" mit über 500 Begriffe. Überhaupt zeigt der 88-seitige Anhang wie intensiv sich Hemingway mit den toros auseinander gesetzt hat. Auf 64 Seiten sind Fotoaufzeichnungen zu sehen.

Zwei Seiten davon widmet er einem besonderen torero. Dem matador de toros Marcial Lalanda del Pino.

Gleich zwei Seiten widmet Hemingway dem torero Marcial Lalanda
Hemingway schrieb über ihn: "Marcial Lalanda, der wissenschaftlichste und fähigste aller toreros der Gegenwart, beobachtet den toro in aller Ruhe, wie er nach einer estocada zusammen bricht." Überhaupt war das temple Ausdruck seiner nüchternen Gelehrtheit im Umgang mit den toros einer seiner grossen Stärken. 

Lalanda noch ein Kind
Lalanda 1903 in Madrid geboren tötete schon mit zehn Jahren in Alameda de la Sagra (Toledo) vor Publikum seine erstes becerro, wo er sein erstes Geld als torero verdiente. Ganze 35 Peseten und 40 Cents. Im selben Jahr trat er ebenfalls in der Provinzhauptstadt Toledo auf, wo er die Kreisverwaltung dermassen beeindruckte, dass diese eine escuela taurina eröffnete um weitere alumnos zu fördern. Mit nur elf Jahren öffnete er seine erste puerta grande bei Madrid, verliess also die plaza de toros auf hombros und es war das erste Mal, dass nun auch die Presse auf ihn aufmerksam geworden ist. Das war im Dezember 1914. Nur das Gesetz verhinderte weitere Erfolge, war es jungen Leuten unter sechzehn Jahren untersagt bei den toros öffentlich anzutreten. So pausierte er für zwei Jahre erst einmal und 1919 zeigte er sich wieder bei becerradas in der Öffentlichkeit, trat dann bei zahlreichen novilladas an bis er am 21. September 1921 in Real Maestranza de Sevilla seine alternativa bestritt. Sein padrino war kein Geringerer als Juan Belmonte und der testigo Chicuelo. Zwar kam er dabei nicht über ovaciones hinaus, aber schon im nächsten Jahr gelang es ihm in den plazas von Valencia, Barcelona und Sevilla zu triumphieren. Und seinem Weg zu einem der grossen maestros stand nichts mehr im Weg. Mit 34 Peseten hat er begonnen und schaffte es als torero zum Millionär.

Lalanda der maestro
Und trotzdem ist er heute der gegenwärtigen afición eher unbekannt. Besonders in Kreisen der nichtspanischen aficionados. Es gibt sehr wenig Filmmaterial über ihn und auch die Literatur hält sich eher bescheiden. Obwohl Lalanda einer der bedeutendsten figuras seiner Zeit wurde. Die Presseberichte hatten sich überschlagen mit Lobeshymnen über ihn. Wo er auftrat gelang es ihm zu überzeugen. In Madrid zum Beispiel trat er im Jahr 1935 zehn Mal an und und erreichte zehn durchschlagende Erfolge.

Sein Mut war unbestritten. Un torero muy valiente! Besonders mit der capa, war er auch häufig die erste Person, welche dem toro begegnete. Den capote verstand er mit grosser Kunstfertigkeit zu schwingen. Toros, mit welchen sich andere toreros schwer taten begegnete er mit Ruhe und Gelassenheit als ob es nichts Einfacheres gäbe als dieses res zu dominieren. Für ihn schien alles fácil zu sein, eine Leichtigkeit, obwohl auch er die schmerzhaften Erfahrungen von cornadas erfahren durfte. Aber auch die konnten ihn nicht abhalten seiner labor weiter nach zu gehen. Wo er antrat war mindestens ein casi lleno immer garantiert. 

Gehen wir nach Alicante und schauen dem maestro ein wenig im ruedo zu:


Dort trat Lalanda am  17. Januar 1932 mit den matadores de toros Manuel Mejías Bienvenida und Domingo Ortega an. Obwohl es recht kalt war, wurde der tarde de toros ein voller Erfolg. Und wie der Zufall es wollte fand SfA ein Video von jenem Nachmittag in Alicante. Die kurioserweise aus Italien stammende Montage (denn der Ablauf entsprach nicht der eigentlichen lidia) wird musikalisch von dem Werk Liebesteid des österreichstämmigen Komponisten und Violinisten Fritz Kreisler begleitet, welcher hier zwei Interpretationen (1930 und 1942) anbietet.


Auch in diesem Video braucht man den Mut und die Dominanz eines Lalandas nicht in Frage zu stellen.
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Quellennachweise:

Ernest Hemingway, Death in the Afternoon, Charles Scribner`s Sons, New York, 1932
COSSÍO, Inventario Biográfico, Band 15, Espasa Calpe S.A., 2007
Cinecittá Luce S. p. A., Rom

Freitag, 10. Oktober 2014

La Joselito: Flamenco und Stierkampf

Über eine ungewöhnliche Taufe
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von Philip de Málaga


Keine Frage, die mundo de los toros und die Welt des Flamencos gehören in Andalusien zusammen. Dabei verkörpert der Flamenco nicht einfach nur Musik und Tanz, sondern eine Lebensphilosophie. Und nicht selten wird dort der Tod selbst oder in ihn hinein getanzt vielleicht aber auch in literarischem Gesang interpretiert. Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass die beiden Welten, die toros und der Flamenco irgendwie eng verschmolzen sind. Der Tod, als Ende eines Mysterienspiels verbindet sie.

Und so ist es bei einer corrida flamenca vorgesehen, dass statt des legendären paso doble ein Flamencogesang ertönt, besonders wenn der matador im letzten Drittel den toro auf sein Ende vorbereitet.


Der wohl einer der populärsten matadores de toros Anfang des letzten Jahrhunderts war der maestro José Gómez Ortega mit dem Künstlernamen Joselito "El Gallo" (1895 bis 1920).

Auf der anderen Seite findet sich die Flamencotänzerin Carmen Gomez (1006 bis 1998). Eine Zigeunerin war sie keine, aber den Rhythmus wohl schon im Leibe der Mutter gespürt, so sagte sie. Ihr Vater Rodrigo Acensio hatte den grossen Wunsch ein richtiger torero zu werden, und so spendierte der Bürgermeister zwei kleine becerras, damit er und sein Freund Relampago auf dem Marktplatz üben konnten um Ihr Können unter Beweis zustellen. Doch seinen Freund erwischte es schwer, so schwer, dass er mit seiner zukünftigen Frau Carmen Gomez keine Kinder mehr bekommen konnte. Der Bürgermeister war schockiert und wütend und die torero-Anwärter gaben es auf. Relampago begleitete mit der Gitarre Carmen bei ihren Tänzen und ihr Vater wurde Fischhändler in Barcelona

Sie trat zwar schon an vielen Stätten in Begleitung von grossen Tänzern wie La Macarrona, La Melena, Estampio oder La Tanguera auf, aber ihr fehlte immer noch ein richtiger Künstlername.

Carmen und Relampago besuchten häufig die corrida de toros. In den tendidos sahen sie auch oft den diestro Joselito als Zuschauer sitzen. Dieser steckte ihr manchmal Geld zu. Einmal besuchte er Carmen bei einem Flamencokonzert. Am Ende begab sich Joselito mit einem Sherryglas in der Hand auf die Bühne, leerte den Inhalt über ihren Kopf und sagte: "Du sollst meinen Namen tragen, denn du wirst eines Tages sehr berühmt werden". Ihr Freundin Consuela Reyes, welche sich auch der Kunst des Flamencos widmete reagierte sofort: "Hast du verstanden, du bist soeben auf den Namen Joselito getauft worden, und ab heute sollst du dich so nennen!"


Und so wurde sie getauft, geschaffen und berühmt. Das war 1917. Drei Jahre später wurde Joselito in der plaza de toros von Talavera de la Reina (Toledo) von dem toro Bailador getötet. La Joselito aber tanzte weiter, noch viele Jahre mit tiefer Transmision grösster Trauer um ihren Namensgeber.