Freitag, 22. April 2016

Morante, in Flaschengrün und Gold

Gekleidet in Flaschengrün und Gold,
das könnte kein anderer sein als Morante de la Puebla
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von Fernando Cámara

Gekleidet in Flaschengrün und Gold, verinnerlichen die Farben der andalusischen Romanze durch einen Meister der lidia. Vom eigenen Körper entfernt voller torería.


Angefangen bei Cobradiezmos, dem Vorläufer des rhythmischen Rituals in der Maestranza, bis zu Dudosillo schien niemand bemerkt zu haben, dass es sogar noch im Takt lag. Der Takt eines Rhythmus von Morante. Genau dort war die Essenz, eingeschlossen in einem Einmachglas verleugneter bravura, in letzter Instanz. Auf die Magie wartend, war der Cuvillo bereit, mit Morante die vollkommene Gemeinschaft zu erreichen. Er warf sich mit Bravo in die Arme seines geliebten  lidiadores, seine embestida, er verlangte es geradezu.


"Nimm mich, Morante, streichle mich mit den Fransen deines Tuches, zeige mir den Ruhm hinter dem roten Gewand! Lass mich lange und tief an dir vorbei gleiten, dein Kinn tief in die Brust gedrückt, meine Rasse zum Ausdruck bringen! Warte ein wenig, damit ich zu Atem kommen kann um mein Erinnerungsvermögen zu steigern. Verweigere mir nicht den temple, und auch nicht die torería, denn sie beobachten dich, deine Figuren und deine Harmonie! Dringe noch einmal in meine Privatsphäre ein, mit einem anmutigen pasito deiner Verwegenheit! Belege den intimen Raum meiner casta, und ich werde dich wieder angreifen, und noch einmal, und ich werde dich hineinziehen in deine tiefgründige maestría! Bewege dich schnell! Hebe das zerrissene Tuch auf, und zeichne an meiner Flanke einen Hauch deiner Euphonie!"

Gekleidet in Flaschengrün und Gold, das könnte kein anderer sein als Morante

Wer sonst, wäre ... ?

Donnerstag, 21. April 2016

Sevilla: 41 Prozent mehr Zuschauer als vor zwei Jahren!




von Philip de Málaga


In der andalusischen Hauptstadt boomt der Stierkampf
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Die jüngsten Zahlen, welche die empresa der Real Maestranza de Sevilla in der südspanischen Metropole verkündet, reflektieren eine Tendenz, auf welche die Politik und auch die ausländischen Medien, die in der Regel recht einseitig berichten, ruhig mal einen genaueren Blick werfen sollten. 


Denn in Sevilla hat die temporada taurina in diesem Jahr sensationell gut begonnen. Nicht nur das es mehrere No hay billetes, also eine ausverkaufte plaza de toros gab, auch allgemein stieg das Interesse. Die toros erfreuen sich einer immer grösser werdenden Beliebtheit. Das ist einfach eine Tatsache. Schon im vergangenen Jahr konnte man in Sevilla ein gewaltiges Plus von knapp 35 Prozent verzeichnen. Und dieses Jahr hat man noch einen weiteren Zuwachs von 15 Prozent melden können.
Nicht wenige Male füllten sich die knapp 13.000 Plätze in der Real Maestranza de Sevilla
In diesem Jahr wurden die festejos taurinos vom Ostersonntag sowie während der Feria de Abril insgesamt von 155.000 Zuschauern aufgesucht. Die Real Maestranza de Sevilla zählte vier No hay billetes. Vier mal ausverkauft hasta la bandera! Ein klares Zeichen des Publikums. Und weitere sechs novilladas con picadores sowie zwei bis drei corrida de toros sind für dieses Jahr noch angesetzt.


Mit anderen Worten, innerhalb von zwei Jahren sind zu Beginn der temporada taurina in Sevilla die Zuschauerzahlen um 41 Prozent gestiegen! Das sind 45.000 Personen mehr! Es scheint, der sector taurino beginnt sich von der Wirtschaftskrise zu erholen. Auch andere plaza de toros, wie die von Jerez de la Frontera erfreuen sich über positive Zahlen. Da soll man doch nicht daher kommen und behaupten, die toros verlieren an Interesse in Spanien. 

Mittwoch, 20. April 2016

2.500 Kilometer Werbung!




von Philip de Málaga


Da das sozialistische Madrid keine Werbung für die Stiere macht, 
hilft man sich selbst
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Die sozialistischen Stadtverwaltung der spanischen Hauptstadt beschlossen hat, für die mundo de los toros nicht mehr zu werben, hat die empresa der grössten plaza de toros von Europa das Zepter selbst in die Hand genommen. Es kann doch nicht angehen, dass für die berühmte wie historische Las Ventas keine Werbung in der Comunidad de Madrid zu sehen ist. San Isidro, mit Sevilla doch sicherlich ein Highlight in der mundo taurino. Ein Muss für jeden torero der etwas auf sich setzt, und auch ein aficionado de toros sollte mal in den tendidos von Las Ventas eine corrida verfolgt haben. Es versteht sich von selbst, dass hier ein wenig Marketing auch dazu gehört.

Dir fahrende Werbung taurino für dieses Jahr
So wird auch dieses Mal, wie schon in den vergangenen Jahren ein Autobus mit Werbung für die feria taurina in Madrid in und um die spanische Hauptstadt fahren. Insgesamt eine Strecke von 2.500 Kilometer. Dabei werden carteles und Broschüren verteilt.
Der Bus 2015
Zu sehen sind auf dem Doppeldeckerbus nach englischem Vorbild vorne die figuras des aktuellen toreos und hinten die Silhouetten der wichtigsten toros sowie die Eisen der führenden 29 ganaderías

Dienstag, 19. April 2016

Sevilla: 12 Tage, 12 Photos



von Maurice Berho
(mundotoro)


Mit einem Blick für die mundo de los toros
Der französischen Photograph Maurice Berho gehört in der Gegenwart mit Sicherheit mit zu den renommiertesten Photographen der tauromaquia. Seine Photos leben von einer ungeheuren persönlichen Tiefe und zeigen häufig andere Einblicke in die mundo de los toros. Auch in den plazas bei den corridas selbst entdeckt er Motive, welche den meisten Zuschauern in den tendidos verwehrt bleiben. Hier eine kleine Serie über die zwölf Tage der letzten Feria de Abril in der andalusischen Hauptstadt Sevilla.

1. Tag: Rejoneo
2. Tag: Regen
3. Tag: Sol y sombra
4. Tag: Traje de luces
5. Tag: Warten auf den toro
6. Tag: Toro
7. Tag: Zwei maestros
8. Tag: Torera
9. Tag: Im ruedo
10. Tag: Warten auf den Tod
11. Tag: Cornada
12. Tag: Vorbereitung zum momento de verdad

Montag, 18. April 2016

Jubel in der Maestranza: Morante

José Antonio Morante de la Puebla am 15. April 2016
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von Torodora Gorges



Zwei Jahre - 2014 und 2015 - blieb Morante der Maestranza  fern.  Er hatte seine Gründe, die nicht alle verstanden. Sevilla entbehrte ihn schmerzlich. Anstrengungen ihn zu ersetzen, liefen ins Leere. Die Morantistas schwankten zwischen depressiver Trauer und sehnsüchtiger Hoffnung auf bessere Zeiten.

Die Erlösung 2016: Fünf Auftritte Morantes in dieser Saison waren in Sevilla angekündigt! - Grosse Erwartungen, die zunächst enttäuscht wurden. Ostersonntag und zwei weitere Nachmittage während der Feria de Abril verliefen ohne erwähnenswerte Höhepunkte. Gewiss, Morante zauberte mit der capa und auch der muleta einige künstlerische Details,  wertgeschätzte Pinselstriche seines Könnens, die seine Anhänger erfreuen. Morante war motiviert und wollte sein Publikum nicht frustrieren. Aber der duende ließ sich nicht blicken!

In den Blogs und Netzwerken wurde nur kurz berichtet. Die Morantistas wollen es auch nicht so genau wissen. Es reicht zu hören, dass die Stiere - die allerdings aus ganaderías seiner Wahl stammen - nicht der Arbeit des maestros entgegenkamen. Und dann noch der unselige Degen!

Andere toreros sorgten für Momente der Freude: Das Publikum der Maestranza konnte am  Mittwoch den indulto eines toro aus der ganadería Victorino Martín durch Manuel Escribano miterleben und feiern (SfA: Auf dem Weg in die Freiheit: Sevilla begnadigt einen Stier). - Am Donnerstag errang José Mari Manzanares, der in den vergangenen Jahren bereits als "Konkurrent" Morantes in der Rolle des "Prinzen von Sevilla" gehandelt wurde, eine Trophäe.  

Dann schliesslich der vierte Nachmittag für Morante de la Puebla: Freitag - el viernes de farolillos -  mit El Juli und dem jungen Talent Roca Rey! 

Die Maestranza im Rausch! Die absolute Stille der Ergriffenheit neben dem Taumel! Der duende hatte seinen Auftritt.



Sevilla erlebte - verspätet -  die lang ersehnte und erwartete Resurrección, die Wieder- Auferstehung ihres großen Sohnes, Morante, El Genio. . - "Obra de Arte, Kunstwerk",  "ein Torero im Zustand der Gnade versetzt die Menschen ins Delirium!", "embrujo - Verzauberung". Der kollektive Schauer von Glück wird beschworen und die Liebe als Himmelsmacht zitiert.  -    Es scheint, als würden selbst die Fotos und Videos von Morantes Körperhaltung und Ausstrahlung im Zusammenspiel mit dem toro zu inspirierten Kunstwerken.
Die Begeisterung überträgt sich nicht zuletzt durch die Netzwerke. Der Nachhall des frenetischen Jubels in der Maestranza  über Morantes überraschender pase de molinete mit der muleta reicht weit hinaus über Sevilla, Andalusien und Spanien in die "toro-fernen" Regionen der Welt. Diese Kostbarkeit bleibt in der Erinnerung.

Morante errang zwei Trophäen und damit die Puerta Grande von Sevilla. Er wurde auf Schultern in sein Hotel getragen.

Ich las vorhin, dass der tapfere Juan José Padilla, El Ciclón de Jerez, der einäugige Pirat, gestern, am Samstag, die Puerta de Príncipe geöffnet hat. Dazu bedarf es dreier Trophäen. Ich vermute, dass diese Leistung zwar ebenfalls angemessen bejubelt wurde. Aber ob sie mit dieser Nachhaltigkeit gewürdigt wird wie Morantes "Genialitäten"? - Ich bezweifle es.

Sonntag, 17. April 2016

Der Himmel über Sevilla, und mit dem Toreo ihm so nahe!




von Phillip de Málaga
(Photos: mundotoro, SfA, Cultoro)


Morante kommt ... 
und nur wenige Sekunden setzen die königliche Maestranza 
in einen Rausch des unnachahmlichen toreo eines Genies
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Wenn eine plaza de toros wie die Real Maestranza de Sevilla sich hasta la bandera mit Rang und Namen aus der andalusischen Hauptstadt füllt, wenn unter den toreros beim paseillo nur einer ist, der einen Namen eines Genies, eines, nein, des Boheme der tauromaquia trägt, wenn die Sonne mit ihren Strahlen den maestros beim paseillo in das Gesicht leuchtet und der Wind die Gegenwart spüren lässt, dann ist er gekommen, der Moment der Erwartung. Der Puls bleibt stehen und wartet auf seinen Einsatz. Die Brust ist angespannt, das Herz erfreut sich dabei zu sein, diesen Moment mitzuerleben können. Es ist soweit. Die Maestranza ist vorbereitet.
Der paseillo, dem Licht entgegen um den Himmel zu erobern.
Und die 13.000 aficionados de toros in den tendidos des ausverkauften coso von Sevilla sollten nicht enttäuscht werden.

Morante de la Puebla, der andalusische torero, der erste matador de toros, dem es gelungen ist, das toreo in diesem modernen Zeitalter, fern ab seiner mittelalterlichen Entstehung und den Wurzeln in der archaischen Distanz, als Selbstverständlichkeit im Bereich der Kunst, dem kreativen Schaffen neuer Inspirationen, zu integrieren. Wegen ihm sind sie gekommen. Sie kamen um den morantismo zu spüren, zu sehen und zu erleben, selbst wenn es nur für wenige Minuten ist. Nach dem historischen indulto vom vergangenen Mittwoch wollte man mehr, man hoffte dem Himmel der toreros noch einmal näher zu kommen. Noch einmal in diesen Tagen an der Geschichte der tauromaquia teilnehmen zu können.

Dann kam er, nach einem silencio, einer ovación und einem oreja, der vierte toro des Tages. Sein Name Dudosito von der ganadería Nuñez de Cuvillo. In der Feria de Abril der achte toro von Morante. Seine letze Möglichkeit die Himmelspforte zu öffnen. Und was da durch das toril ins ruedo stürmte zeigte Klasse, bravura, ein toro zu Verlieben. So sah es auch der Künstler. Das Kinn an die Brust gepresst, den capote führend, beobachtet er den vorbei gleitenden toro, variierte und bestimmte das Tempo, kontrollierte das Geschehen und der Puls der Tausenden um das Rund verteilt begann zu beschleunigen.

Ein verónica mit der capa.
Der capote von Morante, wenn der toro mitspielt, bezaubert. Und Dudosito tat ihm den Gefallen. Galoppierend nahm er die Manöver der chicuelinas und andere an, während der diestro ihn mit  geschlossen Beinen empfing und ihn mit seiner typischen media verónica in das Leere laufen liess.


Bei so viel Euphorie und Begeisterung kam die Wahrheit vor dem abschliessenden momento de  verdad. Jenes Drittel, was entscheiden wird über Niederlage und Triumph oder gar einem peinlich anmutendem silencio im Publikum. Der toro kam und Morante war schon da. Stand sicher auf dem Sand im ruedo und nahm in aller Ruhe seinen Angriff entgegen. Der Zeitlupenmodus sprang an. Mit der tiefgeführten muleta erreichten Anfänge emotionaler Strömungen die tendidos. Bién hörte man von den Plätzen. Erneut passiert der Stier, mit der rechten Hand langsame derechazos. Da steht der diestro fest auf seinen Beinen, mit aufrechter Haltung, mit tiefem Einblick in die Gestaltung und Durchführung seiner Manöver, die natural, so langsam, welch eine Langsamkeit, so tief, das man die Luft anhält, ai, que profundo, und das Publikum beginnt zu träumen. Träume die wahr werden. Da ist sie, die Realität, die man sich wünscht. Genau jene Momente warum es in der Real Maestranza de Sevilla ein No hay billetes gab, und vielen der Zutritt versagt worden ist. Ein gesellschaftlicher Highlight in Andalusien in dem die mundo taurino triumphiert. Der temple den Atem des Windes anhalten lässt. Und da sitzt nun der Morantista, der aficionado, der taurino auf seinem asiento, schaut auf das Erlebte und kann es kaum fassen. Was hat er da nur gesehen? ¡Madre mía, que torero, que Morante! Die schleichende Ruhe im torero, das rasante Tempo im eigenen Puls. ¡Que fiesta! 

Nah am toro und in aller Ruhe, ganz langsam, eine natural.
Und dann? Dudosito wehrte sich. Ja, er griff stets die muleta an und entwaffnete den torero. Das rote Tuch glitt zu Boden und der hölzerne Stab, der estaquillador zerbricht. Da stand er nun, der matador ohne seine Bewaffnung, ohne Schutz, ohne Ablenkung. Die banderilleros strebten an, ihm zur Hilfe zu eilen, den toro abzulenken, eine zweite muleta zu bringen, doch der maestro Boheme entschied mit genialer Inspiration anders. Er nahm die ein wenig zweckentfremdete muleta wieder auf, ergriff sie mit seinen beiden Händen wie eine capa, rechts und links vom roten Tuch, stellte sich erneut dem toro, liess ihn angreifen und schwenkte die muleta wie ein capote, eine media verónica, oléque bonita, que belmontina, que pureza, der pure toreo war wieder neu geboren, er war einfach wieder da. 
... und eine media verónica mit der muleta.
Da stand er nun, der neugeborene Morante, voll und ganz auf das Wohl des toros seines Dudosito konzentriert. Belmonte war wieder erschienen. Er war dort. Sein Herz schlug einfach so plötzlich in den tendidos, in den Herzen der aficionados.  

Morante hat es geschafft. Ob eine Zigarre rauchend an der barrera sitzend oder im ruedo, der toreo ist arte, ist Kunst. Er hat es soeben bewiesen. Demonstriert. Mehr noch. Das Herz angesprochen. Eine Explosion der taurinischen Gefühle verursacht. Man ist wieder da. Man versteht, wonach man gesucht hat. Wie kann man da aufatmen, wenn man soeben gespürt hat, was man nie für möglich gehalten hat? 

Die puerta grande hat sich für den torero aus Andalusien geöffnet. Der paso doble erklingt. Die Himmelspforten sind gnädig mit der afición und breiten weit auf ihre Tore für neue Inspirationen.  Und um den Himmel zu erreichen, mussten wir schon sehr weit zurück blicken. Ganze 25 Jahre ist das her, wo der berühmte Ausspruch über den kolumbianischen diestro César Rincón in allen Medien zu lesen war, als er 1991 in einem Jahr vier mal die puerta grande in Las Ventas öffnete: "Cesar Rincón in Madrid kämpfen zu sehen, ist wie Gott etwas zu fragen und er antwortet dir". An diesem tarde de toros in Sevilla, in der königlichen plaza de toros der andalusischen Hauptstadt, waren wir genau dort wieder angelangt. 
Dos orejas!
Danke an Morante, Danke dass wir diesen Moment noch einmal erleben durften. Muchas gracias, maestro de la Puebla.

Samstag, 16. April 2016

Noch auf ein Wort zum "Indulto"





Ein Kommentar von mundotoro C.R.V.


Ist das Wort des indultos, der Begnadigung zeitgerecht?
Ist die Sprache der Tauromachie noch zeitgemäss?
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Ich glaube nicht an das indulto! Ich glaube nicht an diesen mittelalterlichen Begriff, wo einem Häftling die Todesstrafe vergeben wird. Ich verstehe, dass diese Praxis mit dem toro in die heutige Zeit übertragen worden ist, wo ein Begriff zunächst einmal bestätigt, dass dort jemand bestraft und zu Tode verurteilt worden ist. Laut Definition wird nur derjenige begnadigt, der auch verurteilt worden ist. Und das toreo ist keine Kunst die jemanden verurteilt, und schon gar nicht zum Tode. Zu sterben bedeutet nicht auch dazu verurteilt zu sein.  Ein toro wird nicht getötet, weil er schuldig ist, und deswegen kann er auch nicht begnadigt werden. Daher sollte man diesen mittelalterlichen Begriff im Jahr 2016 nicht mehr verwenden.
Der in Sevilla begnadigte toro Cobradiezmos auf dem Weg ins campo.
(Foto: Ganadería Victorino Martín)
Nein. Es ist eine semantische Bewertung, unwichtig oder ohne Idee. Es geht dabei um zwei Punkte: Erstens, das Leben des toros wertzuschätzen, welches das Ende in sich selbst in der tauromaquia darstellt,  und der Botschaft über Jahrhunderte: Die toros leben für immer. Und ausserdem muss die Botschaft des toreo bis hin zur Gesellschaft vermittelt werden, einer Gesellschaft in der ich lebe, welche Nachrichten des Todes und der Vergebung des Todes zurückweist, und die aus Überzeugung Bestrafung ohne Schuld ablehnt. Ein aficionado des toreo oder jemand der davon etwas versteht,  unterstützt die Natürlichkeit des Wortes indulto. Aber die Pflicht von uns allen, der Verständigen des toreo, ist es die fiesta in dieser Gesellschaft zu legitimieren, sie in ihrer Sprache und Gefühlen zu erklären, und dieses sollte nicht mit Ausdrücken geschehen, welche man nicht nur nicht versteht sondern auch abgelehnt werden. So sollte man nicht den Begriff matador de toros (Töter der Stiere) verwenden, sondern torero.

Die arena ist keine Zirkus mit einem von vornherein Verurteilten, sondern das Ende eines Lebens als Teil eines Rituals, einer Tradition, einer natürlichen Beziehung und dem Respekt zwischen dem Menschen und dem toro. Der Tod in der plaza ist der natürliche Tod, die Ursache für alle Menschen sterben zu wollen: Wenn unser Leben auf natürliche Weise endet. Ein anderer Tod, welcher  diesem nicht gleicht ist nicht der Tod eines toro bravo, sondern eines Tieres mit einer anderen Kondition, mit anderen Werten, welchem man einen anderen Respekt entgegenbringt. Nur der Tod in einer plaza ist der natürliche Tod eines toro bravo. Warum reden wir dann von indultos. Von Begnadigungen?

Nein, wir gehören nicht zu denjenigen mit der absoluten Macht in unseren Händen, die ihren Daumen vom palco aus nach oben oder unten zeigen, je nachdem wie der Pöbel es wünscht. Nein, wir sind nicht ein König, der aus Barmherzigkeit zu Füssen einer Guillotine begnadigt. Nein, wir gehören nicht zu dieser unzeitgemässen Macht, welche über Leben und Tod entscheidet. Ein toter toro der aus der plaza gezogen wird, hat den selben Tod wie ein toro, der wieder auf das campo kann. Denn er kehrt wieder zurück, weil er unter seinen Brüdern, besser war, oder besser behandelt wurde, oder bessere Tugenden hatte, oder einfach nur deswegen, weil seine bravura noch nicht zu Ende war. Darum kehrt er auf das campo zurück. Um dort sein leben fortzuführen.

Miguel Hidalgo (1753 -1811)
Die tauromaquia hat die Gabe der Wahrnehmung von dem, was noch nicht fertig oder verbraucht ist,  von dem, welches keine lidia erschöpfen kann. Und ein toro wie Cobradiezmos verschleisst sich nicht in der plaza.  Seine bravura ist unendlich. Und genau aus diesem Grund kehrt er auf das campo zurück. Wir sollten uns lieben von der Rede über das Leben an bis hin zur heutigen Gesellschaft, fernab von der Vergebung für die Verurteilten. Verstehen Sie, dass jemand sagt, dass dieses nicht notwendig ist? Denn es war schon immer so. Miguel Hidalgo, der mexikanische Revolutionär für die Unabhängigkeit, sagte dem Vize-König bezüglich seiner Begnadigung: "Der indulto ist für Kriminelle, nicht für Patrioten!" Und der toro bravo ist der treuste Patriot den die tauromaquia hat.

Ich fordere nicht ein indulto, ich schreie "Al campo!"

Freitag, 15. April 2016

Auf dem Weg in die Freiheit: Sevilla begnadigt einen Stier




von Philip de Málaga


Wenn Träume wahr werden ... wenn Sevilla beginnt zu träumen
In der andalusischen Hauptstadt wurde Geschichte geschrieben
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Wenn die andalusische Metropole anfängt zu träumen, bekommt man es in Spanien erst am nächsten Tag mit. Die Medien waren voll davon. 

Die spanischen Medien waren voll davon. Wenn Sevilla seine Gefühle zeigt.
Der toro Nummer "37" der ganadería Victorino Martín mit dem Namen "Cobradiezmos" und einem Gewicht von 562 Kilo, wurde am Mittwoch in der Real Maestranza de Sevilla vor gut 7.000 Zuschauern begnadigt. Der matador de toros Manuel Escribano kooperierte feinfühlig bei der Vergebung seines Lebens, weil es ihm gelang die Tugenden des toros im ruedo in Szene zu setzen. Die plaza im Rausch, Emotionen in den tendidos, als ob sie einen solchen toro schon seit Jahren nicht mehr gesehen hätten. Ein toro bravo auf dem Weg zur Freiheit. Vibrationen in den Herzen und Seelen des Publikums, und im Zentrum ein torero mit seinem Stier, der ihn laufen liess, obwohl dieser schon nach dem Tod verlangte. Der Tod war so nah, doch die Zuschauer wedelten mit den weissen Tüchern, immer energischer, immer wilder und immer stärker. Und Cobradiezmos folgte weiter der sich stets nach vorne flüchtenden muleta. Drehte sich um, erfasste das rote Tuch erneut und griff wieder an. Mehr pañuelos in den Rängen, im palco presidencial kaum Bewegung, Verärgerung in den tendidos. Ein Rausch zwischen Tod und Freiheit, zwischen Traum und Wahrheit. Sekunden die zu Minuten werden. Der toro läuft immer noch, passiert immer wieder muleta und torero. Auch die weissen Tücher im Publikum, noch kräftiger, noch energischer, ja sogar zorniger. Doch dann nach einer Ewigkeit erscheint es, ein kleines eher belanglos aussehendes Tüchlein, mit der Farbe der Freiheit. Das rote Blut des toros mischt sich mit dem gelben Licht der Sonne zur additiven Farbmischung eines Orange. Ein leuchtendes Orange, welches den Weg in die Freiheit, zu den grünen dehesas öffnet. Der aplausos dröhnt durch die Maestranza, Erleichterung in den Rängen, den Tod überwunden, die Freiheit erlangt. Cobradiezmos hat Geschichte geschrieben.

Der presidente zeigt mit dem orangen Taschentuch die Begnadigung von Cobradiezmos an.
Cobradiezmos auf dem Weg in die Freiheit
Ein intensiver und wichtiger Moment auch im Leben des matadores de toros Manuel Escribano, der im Anschluss sagte: "Ein historischer Moment. Es ist schwer, dass Geschehen zu assimilieren. Ich bin glücklich, ich bin der reichste in Freundschaft, Zuneigung und Liebe für die ganze Welt, vor allem zu sehen wie die Menschen es begeistert aufgenommen haben und auf mich setzten. Zu sehen, wie Menschen weinen, für das, was du im ruedo machst ist unglaublich. etwas was ich dem aficionado nie zurück geben kann, und da ist so ein indulto das beste was ich tun kann.

Mit bravura gegen den picador.



"Es war ein grossartiger toro, von beginn an. Anspruchsvoll aber bravo und ich musste mich sehr auf ihn fixieren um auf seiner Höhe zu sein. Gute toros durchschauen schnell den torero, aber Gott sei Dank konnte ich ihn phänomenal führen und so erreichte ich einen traumhaften toreo, tief unten, langsam geführt, ausgeglichen, es war eine pure Freude. Das gehört jetzt zur Geschichte und wird mir mein ganzes Leben in Erinnerung bleiben."

Erst der muleta folgen ...
... und dann dem cabestro in die Freiheit!
In der Real Maestranza de Sevilla hat es bis heute drei indultos gegeben. Die erste Begnadigung erhielt am 12. Oktober 1965 ein novillo der ganadería Marques de Albaserrada. Der novillero war Rafael Astola. Und zwischen dem vor 51 Jahren begnadigten novillo und dem am Mittwoch freigesprochenen toro Cobradiezmos gibt es eine genetische Verbindung.  Blutsverwandte! Beide aus der Erblinie von A Coronada. Das zweite begnadigte Tier kam von der ganadería Nuñez del Cuvillo und die symbolischen trofeos erhielt, am 30. April 2011 der matador de toros José María Manzanares.

Die Freiheit ruft: Cobradiezmos, der dritte indulto in Sevilla
Bei so viel Schönheit, Eleganz, temple und Berauschendes im ruedo der Real Maestranza de Sevilla stösst man beim Portal mundotoro über den Begriff des indultos. Indultar sei eigentlich ein hässliches Wort. Regierungen indultan ständig irgendwelche Diebe oder Verbrecher. Das sei auf keinen Fall vergleichbar.  Nein, das sei kein indulto. Wer benötigt Vergebung wenn so lebt wie dieser toro? Nein, es ist weder Vergebung noch Barmherzigkeit! Es ist die Zustimmung zum Leben! Es ist, einfach gesagt, etwas zu belohnen was das Leben lebenswert macht. Genau das ist das toreo