Mittwoch, 25. Mai 2016

54 Antworten, die BILD-Redakteure akzeptieren sollten (1)

Über die zweifelhafte wie einseitige Berichterstattung der BILD-Zeitung
wenn es über Stierkampf geht
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von Philip de Málaga

Jedem Menschen sei es überlassen sich für das Medium zu entscheiden, wo er sich informieren möchte. Und jedes Medium kann selbstverständlich seine eigene Sichtweise den einzelnen Themen gegenüber bringen, aber Recherche sollte dabei ein unverzichtbares Instrument sein und journalistische Sorgfalt im Vordergrund stehen.
Die Achtung der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
(Pressekodex des Deutschen Presserat, Ziffer 1)
Die deutsche Tageszeitung BILD des Axel Springer Verlages scheint dieses zumindest bei einem Thema nicht so genau zu nehmen. Wenn es um Stierkampf geht, berichtet dieses Medium nicht nur einseitig, sondern vermittelt den Lesern der knapp zwei Millionen starken Auflage ein falsches Bild über die mundo de los toros. Viel schlimmer noch, deren Redakteure informieren ohne darüber recherchiert zu haben. Zum einen ist den Damen und Herrn nicht einmal bewusst, dass es weltweit mehr als 65 Millionen aficionados de toros gibt, und zum anderen, dass sich die tauromaquia in einer ganz anderen intellektuellen Liga abspielt. Woher kommt das Interesse bei Persönlichkeiten wie Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, Gabriel García Marquez und Pablo Neruda oder Künstler wie Francisco Goya, Pablo Picasso, Miguel Bose und Joaquin Sabina für die toros?

Auch in diesem Jahr wetterte das Boulevardblatt gegen die mundo taurino. Unter anderem wurde im April diesen Jahres der Leser mit 54 Fragen, die Stierkampf-Fans sich gefallen lassen müssen konfrontiert. Das stellt sich spontan die Frage, warum ein aficionado sich so etwas gefallen lassen muss? Nicht einmal die Autorin Anna Kessler erklärt es. Gleich in der Einführung ist die Rede davon, dass die corrida de toros von der Europäischen Union subventioniert werden. Schlicht und einfach eine Unwahrheit. Und dann diese Fragen. SfA will diese gerne beantworten um darzustellen, wie einseitig hier gearbeitet wird, bzw. wie eigentlich nicht einmal recherchiert worden ist. Schliesslich kommt einem noch folgender Gedanke auf: Wurden diese Fragen auch an die spanische und französische afición gerichtet? Wohl kaum.

Und nicht nur eine Person, also Frau Anna Kessler, sondern ein ganzes Team der BILD-Zeitung war nötig um eine Sammlung von Fragen zusammenzustellen.

BILD: 1. Was ist berauschend daran ein Tier leiden zu sehen?

Wer behauptet, dass es den aficionados de toros gefällt, die Tiere leiden zu sehen? Woher hat BILD erfahren, dass die Zuschauer nur deswegen eine plaza de toros aufsuchen, um das Leid der toros zu betrachten oder zu erfahren?

Zwar beinhalten corridas de toros den Tod der Stiere, und, man will es auch gar nicht leugnen, die Verletzungen der Stiere, aber das Leid der Tiere ist nicht das Ziel. Genauso wie bei der Jagd, beim Fischfang, den religiösen Opfern, bei der Zucht oder Haltung, bei sportlichen Veranstaltungen oder ähnlichen Aktivitäten, das Leid der Tiere ist nicht das Ziel. Und darin findet sich auch keine Befriedigung. Genauso ist es beim Stierkampf.

BILD: 2. Warum bejubelt man den Todeskampf?

Man tötet Tiere um sie zu verspeisen. In der mundo de los toros werden die Stiere getötet und verspeist. Darin liegt der feine Unterschied. Der Tod selbst wird nicht bejubelt oder zelebriert. Man kann sich an einem köstlichen Stück Rinderfilet erfreuen, es schmeckt einem und man kann sogar höchste Gefühle dafür entwickeln, ohne sich am Tod des Tieres zu erfreuen oder diesen zu bejubeln.

BILD: 3. Warum ist ein nur langsam zu Tode gefolterter Stier ein guter Gegner?

Auch wenn man im Fachjargon der tauromaquia dass Wort enemigo, also das Feindbild,  gelegentlich und auch fälschlicherweise verwendet, so ist der toro im ruedo kein Gegner, den es zu besiegen gilt. Denn der Triumph eines matadores de toros findet sich nur im Zusammenspiel zwischen Mensch und Stier wieder. Wer anderes behauptet, hat sich noch nie mit der Materie wirklich auseinander gesetzt. Erst wenn es dem torero gelingt, die bravura des toros zu zeigen, seinen Mut und Eleganz zu präsentieren, erst dann ergreift der Rausch das Publikum in den tendidos. Und so kommt es, dass es einige toros gibt, denen es gelingt, mir ihrem ausgiebigen und konsequenten Mut eine Begnadigung, ein indulto zu erreichen. Wohl kaum ist dieses einem Tier im Schlachthof gegönnt.

BILD: 4. Was ist an einem Stierkampf nicht Folter?

Die Folter hat als Ziel durch Zufügung von Schmerzen ein Individuum zu erniedrigen. Ihm psychisches wie physiologisches Leid zuzufügen. Wie schon in der vorherigen Frage beantwortet, darum geht es bei den toros nicht. Im Gegenteil. Man will den toro nicht erniedrigen, sondern ihn mit seiner ganzen bravura zeigen. Erst die Begegnung zwischen einem toro bravo, durch und durch dem Instinkt des Angriffes folgend, macht eine corridas de toros sinn- und reizvoll.

BILD: 5. Warum wird es bejubelt, wenn ein Tier in Panik um sein Leben flieht?

Mit allem Respekt, wohin soll denn ein toro in einer plaza de toros fliehen? Um das ruedo befindet sich eine hölzerne barrera. Ein Fliehen ist definitiv nicht möglich. Allerdings gibt es toros welche nicht so angriffslustig sind, wie sie eigentlich sein sollten. Statt anzugreifen ziehen sie sich in eine so genannte querencia zurück, eine Stelle in der plaza de toros, wo sie sich am sichersten fühlen. Für die toreros immer ein gefährliches Unterfangen, die toros aus jenen Zonen raus zu locken. Und toros welche nicht angreifen, sind bis jetzt noch in keiner plaza de toros bejubelt worden. Schon gar nicht, welche den Rückzug antreten oder fliehen würden, wenn sie könnten. Der ganadero würde ein fürchterliches Pfeifkonzert ernten und seine Tiere wären bei der nächsten feria taurina nicht gerne gesehen. Es entspricht auch nicht seinem ursprünglichem Instinkt sich nicht zu verteidigen.

BILD: 6. Warum werden die Tiere nach dem Kampf teilweise noch bei vollem Bewusstsein aus der Arena gezogen ...

Solche Behauptungen entbehren einer jeglichen Grundlage und zeigen auf, dass die Verfasser dieser Fragen es mit der Recherche nicht so genau genommen haben. Oder nur auf einseitige Informationen gewisser antitaurinos hörten.

BILD: 7. ... um dann langsam, bei aufgeschnittener Kehle, zu verbluten?

Glauben Sie wirklich, was Sie hier fragen? Werden die toros aus dem ruedo gezogen, lebend, und dann lässt man sie einfach in einem Hinterhof der plaza de toros langsam verbluten? Die in der Einführung genannten Künstler und Poeten würden dies befürworten?

Fairerweise sollte man hier jedoch erwähnen, dass in Portugal mit ihrem, von europäischen Tierschützern so hoch gepriesenen Stierkampf ohne Tod in der plaza, die toros zwar verwundet jedoch nicht getötet werden, nicht selten aber noch bis zum nächsten Tag warten müssen, bis sie schliesslich zum Schlachthof zur Tötung gebracht werden. Man achte darauf, eine von Tierschützern bevorzugte Variante!

BILD: 8. Warum dürfen Kinder dabei zusehen?

Die corridas de toros versteht sich als ein Schauspiel des Lebens mit dem Tod. Und gerade dadurch, dass der torero sein Leben dabei riskiert, dass der toro als Individuum respektiert und auch bewundert wird, steigert bei den Kindern die Erkenntnis über die Wertigkeit des Lebens. Der Tod ist ein Teil davon. Etwas ganz Natürliches und auf jeden Fall Erhaltenswertes. Diese Erfahrung bringt die Kinder auf keinen Fall dazu, selbst zum Töter des Lebens zu werden, sondern steigert die Wertschätzung. 

Aber, man sollte Kinder, wie sowieso überhaupt jemanden, nie dazu zwingen, eine corrida zu besuchen. Und im Normalfall geschieht dieses auch nicht. Das die festejos taurinos, gerade in den letzten Jahren wieder sich an Popularität beim jungen Publikum erfreuen, zeigt einen Trend auf.

BILD: 9. Sind brutale Stierkämpfe das Richtige für Kinderaugen?

Stierkämpfe sind definitiv nicht brutal. Brutalität setzt eine gewisse Rücksichtslosigkeit, ein bestimmtes unvernünftiges Verhalten voraus. Ein torero ist bestimmt nicht daran interessiert, ohne jegliche Rücksichtnahme auf seinen toro zu agieren. Er weiss, ohne ihn kann es nicht zum Triumph kommen. Er muss ihn "lesen", kennen lernen, damit er in der Lage ist, mit ihm die richtigen Manöver in einer bestimmten Abfolge zu realisieren. Und es brutal zu nennen, nur weil man Blut zu sehen bekommt, das ist Ansichtssache, recht subjektiv.

Kann übrigens nicht auch etwas als brutal gut angesehen werden? Als Ausdruck der Stärke eigener innerer Emotionen?

BILD: 10. Wer hat die Tiere gefragt, ob sie an dem Kampf teilnehmen möchten?

Wenn man ein Steak bestellt, bittet man vorher das Tier um Erlaubnis, es verspeisen zu dürfen? Fragt man die Meerestiere, ob man sie fangen darf? Wie sieht es bei der Jagd aus? Gibt es da eine Sondergenehmigung von den Tieren? Werden Tiere gefragt, ob sie Lust haben in Grossstädten zwischen Abgasen und Lärm zu leben? Oder werden in Zukunft in den Supermärkten Genehmigungen angefordert, dass man das Fleisch der getöteten Tiere verkaufen darf, gleich einer Patientenvollmacht?

BILD: 11. Würde man seinen Hund auch durch die Arena hetzen und aufspiessen lassen?

Eine an den Händen herbeigezogene Frage. Würden Sie ihren Hund in den Schlachthof geben, ihn töten lassen um ihn dann zu verspeisen? Würden Sie, mit Schrotflinte und Messer bewaffnet Jagd auf Hunde machen? Oder wie wäre es mit einem Hundeschnitzel?

BILD: 12. Warum nutzt der Mensch seine Machtstellung gegenüber Tieren aus?

Das versteht sich wohl als eine grundsätzliche Frage. Bei den toros spiegelt sich die Überlegenheit der menschlichen Intelligenz gegenüber dem animalischen Instinkt und einer dazugehörenden Kraft wieder. Lebewesen auf diesem Planeten standen schon immer, und auch jetzt, im Disput. In der Auseinandersetzung reflektieren sich Erkenntnisse über das Leben.

BILD: 13. Wie abgestumpft muss man sein, um den Anblick eines Stieres, der langsam zu Tode gefoltert wird, zu ertragen?

Das mit der Folter hatten wir schon (siehe Frage 4). Somit kann man die aficionados de toros auch nicht als abgestumpft bezeichnen. 

BILD: 14. Warum werden die Tiere vor dem Kampf mit Lanzen und Wiederhaken traktiert?

Vor dem Kampf, meint wohl das letzte Drittel bei einer corrida de toros. Bei  professionellen Journalisten kann man wohl voraussetzen und erwarten, dass sie in der Lage sind, diesbezüglich zu recherchieren, welchen Sinn das tercio mit den picadores und das Setzen der banderillas hat. 

BILD: 15. Fühlt sich der Moment vor dem Todesstoss beim Zuschauen geil an?

Keinesfalls. Jedoch sind es spannungsgeladene Sekunden vor dem momento de la verdad. Es ist für den torero mit der gefährlichste Moment. Zum einen, weil er sich vollkommen ungeschützt zwischen die Hörner des toros begibt, um den Degen so tief wie möglich im Nacken des Stieres einzuführen. Zum anderen hängt davon ab, wie erfolgreich seine Leistung letztendlich vom Publikum oder vom presidente bewertet wird.

BILD: 16. Sind die Tiere bedauernswert?

Nein! Die toros werden extra für die festejos taurinos kostenaufwendig gezüchtet. Sie kommen in den Genuss von einigen Jahre in absoluter Freiheit auf den grossen Weiden, den dehesas der ganaderías. Eine Freiheit, von dem das meiste Fleisch auf unseren Tellern und viele Tiere in Haltung und Zucht, auch weltweit gesehen, nur träumen können.

Hinzu kommt die Tatsache, dass ein jeder toro bei einer corrida die Möglichkeit hat, mit einem indulto begnadigt zu werden, um dann sein Leben als Zuchtbulle auf den grossen Weiden der ganaderías zu beenden.

BILD: 17. Wer schützt die Tiere vor der Tradition?

Wer schützt die Tiere vor ihrer Ausrottung? Die tauromaquia! Der toro de lidia ist eine einzigartige Tierrasse. Würde es keine tauromaquia mehr geben, würde diese Rasse bis auf wenige Exemplare in einigen zoologischen Gärten aussterben. Bei einem Verbot, einer abolición de los toros, müssten über 200.000 toros getötet werden, weil sie finanziell nicht haltbar wären. Antitaurinos oder andere Tierschützer haben bis jetzt noch nicht einem einzigen toro das Leben gerettet. Es gibt keine Pläne für die Zukunft, auch nicht auf den politischen Plattformen. Ein Ende der tauromaquia wäre ein Ende des toro bravos. Das ist eine Tatsache!

BILD: 18. Was hat eine Tradition aus dem früheren 18. Jahrhundert in der heutigen Zeit verloren?

Kann man die Frage so interpretieren, dass die BILD-Zeitung grundsätzlich gegen Traditionen ist? Oder ab welchem Alter haben Traditionen "in der heutigen Zeit" nichts mehr zu suchen oder noch ihre Rechtfertigung? Haben Christen kein Anrecht mehr auf ihren Glauben, weil Christus vor über 2.000 Jahren geboren ist? Ist das Welterbe der UNESCO nicht mehr gerechtfertigt, weil damit zeitlich wie historische Dimensionen verknüpft sind?

BILD: 19. Wessen edle Tradition ist das?

Die Ursprünge der tauromaquia lassen sich klar definieren. 



BILD: 20. Warum heisst es Tradition und nicht Folter?

Das mit der Folter hatten wir schon in den Fragen 4 und 13. Das es sich bei den toros um Traditionen handelt sprechen nicht einmal weder die antitaurinos noch die Politiker ab.

BILD: 21. Was ist an dem heutigen Stierkampf ästhetisch?

Weil die aficionados de toros Dinge und Schönheiten in der tauromaquia wahrnehmen, von denen andere weit entfernt sind. Auch weil sie sich diesem Thema offen gegenüber zeigen. Weil durch die toros ihre Sinne angesprochen werden. Wenn sie in einen emotionalen Rausch geraten, weil der duende vom ruedo aus bis in die höchsten tendidos übertragen worden ist.

Die toros bewegen innere Gefühle. Das erkennt man in der Kunst. Zahlreiche berühmte Künstler, wie Sänger, Maler und Schriftsteller sehen sich durch die mundo de los toros inspiriert. Ein Feuerwerk an Eindrücken, welche man auf die verschiedenste Art und Weise interpretieren kann. 

BILD: 22. Ist das Kunst?

Ja! Die arte del toreo. Für aficionados de toros keine Frage. Auch für viele welcher dieser Thematik neutral gegenüber stehen. Und auch die Tatsache, dass sich so viele Künstler für die toros interessieren, sich mit der tauromaquia so auseinandersetzen spricht dafür. Phantasie erzeugt Kunst und Kunst wiederum erweckt Phantasie. Bei den Stieren verhält es sich genauso.

BILD: 23. Wenn nicht, kann das weg?

Natürlich nicht. Immerhin bekennen sich mehr als 15 Millionen Spanier zu den toros. In Frankreich sind es gar mehr als 20 Millionen. Weltweit sprechen wir von 65 bis 70 Millionen aficionados de toros.

BILD: 24. Warum glauben toreros, dass sie etwas Ruhmhaftes tun?

Nicht mehr oder weniger als erfolgreiche Sportler oder Schauspieler. Das einzige was die toreros von den anderen unterscheidet, sie riskieren dabei ihr Leben. 

BILD: 25. Warum geht es immer darum zu sehen, wer von beiden der Bessere ist?

Wieder eine jener Behauptungen, welche ziemlich fernab der Wahrheit liegen. Eine corrida de toros ist kein Wettkampf! Zwar setzt der torero sein Leben aufs Spiel, riskiert es während seiner gesamten Arbeit mit dem Tier, aber keiner will den toro "gewinnen" sehen, bzw. den torero verletzt oder gar tot. Beide sollen ihre beste Leistung geben. Aber das Ende ist der Tod des Stieres. Wobei der toro die Möglichkeit hat, wie schon erwähnt, durch ein besonderes Angriffsverhalten die Begnadigung, das indulto zu erlangen.

BILD: 26. Hat der Stier überhaupt eine faire Chance, mit dem Leben davonzukommen?

Ja! Es ist zwar nicht der Sinn und Zweck einer corridas de toros, aber ein jeder toro hat die Möglichkeit eines indultos. Dabei handelt es sich um mutige, kräftige wie stets angriffsbereite toros. So heisst es auch im reglamento taurino, dass ein toro jeder Provokation durch den torero zu folgen hat, um ein indulto zu erlangen. 

Hat ein toro erst einmal ein solches indulto erfahren erwartet ihn ein weitere herrliche Existenz auf den grossen Weiden. Unter anderem auch deswegen, weil sie dann in der Regel als Zuchtbullen eingesetzt werden, damit neuer mutiger Nachwuchs mit viel bravura gezüchtet werden kann.

BILD: 27. Warum stellt niemand die Regeln in Frage?

Was viele nicht wissen, es gibt ein reglamento taurino, welches von den Regierungen der Länder verabschiedet worden ist. Gegebenenfalls verfügen die autonomen Regionen über angepasste reglamentos. Am Beispiel von Spanien und Frankreich sind das Regelwerke, welche auf demokratischem Wege entstanden und bestätigt worden sind. Ein jeder kann diese in Frage stellen, aber selbst unter den Sozialisten fand sich keine Mehrheit, diese ausser Kraft zu setzen.

Fortsetzung folgt

Dienstag, 24. Mai 2016

Rennato Motta, es hätte auch anders ausgehen können

Warum die Tragödie in Peru so dramatisch endete
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von Philip de Málaga


Die mundo de los toros in der südamerikanischen Andenrepubik Peru ist populärer wie kaum etwas anderes. Die Tradition wird dort regelrecht er- und gelebt. Mehr noch, ganze Familien nehmen daran teil. Ein festejo taurino zu besuchen ist dort gleich einem sonntäglichen Familienausflug. SfA hatte davon berichtet (Peru: Stierkämpfe sind populärer als Fussball).
In Peru sind die toros beliebt wie kaum etwas anderes. 
Somit scheint es verständlich, dass der Beruf eines toreros, eines erfolgreichen matador de toros der Traum vieler junger Männer ist. Das ist ist nachvollziehbar. Doch so ein Weg ist mühsam und lang. Und in einem Land wie Peru voller Gefahren. Denn hier verfügen die meisten Orte des Geschehens auf dem Lande nicht über die notwendigen medizinischen Einrichtungen und kompetente Ärzte, so wie man es von den plaza de toros in Europa gewöhnt ist. Sich dort eine cornada zu holen, ist ein Spiel mit dem Leben. Denn das Sprichwort La Puerta Grande o la de la enfermería entpuppt sich für die peruanischen toreros als purer Luxus. So für Rennato Motta, der nur deswegen sterben musste, weil weit und breit kein kompetenter Arzt aufzutreiben war.

Es hätte aber auch anders ausgehen können!

Am 21. November 1993 ereignete sich in der plaza de toros von Acho in der Hauptstadt Lima ein ähnlich dramatischer Zwischenfall. Der subalterno Trinidad Laote "El Trini" setzte erfolgreich im zweiten tercio ein Paar der banderillas. Dem Publikum gefiel es und aplausos hallte durch den coso aus dem Jahr 1766 für 13.000 Zuschauer. "El Trini" genoss den Triumph, wendete sich einen Bruchteil einer Sekunde vom toro der ganadería Roberto Puma ab, schaute in die applaudierenden tendidos, stolzierte langsam auf den burladero zu, als der Stier ihn angriff und schwer verletzte. Im rechten Oberschenkel hatte er drei cornadas. 10, 25 und 40 Zentimeter lang! Doch hier waren wir nicht auf dem Land, sondern in der peruanischen Grossstadt Lima. In der plaza s gab es eine enfermería. Nur die konnte keiner öffnen und ein Schlüssel war nicht vorhanden. So trat man die Tür mit Füssen ein. Aber der Chirurg Dr. Andrés León Martínez war da und konnte kompetent dem 23jährigen torero das Leben retten.
Rennato Motta in Acho
Am 7. August 2004 ereignete sich im Dorf Coracora, welches sich in derselben Provinz befindet, wo Rennato Motta vor ein paar Tagen gestorben ist, ein ähnlich dramatischer Unfall. Der novillero Eduardo Jorge Valdez "El Bebe" wurde von den Hörnern eines Stieres am Hals und im Gesicht verwundet. Von Ohr zu Ohr, waren die Luftröhre, die Speiseröhre und die Innenwand des Rachens gerade zu zerstört. Das schlimmste dabei war, dass eine Arterie riss, was eine extreme Blutung verursachte. Auch hier, wie bei Rennato Motta gab es keine enfermería. Aber der junge torero hatte Glück im Unglück. Seine Schutzengel waren in der plaza de toros. Denn unter den aficionados in den tendidos sassen ein Ohrenarzt, ein Zahnarzt, an Anästhesist und eine amerikanische Krankenschwester. Alle vier rannten unverzüglich zum verletzten novillero  leisteten so gut wie möglich erste Hilfe, bereiteten ihn für den Transport vor, und begleiteten ihn auch nach Lima in das Hospital Sergio Bernales de Collique, wo er von Dr. Maltazar Mateo erfolgreich operiert worden ist. Letzterer war und ist als Spezialist für Hornwunden in Peru nicht unbekannt. In der mundo de los toros kennt man ihn als "Engel der peruanischen toreros". Und Schutzengel hat "El Bebe" sehr wohl auch gehabt, jene, auf die ein Rennato Motta vergeblich warten konnte.

Am letzten Freitag wurde er bestattet. Während der Messe in der Kapelle der plaza de toros von Lima ertönte der Paso Doble La Puerta Grande, danach gab man ihm seine letzte vuelta al ruedo und vor dem Friedhof verweilte man ein Minute in silencio um den torero seinen letzten Adiós zu geben.

Montag, 23. Mai 2016

Trotz Verbot: Weiterhin Stierkämpfe auf Mallorca




von Philip de Málaga


Auf der Baleareninsel denkt man nicht daran 
das Verbot von Stierkämpfen hinzunehmen
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Am 19. April hat die Regionalregierung der balearischen Inselgruppe ein Verbot von allen festejos taurinos verabschiedet. Wie SfA schon berichtet hatte (Protest auf Mallorca gegen Stierkampfverbot) ist man auf Mallorca nicht bereit, dieses Verbot einfach hinzunehmen. Hier würden Traditionen aus politischem Interesse ausgehebelt. So hat nach Inca (Und noch einmal Stierkampf auf Mallorca) eine weitere Gemeinde die toros angekündigt. In Muro, im Norden von Mallorca veranstaltet man am 19. Juni eine richtige corrida de toros, mit den matadores de toros  Álvaro de la Calle, Morenito de Aranda und Paco Ureña. Letzterer den SfA Lesern bekannt, durch den Artikel Und wieder Madrid von Adrian Neville.
Présentation des cartel (Photo: Rathaus von Muro)
Ein richtig klassischer Stierkampf mit toros der ganadería Pérez Tabernero. Und das auf Mallorca trotz Verbot. Immerhin, während verschiedene Ortschaften voller Stolz sich zur antitaurinischen Gemeinden deklarierten, war Muro die erste und einzige Ortschaft auf Mallorca welche sich  protaurino bekannte, weil die tradición und afición a los toros historische Wurzeln hat. Die fast hundertjährige plaza de toros hat den beeindruckenden Namen "La Monumental", wurde 1918 eingeweiht und bietet Platz für 5.350 Zuschauer. Entradas gibt es ab zehn Euro.
"La Monumental" in Haro auf Mallorca
Die Juristin der empresa, Barbara Martí Mora, stellte am letzten Donnerstag in Frage, ob die prohibición de los toros durch die balearische Landesregierung wirklich umsetzbar sei. Denn die tauromaquia sei durch die spanische Regierung in Madrid zum patrimonio cultural deklariert worden. Und es sei nicht zulässig, dass regionale Regierungen, Kreistage oder Rathäuser dieses traditionelle Kulturerbe verbieten. Erst recht nicht, wenn die espectáculos mit Traditionen verwurzelt, welche über hundert Jahre zurückliegen.

In diesem Sommer wird es auf Mallorca Stierkämpfe geben. In Inca am 29. Mai, in Muro am 19. Juni und selbst im Coliseo Balear in Palma de Mallorca plane man wieder corridas zu veranstalten.

Sonntag, 22. Mai 2016

Toro de la Vega auf dem Weg zum Verbot




von Philip de Málaga


Die Regionalregierung von Kastilien-León
leitet ein Verbot des Stierfestes Toro de la Vega ein
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Kaum ein festejo taurino wird dermassen unterschiedlich betrachtet und vielseitig diskutiert wie der Toro de la Vega. Jenes Stierfest in Tordesillas in der Provinz Valladolid, bei welchem ein toro aus der Ortschaft auf das offene campo getrieben wird, wo er dann am Enden im so genannten Torneo de la Vega von den Lanzen der Reiter getötet wird. Eine Tradition, welche es schon seit 1534 gibt und dort jedes Jahr zelebriert wird. Schon seit Jahren rennen die antitaurinos Sturm gegen diese Tradition aus dem Mittelalter. Sie sei nicht mehr zeitgemäss. Auch zahlreiche aficionados de toros sehen dieses Ereignis eher mit Skepsis, wohl auch deswegen, weil sich hier der Mensch nicht der Gefahr, dem enemigo toro stellt. Ihm keine Chance lässt, seine bravura zu zeigen, so wie es die toreros im Rund eines ruedos tun.

Und nun hat die Regionalregierung ein Gesetz auf den Weg gebracht, wo es verboten werden soll, bei solchen espectáculos taurinos tradicionales die toros zu töten. Diese Entscheidung kam für viele doch sehr überraschend. Denn die Regierung hat nicht vor, die Tradition der tauromaquia zu beenden. Denn alle corridas de toros, novilladas oder rejoneos in den plaza de toros sind weiterhin selbstverständlich zugelassen. Und ebenfalls der Tod der toros im ruedo. Auch die festejos populares. Eben nur nicht jene, wo am Ende eine Menschenmasse auf den toro mit ihren picas einstechen kann um ihn zu töten.
Der Tod des Toro de la Vega gehört bald der Vergangenheit an (Foto: La Tauromaquia)
Die linken Parteien und der Tierschutz freuen sich darüber. So befürwortete unter anderem Pablo Iglesias von der Partei Podemos diese Entscheidung, denn das Fest Toro de la Vega beschäme die Würde Spaniens. Aber war es wirklich der Tod des Stieres, war Tierschutz, welcher die Regierung dazu brachte, dieses neue Gesetz auf den Weg zu bringen. Wohl kaum. In erster Linie war es der öffentliche Druck, wie mögliche Boykottaufrufe, sowie die Eskalationen bei den doch aggressiven Vorgehensweisen der Gegner. Und da man auch nicht die komplette mundo de los toros hinter sich hatte stand man vor der Entscheidung solche espectáculos generell zu verbieten, oder die Aufforderung diese Traditionen anzupassen. Genauso wie in den anderen Gemeinden, denn in Kastillien-León finden jährlich 13 espectáculos taurinos tradicionales statt, wobei nur in Tordesillas der toro auch getötet wird. 

Man sei sich bewusst, dass man hier mit einer fast fünfhundertjährigen Tradition breche. Aber mit diesem neuen Gesetz, welches seit Donnerstag in Kraft ist, will man der gesellschaftlichen wie sozialen Sensibilität entsprechen. Mit den gewalttätigen Auseinandersetzungen, mittlerweile jedes Jahr, sei die öffentliche Ordnung immer mehr in Gefahr geraten. Ausserdem lasse sich der Toro de la Vega nicht mit der fiesta nacional vergleichen. Im Fest von Tordesillas fände man keine Werte wie Kultur, nobleza, Kunst oder angebrachte Emotionen. Und wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft, auch die klassische corrida de toros, überhaupt die tauromaquia hat sich im Laufe der Zeit angepasst.

Es versteht sich von selbst, dass eingefleischte taurinos und Politiker aus dem konservativen Lager diesem neuen Gesetzentwurf nicht zustimmen. Und schon gar nicht der Bürgermeister von Tordesillas. Aber dass es in dieser Debatte weniger um die toros selbst geht, wissen eigentlich alle.
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Siehe auch:

Samstag, 21. Mai 2016

Und wieder Madrid

Vier tarde de toros in der spanischen Hauptstadt
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von Adrian Neville aus Nürnberg
(Fotos: Julián López, mundotoro)


Nach einem halben Jahr Pause, ging es letzte Woche wieder in mein geliebtes Madrid. Diesmal zu Feria von San Isidro vom 9. bis zum 14. Mai. Letztes Jahr hatte ich mir diesen Lebenstraum erstmals erfüllt und sah einige eher durchwachsene corridas.

Montag

Am Montag ging es bei schönstem Sonnenschein und Frühlingswetter vom Flughafen München los. Drei Stunden später sass ich im Taxi von Barajas in`s Zentrum und die Scheibenwischer liefen auf höchster Stufe! Tiefhängende Wolken, 10 Grad und prasselnder Regen, die Puerta del Sol mit riesigen Wasserlachen . . . Der Wetterbericht hatte zwar vor so etwas gewarnt, aber ich hatte es nicht so ganz ernst genommen.

Nun gut, Mittagessen in der La Taurina - am ersten Tag mit etwas Zeitdruck immer eine sichere Sache. Der Regen liess nach und so konnte die novillada stattfinden. Kurioserweise war diese novillada ein Hauptgrund für mich, diesen Termin zu wählen: Álvaro Lorenzo, Ginés Marín und "Varea"  präsentierten sich in Las Ventas, gerade mal eine Woche vor ihrer jeweiligen alternativa in Les Arénes de Nîmes. Stiere von El Parralejo, einer interessanten Zucht, die in den letzten Jahren ein ziemlicher Garant für Erfolg war. 

Natürlich kam alles ganz anders, ein fürchterlich invalides encierro. Eine vuelta für Lorenzo. Ein sehr blasser und grüner Marín. "Varea" war absolut motiviert, erwischte aber einen miserablen Stier, beim nächsten die porta gayola aber der novillo wurde ausgewechselt. Der sobrero verlor bald jegliche Kraft und der arme "Varea" ging als unbeschriebenes Blatt von dannen. Ich hätte gerne mehr von ihm gesehen.

Porta gayola, kniend empfängt "Varea" seinen novillo.
Dienstag

Der Dienstag fiel leider buchstäblich in`s Wasser, die corrida wurde um 19:10 Uhr abgesagt. Hier ein riesiges Kompliment an die taquilla von Las Ventas: tausende Zuschauer bildeten eine Schlange, um ihre entradas zurückzugeben. Wartezeit lediglich ca. zwanzig Minuten. Das Bargeld wurde im Sekundentakt dem werten Publikum zurückerstattet.
Regen in Las Ventas
Etwas frustriert ging es zurück ins `s Zentrum und als kleine Entschädigung gab es einen phantastischen rabo de toro, geschmorten Ochsenschwanz im wunderbaren Restaurant "Los Madroños", etwa zweihundert Meter von der Plaza Mayor und ca. einhundert Meter vom berühmten "Botín" entfernt.

Mittwoch

Am nächsten Tag dann eine interessante corrida mit Escribano, der in Sevilla einen Victorino begnadigt hat. In Madrid leider ohne Glück. Einem ganz schwachen Fandiño und einem grossen Paco Ureña! Seit Oktober, einer meiner Lieblingsmatadore. Ein absolut sympathischer und schüchterner Kerl mit einem weichen Herz. Das oreja des ersten Stieres war schon seins, doch dann gab es natürlich einen pinchazo. Im zweiten Stier, im strömenden Regen eine atemberaubende faena. So viel Emotion für den Zuschauer, so viel Präzision und Gefühl beim matador. Oreja de Ley!
Paco Ureña in strömenden Regen von Madrid
Fandiño wird leider zum tragischen Fall. Vom Glanz der letzten temporadas ist nicht mehr viel übrig.

Donnerstag

Am nächsten Tag gab es für mich eine Prämiere: ein matador versetzte mich in unbekannte Rage! Ich habe El Capea nie besonders gemocht. Ohne jegliche Persönlichkeit, absolut mittelmässig, doch Dank seines Vaters El Niño de la Capea, einer der besten der 70er und 80er, immer gut protegiert.

In seinem ersten, sehr unangenehmen und gefährlichen Stier war er überfordert. Ein kindisches Machete (hier zeigt sich die Qualität eines Morante, der dies, auch unter Pfiffen sehr elegant und mit Solar meistert), ein paar pinchazos und pitos.

Ok, das kann passieren ... Doch was dann folgte, war für mich der Gipfel. Ein ganz junger Gonzalo Caballero in seiner ersten corrida des Jahres, ohne weitere Kontrakte erlitt eine schwere cornada in dem linken Oberschenkel. Er zitierte den toro mutig de frente, der griff an und bohrte das Horn absolut präzise in das Bei des matadores. Blut strömte aus der Wunde, die banderilleros wollten Gonzalo raustragen, doch der wehrte sich nach Kräften. Torniquete (also die Wunde mit Krawatte abgebunden) des banderilleros, Morenito de Aranda immer in seiner Nähe redete auf ihn ein. Als er den Kampf fortsetzte, war Morenito mit der capa im ruedo, zusammen mit seinen banderilleros.
Gonzalo Caballero wollte nicht in die enfermería. Noch nicht.
Und wer nicht? El Capea, eigentlich als Ältester der director de lidia, stand im burladero, ohne capote und redete mit seiner cuadrilla. Eine absolute Unverschämtheit. Teilnahme- und emotionslos.

Ich sass in der zweiten Reihe, etwas zwei Meter von ihm entfernt und rief ihm zu, ohne lange nachzudenken: "Capea, el director de lidia sin capote en sus manos, mientras está toreando un chaval herido. Que mal compañero eres!!" (Capea, der director de lidia ohne capote in seinen Händen, während ein verletzter Junge mit dem Stier kämpft. Was für ein schlechter Kollege bist du!!!). Er hörte das sehr genau. Aus dem tendido folgten weitere Rufe.
El Capea im callejón
Gonzalo Caballero tötete den Stier und ging in die enfermería. Capea musste nun den letzten toro der corrida töten und da folgte nun das komplette Desaster. Übermannt von Angst und Unfähigkeit, brachte er keinerlei faena zustande. Eine media estocada ohne Effekt, aviso und Capea machte gar nichts. Keine Anstalten eine neue estocada zu versuchen, oder den Degen herauszuziehen. Dies tat dann ein banderillero mit der Hand aus einem burladero

José Antonio Moral, den ich über alles schätz schrieb, dass er so etwas noch nie gesehen habe. Escandaloso! Skandalös! 

Beim verlassen der plaza eine monumentale bronca, auch ich warf mein Sitzkissen, zeigte wild gestikulierend Richtung Ausgang und brüllte: "No vuelvas más! No vuelvas mááás!!" (Komm nicht wieder!!) Puh, keine Ahnung, was da in mich gefahren war. Es musste wohl einfach raus . . .

Vor lauter Ärger vergesse ich beinahe die hervorragende faena von Morenito zu erwähnen. Wirklich hervorragend, obwohl der Stier mehr hergegeben hätte! Da muss man schon beide Ohren bekommen. Immerhin eine weitere oreja de ley.

Freitag

Der Freitag dann ordentlich mit Sonnenschein und No hay billetes. Tendido alto im tendido 5 (sol), ein ordentlicher Platz mit einem sehr netten Sitznachbarn. Die Tage davor hatte ich mir barreras im tendido 6 und 2a barrera gegönnt. Das tendido alto bei einem soliden revendedor für 50 Euro, anstatt für 19 Euro gekauft. Kann man schon mal machen.

Roca Reys confirmación, padrino Sebastián Castella und testigo Alejandro Talavante. Castella ist schon klasse und hat viel echten Torero-Stil. Roca Rey machte erst einmal mit einem grossartigen quite in seinem toro der confirmación nass. Ein guter padrino  der dem Jungen aber ganz klar sagt: das hier ist mein Revier und wir sind ab jetzt Konkurrenten.
Sebastián Castella tritt seinem toro entgegen.
Roca Rey begann die faena á la Castella mit mehreren pases cambiados, mitten im ruedo. Das Publikum war sehr kühl und das tendido 7 aggressiv. Nada.

Castella wieder klasse, begann seine faena eben nicht mit dem cambiado, wie es jeder erwartet hätte, sondern im tercios mit sechs tollen pases estatuarios. Das hat einfach Stil! Er wird nie mein torero sein, aber ich mag seine vergüenza torera und seinen Ethos.
Alejandro Talavante citando de frente
Dann passierte bis zum vierten Stier nicht viel und ich befürchtete schon die vielzitierte tarde de expectación, tarde de decepción. (Bachmittag der Enttäuschung). Doch dann kam ein riesiger, hoher, heller Nuñez del Cuvillo Stier, mit sehr langen Beinen - Talavantes zweiter. Der erwischte den banderillero Juan José Trujillo zweimal, ohne ihn zu verletzten. Eine furchtbare embestida descompuesta y brusca (zornig und ruckartig). Den Kopf immer hin- und verwackelnd, keine gerade Linie. So ging es bestimmt fünf Minuten, nadie daba un duro ... (keiner hätte dafür einen Cent gegeben). Dann eine halbwegs gelungene natural aus dem Nichts. Noch eine, noch eine Bessere. Und ja, das ist Madrid. Plötzlich ein ohrenbetäubendes olé!!! Und noch eine Serie, und noch eine. Borrachera de alegría (Trunken vor Freude). Die waren nicht perfekt, die naturales, wie sollten sie auch? Aber Talavante hatte jeden einzelnen dem Stier abgerungen und seinen Angriff korrigiert. Fulminante estocada, die mich an JT`s letzten Auftritt in Barcelona erinnerte. Bam! Und der Stier bricht nach zehn Sekunden spektakulär zusammen. Grossartig und eine oreja aus Granit und purem Gold.

Dann folgte Roca Reys zweiter toro  aus dem er alles herausholte. Immer spektakulär, nie sauber aber mit enormen Wissen und Können. Und das mit 19, ca. 8 Monate nach der alternativa. Ebenfalls eine spektakuläre estocada al encuentro und dos orejas. Was für ein torero ...
Andres Roca Rey, "Jetzt komme ich!"
Mein Nachbar klopfte mir immer wieder herzlich auf die Schulter und sagte: "Me allegro tanto por Usted!" (Ich freue mich sehr für sie!)

Das war mein kleines San Isidro (vier von dreissig corridas) und si Díos quiera, erwarten mich im Sommer Málaga und Bilbao. Vamos a ver (Schauen wir mal).

Freitag, 20. Mai 2016

Tod am Nachmittag in Peru (2)

Eine Tragödie in Südamerika
Der peruanische Novillero Renatto Motta stirbt an seiner Hornwunde
auf dem Weg in das Krankenhaus
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von Philip de Málaga

Das letzte tercio hatte begonnen. Renatto wirft nach seinem brindis die montera dem empresario zu und seine faena konnte beginnen. Der Tanz vor dem Tod, wie man die Arbeit zwischen muleta und toro im Volksmund poetisch beschreibt. Voller Motivation stellt er sich der Gefahr, einem novillo, 300 Kilo schwer und ein astifino. Einer schmalen wie spitzen Behornung, welches einer gefährlichen Bewaffnung gleicht. Mit stolzer aufrechter Position empfängt der torero den novillo. Ayudado por alto. Einmal, zweimal und dann geschieht es.


Der astifino nimmt den novillero ins Visier, greift ihn an und stösst sein linkes Horn in die obere linke Innenseite des Beins, bis zur Hälfte hinein, welches sofort eine starke Blutung verursachte, was wiederum den traje de luces mit rotem Leuchten durchtränkte. Nur eine einzige cornada, die Renatto verwundete und ihn zu Fall brachte.

Eilig öffnete man das Tor zu den toriles und brachte den Verwundeten in die sichere Zone der chiqueros. Er hinterliess eine grosse Blutlache im Sand des ruedos, welche die Gesichter der Zuschauer mit purem Entsetzen füllte. Der kolumbianische matador Gustavo Zuñiga eilte herbei, kniete sich zu Renatto und drückte sofort die Wunde ab, während sein peruanischer Kollege César Bazán oberhalb der Wunde ein Tourniquet festzurrte. Mehr konnte man hier nicht tun. Kaum zu glauben, aber es gab weder eine enfermería, noch einen Arzt, welcher in der tauromaquia bewandert gewesen sei, und nicht einmal eine Flasche puren Alkohol, um die Wunde zu desinfizieren.

Schnell musste gehandelt werden, denn Renatto benötigte dringend ärztliche Versorgung. Hier in dem 100-Seelendorf gab es nicht mal eine Apotheke. Und das nächste ärztliche Zentrum gab es in dem 116 Kilometer entferntem Küstenort Chala. Ein aficionado stellte unverzüglich wie selbstverständlich seinen Allradwagen zur Verfügung und begleitet vom mozo de espada Juan Carlos Tejada, und einem weiteren aficionado, der sich als Arzt zu erkennen gab, aber sich mit Hornwunden nicht auskannte, begab man sich auf den Weg zur Küste. Auf der Fahrt unterhielt man sich und Renatto Moto war sogar zu Scherzen aufgelegt. Man erreichte die Küste, dann Richtung Süden und man freute sich der Rettung näher zu kommen.

Die Einfahrt nach Chala, mit einer der letzten Ausblicke des toreros aufs Meer.
Nach guten zwei Stunden Fahrt erreichte man die Klinik von Chala. Und sprachlos, begegneten die taurinos dort einer geradezu ohnmächtige Unfähigkeit. Da gab es nur einen einzigen Arzt, und dieser wiederum kannte sich nicht mit Wunden aus, welche durch Hörner der Stiere entstehen. Zu allem Überfluss verfügte die Klinik auch über keine Blutreserven, und so konnte man mit dem schwer verletzten torero nicht einmal eine Bluttransfusion vornehmen.

Also hiess es wieder den Wagen zu besteigen und das 170 Kilometer entfernte Nasca anzupeilen. Enttäuschung macht sich breit, denn nun lagen mindestens drei Stunden Autofahrt vor ihnen und keiner wusste wie das der junge Renatto überstehen konnte.
Doch der Weg war umsonst. Nach einer halben Stunde schon kehrte der Wagen nach Chala zurück. Der novillero Renatto Mota hat seinen vierten Auftritt in der traje de luces nicht mehr überlebt. Sein Traum, seine Illusion sind am astifino gescheitert. Haben ein jähes Ende gefunden.

Und es war nicht der novillo selbst, der es beendete. Zwar war er der Auslöser, ein Handicap, jedoch das Urteil wurde von der peruanischen Infrastruktur der medizinischen Versorgung gefällt. Von der Einsamkeit der Anden. Einer Gefahr, welcher die toreros in diesem Teil der Erde öfters ausgesetzt sind. In Gegenden weit entfernt von der Hauptstadt. Mitten in der Trostlosigkeit setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Und so geschah es mit Renatto Motta del Soler, der den Wunsch pflegte ein grosser maestro am Himmel des toreos zu werden. Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit ihm.

Peru trauert. Zwar ist Renatto Motta keine figura und, aber in Peru wo die Tradition der tauromaquia in der Gegenwart verankert ist, wie kaum in einem anderen Land, hat man in diesen Tagen spüren können, und auch die weltweite afición, wie wahr, wie wahrhaftig die corrida ist.
Er lebte für das toreo und liebte die toros.
Renatto Motta hat es nun geschafft. Er ist bekannt und sein Mut als torero wird überall in der mundo de los toros anerkannt und bewundert. Standing ovaciónes für einen novillero aus Peru.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Tod am Nachmittag in Peru (1)

Eine Tragödie in Südamerika
Der peruanische Novillero Renatto Motta stirbt an seiner Hornwunde
auf dem Weg in das Krankenhaus
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von Philip de Málaga

Es war ein Tag der mit viel Optimismus begann. Der zwanzigjährige novillero Renatto Motta del Soler schrieb auf seiner Seite in facebook: "Ich bin auf dem Weg nach Malco mit einem cartel welches mir viel Illusion bereitet". Ein Traum, der gleich einer Seifenblase zerplatzte. Eine Fiktion die mit dem Tod endete.

Malco ist eine kleine Gemeinde, mit gerade mal etwas mehr als einhundert Einwohnern, in den Anden von Peru in der südlichen Region Ayacucho. So klein, dass diese Ortschaft nicht mal im Online-Nachschlagewerk Wikipedia zu finden ist. Und zu Ehren des Heiligen San Isidro Labrador wurde hier eine corrida mixta organisiert, mit geradezu internationaler Besetzung. Auf dem cartel standen die matadores de toros Emilio Serna aus Spanien, Gustavo Zuñiga aus Kolumbien, César Bazán "El Yeta" aus Peru und eben der novillero Renato Motta del Soler "Mottito"
Ein sehr internationales cartel in einem kleinen Dorf mit 100 Einwohnern im Süden von Peru:
Emilio Laserna, Gustavo Zuñiga, César Bazán "El Yate" und Renato Motta del Soler
Geboren am 28. Januar 1996 in der peruanischen Hauptstadt Lima, war es für Renatto von seinen jüngsten Tagen an ein Traum torero zu werden. Die Phantasie dazu hatte er, denn er liebte die Schauspielerei und die Magie. Beides was man im toreo findet. Den Zauber, die Faszination, die Darstellung des Lebens in einem ritualen Schauspiel. Und so gehörte sein grosses Herz der Begegnung mit dem toro. Trotz seines ungeeigneten Körperumfangs, denn als kleines Dickerchen gab er nicht gerade die optimale Figur eines angehenden maestros ab.

Renato Motta 2009 in Acho. Der kleine moppelelige  novillero.
Keiner konnte sich vorstellen, dass aus ihm noch mal ein richtiger torero werden könnte
Mit sieben Jahren trat er in die escuela taurina von Acho ein. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er 2008 mit 12 Jahren. Es folgten hier und da ein paar wenige Einsätze, doch dann pausierte er aus gesundheitlichen Gründen für wenige Jahre. Kaum erholt, und an Gewicht verloren, begann er sich wieder vorzubereiten. Ging bei verschiedenen matadores de toros in die Schule, besuchte jeden möglichen concurso oder öffentliche tienta, bis er schliesslich 2014 zu seiner ersten novillada sin picadores kam. In einer plaza portátil in der Provinz Lima erhielt er immerhin ovaciones vom Publikum. Es folgten noch zwei weitere festejos bis es am 17. Mai 2016 zu seinem vierten Auftritt kommen sollte. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

Es war eine grosse Chance für ihn, mit richtigen matadores de toros ein cartel zu teilen. Eine wahre oportunidad. Doch der Preis war hoch. Der empresario bot ihm lediglich an, kostenlos anzutreten, welches bedeutete, dass Renatto Motta für alle seine Kosten aufkommen musste, auch für seine cuadrilla. Er selbst würde lediglich ein grosszügiges Trinkgeld erhalten und im Falle eines triumphalen Auftrittes würde man ihm, immerhin, eine neue traje de luces spendieren. Und was tut ein novillero nicht alles um erfolgreich und bekannt zu werden. Und hat nicht gerade am vergangen Freitag in Madrid, dem wichtigsten coso der Welt, der Peruaner Roca Rey triumphieren können. Da wollte er auch hin.

Und dann kam er, sein Moment, sein grosser tarde de toros. Die plaza de toros füllte sich mit 3.000 Zuschauern, welche teilweise aus der Hauptstadt Lima angereist kamen, aber auch Ausländer waren in den tendidos zu sehen.

Die corrida begann sehr vielversprechend für Renatto Motta. Obwohl sein erster novillo complicado war, hatte der novillero das Geschehen unter Kontrolle. Es gelang ihm zu brillieren, die olés hallten über das ruedo und schliesslich wurde seine arte del toreo mit einem oreja belohnt. Vuelta al ruedo.
Vuelta al ruedo
Ein guter Beginn, und es sollte noch besser werden. Denn sein zweiter novillo war viel einfacher im Umgang, weniger complicado und der mögliche Triumph so fühlbar. Renatto dachte an seinen neuen traje de luces und widmete die faena seines zweiten Tieres der empresa. Der Grundstein für einen gelungenen tarde de toros war gelegt. Die puerta grande zum Greifen nah.

Fortsetzung folgt

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ANMERKUNG VON SfA: Das letzte Photo stammt nicht von der corrida mixta in Malco.