Dienstag, 9. April 2013

Die deutsche Literatur und der Stier

Wenn man ein Buch über die Stiere schreibt, weil man auf der Suche nach Glauben ist
________________________________________________________________






von Torodora Gorges

Im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts hatte Kurt Tucholsky im südfranzösischen Bayonne – grenznah zu Spanien – einem Stierkampf beigewohnt. Mit seiner unnachahmlich satirisch-kritischen und trotz aller Distanziertheit anschaulich-mitreißenden Darstellung lässt er den Leser in seinem „Pyrenäenbuch" teilhaben am Erlebten. Er schafft es überdies, in aller Kürze nonchalant-nebenbei einen brillanten kulturhistorischen Abriss der „corrida de toros" zu geben, deren ihn überwältigenden ambivalenten Eindruck er schließlich so resümiert:

_______________________________________________________________

Eine Barbarei. 
Aber wenn sie morgen wieder ist: ich gehe wieder hin."

Kurt Tucholsky
_______________________________________________________________

75 Jahre sind seither vergangen. Zum empörten Entsetzen der Tierschützer hat das Interesse und der Zulauf zu den corridas in den letzten Jahren stetig zugenommen, nur leicht gebremst durch die BSE-Krise im vergangenen Jahr. Zweifel, ob Spanien wegen dieses Makels „europafähig" wäre, bleiben politisch folgenlos. Nicht nur in ihrem Ursprungsland, sondern auch in Südfrankreich breiten sich die Stierkämpfe mehr und mehr aus. Entgegen anderen Behauptungen werden auch dort die Stiere durch den Degenstoß in der Arena vor den Augen des Publikums getötet. Die gesetzliche Erlaubnis dazu besteht seit 1951.

Europa und der Stier! Welche Menschen nun lassen sich anziehen und fesseln von dem Schauspiel, das andere rundheraus als unzeitgemäßes blutig-sadistisches Hinrichtungsspektakel ablehnen? Neugierige und häufig schlecht informierte Touristen, die den folkloristischen Angst-Lust-Kick suchen, erliegen nicht so zahlreich der Faszination des archaischen Rituals, dass sie – wie oft behauptet – für den Tod von immer mehr Stieren in der Sommersaison verantwortlich zu machen wären. In der Regel wiederholen sie ihren Besuch in der Arena nicht. –

Worin besteht für Kenner und Liebhaber des Stierkampfs seine ungebrochene Attraktivität? Was reizt Zuschauer, denen keine besondere Neigung zu gewaltsamen Impulsen oder primitiver tierquälerischer Lust nachzuweisen ist, zum wiederholten, regelmäßigen Besuch der ritualisierten Interaktionen zwischen Stieren und Menschen? Wie ist es zu erklären, dass überzeugte Anhänger dieses Geschehens, also „fans" des Stierkampfs, sich „aficionados de los toros" nennen, soviel wie (begeisterte) „Liebhaber der Stiere".

Drei Bücher zum Thema „Stiere" sind unlängst erschienen, in denen diesen Fragen nachgegangen wird. Die Verlage setzen offenbar bei den deutschsprachigen Lesern ein ausreichendes Interesse an diesem brisanten, politisch so wenig „korrekten" Thema voraus.

Gemeinsam ist den drei nordeuropäische Autoren - es sind die schottische Literatin A.L.Kennedy, Stierkampf; der Kärntner Journalist Harald Irnberger, Toros y Toreros; und der deutsche Ethnologe Karl Braun ¡Toro! – eine vorurteilsfreie, um Verstehen und Verständnis bemühte Auseinandersetzung auf dem Hintergrund umfassender theoretischer, aber auch aus eigener Anschauung gewonnener Sachkenntnisse. Alle drei konfrontieren den Leser mit ihrer Ambivalenz und den Konflikten, die wohl jeden Teilnehmer und Beobachter, der gegenüber dem Stierkampfritual sympathisierende Neigungen entwickelt, immer aufs neue „anfechten" dürften.

„Es gibt ein Leben vor dem Tod am Nachmittag" - so untertitelt Harald Irnberger sein Buch „Toros y Toreros". In Abwandlung des Titels „Tod am Nachmittag" erweist er dem „Meister" Hemingway Referenz, dessen Lektüre ihn in jungen Jahren zunächst zum „angelesenen" und später zum leibhaftigen aficionado geprägt hat. Irnberger weiß, dass viele spanische Stierkampfkenner aus unterschiedlichen Motiven nicht mit Hemingways Einschätzungen und Beurteilungen einverstanden sind. Sein eigener Versuch, Jahrzehnte später dem berühmten Hemingway-Brevier einen überfälligen „Anhang" anzufügen, ist so gut gelungen, dass es dessen Lektüre evtl. ersetzen könnte. Kurzweilig, humorvoll und anekdotenreich referiert Irnberger Wissenswertes über Stiere und Menschen, die miteinander und voneinander leben. Sozusagen hautnah erlebt er seit vielen Jahren in Andalusien die Allgegenwart des Stiers in der Alltagsöffentlichkeit. Der Leser kann den Lebenslauf eines toro bravo (Kampfstier) von der Geburt bis zum Todesstoß in der Arena exemplarisch ebenso nachvollziehen wie die Entwicklung eines toreros vom novillero (Neuling, Novize) zum matador de toros (dem Meistertitel oder der Promotion vergleichbar). Im Hinblick auf die Tradition der Kampfstierzucht informiert Irnberger über geschichtliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Er setzt sich mit den Argumenten der Gegner des Stierkampfs auseinander, er kritisiert den verstärkten Trend zu Kommerzialisierung und Banalisierung und beschäftigt sich mit der schwierigen Rolle der Frau in diesem Männerberuf.

_______________________________________________________________

Der Stierkampf ist eine spirituelle Übung.
Er findet vor allem im Kopf statt."

Juan Belmonte García
(1892 - 1962, matador de toros)
_______________________________________________________________


Große toreros der Vergangenheit werden vorgestellt und zitiert, etwa Belmontes Definition: „Der Stierkampf ist eine spirituelle Übung. Er findet vor allem im Kopf statt. Er ist eine wirkliche Kunst". Enrique Ponce, ein derzeit sehr berühmter Stier-„Künstler", ergänzt: „Das Wichtigste ist, dass der Kopf gut funktioniert. Stierkampf ist nichts für Idioten." Gleichzeitig beklagt Irnberger, dass gerade in der gegenwärtigen Situation große Könnerschaft oft ohne Anerkennung und Verdienst bleibt, während Mittelmaß, Leichtsinn, Clownerie und Geldgier („das Ende der Würde") triumfieren. Seine Sorge um den kulturellen Niedergang der fiesta nacional ist verständlich! Die im Klappentext von Irnbergers Buch vertretene Meinung: ..."das traditionelle Drama vom Sterben des Stiers ist zur vulgären Schmierenkomödie verkommen" kann dennoch nicht generalisiert werden.

Nach Karl Brauns Ansicht beruhen die Konflikte um den Stierkampf in Europa auf interkulturellen Missverständnissen. In seinem Buch „¡Toro! Spanien und der Stier" versucht er, die soziokulturellen und psychologischen Hintergründe der corrida aufzudecken und Nicht-Spaniern einsichtig zu machen." Im ursprünglichen Sinn bedeutet corrida de toros der Lauf mit den Stieren. Durch die San-Fermin-Fiesta in Pamplona weltweit bekanntgeworden, wird dieser oft lebensgefährliche Brauch - weitaus weniger spektakulär jedoch – besonders in ländlichen Gegenden bei festlichen Gelegenheiten (z.B. zu Ehren von Heiligen) praktiziert. Braun berichtet über traditionelle örtliche Stierfeste und deren Verwurzelung im Mythos.

Kaum zu vermuten bei dem volkstümlich-lärmenden, ziemlich derben Treiben ist hinter dem Unterhaltungswert des Stierlaufs noch dessen unbewusste symbolische Bedeutung als Opfer- oder Fruchtbarkeitsritual. Das anschließende gemeinsame Verzehren des Stiers im Dorf zum Beispiel gibt noch Hinweise auf den versöhnend-vereinenden Opfermahlcharakter. Unter Bezugnahme auf einen folkloristischen Text fokussiert Braun seine These: „Daß der Stier es ist, der ein menschliches Mit-Opfer fordern kann, daraus entspringt die Aggression gegen den Stier; daß der Stier im allgemeinen das den Menschen entlastende Opfertier geworden ist, daraus entspringt die große positive Emotion für den Stier..." in Spanien.

Nach einem Rückblick auf den vorchristlichen Kult um Artemis, die „von Stieren umgebene Göttin", geht Braun in einem prähistorischen Exkurs auf Mutter-Göttinnen ein, die nach dem Vorbild des Mondes (die Sichel gleichgesetzt mit dem Stierhorn) Leben und Wiedergeburt symbolisieren. Die heidnischen Göttinnen wurden „christianisiert" und als „Virgenes" (Heilige Jungfrauen) in den Dienst der katholischen Kirche genommen, in deren Schutz in Spanien, dem „Marienland schlechthin" – so Braun - die volkstümlichen Bräuche um den Stier praktiziert werden.

Was den Zuschauer der modernen „corrida de toros" (den Stierkampf in der Arena, wie er seit mehr als 200 Jahren ausgeübt wird) erwartet, bringt Braun auf folgende Formel: „Die corrida ist kein Kampf, nicht einmal ein Wettkampf... Es ist kein Treffen zweier gleichwertiger Gegner; der Stier ist Mittel nur zu einem einzigen Zweck: die mit Risiko verbundene Fähigkeit des Menschen (zu zeigen), sich ungebändigte Natur zu unterwerfen..." Der Ablauf einer corrida einschließlich des Tötungsakts ist durch strenge Regeln kontrolliert; von sadistischen Impulsen oder Blutlust seitens der agierenden oder zusehenden Personen könne keine Rede sein, meint Braun. Er fragt nach dem Ursprung der starken gefühlsmäßigen Bindung des spanischen Volks an seine fiesta nacional. Eine der in Erwägung gezogenen Theorien lautet: Mit dem Niedergang der berittenen Adels-Corrida gegen Ende des 18. Jahrhunderts übernahm das (Fuß-)Volk die Stierspiele. Aus den zunächst wilden, ungebändigten Interaktionen entwickelten sich die wohlgeordneten strengen Formen, die nach der Tradition bis heute für die corrida gelten. Demnach könnte – in einer provokativen These - die Aufklärung als Nährboden des Rituals der corrida de toros gelten.

Gegen Ende des Buches, bevor er in einem letzten Kapitel „Das Töten und die Ordnung in der Kultur" – auch hier wieder unter kulturhistorischen, philosophischen oder psychoanalytischen Aspekten - thematisiert, erlaubt sich Braun die Forderung, dieses Ritual in die Reihe der zu schützenden Kulturgebilde aufzunehmen.. Mit ironischem Hinweis auf „allenthalben stattfindende Denkmalsucht und Musealisierung" wagt er die Frage: „Haben kulturgeprägte Interaktions- und Sozialformen, die noch intakt sind, etwa weniger Rechte als von Kultur geschaffene materielle Objektivationen?"

Im bibliographischen Anhang dieser beiden Stierkampf-Fachbücher sucht man als Kenner bedauerlicherweise vergebens den Namen des Autors Lorenz Rollhäuser, der 1990 bei Rowohlt „Toros, Toreros" veröffentlicht hat. Die Lektüre dieses Sachbuchs, das höchst mitreißend und originell geschrieben ist, bedeutet neben der fachlichen Bereicherung einen intellektuellen Genuss, auf den ein Hinweis sich unbedingt gelohnt hätte.

André Masson
Die schottische Autorin A.L. Kennedy gilt als talentierte Schriftstellerin. Ihr Buch „Stierkampf" ist das zweite von drei ihrer auf Deutsch vorliegenden literarischen Werke. Zugang zum Thema sucht sie auf sehr subjektive Weise. Im Oszillieren zwischen fiktiver Literatur und Journalismus entsteht eine Art von Reisebericht. Sie konfrontiert ihre persönliche Befindlichkeit und Sensibilität mit einem großen Faktenwissen und setzt ihr psychosomatisches Leiden in Beziehung zu den Qualen der Kreatur. Dass sich ein Schriftsteller symbolisch ständig dem Todesstoß ausgesetzt erlebt, Literatur demnach der tauromaquia vergleichbar sei, erkannte vor ihr bereits Michel Leiris. In erster Linie sucht Kennedy in der „corrida de toros" emotional-affektive und transzendentale Elemente, von denen sie auch ihren Schreibprozess bestimmt sieht.

_______________________________________________________________

Ich schreibe dieses Buch,
weil ich auf der Suche nach Glauben bin"

Alison Louise Kennedy
_______________________________________________________________

Ich schreibe dieses Buch, weil ich auf der Suche nach Glauben bin", erklärt sie im Eingangskapitel „Begegnung mit dem Tod". Im Kapitel „Glaubensakte" erwägt sie mögliche Gemeinsamkeiten in den religiösen Wurzeln der corrida und dem Autodafe der Inquisition. Durchgängig kämpft Kennedy mit ihrer zunehmenden Faszination für das blutige Ritual und dem moralischen Gebot des Tierschutzes. Sie informiert gründlich und unterhaltsam, wenn auch für Stierkampfkundige – wie sie selbst einräumt – keine Novitäten geboten werden. Details behandelt sie dabei bisweilen großzügig: dem im 19. Jahrhundert berühmten Stierkämpfer Antonio Sánchez, „El Tato", musste nach einer Hornverletzung das Bein amputiert werden. Man verfiel auf die etwas makaber anmutende Idee, das verlorene Bein des beliebten Madrider toreros in Formalin zu konservieren und diese Reliquie im Schaufenster einer Apotheke auszustellen. Das so zur Schau gestellte Bein – und nicht die Prothese des toreros – wie Kennedy irrtümlich angibt – wurde später bei einem großen Brand ein Opfer der Flammen. Mit der schriftstellerischen Freiheit geht die sachliche Genauigkeit glücklicherweise nur bei der Schilderung weniger Fakten verloren.

Mit besonderer Faszination liest man das letzte Kapitel „Tor der Angst". Überaus eindrucksvoll und mitreißend schildert die Autorin ihre Erlebnisse als Zuschauerin von verschiedenen Stierkämpfen mit gegenwärtig populären toreros in der Arena La Maestranza von Sevilla. Es gelingt ihr, den Leser miterleben und mitleiden zu lassen, was sie empathisch-literarisch auf die an der corrida Beteiligten – Tier und Mensch –projiziert. Sie beschreibt die corrida als Erfahrung eines religiösen Mysteriums und bezieht sich damit auch auf  Federico García Lorca, der seinem Freund, dem vom Stier getöteten torero Ignacio Sánchez Mejías, durch seine Totenklage ein unvergängliches Denkmal setzte.

Für Stierkampfinteressierte – seien es Befürworter oder Gegner – ist die Lektüre aller drei Neuerscheinungen empfehlenswert, auch wegen ihres überwiegend nüchtern-sachlichen Stils (abgesehen von A.L. Kennedys Transzendenzanmutungen). Die Autoren verzichten auf Pathos und Schwulst, wie sie oft in Büchern spanischer Herkunft zur rechtfertigenden Abwehr stierkampfgegnerischer Positionen zu finden sind. Es wird nicht zu leugnen versucht, dass die Ansprüche an ein Gelingen des Rituals zwischen Stier und Mensch oft grausam scheitern und die Interaktionen barbarisch tierquälerisch entgleisen können. Dies – wie die Autoren - vor allem der heute prakitizierten, stark kommerzialisierten Form der corrida anzulasten, kommt jedoch zu sehr einer nostalgischen Verklärung guter alter Zeiten gleich.

Hier noch eine Anmerkung: Für Stierkampfgegner oder distanzierte Skeptiker, sofern sie ausreichend Spanisch verstehen, dürfte die Lektüre einer 2001 in Madrid erschienenen Publikation interessant sein. Unter dem Titel „Antitauromaquia" hat Manuel Vicent seine seit 20 Jahren regelmäßig für die Tageszeitung „El Pais" geschriebenen Artikel aktualisiert und veröffentlicht. Brillant und höchst polemisch kämpft er in der Form des Pamflets gegen alle denkbaren Stierkampf befürwortenden Argumente aus den dunklen Bereichen seiner Nation, dem „España negra y irracional". Unverhohlen empört und drastisch-schonungslos prangert er die blutigen „Massaker" an, die als Kultur getarnten und vom spanischen König applaudierten Torturen, die einer demokratischen humanen Gesellschaftsform in einem vereinten Europa unwürdig seien. -

Werfen wir zuletzt noch einen Blick auf ein literarisches Meisterwerk, das 1926 in Paris ersterschienen war und vor wenigen Jahren (1998, Steidl) bei uns neu aufgelegt wurde: „Tiermenschen". In diesem autobiographischen Roman lässt Henry de Montherlant, selbst ein leidenschaftlicher „aficionado", der in jungen Jahren eigene Erfahrungen als torero gemacht hatte, einen alten spanischen Herzog gegen anti-taurinische Vorbehalte raisonieren: „Man weiß sehr wohl, daß der Stierkampf in unserm Lande der große Bindestrich zwischen den verschiedenen Ständen ist. Man hat es darauf abgesehen, durch die Vernichtung des Stierkampfes die Einheit der spanischen Seele zu vernichten".

Heute, viele Jahrzehnte später, in der Aera der europäischen Union, wird um den Stier(kampf) nach wie vor polemisiert, argumentiert, gestritten und gekämpft. Vermutlich wird er die zunehmende Einheit Europas weder gefährden noch gar vernichten. Vielleicht wird Europa auf den Kampf-Stier in seiner irritierenden, vielfältige Projektionen zulassenden Faszination genausowenig verzichten können wie auf den Stier-Kampf mit seinen Ambivalenz und Widerspruch beinhaltenden und auslösenden Funktionen.

Kaum bekannt durch die Medien wurde als Folge der Anschläge in den USA, dass in Eriwan / Armenien nach Überwindung verschiedenster Hindernisse am 7. September im Jahre 2001 eine corrida mit spanischen toros und toreros stattfand. Ein Land, bisher europäischer Außenseiter, nähert sich Europa über den Stier, - eine absurde Vorstellung?

______________________________________________________________
Quellennachweise:
DER TOD DES STIERES, Karl Braun, Verlag C.H. Beck, München 1997
TOROS, TOREROS, Lorenz Rollhäuser, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1990
STIERKAMPF, A.L. Kennedy,Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2001 
TOROS Y TOREROS, Harald Irnberger, Eichbauer, Wien, 2000
SPIEGEL DER TAUROMACHIE, Michel Leris, Matthes & Seitz Verlag, München, 1982

Montag, 8. April 2013

PETA tötet Tiere, und nicht zu wenig




von Philip de Málaga


Da spielen sie sich als Moralapostel den Menschen gegenüber für die Tierwelt auf, und selbst tun sie doch gar nichts, damit die Tiere am Leben bleiben. Im Gegenteil: Sie töten!
__________________________________________________________________

Jeder kennt Pamplona. San Fermín, das Fest der Stiere, von dem schon Hemingway schwärmte und berichtete. Und die nackten Demonstranten, die gegen das Töten der toros protestierten, organisiert von der Tierrechtsorganisation PETA, auch sie hat sich damit weltweit einen Ruf geschaffen. Doch wer einen Blick hinter die Fassade dieser Organisation wirft, wird erkennen, dahinter versteckt sich pures Marketing. Denn PETA wie auch andere antitaurinos haben noch nicht einem einzigen toro das Leben gerettet. Weder erkauft noch durch irgendwelche Initiativen erreicht. Das ist eine Tatsache!

Zwar betreibt PETA Tierheime, aber sie selbst bezeichnen diese nicht einmal als "traditionelle Tierheime". Und somit versuchen sie das Töten der Tiere zu rechtfertigen. Sie nennen es Euthanasie, Sterbehilfe. Auf diese Weise sollen mehr als 20.000 Tiere durch Mitglieder der PETA-Organisation getötet worden sein.

Diesbezüglich gab es schon 2007 in North Carolina, in den Vereinigten Staaten, einen Prozess gegen zwei PETA Mitarbeiter, angeklagt der Tierquälerei und unlauterer Müllentsorgung. Ihnen wurden Tiere anvertraut mit der Zusage, man würde für sie ein passendes Tierheim finden. Doch das ist wohl nicht geschehen. Viele Tiere wurden einfach nur entsorgt. Oder in Norfolk (Virginia) wurden 2012, also im letzten Jahr, von den 733 anvertrauten Hunden 662 entsorgt. Bei den Katzen sieht die Ziffer nicht anders aus. Von den 1.110 Katzen anvertrauten Tieren haben lediglich 65 überlebt. Wenn man den Zahlen glauben darf, nicht einmal zehn Prozent der  PETA anvertrauten Tiere überleben. So viel in Sachen Vertrauen zu der grössten Tierrechtsorganisation der Welt.

PETA spielt sich in dieser so realen Welt als Retter der Tiere auf, aber in Wahrheit tun sie gar nichts. Im Gegenteil, sie verklagen die Gesellschaft und machen nicht einmal vor den Kindern halt. Da versuchte PETA die Erwachsenen zu manipulieren indem sie Kinder traumatisierten. So wurden zum Beispiel schon 2003 in 15 Bundesstaaten der USA Comics an Kinder verteilt mit dem Titel "Deine Mama tötet Tiere". Provokation pur, nur weil die Mutter einen Pelz trug.

In der tauromaquia finden sich ähnliche Vergleiche. Aficionados seien unmenschliche Wesen und der Erziehung von Kindern nicht würdig. Überhaupt, Kinder die mundo de los toros näher zu bringen, zu erklären was dort geschieht, gleiche einer kriminellen Tat. Vergleiche mit dem Holocaust kommen auf den Tisch, aber selbst deutsche Gerichte haben dieses untersagt. 

(Foto: mundotoro)
Und wenn dieses Jahr wieder die Nackedeis nach Pamplona ziehen, um sich als Moralapostel dieser Gesellschaft aufzuspielen, um die taurinos krimineller Machenschaften zu beschuldigen, dürfen sie sich nicht wundern wenn sie zu hören bekommen, "Hört mal, habt ihr sie noch alle?

________________________________________________________________
Mehr Infos auf Peta kills animals

Sonntag, 7. April 2013

Wirtschaftsfaktor: José Tomás

In Spanien, Frankreich oder México füllt einer wie kein anderer die plaza de toros, wenn er denn antritt. Und dabei füllen sich nicht nur die Reihen der Zuschauer, auch die Kassen des Veranstaltungsortes. Man nennt es den José Tomás Effekt.
___________________________________________________________________





von Philip de Málaga


Matador de toros José Tomás
(Foto: mundotoro)
Man bezeichnet ihn als den torero eines Jahrhunderts. Und das, obwohl sich auch die tauromaquia mitten in ihrer größten wirtschaftlichen Krise befindet. Kein matador de toros hat es dermassen verstanden die afición in seinen Bann zu ziehen wie er. Nicht einem toreador ist es gelungen, dass es an Worten fehlte, seine Auftritte zu beschreiben. Die Rede ist von José Tomás, der 1975 in Galapager bei Madrid als erster von vier Brüdern geboren ist. Es war sein Grossvater Celestino der seinen Enkel mehrmals zu den toros in Las Ventas mitnahm und mit zehn Jahren stand José Tomás das erste Mal vor einer becerra. Der Grossvater und seine Freunde waren beeindruckt von diesem jungen Talent und spendierten ihm 1988 eine becerrada mit freien entradas. Ein Jahr später präsentierte sich das junge Talent am 25. Juli 1989 der Öffentlichkeit, wo es ihm gelang einen rabo als Auszeichnung zu erlangen. Ein Genie der tauromaquia war geboren.

Apotheose in Nimes
(Foto: HJD)
In den nächsten Jahren entwickelt er sich zur makellosen Reinheit des toreo, da ist die Rede von temple und Wahrheit. 1995 bestreitet er seine alternativa in Mexiko und am 14. Mai 1996 wird sein Ritterstatuts als matador de toros in Madrid bestätigt. Jedoch dauert es vier Jahre bis es ihm gelingt in Las Ventas die puerta grande zu öffnen. 2001 viel das magische Wort, das man mit José Tomás in Verbindung brachte: Apotheose. Erst Barcelona und dann León wo er schwer verletzt wurde und seine temporada abbrach. Im folgenden Jahr begegnete der maestro etwas, womit er nicht umzugehen vermochte. Im Sommer wurde er zunächst in Barcelona und dann in Murcia von dem Publikum ausgepfiffen. Jose Tomás zögerte nicht lange und trat von den toros zurück. Die afición war sprachlos.

_______________________________________________________

"Die Wahrheit beim toreo ist,
du must bereit sein den toro herauszufordern, 
dass er der muleta folgt ...
... oder dass er dich erwischt."

José Tomás
_______________________________________________________

Delirium in Nimes
José Tomás
auf allen Titelseiten am 17. September 2012
Es dauerte fünf Jahre bis am 17. Juni 2007 eine informative Bombe ein taurinisches Erdbeben in Bewegung setzte. José Tomás kehrt zurück. Und gerade Barcelona wo er so in Schmach verabschiedet worden ist sollte der Ort seiner neuen Triumphe werden. Und wie von magischer Hand gesteuert, keine plaza de toros wo es kein no hay billetes gab, wo der maestro aus Galapagar antrat bis hin zum magischen Auftritt in Nimes, wo es seit langem einem torero gelungen ist auf wirklich alle Titelseiten der spanischen wie französischen Medien zu kommen. Der personifizierte duende hat sein Ziel erreicht.
_______________________________________________________

"Natürlich habe ich Angst. 
Wenn es nicht so wäre, wäre ich kein Mensch, aber ich bin einer.
Aber wenn ich den toro sehe 
versuche ich meinen Körper zu vergessen 
und an meine Angst nicht zu denken.
Denn wenn mir das nicht gelingt, finde ich nicht die nötige Ruhe."

José Tomás
_______________________________________________________

Der José Tomás Effekt

Am letzten Freitag konnten die Leser von SfA einen Blick auf die taurinische Finanzwelt werfen. Und bei dieser Finanzwelt spielt auch der maestro aus Galapager eine tragende Rolle. Die Medien sprechen vom José Tomás Effekt. Denn seit seiner Rückkehr in die ruedos im Jahr 2007 füllt der matador de toros nicht nur die plaza de toros hasta la bandera sondern lässt es auch gewaltig in den Kassen klingeln. Während nur einer corrida werden in und um der plaza durchschnittlich 2,4 Millionen Euro umgesetzt. Davon weit über 850.000 Euro für die entradas. Der Kenner der Szene wird sicherlich hier gleich einwenden, 850.000 Euro für entradas? Soviel passen ja gar nicht in eine plaza de toros rein! Und es stimmt. Denn um überhaupt in den Genuss zu kommen an jenem Tage José Tomás zu erleben, waren zahlreiche aficionados gezwungen, sich so genannte abonos, also Dauerkarten zu besorgen. Teilweise war der Verkauf jener abonos bis zu 400 Prozent gestiegen. Und das nur für das Interesse an einem torero. Den empresarios konnte das nur gefallen. Von den restlichen 1,5 Millionen Euro profitierten die umliegenden Gastgewerbe, das Transportwesen und andere Geschäfte. 

Ein wertvolles Reisegepäck
Wenn dieser Koffer auf Reisen geht klingeln die Kassen.
(Foto: HJD)
Beim letzten grossen Auftritt in Nimes am 16. September 2012 sollen laut offiziellen Angaben die aficionados mehr als drei Millionen Euro in der südfranzösischen Stadt gelassen haben. Und das nur wegen zwei Stunden José Tomás, der an einem Vormittag mit 6 toros 6 sein Leben riskierte. Apotheose pur, aber auch im Geldbeutel.
________________________________________________________________
Siehe auch:
Der Stierkampf erobert die Titelseiten
Apotheose von Torodora Gorges
José Tomás von Dominik Sachsenheimer
Wie sieht sie eigentlich aus, die taurinische Finanzwelt von Philip de Málaga

Quellennachweise:
COSSÍO LOS TOROS, INVENTARIO BIOGRÁFICO, Espasa Calpe 2007
EXPANSIÓN, spanisches Wirtschaftsmagazin, Unidad Editorial Información Económica, Madrid 2013
JUAN MEDINA, Profesor für wirtschaftliche Theorien an der Universität de Extremadura

Samstag, 6. April 2013

Wie sieht sie eigentlich aus, die taurinische Finanzwelt?

Immer wieder preschen die Gegner der toros vor und behaupten, die mundo de los toros könnte nur überleben, weil sie auch und vor allem von Europa subventioniert werde. Stimmt diese Behauptung?
___________________________________________________________________





von Philip de Málaga


Den antitaurinos gehen schon seit langem die Argumente aus. Und weil dem so ist werden immer neuere Unwahrheiten erfunden um provozierend gegen die taurinos zu Felde zu ziehen. Wo man es zum Beispiel nicht geschafft hat toreros und aficionados zum kriminalisieren oder mit Nazi-Vergleichen schlecht darzustellen versucht man es auf wirtschaftlicher Basis und bringt einfach finanzielle Unwahrheiten auf den Markt. Aber diese gleichen eher einer europäischen Märchenwelt als der spanischen Realität. Schauen wir sie uns doch mal an:

Wie war es denn gerade in den letzten Monaten in San Sebastian. Die dortige Partei BILDU hat mit ihrem Minderheitenkabinett und gegen eine 75-prozentige Mehrheit die toros verboten. Eine der Erklärungen von Bürgermeister Juan Carlos Izagirre war, dass man nicht mehr bereit sei, mehr Geld in die toros zu investieren. Tatsache ist aber, in diesem Jahr, wo es in der baskischen Küstenstadt keine corridas geben soll, haben sie deswegen nicht mehr Geld zur Verfügung, wie man eigentlich annehmen sollte, nein im Gegenteil, denn nun fehlen an die 150.000 Euro in der Stadtkasse. Die Rechnung ist nicht aufgegangen.
Steuereinkommen (IVA) verschiedener Veranstaltungen (Angaben in Millionen Euro)
Der Präsident des spanischen Senats, Graf Pío García-Escudo, verkündete Ende Februar diesen Jahres, dass allein die toros ein Vielfaches mehr an Steuereinnahmen erwirtschaften als das spanische Kino und Theater. Sogar mehr als internationales Kino. Hinzu käme der Tatbestand, dass im Umfeld der toros weitere 900 Millionen Euro generiert werden.  Und in diesem Jahr werden es mit Sicherheit noch mehr werden, denn die Mehrwertsteuer für die entradas der corridas wurde auf 21 Prozent angehoben.

In der Tat werden die toros von den Landesregierungen subventioniert. Aber dieser Geldfluss ist keine Einbahnstrasse. Im Gegenteil, für jeden Euro, der in die mundo de los toros fliesst wird allein nur mit der Mehrwertsteuer der entradas die Investition zurückgewonnen. Mehr noch, für jeden investierten Euro, werden 8,10 Euro generiert.

Dass die ganaderías subventioniert werden, sollte doch eigentlich verständlich sein. Zum einen erhalten die Zuchten strengste staatliche Auflagen und zum anderen gibt es dort nicht nur den toro bravo. Auch andere Tiere wie Pferde, Schweine, Hühner etc. werden gezüchtet, oder als Agrarbetrieb die Olivenplantagen gehalten nicht zu vergessen der grosse Korkeichenbestand auf den dehesas. Aber wir reden hier nur von kleinen Summen. Laut dem Wirtschaftsmagazin der BBVA verteilte das Landwirtschaftsministerium im Jahr 2008 auf die 1.355 ganaderías für die Zucht der toros bravos die Summe von 997.040 Euro. 2010 waren es nur noch 442.514 Euro. Das sind gerade mal etwas mehr als 3 Euro pro toro bravo.

Mitte Februar erklärte der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy, dass die toros in diesem Jahr keine öffentlichen Zuschüsse in Höhe von 700.000 Euro erhalten werden.

Auch aus Europa gibt es keine finanzielle Unterstützung. Das kann man auf der offiziellen Europa-Seite der Grünen nachlesen, datiert vom 23. November 2012: 
____________________________________________________________________

Es könne aktuell davon ausgegangen werden, 
dass keine direkte oder indirekte Förderung des Stierkampfs 
durch Agrarmittel der Europäischen Union stattfindet. 

EUROPAGRUPPE GRÜNE
____________________________________________________________________

Wer also einen objektiven Blick auf die wirtschaftliche Bedeutung der fiesta brava wirft, wird feststellen, dass derzeit 130.000 toros auf den 300.000 Hektar bestem ökologischem Weideland stehen und von 10.000 Personen betreut werden. Die Aufzucht eines toros kostet 3.500 bis 5.000 Euro, davon gehen lediglich 44 Prozent in die Nahrung. Überhaupt 150.000 bis 200.000 Personen verdienen ihren Lebensunterhalt mit den toros. In Spanien befinden sich 380 plaza de toros wo bis zu 40 Millionen entradas mit einem Volumen von 380 Millionen Euro verkauft werden und weltweit wird die Zahl der aficionados auf 60 bis 65 Millionen geschätzt. Allein in Spanien werden jährlich an die 2,5 Milliarden Euro mit den toros umgesetzt. Das sind 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und entspricht in etwa der Summe, die die spanische Regierung in soziale Ausgaben investiert.

Das Fazit: Es fliessen bedeutend größere Summen in Richtung Staat als umgekehrt zu den toros. Und wenn öffentliche Einrichtungen die toros verbieten, dann gibt es auch kein Geld, wie wir es in San Sebastián beobachten können.
______________________________________________________________________________
Quellennachweise:
ACTIBVA, das Wirtschaftsmagazin der BBVA vom 15. Juni 2012
INE, Instituto Nacional de Estadística
ECD, El Confidencial Digital
EXPANSIÓN, Wirtschaftsmagazin: La importancia de los toros
JUAN MÉDINA, Profesor de Teoría Económica de la Universidad de Extremadura

ES SEI DARAUF HINGEWIESEN  
DASS ES SICH UM NEUTRALE, ALSO NICHT UM TAURINISCH BEEINFLUSSTE QUELLEN HANDELT!

Freitag, 5. April 2013

Wenn die muleta zum sombrero wird ...




von Philip de Málaga


... aber eigentlich war es umgekehrt!
___________________________________________________________________

Victor Puerto führt mit einem sombrero de charro einen derechazo durch
(Foto: mundotoro)
Am letzten Sonntag tauschte gegen Ende seiner faena der spanische matador de toros Victor Puerto im mexikanischen San Cristobál de las Casas die muleta gegen einen mexikanischen sombrero de charro um mit diesem einige muletazos mit seinem toro vorzuführen. Mit einem oreja wurde seine Arbeit belohnt. Das ein torero in Mexiko einen sombrero de charro benutzt ist schon öfters vorgekommen. 

(Foto: mundotoro)
Aber wer einen Blick in die Geschichte wirft, wird entdecken, dass der Wechsel von der muleta zum sombrero umgekehrt dargestellt wird. So war es ein spanischer matador der schon im 18. Jahrhundert das erste Mal einen sombrero benutze. Dabei handelte es sich um den legendären Pedro Romero (1754 - 1839), der, nachdem ein anderer torero zu Boden gegangen ist, seinen sombrero einsetzte, um die Aufmerksamkeit des toros auf sich zu lenken. Romero erkannte, dass der toro keinesfalls nur den Menschen anvisierte, sondern auch den bewegenden Elementen wie eben dem sombrero  hinterher jagte. Aus diesem Akt entwickelte sich dann die muleta die anfangs in weiss und auch nur für die estocada gedacht war.
__________________________________________________________________

Ergänzung von Torodora Gorges

Irgendwie habe ich ein Bild vor Augen, wie Pedro Romero mit einer "gorra" - Mütze, also kleiner als ein sombrero den toro aufhält. Es wird auch der Begriff gorra benutzt, den ich mir aus irgendeinem Grund gemerkt habe. 

Donnerstag, 4. April 2013

Die toros bleiben in Frankreich ein Kulturgut!




von Philip de Málaga



Das französische Bundesverwaltungsgericht lehnte einen Antrag verschiedener antitaurinischer Organisationen ab

__________________________________________________________________

Die antitaurinos haben gestern in Frankreich eine erneute Niederlage hinnehmen müssen. Eigentlich müssten sie sich doch schon daran gewöhnen. Da haben sich mehrere Organisationen des antitaurinismo zusammengeschlossen um gegen die Ernennung der tauromaquia zum französischen Kulturgut zu klagen und der Aufhebung zu erwirken. Doch das Bundesverwaltungsgericht von Paris sah es ganz anders. Die toros stehen sehr wohl im Einklang mit der französischen Verfassung, sie seien es wert, Teil der französischen Kultur zu repräsentieren und somit gäbe es überhaupt keinen Grund zur Beanstandung an der Rechtsmässigkeit, dass die tauromaquia zum Kulturgut erklärt worden ist. 

Es ist wirklich erstaunlich zu beobachten, wie die französischen Nachbarn ein klares Zeichen setzen und überhaupt keine Zweifel aufkommen lassen, das die toros Teil der europäischen Kultur sind und bleiben werden. Viva la France! 

Mittwoch, 3. April 2013

Begegnung mit den toros (7. Teil)

Ein Besuch in der Plaza Real del Puerto de Santa María und anderes ...
___________________________________________________________________






von Colin Ernst 


Vor drei Jahren verschlug es mich zum erstenmal nach El Puerto de Santa María, kurz "El Puerto" genannt. Das Objetiv der damaligen Reise, wie immer: Die Welt des Sierkampfes näher kennen zu lernen.

Ganz optimistisch hatte ich mich damals in einer kleinen Pension, nahe der Plaza real del Puerto de Santa María eingemietet, im Januar... Schon am ersten Urlaubstag musste ich feststellen, alles war geschlossen. Die plaza war nicht zu besichtigen, ein museo taurino nicht vorhanden, frustiert drehte ich eine Runde um die imposante Arena, linste durch die Schlüssellöcher, um wenigstens einen winzigen Blick in das Innere zu erhaschen. 

Auf einer der zahlreichen Türen, entdeckte ich das kleine Schildchen "Escuela taurina - La Gallosina". Prima, dachte ich, eine Toreroschule, vielleicht kommt man ja da rein. Aber auch daraus wurde nichts, unter dem Schildchen klebte der Hinweis, bis Mitte Feruar geschlossen. Meine Laune sank auf Tiefpunkt, sollte ich soweit gereist sein, ohne auch nur einen Zipfel taurino zu sehen?


Die nächste Bar an der plaza angesteuert, vielleicht lernt man ja dort aficionados kennen? Ich wurde reich belohnt. Beim vorichtigen hereinlinsen in die Bar mit dem namen "Sol y Sombra", wurde mir klar, das dies genau das richtige Lokal für einen Stierkampffreund ist. Einfach ausgestattet, aber mit reichlich Fotografien und carteles an den Wänden, ein schöner Stierkopf ziert den Eingang. "Tango", lidiado von dem Lokalmatador schlechthin - Jose Luis Galloso. Ich verrenkte mir schier den Hals um die zahlreichen Fotos zu betrachten, viele mit Autogrammen bekannter Größen : Jose Tomás, El Cordobés etc. und natürlich auch von dem maestro puertuense Galloso. Als der Wirt, Antonio Cruz Jamás, mein offenkundiges Interesse bemerkte, forderte er mich auf, mir die Fotos aus der Nähe anzusehen. Ich war beeindruckt, zum einen von seiner Freundlichkeit, zum andern von den Fotos, auf denen auch er ab und an zu sehen ist. Mit keinem Geringeren, als Jose Tomás. Lächelnd erklärte er, mir, dem Greenhorn, das JT der beste torero von allen sei, er ist ein richtiger JT-Fan. Anhand der Bilder, erzählt er die Geschichten, die dahinter stehen. Der letzte Kampf eines maestros, oder der erste eines Newcomers. Die cornada, welcher der abgebildete torero sich nach dem Foto abgeholt hat, wie besonders die faena des Meister an diesem Tag, in der plaza von El Puerto war. Ich war hoch erfreut, einen Mann mit großem Wissen über den mundo taurino, kennen zu lernen. Das "Sol y Sombra" wird mein Stammlokal, dort läuft Stierkampf im TV und das Essen ist sehr gut. Antonio lieh mir die neuste Aplausos (Stierkampfzeitung) und hat mir, nachdem er mein echtes Interesse an allem bestätigt sah, sogar einige uralte Journale vom "El Burladero" zur Verfügung gestellt.


Auch in den Folgejahren, fuhr ich oft von Sanlúcar nach El Puerto, um ihn zu besuchen, sein rabo de toro ist ausgezeichnet und es immer wieder schön, sich mit ihm über die corridas auszutauschen. 

Diesmal erkläre ich ihm den Grund meines Besuches. Neben dem Wunsch, noch mehr Taurinoluft" zu schnappen, habe ich vor die Serie  "Auf den Spuren der toros und toreros" zu schreiben und erzähle ihm von der Webseite STIERKAMPF für ALLE. Er ist erstaunt, das es tatsächlich noch mehr "locos por los toros" in Deutschland gibt. Er ist von der alten Garde, das Internet hat ihn noch nicht erreicht, wohl aber seinen Sohn, der sich die Web kurz auf seinen Handy anschaut. "Doch, sieht gut aus", so sein Komentar, wohl wissend, das Antonio sich freut, das ein Foto von "seinem" JT auf der Startseite ist. Meine Fotos finden sie auch gut, besonders weil mein Konterfei neben der Skulptur von Paquirri zu sehen ist, welche hinter der plaza von El Puerto steht. Schade nur, das der Text in deutsch ist, aber man ist der Sache geneigt, ich darf Fotos machen und erzählen.

Im ersten Jahr meines Besuches in El Puerto und bei Antonio, erfuhr ich viel über die Zeit, wo noch nicht alles so professionell war, und Spanien grade anfing, sich von seiner Vergangenheit zu erholen. Und so lernte ich auch einen anderen Zeitzeugen aus dieser Epoche kennen, Pepe. Bei meiner "Beschwerde", weder plaza noch das museo taurino zu sehen zu bekommen, meinte Antonio, er wolle mal mit Pepe reden.... 

Nach ein paar Minuten Telefonat, verkündete er zufrieden, das es ein Museum gäbe, das ich besuchen könnte, ein privates. Es sei das private museo taurino des maestros Jose Luis Galloso. Eigendlich sei es über Winter stetz geschlossen, aber sein Freund Pepe hätte den Schlüssel und würde uns rumfühen. Das Museum befindet sich in der Bodega "El Cortijo", an der Straße, die am Hafen längst geht, kurz vor der Brücke, die nach Cádiz führt. Dort erwartete uns Pepe, ein liebenswerter Mensch, mit blitzenden blauen Augen, die immer strahlen, wenn es um Stierkampf geht. Er bereitete damals grade eine Gala vor, eine Preisverleihung, die im El Cortijo stattfinden sollte. Ausgezeichnet würden bekannte toreros und novilleros, für ihre gute faena in der Saison in der plaza von El Puerto. Aha...!? Damals wusste ich noch nicht, das viele Fanclubs, so genannte peñas, jedes Jahr, Auszeichnungen vergeben. Ähnlich wie beim Fussball, für das schönste Tor, gibt es Auszeichnungen für : Die beste Arbeit mit der capa oder der muleta, die beste, den besten toro oder novillo, den besten novillero, den besten picador und noch vieles mehr, was man so ehren kann. Pepe nahm sich viel Zeit, um uns das Museum und dessen kompletten Inhalt zu zeigen. Auch er ist mit Herz und Seele dabei, merkte ich beim aufmerksamen Zuhören. Das außergewöhnliche museo taurino zeigt ein ganzes Toreroleben. Das des maestros Galloso. Bilder von den mageren Jungs beim Üben, alte Schwarzweissfotos, vergilbte carteles, novillerocapas, banderillas, und Paradecapas, hinter Glaskästen  Trophäen, Degen, der Reisealtar und mein Lieblingsobjekt, ein alter Koffer, aus Leder, mit dem Namen des maestros und die Degentasche. Bestimmt 2 Stunden, wenn nicht mehr, verbrachten wir in diesen Räumen. Am Ende kauften wir dort ein Buch mit dem Titel Inedito - mundo del toro, das unsere wichtigste Lektüre wurde, für die nächsten 2 Jahre. Denn dieses Buch enthält soviele alte Fotos, von allem was mit der mundo de los toros zusammenhängt, das man auch ohne viel spanisch zu sprechen, viel davon hat.

José Luis Galloso
So hatten wir also noch einen Menschen gefunden, der uns die afición näher brachte. Es sind ganz besondere Menschen, bodenständig, herzlich und wenn es um maestro Galloso geht, schwingt ein neidloser Stolz in ihrer Stimme mit. Sie sind mit einander aufgewachsen, Antonio, Jose Luis, und Pepe. Zusammen haben sie, in einer Gruppe von circa zehn "Bengels" angefangen, auf der Strasse torero zu spielen. Damals war das, in Spanien, so wie bei den Deutschen, Fussballspielen auf der Strasse. Matadore waren ihre Idole, und denen eiferten sie nach. Ich fragte Antonio, wie es weiterging, warum er kein torero geworden sei. Seine Antwort ist sowas von ehrlich - jeder andere hätte Ausreden benutzt. Er musste mit dreizehn bis vierzehn Jahren arbeiten, da blieb kein Platz mehr für Spielchen und auch würden es in Zukunft keine Kälbchen mehr sein, denen man gegenüberstehe. Und dann hat man ja auch eine "novia" (Freundin)... - ein verschmitztes Lächeln zeigt sich da... Auch Pepe ging es ähnlich, aber er hatte doch etwas mehr Zeit, seinen Freund José Luis zu folgen. Er hat seinen Freund auf vielen Wegen begleitet.

Dieser Jose Luis Galloso muss aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein, denke ich. Antonio bestätigt dies. Viele von den Jungs, mit denen man auf der Strasse trainiert hatte wären nach und nach verschwunden. Nachts hätten sie sich tatsächlich auf die Weiden der ganaderias geschlichen, um sich einer Kuh, oder einem Jungstier zu nähern. Und eine Anekdote finde ich besonders nett, nämlich als er mir erzählt, wie Galloso sie beinahe mit seiner Besessenheit zur Weissglut gebracht hat. Im August, die Temperaturen in Andalusien, kochen einen bei über vierzig Grad, wartete José Luis vor dem Arbeitsplatz von Antonio. 15 Uhr mittags... Der Junge war froh, in die Siesta zu kommen und sein Freund fordert ihn auf, mit ihm zu trainieren.... "Von wegen, ich geh schwimmen, abkühlen, du bist doch verrückt, - trainieren bei dieser Hitze." Ich kann sie mir vorstellen, die beiden, wie sie auf dem Weg zum Meer diskutieren "vamos hombre" (gehen wir) ... Auch hätten sie ihn mehrfach "auf die Hörner genommen", beim Training, damit er vielleicht etwas die Lust verlöre, aber vonwegen, Galloso hätte nie nachgelassen. "Von uns allen hat es nur Einer geschafft , mit seiner Besessenheit", erklärt er beim Interview. Und eine andere Anekdote kommt durch Antonio ans Licht. "Als ich entschloss mit dem toreo aufzuhören, hatte ich eine capa, noch ganz neu. Die habe ich dann an ihn verkauft und mit dieser hat er seine erste novillada bestritten." Stolz schwingt in seinen Worten mit.

Auch beim diesmaligen Besuch, ist Pepe mit einer Gala beschäftigt, einer Buchpräsentation. Unser Freund Pepe ist nämlich der Präsident der peña taurina Galloso und der museo taurino. Er ist stolz darauf, wenn bekannte matadores "sein " museo taurino besuchen und bemerken, das es bei der Sammlung, der Qualität und Presentation, eines der reichhaltigsten und gepflegtesten in Spanien ist. Ich kann dies nur bestätigen. Kein Staubkorn ist zu finden, in den riesigen Hallen der Bodega, wo die Sammlung ausgestellt ist. Die ausgestopften Stierköpfe glänzen im Fell, wie am Tag der lidia. Die Messingschilder darunter sind auf Hochglanz poliert, die Scheiben der zahlreichen Vitrinen und Bilder sind mehr als durchsichtig. In einem seperaten Raum hängen auch die pañuelos, welche der Präsident, je nach Bedarf über seine Balkonbrüstung legt... Das Beste, das orangene, für den indulto eines toros, das blaue für den vuelta al ruedo für den toro, das rote (heutzutage micht mehr verwendete) für die banderillas negras oder banderillas de castigo, das güne Tuch, wenn ein Stier wegen Verletzung oder Unbrauchbarkeit mit den zahmen Ochsen aus der Arena geholt werden soll und das weiße, mit welchem er die corrida leitet und gegebenenfalls die trofeos für die matadores gewährt.

Natürlich sind hier noch mehr Fotos zu bewundern und im ersten Stock laufen die Vorbereitungen, eine Biblothek einzurichten. Weltklasse, da schließe ich mich dann ein! Pepe lacht, sein Mitstreiter, ein Cousin des maestros stimmt ein. Pepe hat noch eine ordentliche Sammlung zu Hause, auch über 2000 Videos sind dabei. Ich kann mir vorstellen, wie das aussieht..., seine arme Gattin in mitten von Taurinohistorias (Geschichten der tauromaquia), kaum Platz, den Besen oder den Kochlöffel zu schwingen. Naja, mein Schlafzimmer schrumpft ja auch mittlerweile und im Salon hängen schon die ersten Fotos (man will die Gäste nicht erschrecken). Wie dem auch sei, Pepe ist schwer beschäftigt und hat mir seine Hilfe zugesagt, falls ich etwas brauche, mein Novilleroprojet findet er gut und erzählt, das in Gallosos escuela taurina eine chica, ein Mädchen dabei sei, die dem maestro sehr viel Spass macht.

Seit vier Jahren hecheln wir einem Besuch in der plaza de toros von El Puerto hinterher. Immer war sie geschlossen. Naja, es war immer im Januar, diesmal ist es März. Das Wetter, welches uns viele Ausflüge verleidet hat, ist weiterhin launisch. So ziehen wir also los, mit Regenschirm und Regencape in der Tasche. Natürlich sind wir in unserem Eifer, mit deutscher Pünktlichkeit, zu früh dran. Die Tür ist zu, um fünf vor zehn. Natürlich drehen wir die obligatorische Runde um die plaza. 1880 erbaut, ist der coso ein schönes, imposantes Bauwerk. Details, wie die Kacheln an den Eingängen, das schöne Portal und die riesige Stierskulptur davor, so richtig was fürs Auge. Ich habe Fotos gesehen, aus der Zeit, wo noch keine Hochhäuser gebaut wurden, die Bodegas stehen weiter entfernt, heute ist jede Lücke gefüllt. Wir betreten die Arena durch den Haupteingang, die puerta grande. Der erste Eindruck ist vielversprechend. Schöne Stierköpfe ziehen den Eingangsbereich, man schaut ins geöffnete ruedo. Ich nehme den Schirm runter, die Brille ab - was schimmert da  im ruedo so grün, wo es doch eigentlich gelb sein sollte? Die plaza hat dank des Regens anscheinend einen Golfrasen bekommen. An einer Seitentür steht der Aufseher, auch ein aficionado, der hier die Aufgabe hat, Gäste im Auge zu behalten. Wir dürfen die plaza betreten. Trotz der großen Pfützen, kann ich es nicht lassen, bis in die Mitte zu gehen und einmal aussen rum, bis zum Knöchel im Schlamm. Im Vergleich mit Sanlúcar einfach nur riesig. Wie imposant sie ist, mit ihren Balkonen, im sol y sombra. Aber man sieht auch den Zahn der Zeit, der stetig nagt. Eine Vernachlässigung seitens des empresario. Jemand hat ihm wohl im letzten Jahr die Leviten gelesen, denn es sind Renovierungsarbeiten in Gange. Sie sind dringend nötig, nicht nur der Putz bröckelt. Im Eingang befindet sich auch das so genannte museo taurino, über das ich kein Wort verliere, nachdem ich das private von José Luis Galloso gesehen habe. In einem Teil der vernachlässigten Katakomben, befindet sich die private escuela taurina La Gallosina. - wie anders ist es doch in Sanlúcar, denke ich mir im Stillen.
                                                                                                   
Nun ist er mal wieder da, der Abschied. Ein letztes Mal, schauen wir in der Bar "Sol y Sombra" den Fernsehsender Canal Plus Toros, bewundern erneut die carteles und die Fotos, ein brindis, mit unserem Tinto auf Tango und die unzähligen toreros, die wir auf den Bildern sehen. Eine herzliche Umarmung und Schulterklopfen, ein letztes "suerte" was in diesem Fall Glück bedeutet, dann ziehen wir unseres Weges weiter, auf den Spuren der toros und toreros
________________________________________________________

Anmerkung von SfA
Die plaza de toros von El Puerto de Santa María in der andalusischen Provinz Cádiz gehört zu den wenigen cosos der zweiten Kategorie, obwohl es sich bei diesem Ort nicht um eine Provinzhauptstadt handelt. Der Durchmesser der ruedos beträgt 58 Meter und sie bietet Platz für 12.687 Zuschauer. Sie wurde am 5. Juni 1880 mit den maestros Gordito, Rafael Molino und dem berühmten Largatijo eingeweiht.  Bekannt ist diese plaza de toros vor allem auch wegen dem Ausspruch des matador de toros José Gómez Ortega "Joselito" (1888 bis 1920) der seinerzeit mit Belmonte (1892 - 1962) zu den besten toreros gehörte: "Wer noch keine Stiere in El Puerto gesehen hat, weiss nicht was ein Tag mit den Stieren bedeutet."