von Philip de Málaga
Über einen historischen Tag in Madrid
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Wir schreiben den 15. Mai 1966 und befinden uns in
Las Ventas, in der spanischen Metropole der
tauromaquia. Die
Feria San Isidro sollte an diesem
tarde de toros einer der besten
faenas des
maestros Antonio Chenel "Antoñete" (1932 bis 2011) zu sehen bekommen. Sein
toro hies
Atrevido (was für verwegen, wagemutig, dreist aber auch zweideutig steht), kam von der
ganadería Osborne, ist in
Jerez auf der Finca
Bolaños im Jahr 1963 (man achte auf das Datum, der
toro bravo war gerade mal drei Jahre alt!!!) geboren, wog 486 Kilo und trug die Nummer.
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| Atrevido noch vor seinem grossen Auftritt im corral der Finca (Foto: El Ruedo) |
Jeder war gespannt, welcher der vier
toreros, der
rejoneador Fermín Bohórquez, oder die
matadores de toros Antonio Chenel "Antoñete",
Fermín Murillo oder
Victoriano "Valencia" beim
sorteo zugesprochen bekam. Und als das Los auf
"Antoñete" fiel, war dieser vorerst so gar nicht angetan von seinem zukünftigen Glück. Wie auch viele andere, so sah er in
Atrevido eher eine
vaca lechera als einen
toro de lidia. Er befürchtet dass das Publikum mit dieser
vaca mansa eher Mitleid haben könnte. Es sollte aber anders kommen.
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| A T R E V I D O |
Was für ein
toro. Das Publikum erwartete einen leuchtend weissen Stier, aber nicht dieses gefleckte Wesen. Nein, in den
tendidos war man geradezu enttäuscht. "
Gefällt mir nicht", hörte man auf den
asientos. Irgendwie hatte man etwa anderes, etwas spektakuläres erhofft. Die Ankündigung eines
toros blancos regte die Phantasie an, die
aficionados waren regelrecht süchtig nach Neuem. Etwas überraschendes, wofür sie sich begeistern können. Und genau das konnten sie auf den ersten Blick nicht erhaschen.
Aber da war ja der
maestro, von dem der bekannte Kritiker
Isidrin in der Tageszeitung
ABC schrieb: "
Dieser Antoñete ist so überlegen, er steht über jedem toro. Junge, Junge, auf welche Art und Weise er das torear umsetzt. Läuft Dir da nicht der Speichel aus dem Mund, bei so viel Bewunderung? Bei mir ja! Siehst Du, das hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was wir bist jetzt diese Tage gesehen haben, diese Mittelmässigkeit an Groteskem wie Nichtssagenden."
Und als dann der
toro blanco das
ruedo zum Erstaunen des Publikums betreten hatte, und im ersten
tercio sein ersten
puyazo entgegennahm, änderte sich alles schlagartig. Denn bei den
quites begann der
maestro Antoñete mit seiner wahren Arbeit. Und wie er es tat. Immer besser gelang es ihm mit dem
toro, mit
Atrevido zu harmonisieren. Galant führte er die
capa. Mit kurzen, aber feinfühlig und sanften
verónicas erreichte die erste Welle der Begeisterung die
tendidos. Seine Ausführung erinnerte an den
matador de toros, den er nicht nur verehrte, sondern seinen Stil öfters versuchte zu kopieren, an die legendäre
figura Juan Belmonte (1892 bis 1982). Geradezu eine Hommage an
Belmonte. Und
Atrevido beteiligte sich eifrig dabei
Vor den Augen prominenter Gäste, wie des spanischen Diktatoren
Francisco Franco und des Präsidenten von Nicaragua
René Schick Gutiérrez zauberten die beiden Akteure im
ruedo,
Antoñete und
Atrevido, eine Symphonie
muy torea, begleitet von stolzen sechzig
muletazos.
Eine
faena zum träumen.
Aficionados sprechen noch heute von einer
obra histórica, einem historischen Werk.
Antoñete beherrschte das
terreno, verstand es geradezu perfekt
parar, templar y mandar. Und
Atrevido war stets sehr angriffsfreudig. Der
toro bravo ging den Aufforderungen des
toreros nicht aus dem Weg. Und wenn der
toro mal stehen blieb, begegnete
Antoñete ihm mit stoischer Ruhe, behielt die Kontrolle und zauberte wunderbare
naturales. In herrlicher Zeitlupe transmittierte er den
temple in die
plaza.
Und als dann der
maestro den
espada holte, war dies nicht um den
estocada vorzubereiten, sondern der Beginn einer neuen
faena. Von weitem begann er den
toro zur embestida aufzufordern.
Atrevido war bereit. Es folgte ein Spiel zwischen
muleta und
cuernos, ein Dialog ohne Worte, eine magische Symbiose zwischen
toro und
torero, die Schaffung von duende, wie das Vibrieren der Emotionen. Da waren sie nun,
Atrevido und
Antoñete Ein Pas de Deux der Wirklichkeit, ein Schauspiel des Lebens, welche
Las Ventas, stolze 24.000 Seelen zum Kollabieren bewegte.
Schliesslich kam er. Der
momento de verdad. Beide erschöpft.
toro wie
torero. Nach dieser Apokalypse hätte sich jeder gewünscht, dass sich die Himmelspforten öffnen. Doch zwei
pinchazos und eine
media estocada verletzten den
maestro nicht nur an der linken Hand, sondern bremste auch für Sekunden die Euphorie. Denn die
estocada war nicht tödlich. Sichtlich enttäuscht voller Schmerzen, psychisch wie physisch, ging
Antoñete zur
barrera und holte den
descabello. Auch hier stand Fortuna nicht Pate. Zwei
descabellos und die Magie, der Zauber des weissen Stieres hat ein Ende. Ein Ende einer Reise durch das dritte
tercio, vor einer beeindruckenden Kulisse eines
No hay billetes, welches die
afición de toros für immer im Gedächtnis behalten wird.
Wer dabei war, hörte noch lange den Nachhall der
olés, spürte das Gefühl der Momente von Verliebtheit, die Emotionen purer
torería. Neidisch schaut ein jeder
aficionado auf jene, die dabei sein durften. Doch Dank des Besuches des
Generalissimo Franco, wurde diese
corrida mixta, diese historische Zauberei des
toreos vom Fernsehen übertragen und kann noch heute bewundert werden. Hier ein Link zum Video:
Sangre brava - Antonio Chenel Antoñete und Atrevido.