Dienstag, 21. Oktober 2014

Zur Darstellung der Stiere in deutschsprachigen Medien

Die deutschsprachigen aficionados müssen sich zu Wort melden
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von Dr. Andreas Krumbein



Ein besonderer Wert, den eine Vielzahl der Meldungen bei SfA für mich hat, ist die hohe Aktualität der Informationen sowie die Tatsache, dass sie Ereignisse, Entwicklungen und Aspekte zum Inhalt haben, die für mich von hohem Interesse sind oder meinen Wissens- oder Erkenntnishorizont erweitern. Manche Nachricht hätte mich ansonsten nicht oder stark verspätet erreicht, und das Verdienst, diesen Zustand zu mildern, liegt in hohem Masse bei Philip de Málaga.

Viele Details und Ansichten in den Ausführungen und Angaben sind dabei nicht in meinem Sinne, vieles sehe und verstehe ich völlig anders, und gerade solche Situationen sind für mich Anlass, bestimmte Überzeugungen und ein bestimmtes Verständnis auf meiner Seite zu überprüfen und zu versuchen, mein Verständnis prägnant in Worte zu fassen, auch wenn es mir häufig nur unzulänglich gelingt.

Ohne die Meldungen bei SfA hätte ich den Artikel mit dem Titel „El Toro de la Vega – Blutiger Tag auf der Wiese“ von Leo Wieland, der am 15.09.2014 in der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) erschienen ist, bisher nicht gelesen. Der Inhalt dieses Artikels hat mich einerseits veranlasst, den Aufsatz „Eine Lanze für den Toro de la Vega“ zu schreiben und zu veröffentlichen. Andererseits hatte ich das Bedürfnis, der F.A.Z. meine Bewertung des Inhalts dieses Artikels in Form eines Leserbriefes zukommen zu lassen.

Fast immer, – Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen. – wenn in deutschsprachigen Medien über die Stiere, seien es die corridas de toros oder die volkstümlichen „Stierspiele“ berichtet wird, ist der Inhalt der Artikel gekennzeichnet von Unkenntnis, fehlerhaften Details, vorgefasster Meinung und mangelhafter Recherche. Das mag für jemanden, der nicht aus einem Land mit Stierkampf-Hintergrund stammt, in der Natur der Dinge liegen. Für einen Journalisten, der für eine renommierte, überregionale Tageszeitung schreibt, gelten allerdings höhere Ansprüche. Dass häufig ganz offen oder hintergründig, sei es mit Absicht oder unbewusst, Elemente des Versuchs der Manipulation des Lesers in solche Artikel einfließen, kommt verschärfend hinzu. In dem hier erwähnten Artikel erkenne ich eine Reihe der aufgezählten Elemente.

Es ist wichtig und notwendig, dass sich auch die deutschsprachigen aficionados in ihrer Medienlandschaft mit ihren Ansichten und ihrer Kritik zu Wort melden. Das darf nicht nur über Online-Diskussionen erfolgen. Ich möchte meine Bewertung des besagten Artikels der SfA-Leserschaft zur Kenntnis bringen:



El Toro de la Vega – Blutiger Tag auf der Wiese, vom 15.09.2014
Leo Wieland publizierte unlängst in der Rubrik „Gesellschaft“ der F.A.Z. den oben genannten Artikel. So gelungen die Berichterstattungen und Analysen Herrn Wielands als politischem Korrespondenten der F.A.Z. für die Iberische Halbinsel im Hinblick auf die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Spanien, deren Verflechtungen im Hintergrund und deren Einordnung in die gesamtgesellschaftliche Situation des Landes sind, so mangelhaft sind gelegentlich seine Beiträge, die sich mit sozio-kulturellen und gesellschaftspolitischen Aspekten in Spanien befassen. In dieser Hinsicht stechen immer mal wieder Beiträge zum Spanischen Stierkampf und insbesondere der oben genannte Artikel hervor.
Seit vielen Jahren wird in Spanien über Aufrechterhaltung oder Abschaffung der in weiten Teilen des Landes verbreiteten Stierspiele, von denen die corridas de toros eine besonders entwickelte Variante ist, gestritten. Was im Deutschen als „Stierkampf“ bezeichnet wird, wird von einem großen Teil der spanischen Bevölkerung lediglich „los toros“ genannt: die Stiere. „Ich gehe zu den Stieren“, nicht: „Ich gehe zur corrida.“ Dass „die Stiere“ eine besondere Bedeutung für Spanien, seine Entwicklung, auch als Nation, die Entwicklung seiner Gesellschaft und der Mentalität der Bevölkerung haben, äussert sich u.a. in einer Vielzahl von Begrifflichkeiten und Ausdrücken, die aus allem, was mit dem Stierkampf zu tun hat, in die Umgangssprache übergegangen sind. Folgt man Äusserungen des liberalen, spanischen Philosophen José Ortega y Gasset, wie: Die Geschichte der Stierkämpfe enthüllt einige der hintergründigsten Geheimnisse des spanischen Volkslebens seit fast drei Jahrhunderten. Und es geht dabei nicht um schwammige Bewertungen, sondern darum, dass man sonst die eigentümliche gesellschaftliche Struktur unseres Volkes während dieser Jahrhunderte nicht mit Schärfe zu bestimmen vermag, eine gesellschaftliche Struktur, die hinsichtlich sehr wichtiger Regeln dem Normalen in den anderen Nationen in Europa genau entgegengesetzt ist. oder: Die Geschichte des Stierkampfes ist mit derjenigen Spaniens verknüpft, so sehr, dass ohne die erste zu kennen, es sich als unmöglich erweist die zweite zu begreifen., müssen sich Fragen auftun, wie: Was bedeutet das rituelle Töten von Stieren, vielleicht sogar allgemeiner: von Tieren, dem Spanier? Was hat es ihm früher bedeutet und was bedeutet es heute? Was bedeutet eine Veränderung der Wichtigkeit und Akzeptanz dieser Riten für die spanische Gesellschaft? In welchen Gesellschaftsschichten spielen sich diese Veränderungen ab und warum? Wie ist die Auswirkung dieser Veränderungen auf diejenigen Schichten, in denen sie nicht stattfinden? Wie stark sind Einflüsse politischer Parteien, Akteure und Strömungen auf diese Veränderungen, in welche Richtung gehen sie, welche möglichen Ziele sind damit verbunden, wem nutzen und wem schaden sie?
Anstatt einzuflechten, wie die Kinder von Papst Alexander VI. hiessen,  sollte erläutert werden, was genau „Freunden des regulären Stierkampfes“ beim Töten des Toro de la Vega „inzwischen peinlich“ ist und was damit eigentlich gemeint ist. Es ist ein Missverständnis zu schreiben, das Erstechen des Stieres sei „unzeremoniell“ oder habe „so gar nichts nobles, elegantes, tapferes, sportliches oder kulturelles“. Es ist nicht ausreichend, sich auf „Die Männer (…)  erwarten ohne rotes Tuch den fast 600 Kilogramm schweren Kampfstier auf einer Wiese hinter der Brücke. Wer ihn erlegt, hat das Recht, ihm die Hoden abzuschneiden und sie auf seiner Lanze zu paradieren.“ zu beschränken. Das ist doch nicht alles. Was genau machen die denn da? Und warum tun die das? Was hat es für sie für eine Bedeutung? Warum tun die das auch heute noch?
Sind die Spanier besonders grausam zu Tieren? Auf diese Frage des Online-Dienstes „El Confidencial Digital“ wird die Antwort eben dieses Online-Dienstes „60.000 Tiere, darunter neben Stieren und Kälbern auch Pferde, Ziegen und sogar Gänse, lassen nach seiner Hochrechnung jährlich bei spanischen Volksfesten ihr Leben.“ zitiert, ohne einen Hinweis darauf, mit wem oder womit hier implizit verglichen wird. Im Vergleich zu welchen anderen Völkern sind die Spanier besonders grausam zu Tieren? Oder: Welche anderen Völker sind genauso grausam zu Tieren wie die Spanier? Stellt ein Online-Dienst solche Fragen nicht selbst, muss man sie selber stellen. Hat „El Confidencial Digital“ es tatsächlich nicht getan, ist es um dessen Seriosität nicht weit her, und dann gehören solche Zitate nicht in einen Zeitungsartikel von Qualität. 
Dass im Abschluss des Artikels das rituelle Töten von bestimmten Tieren in scheinbar direkten Zusammenhang mit der Vernachlässigung, dem Aussetzen, der Misshandlung und dem Töten von Haustieren und Jagdhunden gebracht wird, ist ein besonderes Ärgernis, denn beide Dinge haben nichts miteinander zu tun. Ob tatsächlich das rituelle Töten von Tieren in einem Lebensbereich eines Volkes, nämlich bei einer Festlichkeit, die oben genannten Handlungsweisen gegenüber Tieren in ganz anderen Lebensbereichen begünstigt oder nicht, ob ein solch möglicher Zusammenhang untersucht wurde und welche Ergebnisse dabei gewonnen wurden und auch, warum die Spanier die offenbar in besonders großer Zahl ausgesetzten Hunde und Katzen überhaupt kaufen und worauf dies beruht, wäre einen eigenen, gut recherchierten Artikel wert.
Für einen Artikel, der sich in der Rubrik  „Gesellschaft“ befindet und nicht eine „Herzblatt-Geschichte“ erzählt, ist diese fehlende Tiefe nicht angemessen. Dass Herr Wieland zu einer profunderen Diskussion der Verhältnisse und einer auch bei diesem Thema differenzierten Analyse nicht imstande wäre, hat er in vielfältiger Weise bezüglich anderer Themen widerlegt.
Dr. Andreas Krumbein, Göttingen


Kein meinungsbildendes oder Informationsmedium ist gegen schlechte oder Falschdarstellung gefeit, ganz gleich wie qualitativ hochwertig, seriös und renommiert es im Prinzip in der Gesamtheit seiner Berichterstattung und hinsichtlich seines journalistischen Anspruches ist. Erkennt man dies als Konsument, ist Kritik und die Forderung nach Richtigstellung wichtig und notwendig.

In Spanien werden die Verzagtheit, die Mutlosigkeit, das Schweigen und die Untätigkeit weiter Teile der mundo taurino gegen Angriffe auf die Stiere zu Recht beklagt – siehe dazu „Intoxicación informativa“ von Alfonso Santiago, in der Zeitschrift 6 toros 6, No. 1.057, 30. Sep. 2014. In Spanien können und müssen wohl die spanischen aficionados und die mundo taurino selbst die Verteidigung der Stiere tragen und verantworten, ebenso das Scheitern in Falle des Unterlassens. Im deutschsprachigen Raum können dies nur die deutschsprachigen aficionados. Und: sie müssen es tun. 

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Siehe auch:

Stirbt der Stier? von Philip de Málaga, Andalusienforum, 30. 6. 2007: Wie sich selbst erfahrene deutsche Journalisten schwer tun mit der Thematik des Stierkampfs. Hier am Beispiel eines Artikels in der FAZ vom 26. Juni 2007 des Journalisten Leo Wieland.

Montag, 20. Oktober 2014

Vom Zuschauer zum reinen Aficionado




von Walter Johnston


Walter Johnston war von 1962-1972 erster, gewählter Präsident des Club Taurino of London, Herausgeber des club-eigenen Magazins A La Lucha und Autor des Buches Brave Employment – The Myth and reality of the Spanish Corrida, Club Taurino of London, 1997. Das Zitat entstammt einem Leitartikel einer undatierten Ausgabe von A La Lucha aus den 1960er Jahren.

"Aus dem Vergnügen des Zuschauers mit der Vorführung 
erwächst der torerista.

Aus der Bewunderung des torerista für sein Idol 
erwächst der Halb-aficionado.

Aus der Sorge des Halb-aficionados um den toreo 
erwächst der torista.

Aus dem Studium der Verfassung des Stiers durch den torista 
erwächst der Voll-aficionado.

Aus dem Verständnis des Voll-aficionados für die Begebenheiten des Kampfes 
erwächst der reine aficionado.

Aus der Hingabe des reinen aficionado zur Makellosigkeit und Reinheit 
erwächst das Bedürfnis, einen einzelnen torero zu sehen, wie er einen ganz bestimmten pase mit einem ganz bestimmten Stier ausführt – um ihn dann zu bemängeln."

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Quellennachweis:
Text entnommen aus La Divisa, Club Taurino of London,
Number 214 - September/October 2013, S. 21 
übertragen aus dem Englischen von Dr. Andreas Krumbein

Sonntag, 19. Oktober 2014

Begegnung mit dem Stier

Über die geistige Haltung eines Toreros, über die taurinische Intelligenz
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von Philip de Málaga
(Fotos: La Tauromaquia, licamcuntz)


Was verbirgt sich dahinter, wenn sich ein Mensch einem gefährlichem Wesen stellt. Wir sprechen hier vom toreo. Dem wichtigsten Element der tauromaquia. Torear bedeutet nicht nur einfach sich zu trauen, sich vor einen toro zu stellen, vor einem Tier dass einem Schaden zufügen, gar den Tod bringen könnte. Hinter der Kunst des toreos verbirgt sich ein einzigartiges Ereignis, eine Demonstration von Intelligenz. Die Griechen hätten dieses, und jetzt würden wir sogar Ansätze beim angeblich archaischen Ursprung finden (siehe Ist der Stierkampf archaisch?), als Hinterlist, Cleverness und mit der nötigen Portion an Raffinesse bezeichnen.

Enrique Ponce
Den eigenen verwundbaren Körper, einem animalischen Wesen zu stellen, welches nur dem Instinkt gehorcht, aber in der Lage ist sehr schnell zu begreifen, zu lernen was hier im ruedo geschieht und von wo die Gefahr wirklich ausgeht. Das entspricht gewiss nicht der Natur eines Menschen, besonders in diesem Zeitalter. Die Angst einer lebensgefährlichen cornada ist stets präsent. Der Umgang mit dem toro, das toreo verbindet einen gewissen Bewegungsablauf mit Kenntnissen über dem res, seinem Verhalten wie seine möglichen Reaktionen. Intuition sowie eine strategische Intelligenz sind notwendig um eine abgerundete lidia zu planen und durchzuführen. Jeder Augenblick der Unachtsamkeit, des Entgehens bedeutender Momente kann ungeahnte Folgen bringen.

José Tomás
Der matador de toros betritt das Geschehen nicht nur um den toro zu töten, sondern er muss ihn auf seinem letzten Weg zum Tod begleiten. Mehr noch, es muss sein Anliegen sein, ihm zum letzten Ruhm zu verhelfen. Dem Publikum in den tendidos zeigen, welche bravura, welche Gefahr in diesem Tier steckt, gar einen toro manso in einen  toro bravo zu verwandeln. 

Morante de la Puebla
Doch das Ende, das Ziel ist und bleibt der Tod des toros. Und es liegt an der maestría eines matadores, mit einer gekonnten estocada dem Tier einen würdevollen und vor allem schnellen Tod zu bereiten. Denn dafür wurde er unter grossem Aufwand auf den dehesas in absoluter Freiheit gezüchtet. Einer Freiheit, von der seine Artgenossen im europäischen Raum nur träumen können.

Javier Conde
Und seien wir doch ehrlich, ohne diese taurinische Intellektualität eines toreros würde es in den tendidos an dem entsprechenden Pläsier fehlen. Genau jene intelligente Dominanz ist es, was begeistert, was überzeugt, welche bei eleganter und anmutiger Ausführung den duende zur afición in die Ränge begleitet. Der matador bestimmt wann, wo und wie, und um das im richtigen Moment entscheiden und umzusetzen zu können, benötigt er jene Intuition eines professionellen toreros. Nicht dass das Tier stirbt, sondern der Weg dahin, genau dahinter verbirgt sich die Leidenschaft eines aficionados, eines jeden taurinos.
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Literaturhinweise:

José Antonio del Moral, Cómo ver una corrida de toros, Alianza Editorial, Madrid, 2001
Francis Wolff, 50 razones para defender la corrida de toros, Editorial Almuzara, Zaragoza 2001

Samstag, 18. Oktober 2014

Der Film: Blancanieves

Wenn die mundo de los toros zu einem Märchen in Schwarz Weiss wird ...
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In der Mediathek des spanischen nationalen Fernsehsenders RTVE findet sich der Stummfilm Blancanieves. Diese spanisch-französische Produktion stammt aus dem Jahr 2012 und beruht ziemlich wage auf das Märchen Schneewittchen der Gebrüder Grimm. Die Regie führte Pablo Berger. Diese Schwarzweiss-Produktion wurde für zahlreiche Filmpreise nominiert, und bei der Goya-Verleihung in Spanien mit zehn Auszeichnung der erfolgreichste Film in der Geschichte des Goyas. In den Kritiken deutschsprachiger Zeitungen wie zum Beispiel aus Frankfurt, die Rundschau und die FAZ, wurde Blancanieves besser bewertet als The Artist, aber für eine Oscar-Nominierung 2013 zum besten fremdsprachigen Film hat es jedoch nicht gereicht.



Donnerstag, 16. Oktober 2014

Ist der Stierkampf archaisch?

Ist es gerechtfertigt den klassischen Stierkampf als archaisch zu bezeichnen?
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von Philip de Málaga


Wenn antitaurinos gegen die mundo de los toros zu Felde ziehen richtet sich ihr Zorn in erster Linie gegen die klassischen corridas. Also die corrida de toros, die novilladas und das rejoneo. Fast nie gegen die festejos populares, wenn man von dem Toro de la Vega und den becerradas in Algemesí (Valencia) absieht. Die grossen Aktionen der antitoristas richten sich vorwiegend gegen den passionierten aficionado, bzw. die taurinos der corridas. Dabei wir oft damit argumentiert, dass das Geschehen im ruedo nicht mehr zeitgemäss wäre und nicht zu einem modernen Spanien gehöre. Dabei wird häufig die fiesta de los toros als archaisch abgestempelt. Als etwas dermassen Antikes, welches noch weit vor Christi Geburt platziert gehöre.

Gewiss, der Umgang mit den toros im Allgemeinen, den gibt es schon seit langem. Man denke nur an die minoischen Stierspiele auf der griechischen Insel Kreta. Und so finden sich in der Tat in der Mythologie diesbezügliche Zusammenhänge. So wird es dem griechischen Heros Herakles zugeschrieben, der Erste gewesen zu sein, der versuchte einen Stier zu bändigen.

Im Plast non Knossos (Kreta) findet sich ein Fresko mit einem Springer über einen Stier,
welches athletisches wie kultisches Ereignis galt.
Auch in der Bibel finden finden sich unter Moses Stierkulte als Opferritual, beziehungsweise als Spender der weiblichen Fruchtbarkeit.

Die erste historisch bekannte Persönlichkeit, welche Stiere in Sevilla und Cádiz vom Pferd aus mit einer Lanze bekämpfte war Julius Caesar. Sozusagen der erste namentlich bekannte picador oder rejoneador. Der römische Imperator war dermassen davon angetan, dass er dieses Schauspiel beim Circus in Rom einführte. Man kann sagen, es war das erste Mal, dass ein Stier vor einem Publikum antrat um zu sterben. Jedoch gab es hierfür kein Regelwerk. Die Stiertöter konnten vorgehen wie sie wollten um das Publikum zu befriedigen.

Costillares
Gewiss lassen sich solche Ereignisse, wie gerade beschrieben, als archaisch bewerten. Nur haben diese Spektakel mit der heute corrida de toros so gar nichts gemein. Was sie unterscheidet sind zwei Begriffe: Willkür und Reglementierung. Und Willkür ist im ruedo nicht erwünscht. Die heute organisierten festejos taurinos unterliegen einem strengen reglamento taurino.  Es kommt nicht nur darauf an, dass der toro stirbt, sondern im Laufe der Zeit ist das Wie an Bedeutung gestiegen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Anfang des klassischen toreo a pie findet sich im 18. Jahrhundert wieder. Erst ab 1750 gab es den ersten matador de toros, mit Namen Costillares, der es verstand mit einer capa und der muleta umzugehen und der den Beginn der tauromaquia in die Wege leitete.

In Frankreich wird der Beginn der Geschichte der corridas sogar erst in das 19. Jahrhundert verlegt. Also mit die Letzten, welche der mundo de los toros beitraten. Und trotzdem waren sie die Ersten, welche die tauromaquia zum Kulturerbe deklarierten.

Man kann also gut erkennen, dass mindestens zweitausend Jahre nach der Archaik der Beginn der corrida anzusiedeln ist. Welches wiederum darlegt wie verfehlt die Argumentation vom archaischen Ursprung angewendet wird.

Eine Lanze für den Toro de la Vega (2. Teil)

Eine Stellungnahme zu den Tötungsritualen von Stieren
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von Dr. Andreas Krumbein


Die Durchführung des Tötungsrituals ist etwas Besonderes. Es geschieht nur selten,
Der pregonero 2014 André Viard
manchmal nur einmal im Jahr. Man bereitet sich vor, man macht sich fein, man ist aufgeregt, man will dabei sein, es miterleben, vielleicht in direkter Aktion daran teilnehmen. Man feiert ein Fest, das Tötungsritual selbst ist eine öffentliche Zeremonie. Man erlebt bei sich selbst und anderen manchmal starke Emotionen. Danach ist man zufrieden. Manchmal, nicht immer. Man geht essen und trinken. Man hat den Tod erlebt, gesehen wie er zugefügt wurde – vielleicht hat man ihn selbst zugefügt – und eingetreten ist, man hat Lebensgefahr mit angesehen und beobachtet, wie durch das Aufwenden von Mühen und durch das Annehmen von Risiken ein Ziel auf einem Weg voller Gefahren erreicht wurde. Vielleicht ist man den Weg ein Stück weit selber gegangen und hat es selber erlebt und gespürt.

Und warum machen die das? Warum tun Menschen Dinge, die andere als grausam empfinden? Ist der Mensch vielleicht einfach so? Warum ist der Mensch manchmal grausam zu Tieren? Warum ist er es manchmal zu Menschen? Welche Umstände oder Gegebenheiten müssen vorliegen, damit ein einzelner Mensch grausam ist, welche, damit eine Gruppe es ist? Was bedeutet es, wenn eine Gruppe von Menschen eine geplante, organisierte Grausamkeit an einem Tier verübt? Was bedeutet es, wenn eine solche Gruppe dies an einem anderen einzelnen Menschen oder an einer anderen Gruppe verübt? Warum passiert so etwas immer wieder, unvorhersehbar und in fürchterlichster Ausprägung, gegenüber anderen Menschen? Ist es im Menschen, vielleicht in jedem einzelnen, angelegt, dass er zum aktiven Täter wird, wenn die Umstände und Gegebenheiten in bestimmter Weise vorliegen? Kann man diese Umstände und Gegebenheiten antizipieren, für einen einzelnen oder eine Gruppe? Kann man das Auftreten von Grausamkeiten gegen Menschen steuern, begünstigen oder verhindern? Kann die organisierte Grausamkeit gegen Tiere als Steuermechanismus dienen? Dient die organisierte Grausamkeit gegen ein Tier, in Anlehnung an seit Jahrtausenden erlebte Jagd- und Kampferfahrungen und ausgeübte Opferrituale und eingebettet in althergebrachte Riten, Symboliken und Gebräuche der Stabilisierung der Gemeinschaft zur Abwehr von Angriffen und Gefahren, die von innerhalb und außerhalb der Gruppe das Bestehen der Gemeinschaft bedrohen und zerstören könnten?  

Ein Raketenschuss, dann ein Knall – es beginnt. […] Der Stier Presumido stürzt mit seinen fünfhundert
Volante, Toro de la Vega 2012 (Foto: Gerardo Abril)
Kilogramm die Gasse abwärts in Richtung Fluss. Vor und hinter ihm rennen die Mutigsten. Jetzt hat er die Brücke erreicht und biegt in das offene Gelände ein. Der entscheidende Moment kommt. Noch hundert Meter bis zur Fahne.
Presumido schaut nicht zur Seite, er läuft und läuft. Reiter sprengen heran und flankieren ihn. Bei der Fahne ein Gewirr und dann eine große Staubwolke: die Lanzenmänner haben den Stier verpasst. Verzweifelt rennen sie ihm mit ihren langen Stangen nach. Presumido ist zu schnell. Er läuft geradeaus und sucht Schutz im Pinienwald. Einen Kilometer später macht er am Waldrand halt. Die Verfolger holen ihn ein. Eine erste Lanze fährt in seine Flanke. Presumido dreht ab und flieht in den Wald, die Lanzen­kämpfer hintendrein. Der sandige Boden macht ihnen schwer zu schaffen. Auf der anderen Seite des Waldes erreicht ihn Felipe Abril, El Carpita, als erster. Drei-, viermal fährt seine Lanze in die schwarze Flanke des Tieres. Presumido fällt in die Knie. Er steht nicht mehr auf. Langsam
 sickert sein Blut in den Boden. Eine Minute später ist er tot. So beschreibt Werner Herzog die an eine paläolithische Jagd erinnernde Stierhatz des Toro de la Vega, die jedes Jahr am zweiten Dienstag des September in Tordesillas (Provinz Valladolid) am Río Duero stattfindet. Der alte Brauch, heute mehr ein Turnier, hat seine Regeln: Der Stier darf erst ab der Fahne angegriffen werden, und wenn er die Gemeinde­grenze erreicht, ohne dass ein Lanzenträger zum Stoss gekommen ist, wird er begnadigt. Wer aber den Stier erledigt, gilt als der Geschickteste, Schnellste, Stärkste und bekommt den untersten, buschigen Teil des Schwanzes als Trophäe zugesprochen, die er auf seine Lanze steckt; früher waren es die Hoden.“ [1]

Moscatel der ganadería Victorino Martín, Toro de la Vega 2009 (Foto: mundotoro)
Aber die Kunst! Was ist mit der Kunst? Die Kunst ist das Totschlagargument, mit dem sich der aficionado selbst die Grube gräbt. Die Kunst dient der Ausschmückung, der Verzierung, sie ist ein Element der Vervollkommnung, sie ist wie goldene alamares auf der chaquetilla, sie ist die Maraschino-Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Sie ist Kultiviertheit, Geschmack, Stil und Eigenart, doch sie ist nicht der Grund, warum die Menschen zu den Stieren gehen, weder bei der corrida, noch bei den festejos populares, sie war nie der Grund und wird es nie sein. Wer die Kunst im Zusammenhang mit der corrida de toros verwendet, hat meist nicht einmal definiert, was er damit meint. Hat er es, so versäumt er in der Diskussion mit seinem Gegenüber zu erörtern, was der denn unter Kunst versteht. Und so redet man aneinander vorbei und um den heißen Brei. Das Argument und die Konzentration auf die Kunst dienen dazu, die Grausamkeit, die bei jeder corrida de toros in mehr oder weniger starkem Maße für den Einzelnen wahrnehmbar ist, zu verbrämen und erträglich zu machen, so lange bis man sie erfolgreich verdrängt hat. Doch wer zu den Stieren geht, muss sich gerade diesem Aspekt stellen, der Grausamkeit. Jedes gewaltsame Töten eines Lebewesens hat etwas grausames, manchmal mehr, manchmal weniger, und für unterschiedliche Menschen auf verschiedene Art und Schwere. Solange der Mensch tötet, muss er sich der von ihm ausgehenden Grausamkeit bewusst sein und sie sich aktiv bewusst machen. Auch dazu dienen die Stiere.

Stellvertretend für die Vielzahl von festejos populares mit Stieren breche ich hier eine Lanze für den Toro de la Vega und für die Art und Weise, wie er von einer Gemeinschaft von Menschen zu Tode gebracht wird. Ob ich selber als Beobachter eines so ausgeführten Tötungsrituals das Geschehen ertragen könnte, gälte es noch unter Beweis zu stellen. Trotz allem: die festejos populares sind die direkten Vorfahren der corrida de toros, vielleicht ihre ungehobelten Verwandten vom Lande. Die mag man unangenehm finden oder vielleicht sogar hassen. Verraten oder umbringen darf man sie nicht.  

Im Übrigen: die Tradierung der Hintergründe und Bedeutung der althergebrachten Riten, Symboliken und Gebräuche, ihre Verteidigung gegen Angriffe und Abschaffung und das öffentliche Stellungbeziehen in Medien und Diskussionen in Spanien, wer übernimmt das?

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Quellennachweis:

[1] Rolf Neuhaus, Der Stierkampf, eine kleine Kulturgeschichte, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2007


Weitere Informationen zu diesem Thema:


Offizielle Webseite: Patronato del Toro de la Vega

Reinhard Haneld, Taurosophie 
Karl Braun, Der Tod des Stieres, Fest und Ritual in Spanien, Verlag C. H. Beck, München, 1997
Lorenz Rollhäuser, Toros, Toreros, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbeck bei Hamburg, 1990
Rainer Bischof, Heilige Hochzeit, Böhlau Verlag, Wien, München, Weimar, 2006

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Eine Lanze für den Toro de la Vega (1. Teil)

Eine Stellungnahme zu den Tötungsritualen von Stieren
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von Dr. Andreas Krumbein


Die corrida de toros, so wie sie sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts aus den Anfängen einer Darbietung für die Bevölkerung, unter Erscheinens und Akzeptierens bezahlter, professioneller Spezialisten für das Töten und durch die Erarbeitung und Einführung komplizierter Regeln bis zum heutigen Tage entwickelt hat, vereint in sich eine verwirrende Vielzahl von Details, Überresten und Anspielungen auf althergebrachte Riten, Symboliken und Gebräuche aus vielen Regionen Spaniens und möglicherweise eines viel weiter ausgedehnten Bereiches um das Mittelmeer. Diese Riten, Symboliken und Gebräuche selbst sowie die Art und Weise, wie und zu welchen Anteilen sie in die corrida de toros eingeflossen sind, wie stark sie dort in Erscheinung treten und welche Bedeutung sie für die Menschen der früheren Epochen gehabt haben mögen und welche Bedeutung sie für den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt heutzutage haben oder haben könnten, ist Gegenstand von Interpretationen, Deutungen und Diskussionen, sowohl beim einfachen aficionado als auch in der Wissenschaft. Da gibt es die Demonstration von Mut und Männlichkeit beim Laufen der Stiere zum Beispiel während der encierros oder bei capeas, da gibt es die Opferung der jungen Männer, deren Leben irgendwann geschont und als deren Ersatz wertvolle Tiere, nämlich Stiere, getötet wurden. Da gibt es die Hochzeitsstiere, die einem frisch vermählten Ehepaar die Nachkommenschaft sichern sollen, es gibt das gemeinsame Totschlagen und –stechen eines Stieres mit anschließendem gemeinsamen Zerlegen, Zubereiten und Verzehr des Fleisches durch das gesamte Dorf. Es gibt in dem, was bei der corrida de toros dargeboten wird, das Erkennen einer als schicksalhaft angesehenen gesellschaftlichen Rolle von Mann und Frau, die Zuschreibung dieser Rollen den Akteuren toro und matador, und den allmählichen Rollentausch zwischen den beiden. Es gibt das Erkennen sexueller Komponenten zwischen den beiden Rollen und der Ausübung des Geschlechtsaktes.

Volante, Toro de la Vega 2012
(Foto: Gerardo Abril)
Ob das alles tatsächlich so ist, ob die Deutungen stimmen oder nicht, ob die überlieferten Erzählungen Erfindungen sind oder reale Ereignisse wiedergeben, ist häufig unklar, wirkliche Beweise gibt es nicht, lediglich Indizien. Indizien gibt es auch für die Ansicht, dass die Art und Weise, wie in Spanien Stiere bei gemeinschaftlich ausgeführten Ritualen getötet werden, ursprünglich auf die Jagd zurückgeht. Der Mensch begann einerseits dem Stier sein Territorium streitig zu machen und sich neuen Lebensraum zu erobern, andererseits war der Stier aufgrund seiner Größe und Masse ein begehrter Lieferant für Fleisch, Haut, Horn und Knochen. Der Stier verteidigt sein Leben und sein Territorium (su terreno), er ist gewaltig und wild und wird, vor allem wenn er als einzelnes Tier von der Herde abgesondert wird, außerordentlich aggressiv; wegen seiner Stärke und Waffen ist er sehr gefährlich. Der Mensch lernt, sich gegen die Art, wie sich der Stier verteidigt, zu wehren. Mensch und Stier sind in dieser Epoche natürliche Rivalen. Später entwickelt sich das Opfer des Stieres, der im Mittelmeerraum einerseits als Lebensspender oder Überträger sexueller Potenz das Prinzip des Schöpferischen symbolisierte und dessen heilbringende Wirkung man für sich selbst erbat. Andererseits existierte der Stier als Symbol zerstörerischer, roher Kraft und Gewalt, die den Menschen und sein Überleben bedroht, die gebändigt und vernichtet werden soll, oder auch als Symbol des Bösen, dessen Vernichtung und Verzehr durch Übertragung der Lebenskraft des Opfertieres neues Leben schafft oder dessen Tod mit Vorstellungen von Weihe und Wiedergeburt verbunden waren. Man kann Anklänge an solcherart Glauben und religiöse Vorstellungen in allen spanischen Tötungsritualen mit Stieren erkennen. Zwingend ist das nicht, aber es geht.


Die corrida de toros ist ein besonders entwickeltes Tötungsritual mit Stieren. Federico García Lorcas Ausspruch „Ich glaube, dass der Stierkampf heutzutage das kultivierteste Fest der Welt ist“. wird zu Recht an exponierter Stelle zitiert. Doch darf Kultiviertheit, hoher Bildungsstand und gute Erziehung dem aficionado den Blick für einen anderen Teil der (vermeintlichen) Wirklichkeit und des menschlichen Wesens nicht trüben: „Cossío meinte, die historisch älteste Form des Stierkampfs, abgesehen von der Jagd und bevor er im dreizehnten Jahrhundert zu einem Privileg des Adels wurde, sei zweifellos das tumultuarische, anarchische und brutale Stierspiel auf provisorisch zu diesem Zweck hergerichteten öffentlichen plazas gewesen, an dem Adlige und Leute aus dem Volk, Stierkämpfer zu Pferd und zu Fuß, Amateure und manchmal auch bezahlte Stiertöter teilnahmen. Das Volk »lief« die Stiere (»correr toros«), hetzte sie, lief mit ihnen zum Platz, die Stiere wurden dort eingepfercht und einer nach dem anderen losgelassen, und die Adligen bewiesen Mut und Geschicklichkeit, indem sie - unterstützt von Lakaien zu Fuss, die den Stier mit ihren capas in Position brachten und ihm Harpunen oder banderillas setzten, - den Stier vom Pferd aus mit der Lanze oder dem »rejón« (kurze Lanze) verletzten oder töteten. War der Stier erschöpft, aber noch nicht tot, oder fand sich für einen Stier kein caballero, so fiel das Volk über das Tier her und machte ihm den Garaus.“ [1] Schilderungen solcher Vorkommnisse und besonderer Eigenarten bei den sogenannten „Stierspielen“ gibt es in Neuhaus Kulturgeschichte über Stierkampf [1] viele. Alle sind für das Empfinden eines Mitteleuropäers sehr grausam, manche in der bildlichen Vorstellung fast unerträglich. Doch warum ist das so? Und: Warum machen diese Menschen so etwas?

VolanteToro de la Vega 2012
(Foto: José Carpita)
Das numerische Gewicht der »festejos populares« oder »menores« (Stierspiele und –kämpfe außerhalb der Arenen, für die kein Eintritt zu zahlen ist) übersteigt nach wie vor bei weitem das der »festejos profesionales« oder »mayores«. Es gibt etwa acht- bis zehnmal so viele »kleine« Stierfeste wie große; bei ihnen werden rund doppelt so viele Tiere getötet wie in den Arenen, und sie weisen wohl mindestens ebenso viele Teilnehmer auf wie die Arenen Zuschauer verzeichnen.“ [1] Die Situation für den aficionado, der der corrida de toros zugetan ist, sich aber mit den anderen Tötungsritualen mit Stieren nicht abfinden kann, stellt ein ebenso großes Dilemma dar, wie dasjenige, in dem sich mancher antitaurino befindet, der den Stierkampf abschaffen will, aber die übliche Schlachtung von Nutztieren aus der Landwirtschaft akzeptiert. (Siehe dazu den Beitrag Stierkampf und Tierquälerei [2].) Es gelingt nicht, das eine, dem man zugetan ist, gegenüber dem anderen, das man ablehnt, durch Argumente zu stützen, ohne sich selbst zu widersprechen oder die eigene Position zu zerstören. Besucht man als aficionado eine corrida de toros, hat man sich damit abgefunden, dass ein Tier öffentlich getötet wird, dass die Möglichkeit besteht, dass der Stier Schmerzen empfindet, dass das Töten und das Sterben des Stieres lange dauern kann und dass der Stier im allgemeinen den Kampf gegen den Tod durchlebt und möglicherweise auch durchleidet. Alle Argumente, dass der Stier, aus welchen Gründen auch immer, keine Schmerzen empfände oder nur reduziert, können nicht geltend gemacht werden, denn ein Beweis dafür kann nicht erbracht werden. Von ihrer Grundstruktur her ist die corrida de toros so geartet wie alle spanischen Tötungsrituale mit Stieren: eine Gemeinschaft von Menschen tötet gemeinsam ein Tier. Dass nicht jeder Einzelne bei der Ausführung der Tötungsprozedur mit Hand anlegt, spielt dabei keine Rolle. Der matador fungiert als Abgeordneter der Gemeinschaft, in deren Auftrag er den Stier für die Gemeinschaft, der er selbst angehört, tötet. Für die Übernahme des damit verbundenen Risikos, der Lebensgefahr und der Verpflichtung bestimmte Regeln einzuhalten, die das Risiko und die Gefahr noch erhöhen, wird er vom Rest der Gemeinschaft bezahlt. Die Gemeinschaft lässt sich damit ihren Schneid abkaufen, doch eines behält und trägt sie: die Verantwortung für die Tötung des Tieres, das für jeden einzelnen Anwesenden bei der corrida stirbt, eine Verantwortung, deren Übernahme nach außen hin und in aller Öffentlichkeit sichtbar gemacht wird und zu der jeder Anwesende steht. Häufig wird der Dreiklang von Stier, matador und Publikum, das sowohl die Qualitäten von Stier und matador beurteilt und einfordert, bemüht. In "Die Herausforderung der Corrida" [3] wird zusätzlich die presidencia als vierte Komponente, die die Einhaltung von Regeln auf Seiten der toreros sowie auf Seiten des Publikums zu kontrollieren und durchzusetzen hat und gegen den das Publikum als Vertreter der Obrigkeit und Gegenspieler des gemeinen Volkes in Opposition gehen kann, eingeführt, was anthropologisch, soziologisch und sozial-psychologisch von höchstem Interesse ist, für die prinzipielle Einordnung von Tötungsritualen mit Stieren jedoch ohne Belang. Eigentlich gibt es nur zwei wesentliche, gegensätzliche Komponenten: das Tier und die Gemeinschaft von Menschen, die nach dem Tod des Tieres verlangt und die Tötung ausführt.

Fortsetzung folgt.

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Quellennachweise:

[1] Rolf Neuhaus, Der Stierkampf, eine kleine Kulturgeschichte, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2007
[2] Andreas Krumbein, Stierkampf und Tierquälerei, Stierkampf - Corrida de toros, 2007
[3] Gunzelin Schmid Noer, Annelinde Eggert, Die Herausforderung der Corrida - Über den latenten Sinn eines profanen Rituals, Seite 99 bis 162 in: Kultur-Analysen - Psychoanalytische Studien zur Kultur. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1986

Dienstag, 14. Oktober 2014

Ausverkauft!




von Philip de Málaga


Nur 44 Stierkampfveranstaltungen 
waren in Spanien und Frankreich 2014 komplett ausverkauft
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In diesem Jahr zählte die temporada taurina etwas mehr als 1.000 corridas. Im Grossen und Ganzen konnten sich die empresarios der plaza de toros nicht beklagen. Oft füllten sich die tendidos zumindest für zwei Drittel, häufig gab es ein casi lleno, aber zu einem No hay billetes, also einem ausverkauftem Hause hasta la bandera hat es nur ganze 44 Mal gereicht. Das sind gerade Mal etwas mehr als vier Prozent. Und es gibt nur einen matador de toros, der zwar wenig antritt, wenn er aber im ruedo zu sehen ist, ist ein No hay billetes garantiert. Der diestro José Tomás. In diesem Jahr mit drei Auftritten.

In einer ausverkauften plaza de toro anzutreten, der Traum eines jeden toreros
(Foto: mundotoro)
Die führenden plaza de toros mit einem No hay billetes in 2014 waren:
  1. Pamplona ( 9 x ausverkauft mit 175.761 Zuschauern)
  2. Madrid ( 6 x ausverkauft mit 141.000 Zuschauern)
  3. Valencia ( 3 x ausverkauft mit 38.652 Zuschauern)
  4. Málaga ( 3 x ausverkauft mit 36.000 Zuschauern)
  5. Mont de Marsan ( 3 x ausverkauft mit 21.300 Zuschauern)
  6. Istres (2 x ausverkauft mit 7.800 Zuschauern)
Die Liste mit den matadores mit den meisten No hay billetes in 2014:

Sie sorgten für die meisten ausverkauften plaza de toros:
Die maestros El Juli, José María Manzanares und Morante de la Puebla
(Foto: mundotoro)
  1. mit 12 corridas:
    • El Juli (= 32 Prozent seiner Auftritte)
  2. mitcorridas:
    • Morante de la Puebla (= 30 Prozent seiner Auftritte)
  3. mit 8 corridas:
    • José María Manzanares (= 28 Prozent seiner Auftritte)
  4. mit 7 corridas:
    • Finito de Córdoba (= 28 Prozent seiner Auftritte)
  5. mit 6 corridas:
    • Alejandro Talavante (= 21 Prozent seiner Auftritte)
    • Iván Fandiño (= 12 Prozent seiner Auftritte)
  6. mitcorridas:
    • Sebastian Castella (= 12 Prozent seiner Auftritte)
    • Miguel Ángel Perera (= 11 Prozent seiner Auftritte)
  7. mit 4 corridas:
    • Enrique Ponce (= 10 Prozent seiner Auftritte)
    • Juan José Padilla (= 7 Prozent seiner Auftritte)
    • El Fandi (= 7 Prozent seiner Auftritte)
    • El Cordobés (= 12 Prozent seiner Auftritte)
  8. mit 3 corridas:
    • José Tomás (= 100 Prozent seiner Auftritte)
    • Antonio Ferrera (= 8 Prozent seiner Auftritte)
  9. mitcorridas:
    • Diego Urdales (= 18 Prozent seiner Auftritte)
    • Juan Bautista (= 8 Prozent seiner Auftritte)
    • Rafaelillo (= 18 Prozent seiner Auftritte)
    • Javier Castaño (= 6 Prozent seiner Auftritte)
    • Manuel Escribano (= 6 Prozent seiner Auftritte)
    • Alberto Aguilar (= 11 Prozent seiner Auftritte)
    • Miguel Abellan (= 6 Prozent seiner Auftritte)
    • Úceda Leal (= 18 Prozent seiner Auftritte)