Montag, 27. Oktober 2014

José Tomás versus Morante de la Puebla

Zwei Photographien
José Tomás ist ein Bildhauer, Morante de la Puebla ein Musiker
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von Tristan Wood
(übertragen aus dem Englischen von Dr. Andreas Krumbein)


Es gibt immer einen besonderen Nervenkitzel der Erwartung, wenn man kurz davor ist, eine corrida mit José Tomás oder Morante de la Puebla zu sehen. Bei Tomás hat ein Teil dieses Nervenkitzels damit zu tun, dass seine Auftritte so limitiert sind. Gleichwohl kann man nicht bestreiten, dass der toreo dieser beiden matadores dem aficionado, im günstigsten Falle, eine höhere Dimension verspricht, die andere toreros selten, wenn überhaupt erreichen.
Was ist so besonders an diesen beiden? Um dem weiter auf den Grund zu gehen, wählte ich als eine meiner Winterlektüren Antonio José Pradel Ricos Elogio y refutación de la quietud: una tauromaquia (casi) inmóvil mit dem Untertitel  José Tomás versus Morante de la Puebla.
Señor Pradel ist Akademiker und, zusätzlich zu der Tatsache, dass er aficionado ist, Liebhaber des Flamenco, und ich muss gestehen, dass einige seiner kulturellen Anspielungen über meinen Horizont gingen, wobei manche seiner Gedanken (zum Beispiel die Ähnlichkeiten zwischen dem toreo en redondo und den sich-drehen der Derwische, mit Bezugnahme auf einen spanischen Derwisch) besonders abstrus wirkten.
Nichtsdestoweniger gibt es bei ihm einige interessante Betrachtungen zur quietud (Unbeweglichkeit) im toreo, ein Merkmal, das er speziell mit José Tomás in Verbindung bringt. Pradel erinnert daran, dass vor Belmonte der toreo in erster Linie mit Bewegung verbunden war und mit der Wendigkeit des torero, um den Hörnern des Stiers zu entgehen. Der Schriftsteller und aficionado José Bergamín, zum Beispiel, war zutiefst irritiert durch diese gewaltige Konzeptänderung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Ihm fehlte die physische Beherrschung, die Gewandtheit, Spontaneität und die intuitive dynamische Kraft verschiedener suertes, die man mit der alten Art und Weise des toreo verbindet. Seine anfängliche Ansicht über Belmonte war, dass er den toreo zum Stillstand gebracht habe. In El mundo por montera schrieb Bergamín: „Ich finde, das Stierkämpfen (torear) als dynamische Kunst – die romantische und klassische Kunst des toreo – begann und endete im 19. Jahrhundert, denn mit dem 20. Jahrhundert beginnt die statische Kunst des ‘no torear‘, man bleibt unbeweglich und lähmt den toreo.“
Abgesehen von Belmontes Genie bei der Entdeckung der Terrains (terreno), in denen der Stier passiert
Antonio José Pradel Rico
werden konnte, ohne dass der Mann von ihm wegtreten musste, weist Pradel darauf hin, welchen Einfluss die gerade aufkommende Kunst der Photographie auf die Popularität dieser neuen Vorgehensweise beim toreo hatte, dadurch dass sie Momente einer auf Bewegung beruhenden Kunstform einfing und die Illusion der Unbeweglichkeit erzeugte. Er verweist darauf, dass der Stierkampfkritiker José Alameda ähnliche Gedanken gehabt habe, denn in El hilo del toreo schreibt Alameda: „Die Gefahr dieses Konzeptes des toreo wurde sehr akut, als Photographien zu dominieren begannen, mit ihrer graphischen Abbildung isolierter und unbeweglicher Momente des toreo […], die die toreros dazu tendieren ließ, sich eine starre Form der Ausführung anzueignen, ein gekünsteltes Auftreten wie aus „Pappe“… Vielleicht sind andere Medien wie das Kino oder das Fernsehen aufgekommen, diese bösartige Tendenz abzuschwächen, oder möglicherweise ist der beste aficionado natürlicherweise so gescheit, den Einfluss des Photos wieder zu mindern, diesen Einfluss, der den toreo einmal verdorben hat.“ (Gerade mit dem Film hat Pradel jedoch seine Zweifel, inwieweit der den toreo gut wiedergibt, indem er darauf hinweist, dass die Häufigkeit der Wiederholung einer faena, die einen in der plaza in Erregung versetzt hat, lediglich zu Enttäuschung führt.)
Pradel legt auch die Reize einer auf Unbeweglichkeit und Gelassenheit beruhenden Kunstform in einer immer weniger gebändigten und starker anfordernden modernen Welt dar, so wie sie das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat: eine Umwelt, die in der, sagen wir mal, gebrochenen Kunst des Vortizismus und Kubismus widerscheint, vom toreo aber wirkungsvoll zurückgewiesen wurde. Er erörtert, dass die tauromaquia erfüllt ist von langsamen Ritualen, beginnend beim torero, der einem unverbraucht angreifenden Stier eine verónica gibt, über den matador, der dem Augenmerk des Stiers entgehen muss, über die Arbeiten der areneros, bis hin zum Fußweg der Zuschauer zur plaza de toros.
Das letztendliche Ziel des modernen toreo ist sicherlich nicht nur still und gefasst dazustehen, während der Stier passiert, sondern ebenso temple zu erzielen: den Stier in demselben Tempo an sich vorbeizuführen, in dem er angreift, und, wenn möglich, die Geschwindigkeit dieses Angriffes zu reduzieren, wenn der Stier sich an einem vorbei bewegt. ‘Estar quieto‘ und ‘templar‘ sind inhärent miteinander verknüpft.
Nach seinem Konzept des temple befragt, entgegnete Antonio Bienvenida einmal: „Templar ist die Fähigkeit, die einige, sehr wenige toreros besitzen, den Angriff des Stiers abzubremsen […], etwas das schwer zu definieren ist, das aber existiert. […] Wenn ich und meine Brüder zu einem tentadero gingen, bei dem es keine ‘invitados‘ gab, trainierten für gewöhnlich so, dass wir die pases, die wir den becerras gaben, zeitlich regulierten, um zu sehen, ob der nächste pase langsamer gegeben werden konnte als der vorangegangene. Es war eine sehr interessante und positive Übung. Wir versuchten so langsam wie möglich das Tuch zu führen (torear), klarerweise ohne dass das Tier muleta oder capote berührte. Das ist templar.

Pradel zitiert sowohl Tomás als auch Morante zu diesem Thema. 
Tomás führt aus: „Torear heisst ausgeglichen zu sein, den Stier vorwärts zubringen und den muletazo zu vollenden. Und den pase so lange wie möglich dauern zu lassen. Klar, wenn Du das tust, fühlst Du Dich ängstlicher, da Du ein höheres Risiko eingehst.
In Morantes Worten: „Ich sehe zu, den Angriff zu verlangsamen. Ich hab‘ es öfter mit dem capote geschafft als mit der muletaTemple ist, in Wirklichkeit, in derjenigen Geschwindigkeit mitzugehen, die der toro fordert. Ich versuche auch noch hinter mir damit weiterzumachen. Es ist wie jemand, der singt und der nicht hören kann. Du kannst eine wunderschöne Stimme haben, aber, wenn Du nicht hören kannst, ist es unmöglich sie herauszubringen.      
Zum Thema quietud hat Morante jedoch auch gesagt: „Einige toreros reduzieren alles darauf stillzustehen. Aber Du musst wissen, wie man mit den Stieren spaziert, so wie Domingo Ortega; sie sanft aufbauen (poderlos). Das ist die wahre Kunst, die nie aus der Mode kommt.
Aber sind José Tomás und Morante de la Puebla wirklich Gegensätze? Pradel scheint das zu glauben. Während er sagt, sie repräsentierten „zwei verschiedene Stile des einen, wahren toreo“, macht er eine Reihe von Unterschieden zwischen ihnen aus:
[Morantestoreo ist barock, steht für die gekrümmte Linie und die gebrochene Geste (gesto roto), so wie die vollkommenen Zigeuner-Künstler Curro Puya, Cagancho oder Rafael de Paula, während José Tomás der offensichtliche Vertreter jener anderen Perioden des ‘Suchens nach Ruhe und der stillen Schönheit‘ ist. Sein toreo, mehr als klassisch (was für toreros wie Rafael Ortega oder Antoñete der Fall wäre), ist neo-klassisch, in dem Sinne, dass er die klassischen Massstäbe zurückbringt, während er eine neue Form aufprägt, erneuert durch die ihm eigene reinste und stoischste Abwesenheit taurinen Ausdrucks. In dieser Hinsicht steht die Körperhaltung für Ausgewogenheit und Ausgeruhtheit, sehr verschieden von dem manieristischen oder barocken Fieber, das wir in solchen toreros sehen, die von duende berührt werden.
José Tomás und Morante de la Puebla […], zwei toreros, die einander diametral entgegengesetzt sind, durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihre jeweiligen Konzepte des toreo; zwei vollkommen unterschiedliche Eingebungen davon, was quietud in der tauromaquia bedeuten kann.
Die Idee von Unbeweglichkeit entgegen derjenigen der Beweglichkeit […], Belmonte im Vergleich zu Joselito. Manolete verglichen mit Domingo Ortega. José Tomás gegenüber Morante de la Puebla.
José Tomás ist der torero de valor con más arte in der jüngsten Geschichte der tauromaquia, wohingegen Morante de la Puebla möglicherweise gesehen werden kann als der torero de arte con más valor, der je existiert hat.
Morante de la Puebla und José Tomás mano a mano: das Lächeln des weisen Mannes begegnet dem Schrei des Helden. Was davon ist richtig? Beides: der toreo von José Tomás ist ernst, der von Morante ist leicht und hell.
So wie bei Morante der Fixpunkt als Referenz unnütz ist, seine Kunst zu beurteilen, so ist es bei José Tomás genau das Gegenteil.
Tomás ist ein Bildhauer; Morante ist ein Musiker.

Der Bildhauer und der Musiker
Meiner Ansicht nach sind manche dieser Vergleiche stichhaltiger als andere.
Es gibt einen Unterschied in ihren Stilen, doch dieser Unterschied  hat weder etwas mit Stillstehen gegenüber Bewegung, noch mit ‘ernstem‘ gegenüber ‘lichtem‘ toreo zu tun. Morante de la Puebla ist ein auffälligerer, farbenprächtigerer torero als José Tomás, doch wäre es falsch, ihn als einen matador der Bewegung im Vergleich zu dem statuenhaften Zugang des letzteren darzustellen. In Wirklichkeit schildert Pradel (der sich abzumühen scheint, zum Herz vom Morantes toreo vorzudringen; der Grossteil seines Buches konzentriert sich auf Tomás) Morante gar nicht so, wenn er den Andalusier im Detail betrachtet. Auch wäre es nicht korrekt, dem artista mit, möglicherweise, der stärksten Technik in der Geschichte der Stierkampf-Künstler, einem torero, der in zunehmendem Masse zu versuchen wünscht, aus einem Durchschnitts-Stier etwas herauszuholen, als ihn einfach aufzugeben, die Ausführung eines ‘leichten und hellen‘ toreo zuzuschreiben.
Und obwohl sie unterschiedliche Persönlichkeiten haben, bringen beide von ihnen ein gewisses Mass an Mystizismus in ihre Arbeit, eine Qualität, die anderen toreros fehlt.
Bei Tomás ist das Geheimnis teilweise auf seine eremitenhafte Einstellung gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit zentriert, teilweise auf seine offensichtliche Bereitschaft, sein Leben aufs Spiel zu setzen: eine Position einzunehmen, den Stier vorwärts zu bringen und entweder ihn passieren zu lassen oder dabei aufgespießt zu werden. Pradel fängt das Wesen von Tomás in Aktion wie folgt ein:
Lassen Sie uns für einen Moment zurückkehren zu der ruhigen Art und Weise von José Tomás, bewegungslos, in der Mitte der Arena. Wir wissen noch nicht, was passieren wird. Er hat sich dem Sturm in den Weg gestellt und den Stier zitiert, ihm eine große Distanz eingeräumt [um auf ihn zuzukommen …]. Es sieht so aus, als könnte der matador bleiben, wie er ist, stillstehend und in Ruhe, ohne jeglichen Grund von sich aus eine Bewegung zu machen […]. Es ist wahr, dass José Tomás oft von den Stieren erwischt wird. Doch das ist nicht deshalb der Fall, weil, wie manche sagen, er nicht wüsste wie man mit dem Stier umgeht (torear) oder weil er das Opfer irgendwelcher technischen Unzulänglichkeiten wäre. Wenn die Stiere ihn erwischen, geschieht das einfach, weil er bis an die Grenze ein Wagnis eingeht, bis zu dem Punkt, sich auf den schmalen Grat zwischen Leben und Tod zu stellen. Tatsächlich platziert er seinen Körper dort, wo andere die muleta hinhalten.
Morantes Mystizismus hingegen ist konzentriert auf seinen unsicheren seelischen Zustand, eine Tatsache, die Pradel fast übergeht, obwohl er Morante doch zitiert, wie der sich an einen Auftritt erinnert: “Ich schaue zurück und wundere mich, wo mein toreo herkam, aber er hatte ganz sicher etwas. Es war ein Kampf mit mir selbst: ich fühlte mich fremd, unbefriedigt …Pradel fährt fort, dass Roger Bartra geschrieben hat: „Schwermütige sind immer unzufrieden, misstrauen allem, flüchten, wenn keiner sie jagt1. [Pedro Mercado] beschreibt sie mit dem beliebten Ausdruck: ‘Es ist ein Streit mit duende.‘, darauf anspielend, das nur sie selbst sich beurteilen, sich selbst die Antworten geben, sich selber verdammen und vergeben, alles als Teil eines angestrengten inneren Kampfes.
Es ist eine Ironie, angesichts seiner früheren Äußerungen, dass Pradel viel Aufhebens um ein Photo des Mexikaners Silverio Pérez in Aktion macht bei seinen Versuchen Morantes Herangehensweise an den toreo zu beschreiben. Bei dem Versuch zum innersten Unterschied zwischen Tomás‘ und Morantes toreo zu gelangen, bin auch ich von Photographien beeinflusst. In meiner Denkweise liegen die Unterschiede zwischen den beiden im wesentlichen in der Art und Weise, wie sie ihre Körper einsetzen, wenn sie mit dem Stier umgehen (torear), Unterschiede, die für mich auf einen Nenner gebracht werden durch zwei Photographien von naturales, einen von José Tomás (linkes Bild) ausgeführt in Albacete im Jahre 2011 und den anderen (begonnen als ayudado) von Morante de la Puebla ausgeführt im vergangenen Jahr in Santander, das Photo, das den CTL Photo-Wettbewerb 2013 gewonnen hat.


In José Tomás toreo sind die Positionen, in die er seinen Körper bringt, um den Stier an sich vorbeizuführen, ausschlaggebend, aber während des pase selbst ist der Körper, regungslos, gewöhnlich mit geschlossenen Füßen, fast abwesend. Der einzige wichtige Aspekt ist der Arm, der das Tuch hält, dessen Bewegung die Trajektorie des Stieres bestimmt. Das ist toreo reduziert auf die Grundlagen: JT kann schwach sein beim mandar, aber er kann hervorragend sein, wenn es um die anderen Grundregeln (cánones) geht.
Bei Morante hingegen ist die Aufgabe des Körpers beim suerte und beim dominio höchst wichtig. Viel stärker gebaut als Tomás (freilich, er ist manchmal zu schwer: es gab temporadas, während derer das Niveau seiner körperlichen Kondition infrage gestellt wurde), benutzt Morante seinen Körper, um während des gesamten Ablaufes eines suerte Kontrolle zu Geltung zur bringen, seine Brust nach vorne in Richtung des Stieres geschoben, sein Kinn entschlossen auf die Brut gepresst, die Füsse in den Sand gepflanzt, die Beine leicht gespreizt, den gesamten Körper nutzend, um den Stier mit sich zu führen (cargar), und nicht bloss den Arm, der die muleta hält.
Tomás Körper kann zerbrechlich wirken wie ein Blatt (ein Eindruck, der sich nur ändert, wenn der Stier es erwischt und es eine feste Masse wird), wohingegen Morantes Körper sehr ausgeprägt in fester Form erscheint, dem pase ein Drängen auferlegt oder: ihm ‘Gewicht gibt‘, wie die Spanier sagen. Pradel erkennt dies als eine Charakteristik des Künstler-torero:
Dieser Typ torero ‘wiegt‘ mehr: er dreht sich langsamer, gerade deshalb. Wir sprechen über einen Körper, der überwunden wird, durch eine offensichtliche Verwandlung im Angesicht des Stieres. In gewisser Weise verändert sich der Körper eines matador komplett, wenn er in der Arena ist. Und das Prinzip der Verwandlung leitet sich ab von der Tatsache, dass der torero in der plaza mehr ‘wiegt‘; die Schwere der Situation wird zurückgeworfen auf seinen Körper mit viel stärkerer Intensität als es die Norm ist. 
Dies ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen dem toreo dieser beiden matadores. Ich sage nicht, dass die eine Form notwendigerweise besser ist als die andere. Aber dies, zusammen mit dem geheimnisvollen Nimbus der beiden, ist es, was uns anlockt ihnen zuzuschauen, mit solch überhöhten Erwartungen. Hier ist zu hoffen, dass sowohl José Tomás als auch Morante de la Puebla einige großartige Nachmittage vor sich haben, im Jahre 2014.

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Quellennachweise:

José Tomás versus Morante de la Puebla, Tristan Wood, La Divisa, Club Taurino of London, Nummer 217, März/April 2014 (S. 11 - 13)
Elogio y refutación de la quietud: una tauromaquia (casi) inmóvil, Antonio José Pradel Rico, Ediciones Bellaterra, 2013
Cultura y melancolía. Las enfermedades del alma en la España del Siglo Oro, Roger Barta, Editoral Anagrama, 2001
Diálogos de Philosophía natural y moral, Pedro Mercado, Casa de Hugo de Mena y Rene Rabut, 1558

Sonntag, 26. Oktober 2014

Stierkampf wird von der EU subventioniert ... der grosse Irrtum

Über das phantasievolle Lügengebilde aller Organisationen, 
welche gegen die mundo de los toros Unwahrheiten in den Umlauf bringen. 
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von Philip de Málaga

Es ist wohl eine Tatsache, dass der antitaurismo in den letzten Jahren in Spanien wenig bis gar nichts erreichen konnte. Und zwar überall; auf den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen wie gesellschaftlichen Ebenen gelang es den antitaurinos nicht zu punkten. Nicht einmal das katalanische Verbot der corridas konnten sie auf ihre Flagge schreiben. Und da es ihnen derzeit beinahe unmöglich ist, gegen diese regelrecht legale Lawine der mundo de los toros anzutreten, haben sie nach neuen Wegen gesucht und ansatzweise auch welche gefunden.

Am vergangenen Mittwoch wurde im Europäischen Parlament darüber abgestimmt, ob den ganaderías von toros die Subventionen ab 2015 gestrichen werden sollen. Und zwar komplett. SfA hatte darüber berichtet (Weitere Niederlage für den Antitaurinismo). Vor allem den beiden grossen Parteien (den christlichen Demokraten wie den Sozialisten) ist es zu verdanken, dass es für die toros zu einem positiven Ergebnis kam. Für die toros? Ist es wirklich so?

Beginnen wir von vorne. Wie bekannt, wurde der Antrag, die Agrar-Subventionen für die landwirtschaftlichen Betriebe welche toros bravos züchten, zu streichen, nicht angenommen. Kurios ist dabei zu beobachten, wie die Verlierer und verschieden Medien dieses sehen und damit an die Öffentlichkeit treten:




Hier wird suggeriert, dass Millionen von Euros deutscher Staatsbürger in den Stierkampf investiert werden. Jedoch diejenigen die sich in der mundo taurino auskennen wissen davon anderes zu berichten. Denn Tatsache ist, weder die empresarios von festejos taurinos oder plaza de toros, noch die toreros oder gar das Publikum kommen in den finanziellen Genuss von europäischer Unterstützung. Es geht noch weiter. Nicht einmal die toros selbst, welche an diesen festejos teilnehmen, sehen einen Cent.

Wie lässt sich das erklären? Die Antwort hierauf ist relativ simple. Bei den so genannten ganaderías handelt es sich um landwirtschaftliche Betriebe, welche sich neben der Zucht von toros auch anderen landwirtschaftlichen Bereichen zuwenden. Da gibt es unter anderem Pferde- oder Schweinezucht, Olivenplantagen und Weinanbau, Korkeichenbestand und vieles mehr. Dieses benötigen die Betriebe zum Überleben, denn die toros für die lidias reichen da nicht aus. Gerade im letzten Jahr mussten einige Betriebe ihren Tierbestand (auch Pferde und Schweine) reduzieren, also der Schlachtung zuführen, weil sie finanziell nicht mehr tragbar waren. Mit dem Versuch der antitaurinos, die Subventionen zu streichen, will man diesen landwirtschaftlichen Unternehmen ihrer Existenzgrundlage berauben. Das führt ohne Frage zum Verlust von Arbeitsplätzen. Was übrigens im Rahmen der Krise schon geschehen ist. Landwirtschaftliche Betriebe kommen in die roten Zahlen. Mit anderen Worten:
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"Die Gegner von Stierkämpfen scheuen sich nicht davor,
die Existenz von Menschen zu gefährden,
nur um ihr eigenes Interesse 
eines Verbotes von Stierkämpfen
durchzusetzen."
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Im Jahr 2007 fragte SfA einige Abgeordnete der EU zum Thema "Verbot von Stierkämpfen in Europa", welche Alternativen sie bei einer abolición de los toros anzubieten hätten:
  • Welche Verdienstalternativen werden den ca. 125.000 zusätzlichen Arbeitslosen angeboten?
  • Welche Perspektiven werden den Stierzuchten in Aussicht gestellt?
  • Welche Massnahmen werden zum Schutz des ökologischen Gleichgewichts in Andalusien in die Wege geleitet?
  • Welche Schritte werden zum Erhalt der 230.000 Tieren auf den Weiden eingeleitet?
  • Wie wird der ohne Frage ruinierte Wirtschaftszweig entschädigt?
Die Reaktionen waren mehr als bescheiden. Viel schlimmer noch, man hatte sich darüber noch nicht einmal Gedanken gemacht. Ein Tatbestand welcher sich bis heute noch nicht geändert hat.


Auch mit den Gefühlen wird gespielt, ohne Rücksicht auf Dritte. Peter W. aus Marbella erzählte folgende Geschichte: "Zur feria in Málaga besuchte ich mit meinen Kindern (13 und 14 Jahre) das Festival für die Nachwuchsstierkämpfer. Vor der plaza de toros trafen wir ein deutsches Paar. Als sie erfuhren, das ich mit meinen Kindern diesen Nachswuchsstierkampf besuche wurde ich in Gegenwart meiner Kinder aufs bösartige und beleidigende Art und Weise beschimpft. Ich sei ein Verbrecher und von christlicher Erziehung hätte ich keine Ahnung, und würde viel dazu beitragen, das die Kinder zur Gewalt erzogen werden ..." Was soll man dazu sagen. Ein weiteres Beispiel, wie skrupellos antitaurinisch eingestellte Personen agieren und vorgehen.

Zurück zum Thema. Schon seit einigen Jahren wird die Zucht des toros bravos nicht mehr von der EU offiziell subventioniert. Lediglich sein Umfeld, also alle Tiere, die nicht an festejos taurinos teilnehmen, bzw. dafür gezüchtet werden. Hier spiegelt sich auch ein weiterer Widerspruch. Denn nicht alle toros, in der Regel der grösste Teil, werden letztendlich auch bei einer corrida oder anderen espectáculos taurinos landen.

Aber um es wahrheitsgemäss darzustellen, bzw. die europäischen Parlamentarier im Sinne des antitaurismo zu beeinflussen, scheuen sich die antitaurinos nicht Rechtsanwälte einzusetzen um die Politiker unter Druck zu setzen, und um ihren eigenen Standpunkt juristisch zu rechtfertigen.

Das es sich bei den Spesen nicht um ein Taschengeld handelt, davon kann man ausgehen.
Die Gegner von Stierkämpfen reden von Subventionen, finanziert mit dem Geld europäischer Bürger, welches für die mundo de los toros verwendet wird. Dabei machen sie ebenfalls selbst Gebrauch davon, um gegen die toros zu intervenieren. Allein schon einen solch grossen Apparat wie das Europäische Parlament zu bewegen, welches jährlich mehrere Milliarden an Euro verschlingt, diese Erkenntnis verschweigen sie.

Und weil es so totgeschwiegen wird, hat der Antragsteller Bas Eickhaut angekündigt im nächsten Jahr diesen Antrag erneut zu stellen. Natürlich auf Kosten der europäischen Steuerzahler. Dabei soll der entsprechende Druck auf jene Parlamentarier erhöht werden, die sich ihnen noch nicht angeschlossen haben.


Die Frage drängt sich auf, gibt es in den Niederlanden keine wichtigeren Themen, als sich auf spanische Traditionen einzuschiessen? Oder gerade im Bereich des Tierschutzes?

Dabei ist kurios zu beobachten, welche Prioritäten da in der EU gesetzt werden. Im Jahr 2007 als die Schriftliche Erklärung zur Abschaffung von Stierkämpfen eingereicht wurde, gab es parallel dazu ein Antrag das rituelle wie religiöse Schlachten von koscheren Tieren innerhalb von Europa zu verbieten. Das Schächten, welches auch in Deutschland praktiziert wird, fand bei den europäischen Abgeordneten kein Interesse. Bei religiösen Ritualen sei schmerzhaftes Töten wohl zulässig. Keine Tierschutzorganisation hat sich jemals für diese Tiere eingesetzt.

Um es zusammenzufassen:
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"Die Aussage, dass die EU, europäische Staatsbürger 
oder nichtspanische politische Parteien 
den Stierkampf subventionieren 
entspricht einfach nicht der Wahrheit!" ___________________________________________________

Im Gegenteil, von nun an müssen europäische Steuerzahler ein jedes Jahr für die Kosten aufkommen, damit antitaurinos immer wieder neu mit derselben Angelegenheit vorpreschen können! Müssen in Frankreich und Spanien die Bürger die teuren Polizeieinsätze und anschliessende Gerichtsverfahren übernehmen, um die aggressiv auftretenden antitaurinos an die Rechtslage zu erinnern! Überhaupt wird die Politik durch diese Vorgehensweise aufgefordert zu reagieren, und das, was in Spanien und Frankreich gesetzlich verankert und als Kulturerbe deklariert ist, entsprechend zu schützen. Das alles kostet viel Geld. Und letztendlich finanziert dieses der Steuerzahler.
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Siehe auch:

Eigentlich wollen sie den Tod, SfA-Reportage von Philip de Málaga, 30. Mai 2013

Samstag, 25. Oktober 2014

Auch die Anzahl der Corridas ist wieder leicht gestiegen





von Philip de Málaga


Das Ende der taurinischen Talfahrt in Sicht?
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Seit dem Ende der temporada taurina 2007 befindet sich die Anzahl der corridas im freien Fall. Erst 2013, sechs Jahre später, konnte man diesen Fall abfangen und dieses Jahr wieder eine leichte Zunahme von 1,1 Prozent an den klassischen festejos taurinos erkennen. Aber eben immer noch 53 Prozent weniger als im Jahr 2007.

Die Entwicklung der corridas seit dem Jahr 2.000
Sicherlich sind dies noch keine Zahlen die Freudenschreie auslösen sollten. Aber es ist ein klares Zeichen, dass endlich ein kleines Licht in der taurinischen Finsternis zu erkennen ist. Wirft man einen genaueren Blick auf die Regionen, kann man sehen, das 70 Prozent der corridas sich auf vier Regionen konzentrieren: Madrid, Kastilien León und La Mancha sowie Andalusien sind mit 670 corridas de toros die spanischen Hochburgen der tauromaquia.

Die Anzahl der corridas de toros verteilt auf die Regionen
Für den deutschen Betrachter vielleicht ein wenig erstaunlich, denn auch auf der "alemannischen Insel" Mallorca (Balearen) gab es in diesem Jahr immerhin noch drei corridas de toros (in Palma de Mallorca, Inca und Muro) wo unter anderem bekannte matadores de toros wie Juan Padilla, El Cordobés oder El Fandi antraten.

Freitag, 24. Oktober 2014

Rekordzahlen aus Valencia





von Philip de Málaga


Über 7.000 festejos populares allein in der Region Valencia
- So viel wie noch nie!
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Da wird doch ausserhalb von Spanien behauptet, die toros seien selbst auf der Iberischen Halbinsel nicht mehr beliebt. Wie man auch immer zu diesen populären Stierfesten stehen mag, sie erleben derzeit einen echten Boom. So verzeichnet zum Beispiel die Region Valencia in diesem Jahr an festejos populares einen neuen Rekord. 2014 wurden 7.052 bous al carrer organisiert. Das sind durchschnittlich knapp 18 Prozent mehr als in den vergangenen Jahren. Die meisten festejos wurden in den Provinzen Castellón, Valencia und Alicante organisiert.

Wenn man von 2013 absieht, der Trend geht kontinuierlich nach oben.
Wirft man einen Blick allein auf die letzten fünf Jahre, so wurden in Valencia mehr als 30.000 festejos populares veranstaltet. Statistisch betrachtet bedeutet es jeden Tag im Jahr mindesten 19 correbous. Eine wohl beeindruckende Anzahl, wenn jemand die Meinung vertritt, in Spanien seien die toros immer weniger populär.

Luis Santamaría
Keine Frage, die festejos populares sind populär wie noch nie. Luis Santamaría, Ratsmitglied der valenzianischen Landesregierung sagte dazu: "Dieses zeigt die tiefen Wurzeln jener Tradition der festejos taurinos in unserem Gebiet auf, ein Markenzeichen und ein Teil unserer Kultur wo sich die Gewohnheiten des Volkes widerspiegeln." Es sei keine Frage, dass die Landesregierung verpflichtet sei diese Tradition zu schützen, wobei die öffentliche Sicherheit und der Respekt den Tieren gegenüber besondere Bedeutung geschenkt wird. Diese neue Popularität sei auch nicht einfach nur eine Modeerscheinung, sondern tief in den Seelen des Volkes verankert.

Correbous, wenn sich das Volk den Stieren stellt. (Foto: mundotoro)
Wie lässt sich diese Entwicklung erklären. Da gibt es wohl in erster Linie zwei Gründe. Hier hat jeder die Möglichkeit, sich selbst mal in die Nähe eines solches toros oder novillos zu begeben um seinen eigenen Mut unter Beweis zu stellen. Zum anderen sind die festejos der correbous gratis. Weder als Zuschauer noch als Teilnehmer muss man dafür zahlen. Nervenkitzel umsonst, denn jene bous al carrer sind nicht gerade ungefährlich. In diesem Jahr gab es 609 Verletzte und 3 Tote.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Weitere Niederlage für den Antitaurinismo





von Philip de Málaga


Gestern wurde der Antrag auf ein Subventionsverbot für die Stierzuchten 
vom Europäischen Parlament abgelehnt
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Gestern wurde vom Europäischen Parlament der Antrag, dass ab dem kommenden Jahr die ganaderías von toros keine Agrar-Subventionen mehr erhalten sollen, abgelehnt. Jedoch sei zu beobachten, dass die Stimmen gegen die mundo de los toros im Vergleich zur Abstimmung der Schriftlichen Erklärung aus dem Jahr 2007 gestiegen ist. Erlangt sogar eine knappe Mehrheit. Aber es reichte nicht aus, denn man benötigte 376 Stimmen.


Der Antrag wurde von dem niederländischen Grünen-Abgeordneten Bas Eickhaut eingereicht: "Haushaltsmittel dürfen nicht genutzt werden, um die Zucht oder Haltung von Stieren zu unterstützen, die für tödliche Stierkampf-Aktivitäten eingesetzt werden". Ob der Niederländer jemals ein corrida gesehen hat, kann bezweifelt werden: "Schliesslich wird dem durch Blutverlust geschwächten Tier der Hals durchgeschnitten". Woher er auch immer diese Weisheit hat, bestimmt nicht aus der mundo de los toros

Lassen wir einen Moment die toros beiseite und gehen der Frage nach, ob das Streichen einer Subvention für Europa finanziell gesehen auch sinnvoll ist? Ist die Vorgehensweise gerechtfertigt? Der Vizechef des Haushaltsausschusses Jens Geier sieht es eindeutig anders: " ... es ist unkontrollierbar, ob ein Stier zur Zucht eingesetzt wird, als Schlachtvieh endet oder in der Stierkampfarena. So viele Beamte, die das erheben und überwachen, kann niemand bezahlen". Bei den über 1.200 ganaderías ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke.

Das genaue Abstimmungsergebnis der einzelnen Parlamentarier finden sie hier.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Portugal: Die Tortur nach dem Stierkampf?

Ist der portugiesische Stierkampf eine Alternative?
Ist es besser und gerechtfertigt den toro ausserhalb des ruedos zu töten?
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von Philip de Málaga


Immer wieder erreichen SfA Anfragen, ob die portugiesische Variante nicht eine bessere Alternative zur spanischen corrida sei. Vor allem deswegen, weil der toro nicht im ruedo getötet wird. Zwar unterscheiden sich die spanische und portugiesische Variante, aber beide haben das Ziel den toro zu schwächen. Im wesentlichen reflektiert sich Differenz im ersten und dritten tercio
  1. In Portugal gibt es zwar im ersten tercio einen Reiter, nur statt den toro mit der pica zu provozieren und zu verwunden, setzt er vom Pferd aus die ersten banderillas. Dieses tercio nennt sich lide a cavalo
  2. Das lide a pie gleicht dem spanischen tercio de banderillas, wobei hier die toreros im Anschluss mit capa und muleta agieren. Im Gegensatz zur spanischen Variante werden oft mehr als sechs banderillas gesetzt, um den toro entsprechen zu schwächen.
  3. Bei dem letzten tercio, dem a pega das caras kommen die forcados zum Einsatz. Für viele der Höhepunkt der corrida portuguesa. Dabei treten acht Männer dem toro entgegen und versuchen ihn von vorne so in den Griff zu bekommen, dass dieser sich nicht mehr bewegen kann, vielleicht sogar einknickt.
Forcados nähern sich dem toro (Foto: La Tauromaquia)

Die forcados versuchen den toro zum Stillstand zu bringen (Foto: mundotoro
Danach ist die eigentliche corrida beendet. Das toril öffnet sich, an die zehn vacas betreten das ruedo und führen den toro wieder in das corral. Aber nicht um zu überleben, sondern um zu sterben. Und genau hier beginnt für viele die tourada a la portuguesa.  Denn oft dauert es Stunden, es wurde sogar davon berichtet, erst am nächsten Tag, dass die toros zum matadero gebracht werden. Wohlgemerkt, Tiere welche teilweise schwer verwundet und extrem geschwächt sind. Adrenalin lässt nach und die Beta Endorfine hören auf zu wirken. Und je länger es sich hinzieht um so grösser wird die Tortur. Selbst in portugiesischen Medien ist man sich einig. Die wahre Tortur beginne erst nach der corrida.

Und das alles nur um das Publikum zu schonen? Den Anblick von Blut und Tod nicht zuzumuten? Dem Tod aus dem Wege zu gehen? Ganz unter dem Motto, wie es der französische Philosoph Francis Wolff nüchtern feststellt: "Was man nicht sieht, existiert nicht". Und fügt hinzu, dass man damit der corrida die symbolischen, estetischen und ethischen Beweggründe entzieht.

Genauso betreibt es der antitaurinismo. Auch er verschliesst gerne die Augen und schmeisst in die Runde der Argumente ein, dass in Portugal die toros nicht getötet werden. Schlicht und einfach unwahr. Erstaunt kann man nur beobachten, dass die antitaurinos deswegen noch nicht auf die Barrikaden gegangen sind.

Was kaum einer weiss: Es gibt in Portugal einen Ort mit Namen Barrancos, wo jährlich auf legale Weise ein toro getötet wird. Dieses festejo taurino war lange Zeit verboten und wurde erst zum 1. Juli 2002 von der portugiesischen Regierung legalisiert. Mittlerweile haben schon andere Gemeinden entsprechende Anträge eingereicht um ihre fiestas mit den toros zu spanisieren. Der Wunsch nach festejos a la española scheint im zweiten Land auf der Iberischen Halbinsel wohl vorhanden zu sein.

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Quellennachweis:

Francis Wolf, 50 raisons de défendre la corrida, Editions Mille de une nuits, Fayard, Paris, 2010

Dienstag, 21. Oktober 2014

Zur Darstellung der Stiere in deutschsprachigen Medien

Die deutschsprachigen aficionados müssen sich zu Wort melden
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von Dr. Andreas Krumbein



Ein besonderer Wert, den eine Vielzahl der Meldungen bei SfA für mich hat, ist die hohe Aktualität der Informationen sowie die Tatsache, dass sie Ereignisse, Entwicklungen und Aspekte zum Inhalt haben, die für mich von hohem Interesse sind oder meinen Wissens- oder Erkenntnishorizont erweitern. Manche Nachricht hätte mich ansonsten nicht oder stark verspätet erreicht, und das Verdienst, diesen Zustand zu mildern, liegt in hohem Masse bei Philip de Málaga.

Viele Details und Ansichten in den Ausführungen und Angaben sind dabei nicht in meinem Sinne, vieles sehe und verstehe ich völlig anders, und gerade solche Situationen sind für mich Anlass, bestimmte Überzeugungen und ein bestimmtes Verständnis auf meiner Seite zu überprüfen und zu versuchen, mein Verständnis prägnant in Worte zu fassen, auch wenn es mir häufig nur unzulänglich gelingt.

Ohne die Meldungen bei SfA hätte ich den Artikel mit dem Titel „El Toro de la Vega – Blutiger Tag auf der Wiese“ von Leo Wieland, der am 15.09.2014 in der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) erschienen ist, bisher nicht gelesen. Der Inhalt dieses Artikels hat mich einerseits veranlasst, den Aufsatz „Eine Lanze für den Toro de la Vega“ zu schreiben und zu veröffentlichen. Andererseits hatte ich das Bedürfnis, der F.A.Z. meine Bewertung des Inhalts dieses Artikels in Form eines Leserbriefes zukommen zu lassen.

Fast immer, – Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen. – wenn in deutschsprachigen Medien über die Stiere, seien es die corridas de toros oder die volkstümlichen „Stierspiele“ berichtet wird, ist der Inhalt der Artikel gekennzeichnet von Unkenntnis, fehlerhaften Details, vorgefasster Meinung und mangelhafter Recherche. Das mag für jemanden, der nicht aus einem Land mit Stierkampf-Hintergrund stammt, in der Natur der Dinge liegen. Für einen Journalisten, der für eine renommierte, überregionale Tageszeitung schreibt, gelten allerdings höhere Ansprüche. Dass häufig ganz offen oder hintergründig, sei es mit Absicht oder unbewusst, Elemente des Versuchs der Manipulation des Lesers in solche Artikel einfließen, kommt verschärfend hinzu. In dem hier erwähnten Artikel erkenne ich eine Reihe der aufgezählten Elemente.

Es ist wichtig und notwendig, dass sich auch die deutschsprachigen aficionados in ihrer Medienlandschaft mit ihren Ansichten und ihrer Kritik zu Wort melden. Das darf nicht nur über Online-Diskussionen erfolgen. Ich möchte meine Bewertung des besagten Artikels der SfA-Leserschaft zur Kenntnis bringen:



El Toro de la Vega – Blutiger Tag auf der Wiese, vom 15.09.2014
Leo Wieland publizierte unlängst in der Rubrik „Gesellschaft“ der F.A.Z. den oben genannten Artikel. So gelungen die Berichterstattungen und Analysen Herrn Wielands als politischem Korrespondenten der F.A.Z. für die Iberische Halbinsel im Hinblick auf die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Spanien, deren Verflechtungen im Hintergrund und deren Einordnung in die gesamtgesellschaftliche Situation des Landes sind, so mangelhaft sind gelegentlich seine Beiträge, die sich mit sozio-kulturellen und gesellschaftspolitischen Aspekten in Spanien befassen. In dieser Hinsicht stechen immer mal wieder Beiträge zum Spanischen Stierkampf und insbesondere der oben genannte Artikel hervor.
Seit vielen Jahren wird in Spanien über Aufrechterhaltung oder Abschaffung der in weiten Teilen des Landes verbreiteten Stierspiele, von denen die corridas de toros eine besonders entwickelte Variante ist, gestritten. Was im Deutschen als „Stierkampf“ bezeichnet wird, wird von einem großen Teil der spanischen Bevölkerung lediglich „los toros“ genannt: die Stiere. „Ich gehe zu den Stieren“, nicht: „Ich gehe zur corrida.“ Dass „die Stiere“ eine besondere Bedeutung für Spanien, seine Entwicklung, auch als Nation, die Entwicklung seiner Gesellschaft und der Mentalität der Bevölkerung haben, äussert sich u.a. in einer Vielzahl von Begrifflichkeiten und Ausdrücken, die aus allem, was mit dem Stierkampf zu tun hat, in die Umgangssprache übergegangen sind. Folgt man Äusserungen des liberalen, spanischen Philosophen José Ortega y Gasset, wie: Die Geschichte der Stierkämpfe enthüllt einige der hintergründigsten Geheimnisse des spanischen Volkslebens seit fast drei Jahrhunderten. Und es geht dabei nicht um schwammige Bewertungen, sondern darum, dass man sonst die eigentümliche gesellschaftliche Struktur unseres Volkes während dieser Jahrhunderte nicht mit Schärfe zu bestimmen vermag, eine gesellschaftliche Struktur, die hinsichtlich sehr wichtiger Regeln dem Normalen in den anderen Nationen in Europa genau entgegengesetzt ist. oder: Die Geschichte des Stierkampfes ist mit derjenigen Spaniens verknüpft, so sehr, dass ohne die erste zu kennen, es sich als unmöglich erweist die zweite zu begreifen., müssen sich Fragen auftun, wie: Was bedeutet das rituelle Töten von Stieren, vielleicht sogar allgemeiner: von Tieren, dem Spanier? Was hat es ihm früher bedeutet und was bedeutet es heute? Was bedeutet eine Veränderung der Wichtigkeit und Akzeptanz dieser Riten für die spanische Gesellschaft? In welchen Gesellschaftsschichten spielen sich diese Veränderungen ab und warum? Wie ist die Auswirkung dieser Veränderungen auf diejenigen Schichten, in denen sie nicht stattfinden? Wie stark sind Einflüsse politischer Parteien, Akteure und Strömungen auf diese Veränderungen, in welche Richtung gehen sie, welche möglichen Ziele sind damit verbunden, wem nutzen und wem schaden sie?
Anstatt einzuflechten, wie die Kinder von Papst Alexander VI. hiessen,  sollte erläutert werden, was genau „Freunden des regulären Stierkampfes“ beim Töten des Toro de la Vega „inzwischen peinlich“ ist und was damit eigentlich gemeint ist. Es ist ein Missverständnis zu schreiben, das Erstechen des Stieres sei „unzeremoniell“ oder habe „so gar nichts nobles, elegantes, tapferes, sportliches oder kulturelles“. Es ist nicht ausreichend, sich auf „Die Männer (…)  erwarten ohne rotes Tuch den fast 600 Kilogramm schweren Kampfstier auf einer Wiese hinter der Brücke. Wer ihn erlegt, hat das Recht, ihm die Hoden abzuschneiden und sie auf seiner Lanze zu paradieren.“ zu beschränken. Das ist doch nicht alles. Was genau machen die denn da? Und warum tun die das? Was hat es für sie für eine Bedeutung? Warum tun die das auch heute noch?
Sind die Spanier besonders grausam zu Tieren? Auf diese Frage des Online-Dienstes „El Confidencial Digital“ wird die Antwort eben dieses Online-Dienstes „60.000 Tiere, darunter neben Stieren und Kälbern auch Pferde, Ziegen und sogar Gänse, lassen nach seiner Hochrechnung jährlich bei spanischen Volksfesten ihr Leben.“ zitiert, ohne einen Hinweis darauf, mit wem oder womit hier implizit verglichen wird. Im Vergleich zu welchen anderen Völkern sind die Spanier besonders grausam zu Tieren? Oder: Welche anderen Völker sind genauso grausam zu Tieren wie die Spanier? Stellt ein Online-Dienst solche Fragen nicht selbst, muss man sie selber stellen. Hat „El Confidencial Digital“ es tatsächlich nicht getan, ist es um dessen Seriosität nicht weit her, und dann gehören solche Zitate nicht in einen Zeitungsartikel von Qualität. 
Dass im Abschluss des Artikels das rituelle Töten von bestimmten Tieren in scheinbar direkten Zusammenhang mit der Vernachlässigung, dem Aussetzen, der Misshandlung und dem Töten von Haustieren und Jagdhunden gebracht wird, ist ein besonderes Ärgernis, denn beide Dinge haben nichts miteinander zu tun. Ob tatsächlich das rituelle Töten von Tieren in einem Lebensbereich eines Volkes, nämlich bei einer Festlichkeit, die oben genannten Handlungsweisen gegenüber Tieren in ganz anderen Lebensbereichen begünstigt oder nicht, ob ein solch möglicher Zusammenhang untersucht wurde und welche Ergebnisse dabei gewonnen wurden und auch, warum die Spanier die offenbar in besonders großer Zahl ausgesetzten Hunde und Katzen überhaupt kaufen und worauf dies beruht, wäre einen eigenen, gut recherchierten Artikel wert.
Für einen Artikel, der sich in der Rubrik  „Gesellschaft“ befindet und nicht eine „Herzblatt-Geschichte“ erzählt, ist diese fehlende Tiefe nicht angemessen. Dass Herr Wieland zu einer profunderen Diskussion der Verhältnisse und einer auch bei diesem Thema differenzierten Analyse nicht imstande wäre, hat er in vielfältiger Weise bezüglich anderer Themen widerlegt.
Dr. Andreas Krumbein, Göttingen


Kein meinungsbildendes oder Informationsmedium ist gegen schlechte oder Falschdarstellung gefeit, ganz gleich wie qualitativ hochwertig, seriös und renommiert es im Prinzip in der Gesamtheit seiner Berichterstattung und hinsichtlich seines journalistischen Anspruches ist. Erkennt man dies als Konsument, ist Kritik und die Forderung nach Richtigstellung wichtig und notwendig.

In Spanien werden die Verzagtheit, die Mutlosigkeit, das Schweigen und die Untätigkeit weiter Teile der mundo taurino gegen Angriffe auf die Stiere zu Recht beklagt – siehe dazu „Intoxicación informativa“ von Alfonso Santiago, in der Zeitschrift 6 toros 6, No. 1.057, 30. Sep. 2014. In Spanien können und müssen wohl die spanischen aficionados und die mundo taurino selbst die Verteidigung der Stiere tragen und verantworten, ebenso das Scheitern in Falle des Unterlassens. Im deutschsprachigen Raum können dies nur die deutschsprachigen aficionados. Und: sie müssen es tun. 

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Siehe auch:

Stirbt der Stier? von Philip de Málaga, Andalusienforum, 30. 6. 2007: Wie sich selbst erfahrene deutsche Journalisten schwer tun mit der Thematik des Stierkampfs. Hier am Beispiel eines Artikels in der FAZ vom 26. Juni 2007 des Journalisten Leo Wieland.