Mittwoch, 27. Juli 2016

Der legendäre Photograph Francisco Cano ist mit 103 Jahren verstorben

Heute am Mittwoch den 27. Juli 2016 ist der wohl berühmteste Photograph der tauromaquia Francisco Nano Lorenza, bekannt unter den Namen Paco Cano oder Canito in Valencia im Alter von 103 Jahren verstorben. Ein Photograph der sich nicht nur bei den toros auskannte, sondern viele internationale Gesichter auch aus Hollywood zählten zu seinem Freundeskreis. Er kannte die Stiere und die Welt kannte ihn.
Paco Cano (1912 bis 2016)

Montag, 25. Juli 2016

Campofrío: Mit 300 Jahren eine der ältesten Plaza de Toros in Spanien

Ein kleine, beinahe unbekannte Plaza de Toros in Andalusien 
macht auf sich aufmerksam
___________________________________________________________________







von Philip de Málaga


Die breite barrera: 40 cm.
Da gibt es in einer der südlichsten Region der Iberischen Halbinsel in Huelva (Andalusien) ein kleines Dorf mit einer plaza de toros für doppelt so viele Einwohner. Das ist nichts Ungewöhnliches und findet sich ohne Frage öfters in Spanien. Die Gemeinde Campofrío zählt keine 800 Einwohner, ihr coso taurino bietet Platz für 1.500 aficionados und das ruedo misst eine erstaunliche Diametrale von 52,70 Metern. 2,05 Meter bleiben für den callejón. Dabei besonders auffallend die steinige barrera mit einer Breite von 40 Zentimetern.
Das Besondere an der Geschichte dieser plaza de toros ist genau genommen eigentlich die Erkenntnis, dass sie älter als die Gemeinde selbst ist. Die Idee die tauromaquia hier einzuführen ging von der katholischen Bruderschaft des Heiligen Jakobus aus. Das war im Jahr 1716, also 300 Jahrhunderte in der Vergangenheit. Zu diesem Zeitpunkt war die Gemeinde ein Teil von dem grossen Dorf Aracena. Und somit auch abhängig von denen. Und so beantragte die Ortschaft bei der Hauptverwaltung den Bau einer runden plaza, um dort die tradición der toros einzuführen, welche auch genehmigt worden ist.
Unverzüglich ging man an die Arbeit und einer neuer coso war im Begriff zu entstehen. Erst am 5. April 1753 erhielt die Gemeinde durch das königliche Privileg von Fernando IV die Unabhängigkeit, trug ab diesem Datum den Namen Campofrío, und konnte nun den taurinischen Interessen nach eigenem Willen nachgehen.

Zu richtigen taurinischen Höhepunkten ist es aber nie gekommen. Zwar gaben dort 1977 die novilleros El Litri und Chamaco ein Stell-Dich-Ein, aber zu einer corrida de toros mit figuras importantes ist es nie gekommen. Und so kam es, um den soso rentabel und kulturell attraktiv zu halten, dass er für zahlreichen Veranstaltungen wie Konzerte, kulinarische Ausstellungen oder sportliche Ereignisse seine Verwendung fand.

Andalusischen aficionados, SfA-Lesern und Zuschauern von Canal Sur dürfte dieser coso jedoch nicht ganz unbekannt sein. Schon mehrere Male wurden von dort festejos taurinos live übertragen, wo Qualifikationen der certamen de escuelas taurinas aus Andalusien ausgetragen worden sind.

Am  3. Mai 2003 wurde der coso musikalisch für die Ewigkeit festgehalten, und da ist es natürlich naheliegend in Form eines Paso Dobles. Der ebenfalls aus Huelva stammende Musiker und Komponist Rafael Prado schaffte ein Werk, mit welchem sich die Gemeinde und die dortige tradición taurina identifizierten, den Paso Dobles Campofrío.
Auch den Nicht-toreros sollte die plaza de toros von Campofrío Glück bringen. Denn der coso verzierte am 18. März 1971 die Lose der 9. Nationalen Lotterie.
Man sieht, Campofrío gelang nie so richtig der grosse Sprung in die tauromaquia aber die toros sind dort schon seit vielen Jahren beliebt. Man lebt mit ihnen, man taucht ein in eine wahre tradición der toros. Und so scheint es doch naheliegend, wo die plaza mittlerweile auch auf eine 300-jährige Geschichte zurückblicken kann, den coso taurino zum lokalen Kulturerbe deklarieren zu lassen. Die Gemeinde, das Rathaus und auch in der andalusischen Landesregierung leitet man diesbezüglich die entsprechenden Schritte in die Wege.

Sonntag, 24. Juli 2016

Stierkampf in Andalusien: Live in Deutschland zu sehen




von Philip de Málaga


Aus Puerto de Santa María überträgt Televisión Andalucía live
___________________________________________________________

Am 24. Juli 2016 um 19:25
Wie Ursula Herzog herausgefunden hatte, überträgt der andalusische TV Sender RTVA auf seinem internationalen Kanal Andalucía TV heute live ab 19:25 Uhr eine corrida mixta aus der plaza der toros in Puerto de Santa María, im Süden von Andalusien.

Zu sehen sind die toros der ganaderías Juan Antonio Sampedo (für das rejoneo) und Salvador Domecq für den rejoneador Diego Ventura und für die matadores de toros Juan José Padilla und Alberto López Simon.
Kann es für einen sommerlichen Sonntag einen schöneren Ausklang geben, als eine corrida de toros in Puerto de Santa María miterleben zu können? Hat es nicht schon zahlreiche aficionados dorthin gezogen um ihre Lieblinge unter der Sonne Andalusiens, im Zusammenspiel zwischen sol y sombra,  im ruedo zu sehen und zu bewundern?
"Wer keine toros in El Puerto gehen hat,
weiss nicht, was ein día de toros ist."
Dieser legendäre Ausspruch kam von dem berühmten matador de toros José Gómez Ortega "Joselito" (1895 bis 1920), welche mit dem maestro Juan Belmonte Anfang der 20-Jahre das Goldenen Zeitalter der tauromaquia prägte.

Jenen Satz gab er aber nicht im andalusische Küstenort von sich, sondern im nördlichen San Sebastian. Nach einer corrida im Jahr 1916 versammelten sich die Beteiligten um über die verschiedenen wichtigsten plaza de toros in Spanien zu diskutieren. Die einen schwärmten für la capital del toreo, für Madrid, und selbstverständlich fiel auch der Name Sevilla. Bilbao war zu hören und von der lokalen afición wurde sogar San Sebastián ins Rennen geworfen. Doch dann meldete sich der lidiador Joselito, geboren in aus Sevilla, zu Wort, und alle erwarteten sein Zugeständnis für die andalusischen Hauptstadt, doch es kam anders. Es folgte sein unvergesslicher Ausspruch, den man bis heute noch nicht vergessen.
Das ruedo misst 60 Meter und die tendidos bieten Platz für 12.186 Zuschauer.
Der coso taurino wurde 1880 fertig gestellt.
Ein Grund mehr sich für diesen día de toros in Puerto de Santa María und auf den zahlreichen Bildschirmen der Welt, zu freuen.

Samstag, 23. Juli 2016

Valencia: Eine Stadt wirbt für den Stierkampf



von Philip de Málaga
(Fotos: Simón Casas Productión)


Die Feria de Valencia begrüsst ihre Helden im Juli
___________________________________________________________________

Wer in diesen Tagen durch Valencia streift, kommt gar nicht darum herum mit der mundo de los toros konfrontiert zu werden. Im Gegensatz zur spanischen Metropole Madrid, identifiziert man sich hier vollkommen mit der tradición taurina. In der Kultur, in der Gesellschaft, selbst in der Politik, es besteht überhaupt kein Bedenken die tauromaquia als patrimonio cultural zu pflegen und zu schützen.

In einer einzigartigen Kampagne will der empresario Simón Casas mit seiner Gruppe erneut die Werte der tauromaquia hervorheben. Dabei wird versucht den Mut und die Echtheit derjenigen hervorzuheben, die bei diesem kulturellen Ereignis stets ihr Leben riskieren. Die übermenschlichen Fähigkeiten versetzen die toreros in wahre Helden, gleich den Superhelden in den Comic-Heften, welche nie aus der Mode kommen. So will die Simón Casas Production die wahren Werte welche sich in der tauromaquia reflektieren in der modernen Gesellschaft verbreiten. Und das geht eben nur dann, wenn sie, die Gesellschaft der Gegenwart, auch mit der mundo de los toros konfrontiert wird. So prägt schon seit letztem Donnerstag das gesamte Strassenbild von Valencia die Gegenwart der toros. Sie gehören dazu. Sie sind ein Teil des spanischen Lebens. Wer durch Valencia geht, wird genau mit jener Nachricht konfrontiert. Kann es sehen und miterleben.

Ob in der Metro ...
In den Unterführungen ...
Ob an den Haltestellen ...
Ob an den Bussen ...
Ob in den Zügen ...
Sie haben nur ein Ziel ... die Plaza de Toros von Valencia!

Freitag, 22. Juli 2016

Orson Welles und Rita Hayworth




von Peter Stackpole


Das es in Amerika nicht nur den Schriftsteller Ernest Hemingway (1899 bis 1961) gab, der von der mundo de los toros fasziniert war, dürfte allgemein bekannt sein. Da gab es unter anderem den Regisseur Orson Wells (1915 bis 1985), und von beiden wurde im September letzten Jahres im andalusischen Ronda "Zwei Denkmäler, zwei Amerikaner und die Stiere" eingeweiht. Auch seine damalige Frau, die Schauspielerin Rita Hayworth (1918 bis 1987) war von den toros begeistert. Die Schauspielerin. Von den letzten beiden Amerikanern entdeckte SfA-Leser Vincent B. aus Freiburg eine Photographie, welche im Jahr 1945 entstanden ist, und das Ehepaar bei der Durchführung einer media verónica darstellt. Rita Hayworth eine matadora und Orson Wells wird zum toro.
1945 Foto von Peter Stackpole

Donnerstag, 21. Juli 2016

Steigt erneut die Popularität an Stierkämpfen?

Jüngsten Umfragen nach steigt die Popularität der toros wieder
Die Beleidigungen stossen weltweit auf grossen Widerstand
___________________________________________________________________







von Philip de Málaga

Als der der matador de toros Víctor Barrio am Samstag den 9. Juli an einer cornada bei einer corrida de toros in Teruel verstorben ist, brach in den verschiedenen Netzwerken eine regelrechte Flut an schlimmste formulierten Diffamierungen aus, welche sich gegen den torero, seine Familie, seine Freunde und im allgemeinen gegen die mundo taurino richtete. Doch es vergingen kaum 24 Stunden, da stiessen diese Kommentare auf weltweite Kritik. Nicht nur in der mundo de los toros, auch in Politik und Presse. Selbst die antitaurinos verhielten sich am Anfang recht still, unter der Annahme, dass eine so geballte Kritik an den toros ihrem antitaurinischem Streben letztendlich helfen könnte. Doch als sich die Gesellschaft so dagegen empörte kehrten nicht wenige antitoristas dieser Vorgehensweise den Rücken zu. Auch Menschen, die eigentlich eher gegen die toros plädierten, begannen für die taurinos Partei zu ergreifen.

Man möchte meinen, dass gerade diese Diffamierungen gegen den sector taurino, wieder ein gewisses Interesse für eben die toros aktiviert habe. Irgendwie erinnert es an die katalanische abolición de los toros. Denn erst als die Katalanen begonnen haben, die klassischen corridas in der Tat zu verbieten, begann sich die spanische afición zu wehren. Nicht um einen Angriff zu verteidigen, sondern um ihre Rechte in Anspruch zu nehmen und um sie zu schützen. Auch dass konnte man damals beobachten, stieg ein gewisses Interesse, weil viele es einfach nicht für richtig empfanden, ein Kulturgut mit Tradition einfach so zu verbieten.

Und erleben wir derzeit nicht etwas ähnliches? Nicht, dass es plötzlich gleich viel mehr aficionados werden, aber es wird klar, die meisten die sich für die tauromaquia einfach nicht interessieren, noch lange nicht auch dagegen sind. Oft ist es Leuten egal, dass diese tradición der toros von ihren Mitmenschen mit afición gepflegt wird, obwohl sie selbst halt kein Interesse dafür haben. Und hier reflektiert sich einer der grössten Irrtümer der antitauromaquia. Nur weil ein bestimmter Prozentsatz dafür ist, bedeutet es noch lange nicht, dass der Rest dagegen ist. 

Gerade in den letzten Monaten schmücken sich die Portale der antitaurinos mit dem Umfrageergebnis von dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mori, wo nur noch 19 Prozent der Spanier sich für die toros interessieren. Nur noch 19 Prozent?  Viele poltische Organisationen würden sich über ein solches Ergebnis freuen. Interessant, wenn man diese Zahl mit den Theater- und Opernbesucher in Deutschland vergleicht. Denn hier besuchen an die 30 Millionen Personen gelegentlich oder regelmässig (nur 2,6 Millionen) pro Jahr die Theaterhäuser. Das sind 37 Prozent. Deswegen kommt aber kaum einer auf die Idee zu behaupten, dass die restlichen 63 Prozent dagegen seien, oder sich gegen die Subventionen stellen. Nein, dem ist nicht so. Auch in Spanien nicht. Wer sich dafür nicht interessiert den kann man auch nicht gleich als antitaurino abstempeln. Viele setzen bei ihrem Zeitvertreib oft andere Prioritäten.

Aber viele Menschen werden durch solch brachiale Kampagnen, wie die gerade jüngste Welle an Diffamierungen, oft auch darauf gebracht, sich mit dem Thema, in diesem Fall die tauromaquia  auseinanderzusetzen. Was nicht selten der Beginn einer neuen afición ist oder ein wiedererwecktes Interesse. 

Gerade in diesen Tage macht wieder eine Umfrage auf sich aufmerksam. Im Portal von EL TITULAR bekennen sich von den über 30.000 Befragten immerhin ⅓ zur tauromaquia. Eine klare Ansage.

Mittwoch, 20. Juli 2016

Die Nacht von Lissabon: Diego El Cigala & Morante de la Puebla (2.Teil)

José Antonio Morante de la Puebla am 30. Juni 2016
Der Flamenco trifft auf die Welt der Stiere
____________________________________________________________






von Torodora Gorges


José Antonio Morante de la Puebla durchschreitet den ruedo, seine cuadrilla und den sobresaliente  im Gefolge, alle in goyesker Manier gekleidet. "Mein" Künstler-Torero sieht in seiner eleganten traje - nachtblau, mit weissen Applikationen - phantastisch aus. Sein Outfit gefällt mir heute besonders gut. Mich (und wie ich später höre, auch andere seiner "Fans") überrascht seine ungewöhnliche Frisur. Er trägt die Haare weder als Mähne noch glatt gestylt, sondern in sehr vorteilhafter Weise locker "gebändigt".
Nach begeistertem Begrüssungsapplaus und den obligatorischen Verbeugungen in Richtung Präsidentenloge wendet sich Morante an Diego El Cigala, dem er seinen schwarzen Hut mit einer verbalen Widmung auf die geschmückte Musiker-Empore im Tendido-Bereich zuwirft. El Cigala bedankt sich lachend. Immer wieder imponieren mir Aussehen und Auftreten dieses Künstlers. Durch seine ungewöhnliche, auffallende Erscheinung (die langen wirr-krausen Haare, das Gesicht halb versteckt durch einen dunklen Bart) hat sich vor vielen Jahren eine Stewardess so verschrecken lassen, dass sie ihm und seiner musikalischen Entourage den Zugang zum Flieger verwehren wollte, vergeblich, wie sich denken lässt!
Den stattlich bunten paseillo der toreros begleiten die Flamencoklänge des Gitarristen. Leider geht  durch Verstärkerwirkung und Halleffekte im geschlossenen Raum viel verloren vom Zauber und Flair der Fandangos oder Burlerías. Man muss sich erst einhören, auch in die zunächst nicht so gut ausgesteuerte Übertragung von El Cigalas Stimme.
Dennoch, ich lasse mich verzaubern und geniesse das spektakuläre Zusammenspiel der beiden prominenten artistas. Schon der erste Stier ermöglicht dem maestro, das Publikum durch eine Serie von absolut perfekten verónicas mit abschliessender media zu beglücken. Ähnliches gelingt ihm auch beim dritten und vierten Stier. Die chicuelinas bei der quite des ersten Stiers lösen ebenso Begeisterung aus wie seine faena mit der muleta.
Diego El Cigala hat das Talent, Morantes inspirierte Begegnung mit dem Stier atmosphärisch-sängerisch zu akzentuieren, "ambientarle con el cante". Morante bewegt sich im vollkommenen Rhythmus mit dem Stier. 
Nach dem  simulierten Todesstoss mit einer banderilla wird der Stier von der Ochsenherde aus dem ruedo geholt. Morante lächelt glücklich, als ihm der Beifall des ebenfalls glücklichen Publikums eine vuelta al ruedo beschert. In Spanien hätten wir mit den weissen Tüchern ein oreja für ihn gefordert.

Jetzt erst wird mir bewusst, dass nicht nur die picadores (die so oft wegen ihres "grausamen" Vorgehens ausgepfiffen werden) fehlen; die ganze Zeremonie zur  Vorbereitung auf den Tod des toros scheint unvollständig. 
Die bunten banderillas im goyesken Stil wirken geradezu niedlich an diesem stattlichen Zalduendo-Stier, irgendwie harmlos. Was rechtfertigt noch den Tod des Stiers, der außerhalb der Plaza getötet wird? Man kann sich hier etwas "vorlügen", sprich: verleugnen!  Das Töten des Stiers vor den Augen des Publikums, der Zuschauenden, heisst nicht umsonst "Der Augenblick der Wahrheit". Man sieht dem ins Auge, was am Ende steht!  Das bleibt hier ausgespart. 

Ich erstaune über mich selbst, dass ich diese Gedanken wieder ausblenden kann und weiter bereit bin, mich an Morantes und El Cigalas gemeinsamer Darbietung zu erfreuen.

Der zweite Stier läuft ein, er hat einen Defekt (an den Augen!); trotz motivierter Anstrengungen kann Morante auch den ausgewechselten Stier nicht zur künstlerischen Kooperation in der faena bewegen. Silencio!
Diego El Cigalas cante wie die Klänge des guitarrista trösten uns sozusagen, wenn arte y duende seitens des toros keinen Einlass finden.

Nach einer kurzen, offiziellen Pause kommt der dritte Stier, der letztlich auch eine Enttäuschung bedeutet für den torero und uns, das Publikum! Morante kann zwar mit ihm,  wie eben schon erwähnt, seine begnadeten verónicas zeigen; auch der salto mit der garrocha, zu dem Raúl Ramirez, ein subalterno, angetreten ist, gelingt und findet grossen Beifall.  
Aber im  letzten tercio verlässt den Stier seine Angriffslust ganz und gar.  Morante beendet die faena ("optó por abreviar" - man kennt das von ihm in anderen Situationen!). Ein Witzbold (oder ein Gegner des portugiesischen toreo-Stils?) hat ihm wiederholt zugerufen: "Matalo!", "Töte ihn!" - Die Herde nimmt den toro mit. Palmas für Morante.

Der vierte Stier schliesslich, der beste dieses nächtlichen Aufgebots, zieht das Publikum in  einen unwiderstehlichen Rhythmus der Bewegungen von torero und toro und El Cigalas einfühlende musikalische Interpretation mit hinein. Die Akteure verstehen sich, sind in kreativer Heiterkeit aufeinander eingestimmt. Der duende ist jetzt anwesend, sorgt bei den Zuschauern für "mucho pellizco", was man mit dem Begriff Gänsehaut nur annähernd beschreiben kann.
José Antonio Morante habe ich selten so heiter-entspannt und glücklich erlebt. Diesen letzten Stier widmet er einem Man im callejón, in dem meine Nachbarn Joselito vermuten. Ich bezweifle das. Egal! Diese intensive faena wäre Joselitos würdig, ist reine Magie. Morante, der genio de la Puebla, wie er von der spanischen afición gerne tituliert wird -  zieht  im kongenialen Austausch mit dem großen cantaor El Cigala uns alle in den Bann. 
In der ersten Stunde des neuen Tages wird Morantes glänzender Auftritt mit dos vueltas al ruedo, eine Runde davon a hombros durch Männer seiner cuadrilla,  geehrt.  Alle strahlen,  nicht nur zufrieden, sondern glücklich.

Eine Reise zu einer Galaveranstaltung? Ja, das war es für mich auch. Sie war zu gut drei Vierteln besucht.

Aber ich denke lieber an die unvergessliche magische Nacht, von der in den Internetportalen die Rede ist. "Noche de magia y puro duende!"

Anmerkung einer Nichtraucherin: Es durfte in der geschlossenen Plaza geraucht werden! Ich gönnte mir einen purito, wie ganz früher! 

____________________________________________________________

Siehe auch:

Die Nacht von Lissabon: Diego El Cigala & Morante de la Puebla (1. Teil)


Dienstag, 19. Juli 2016

Die Nacht von Lissabon: Diego El Cigala & Morante de la Puebla (1.Teil)

José Antonio Morante de la Puebla am 30. Juni 2016
Flamenco trifft auf die Welt der Stiere
____________________________________________________________






von Torodora Gorges

Das Versprechen des portugiesischen carteles für Lissabon wurde erfüllt! Es war tatsächlich ein sensationalles taurinisches Ereignis, ein sehr unterhaltsames großartiges Spektakel. 

Meine Zweifel währten lange: Fahre ich zu dieser corrida goyesca nach Lissabon oder nicht? Von Morante de la Pueblas Plan zu einer "encerrona" in der dortigen plaza  hatte ich im Februar gehört.  Um den Jahreswechsel hatte ich einige Tage im winterlichen Lissabon verbracht und auch das Museum der  plaza "Campo Pequeno"  besucht.  Im Winter kündigten die Plakate gerade das Musical "Mamma Mía" an. 

Das Gebäude, 1892 im Neo-Mudejar-Stil nach dem Vorbild der Madrider Plaza von Las Ventas erbaut, wurde 2006 total renoviert, überdacht und als multifunktionale Veranstaltungshalle ausgestattet.

Als dann im Frühjahr das Gerücht bestätigt wurde, dass der grandiose Flamencosänger Diego El Cigala die ungewöhnliche corrida goyesca Morantes - eine encerrona mit vier Stieren - musikalisch begleiten würde - stand fest:  Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Der Flamencosänger und der Matador de toros
Natürlich hatte ich Bedenken gegenüber dieser Version des portugiesichen Stierkampfs: keine picadores, der Tod des Stieres außerhalb der Arena (SfA hat vor einigen Wochen darüber berichtet, dass das Leiden des Stiers prolongiert wird.) Der Todesstoss wird symbolisch mit dem Setzen einer banderilla angedeutet, der Stier anschliessend von einer Herde munterer, kräftiger Ochsen "rauskomplimentiert".

Dass das Publikum infolgedessen auch keine Trophäen von diesem Stier einfordern kann, ging mir auf, als ich eines meiner alten, schön bestickten pañuelos blancos auf die Reise nach Lissabon mitnehmen wollte. Nada, wird nicht gebraucht. Die Auszeichnung für den Akteur besteht in vueltas al ruedo.
Corridas nocturnas werden in Spanien während der Hochsaison in großen plazas regelmässig durchgeführt. Ich hatte den damals 19 Jahre jungen Morante zum ersten Mal während einer nächtlichen corrida in El Puerto Santa Maria gesehen. Unter einem nächtlichen Sternenhimmel bei hochsommerlichen Temperaturen war das ein unvergesslich festliches Ereignis, von dem ich in meinem Buch erzählt habe.

Nun war ich neugierig auf die im cartel versprochene sensationelle corrida goyesca  für die in den Internetportalen viel geworben wurde. Morante hatte sich in einem Interview zu den persönlichen Motiven  seines Auftritts in Lissabon geäussert: Es gehe ihm um die "reivindicación del toreo a pie" - was in etwa die "Rückgewinnung des Stierkampfs zu Fuss" heißt. Er wolle dessen Anhänger in Lissabon im Hinblick auf das ansonsten in Portugal bevorzugte "Reitertoreo" - Rejoneo unterstützen. Er verspricht den vermutlich von weither anreisenden aficionado/as durch die goyeske Ausstattung, die in Lissabon keine Tradition habe,  eine besondere Attraktion.

Joselito El Gallo (1915)
Aus den zunächst für seine encerrona in Aussicht gestellten 6 toros 6 wurden im cartel schliesslich nur vier Stiere (der  ganadería Zalduendo, s.o.). Morante meint dazu, dass Joselito el Gallo im Jahre 1915 in Lissabon ebenfalls gegen vier Stiere angetreten ist. Er bezieht sich gerne auf historische Vorbilder und würdigt sie damit. 

Meinen Flug nach und das Hotel in Lissabon hatte ich übers Internet gebucht. Schliesslich verwarf ich den Gedanken, die Eintrittskarte erst an der Abendkasse zu kaufen;  ich erstand problemlos  ein  elektronisches Ticket an meinem PC: Banc.-Sec.1 -  Contra-Barrera, 75 €. Ich dachte an meine früheren  Reisen zu "taurinischen Zielen" - Barcelona, Madrid, Valencia, oder gar Sevilla! Wie schwer war es für  aficionados ausserhalb Spaniens, sich entradas zu sichern und das auch noch zu einem halbwegs angemessenen Preis. (Manchmal war die reventa die einzige Möglichkeit, an Karten zu kommen. Aber das ist ein anderes Thema).

Der Tag vor dem Auftritt von Morante mit El Cigala war sommerlich, ziemlich sonnig und heiss. Im Laufe des späten Nachmittags nahm der Wind zu, gegen Abend zogen Wolken auf, es kühlte ab. Aber - bei einer überdachten Plaza braucht man sich wegen des Wetters keine Sorgen zu machen. Das war wieder einer der Aspekte, in denen sich diese besondere corrida von den allermeisten tardes oder auch noches de toros, die ich in Spanien oder Frankreich  besucht hatte, unterschied. -

Um möglichst viel von der erwartungsvollen Stimmung im Umkreis der Plaza mitzubekommen, war ich entsprechend früh von meinem Hotel aufgebrochen. In der Hotellobby hatte ein kleines Plakat dezent auf die corrida hingewiesen. Immerhin hatte man Notiz genommen.  In den Strassen der Stadt aber fand ich keinerlei Hinweise auf das Auftreten der beiden spanischen Künstler. Auch in zwei regionalen Tageszeitungen, die ich am Vormittag durchgesehen hatte, fehlten entsprechende Beiträge. Seltsam!

Irritierend auch, dass ausser mir augenscheinlich kein anderer die Plaza zum Ziel hatte, als ich aus  der Metro-Station Campo Pequeno nach oben stieg! Als hätte ich mich im Datum geirrt! Immerhin aber schien schon eine stattliche Menschenmenge neben dem Gebäude, von dessen Rund die riesigen carteles mit den Fotos von Morante und Cigala leuchteten, versammelt zu sein!! 

Allerdings: Die gespannt-erregte Aufmerksamkeit dieser Menschen galt nicht den toros, sondern dem Fussballspiel Portugal/Polen (wie konnte ich es nur vergessen haben!),  übertragen auf einem riesigen Monitor. "König Fußball" - in diesem Fall verkörpert durch Ronaldo - beherrschte den Campo Pequeno. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass der fussballbegeisterte Morante während seiner Vorbereitungszeremonie im Hotel vermutlich ebenfalls das Spiel hin und wieder verfolgte.
In der Nähe des Haupteingangs zog ein kleines zirkus-ähnliches Zelt, das Morantes Tour in diesem Jahr begleitet,  Besucher an. Für Uneingeweihte schwer zu verstehen die Bedeutung des Hinweises "El Arte de Birlibirloque". Bezug genommen hat Morante mit dieser Kampagne auf den grossen Poeten José Bergamín (aus der Generación del 27, der auch Federico Garcia Lorca zugehörte). Es ging auch um die in kostbarer Ausstattung erfolgte Neuauflage eines Buches von Bergamín, für das Morante selbst ein Vorwort geschrieben hat.  - Allerdings erschloss sich mir der Zusammenhang zwischen der "Aussage" des Zelts und der bevorstehenden Veranstaltung nicht so recht.
José Bergamín Gutiérrez (1895 - 1983)
Ich umrundete die Plaza vergebens auf der Suche nach den sonst üblichen Verkaufsständen mit Büchern  und anderen taurinischen "Devotionalien".  Mehrere grosse Laster, zu erkennen als Pferde-Transporter der Nationalgarde Portugals standen hinter der Plaza  neben den sonstigen Fahrzeugen. Neugierigen Touristen oder auf die toreros wartenden aficionados begegnete ich hier nicht. Die Tapas-Bars und Restaurants im Eingangsbereich der Plaza waren gut besucht von Gruppen, die eindeutig als aficionados a los toros zu identifizieren waren. Doch auch hier verzichtete man nicht auf die Fußballübertragung.  

Wegen der  merklich abgekühlten Temperatur  zog ich mich ins Innere einer der Bars zurück und  beobachtete bei einem Sandwich und einem Glas Rotwein, was sich vor mir - hinter einer  Sichtscheibe - in dem breiten Zugangstunnel abspielte. Ab halbzehn sollte Einlass sein. Security-Leute waren zu erkennen, hatten die Eingänge im Blick; vereinzelt oder in kleineren Gruppen trafen Helfer ein, areneros, und andere Angestellte, immer noch kein Publikum. Mein Nachbar an der Theke, ein junger "Morantista" aus Cádiz, mit dem ich mich unterhalten hatte, wurde unruhig. Wir verliessen  die Bar - inzwischen war das Fußballspiel in der Verlängerung -  gegen 22 Uhr. Draussen war es jetzt dunkel. 

Der Einlass war inzwischen eröffnet, man wartete in längeren Schlangen, Handys und Smartphones in Aktion. Unruhe und Aufregung lagen in der Luft. Sie aber waren nicht so sehr der Vorfreude auf das taurinische "event", sondern dem immer noch ungeklärten Spielstand geschuldet. Ich traf im Gewimmel auf meinen Maler-Freund Diego Ramos, der mit seinem neunjährigen Sohn aus Südfrankreich gekommen war. Dieguito liebt die Stiere. Ich vermute, dass der verantwortungsvolle Papa, ein Freund Morantes, die Gelegenheit nutzte, seinem Kind den maestro artista in einer relativ "unblutigen" corrida vorzustellen. Von Diego habe ich ein sehr gelungenes Bild Morantes, eine Kohlezeichnung aus dem Jahr 2011. 
Als ich auf  meinem Platz ankam, realisierte ich die grelle Beleuchtung in der Plaza. Die Atmosphäre einer Turnhalle vermittelte sich, auch akustisch. Die Zuschauerränge, ausgestattet mit roten Plastiksitzen, waren nur schwach besetzt. Das spanische Ehepaar neben mir, extra wegen Morante aus Burgos angereist, wusste von einer fussball-bedingten halbstündigen Verspätung, die sich allerdings verlängerte.

Kurz vor 23 Uhr:  Finalmente! Jubelschreie über den Elfmetersieg Portugals! Die Ränge füllten sich, Erleichterung, Euphorie! Applaus! - Mit Emphase wurde die von den Bläsern der Nationalgarde intonierte portugiesische Nationalhymne gesungen. Anschliessend führten die Nationalgardisten im ruedo auf sechzehn Schimmeln dem Publikum ihre kombinierte Reiter- und Bläserkunst vor. Schliesslich und endlich konnte das Kontrastprogramm beginnen. Eintritt in die Sphäre der Kunst! Por fin!

Fortsetzung folgt.