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von Torodora Gorges
Das Versprechen des portugiesischen
carteles für
Lissabon wurde erfüllt!
Es war tatsächlich ein sensationalles taurinisches Ereignis, ein sehr
unterhaltsames großartiges Spektakel.
Meine Zweifel währten lange: Fahre ich zu dieser
corrida goyesca nach
Lissabon oder nicht?
Von
Morante de la Pueblas Plan zu einer "
encerrona" in der dortigen
plaza hatte ich im Februar
gehört.
Um den Jahreswechsel hatte
ich einige Tage im winterlichen
Lissabon verbracht und auch das Museum der
plaza "
Campo Pequeno"
besucht.
Im Winter kündigten die Plakate gerade das Musical
"Mamma Mía" an.
Das Gebäude, 1892 im Neo-Mudejar-Stil
nach dem Vorbild der Madrider
Plaza von
Las Ventas erbaut,
wurde 2006 total renoviert, überdacht
und als multifunktionale Veranstaltungshalle ausgestattet.
Als dann im Frühjahr das Gerücht bestätigt wurde, dass der grandiose
Flamencosänger
Diego El Cigala die ungewöhnliche
corrida goyesca Morantes - eine
encerrona mit vier Stieren - musikalisch begleiten würde - stand fest:
Das wollte ich mir nicht entgehen
lassen.
Natürlich hatte ich Bedenken gegenüber dieser Version des
portugiesichen Stierkampfs: keine
picadores, der Tod des Stieres außerhalb der
Arena (
SfA hat vor einigen Wochen darüber berichtet, dass das Leiden des Stiers
prolongiert wird.) Der Todesstoss wird symbolisch mit dem Setzen einer
banderilla angedeutet,
der Stier
anschliessend von einer Herde munterer, kräftiger Ochsen
"rauskomplimentiert".
Dass das Publikum infolgedessen auch keine Trophäen von diesem Stier
einfordern kann, ging mir auf, als ich eines meiner alten,
schön bestickten
pañuelos blancos auf die
Reise nach
Lissabon mitnehmen wollte.
Nada, wird nicht gebraucht. Die
Auszeichnung für den Akteur besteht in
vueltas al ruedo.
Corridas nocturnas werden in Spanien während der Hochsaison in großen
plazas regelmässig durchgeführt. Ich hatte den damals 19 Jahre jungen
Morante
zum ersten Mal während einer nächtlichen
corrida in
El Puerto Santa Maria
gesehen. Unter einem nächtlichen Sternenhimmel bei hochsommerlichen
Temperaturen war das ein unvergesslich festliches Ereignis, von dem ich in
meinem Buch erzählt habe.
Nun war ich neugierig auf die im
cartel versprochene sensationelle
corrida goyesca für die in den Internetportalen viel geworben wurde.
Morante
hatte sich
in einem Interview zu
den persönlichen Motiven
seines
Auftritts in
Lissabon geäussert: Es gehe ihm um die "
reivindicación del
toreo a pie" - was in etwa die "Rückgewinnung des Stierkampfs zu
Fuss" heißt. Er wolle dessen Anhänger in
Lissabon im Hinblick auf das
ansonsten in Portugal bevorzugte "Reiter
toreo"
-
Rejoneo unterstützen. Er verspricht
den vermutlich von weither anreisenden
aficionado/as durch die goyeske
Ausstattung, die in
Lissabon keine Tradition habe,
eine besondere Attraktion.
 |
| Joselito El Gallo (1915) |
Aus den zunächst für seine
encerrona in Aussicht gestellten
6 toros 6 wurden im
cartel schliesslich nur vier Stiere (der
ganadería Zalduendo, s.o.).
Morante meint dazu, dass
Joselito el Gallo im Jahre 1915 in
Lissabon ebenfalls gegen vier Stiere angetreten ist. Er bezieht sich gerne auf
historische Vorbilder und würdigt sie damit.
Meinen Flug nach und das Hotel
in
Lissabon hatte ich übers Internet gebucht.
Schliesslich verwarf ich den Gedanken, die Eintrittskarte
erst an der Abendkasse zu kaufen;
ich erstand problemlos
ein
elektronisches Ticket
an meinem PC: Banc.-Sec.1 -
Contra-Barrera, 75 €. Ich dachte an meine früheren
Reisen zu "taurinischen
Zielen" -
Barcelona,
Madrid,
Valencia, oder gar
Sevilla! Wie schwer war es
für
aficionados ausserhalb
Spaniens, sich
entradas zu sichern und das auch noch zu einem halbwegs
angemessenen Preis. (Manchmal war die
reventa die einzige Möglichkeit, an
Karten zu kommen. Aber das ist ein anderes Thema).
Der Tag vor dem Auftritt von
Morante mit
El Cigala war sommerlich,
ziemlich sonnig und heiss. Im Laufe des
späten Nachmittags nahm der Wind zu, gegen Abend zogen Wolken auf, es kühlte
ab. Aber - bei einer überdachten
Plaza braucht man sich wegen des Wetters
keine Sorgen zu machen. Das war wieder einer der Aspekte, in denen sich diese
besondere
corrida von den
allermeisten
tardes oder auch
noches de toros, die ich in Spanien oder
Frankreich besucht hatte,
unterschied. -
Um möglichst viel von der erwartungsvollen Stimmung im Umkreis der Plaza mitzubekommen, war ich entsprechend früh von meinem Hotel aufgebrochen.
In der Hotellobby hatte ein kleines Plakat dezent auf die corrida hingewiesen.
Immerhin hatte man Notiz genommen.
In den Strassen der Stadt aber fand ich keinerlei Hinweise auf das
Auftreten der beiden spanischen Künstler. Auch in zwei regionalen
Tageszeitungen, die ich am Vormittag durchgesehen hatte, fehlten entsprechende
Beiträge. Seltsam!
Irritierend auch, dass ausser mir augenscheinlich kein anderer die Plaza zum Ziel hatte, als ich aus der
Metro-Station
Campo Pequeno nach oben stieg! Als hätte ich mich im Datum geirrt! Immerhin aber
schien schon eine stattliche
Menschenmenge neben dem Gebäude, von dessen Rund die riesigen
carteles mit den
Fotos von
Morante und
Cigala leuchteten, versammelt zu sein!!
Allerdings: Die gespannt-erregte Aufmerksamkeit dieser Menschen galt
nicht den
toros, sondern dem Fussballspiel Portugal/Polen (wie konnte ich es nur
vergessen haben!),
übertragen auf
einem riesigen Monitor.
"König Fußball" - in diesem Fall verkörpert durch
Ronaldo -
beherrschte den
Campo Pequeno. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass
der fussballbegeisterte
Morante während
seiner Vorbereitungszeremonie im Hotel vermutlich ebenfalls
das Spiel hin und wieder verfolgte.

In der Nähe des Haupteingangs zog ein kleines zirkus-ähnliches Zelt,
das
Morantes Tour in diesem Jahr
begleitet,
Besucher an. Für
Uneingeweihte schwer zu verstehen die Bedeutung des Hinweises "
El Arte de
Birlibirloque".
Bezug
genommen hat
Morante mit dieser Kampagne auf den grossen Poeten
José Bergamín
(aus der
Generación del 27, der auch
Federico Garcia Lorca zugehörte). Es ging auch um die in
kostbarer Ausstattung erfolgte Neuauflage eines Buches von
Bergamín, für das
Morante selbst ein Vorwort geschrieben hat.
- Allerdings erschloss sich mir der Zusammenhang zwischen
der "Aussage" des Zelts und der bevorstehenden Veranstaltung nicht so
recht.
 |
| José Bergamín Gutiérrez (1895 - 1983) |
Ich umrundete die
Plaza vergebens auf der Suche nach den sonst üblichen
Verkaufsständen mit Büchern
und
anderen taurinischen "Devotionalien".
Mehrere grosse Laster, zu erkennen als Pferde-Transporter
der
Nationalgarde Portugals
standen hinter der
Plaza neben den sonstigen Fahrzeugen. Neugierigen Touristen
oder auf die
toreros wartenden
aficionados begegnete ich hier nicht. Die Tapas-Bars und Restaurants im Eingangsbereich der
Plaza waren gut
besucht von Gruppen, die eindeutig als
aficionados a los toros zu identifizieren
waren. Doch auch hier verzichtete man nicht auf die Fußballübertragung.
Wegen der
merklich
abgekühlten Temperatur
zog ich
mich ins Innere einer der Bars zurück und
beobachtete bei einem Sandwich und einem Glas Rotwein, was sich vor mir
- hinter einer
Sichtscheibe - in
dem breiten Zugangstunnel abspielte. Ab halbzehn sollte Einlass sein.
Security-Leute waren zu erkennen, hatten die Eingänge im Blick;
vereinzelt oder in kleineren Gruppen
trafen Helfer ein,
areneros, und andere Angestellte, immer noch kein
Publikum.
Mein Nachbar an der
Theke, ein junger "
Morantista" aus
Cádiz, mit dem ich mich
unterhalten hatte, wurde unruhig. Wir verliessen
die Bar - inzwischen war das Fußballspiel in der
Verlängerung -
gegen 22 Uhr.
Draussen war es jetzt dunkel.
Der Einlass war inzwischen eröffnet, man wartete in längeren
Schlangen,
Handys und Smartphones
in Aktion. Unruhe und Aufregung lagen in der Luft.
Sie aber waren nicht so sehr der Vorfreude auf das
taurinische "event", sondern dem immer noch ungeklärten Spielstand
geschuldet. Ich traf im Gewimmel auf meinen Maler-Freund
Diego Ramos,
der mit seinem neunjährigen Sohn aus
Südfrankreich gekommen war.
Dieguito liebt die Stiere. Ich vermute, dass der
verantwortungsvolle Papa, ein Freund
Morantes, die Gelegenheit nutzte, seinem
Kind den
maestro artista in einer relativ "unblutigen"
corrida
vorzustellen.
Von
Diego habe
ich ein sehr gelungenes Bild
Morantes, eine Kohlezeichnung aus dem Jahr 2011.

Als ich auf
meinem Platz
ankam, realisierte ich die grelle Beleuchtung in der
Plaza.
Die Atmosphäre einer Turnhalle
vermittelte sich, auch akustisch.
Die Zuschauerränge, ausgestattet mit roten Plastiksitzen, waren nur schwach
besetzt. Das spanische Ehepaar neben mir, extra wegen
Morante aus
Burgos
angereist, wusste von einer fussball-bedingten halbstündigen Verspätung, die
sich allerdings verlängerte.
Kurz vor 23 Uhr:
Finalmente! Jubelschreie über den Elfmetersieg Portugals! Die Ränge
füllten sich, Erleichterung, Euphorie! Applaus!
- Mit Emphase
wurde die von den Bläsern der Nationalgarde intonierte portugiesische
Nationalhymne gesungen.
Anschliessend
führten
die Nationalgardisten im
ruedo auf
sechzehn Schimmeln dem Publikum ihre kombinierte Reiter- und Bläserkunst vor. Schliesslich und endlich konnte das Kontrastprogramm beginnen. Eintritt
in die Sphäre der Kunst!
Por fin!
Fortsetzung folgt.