Ein Fahrrad, ein Seil . . . und ein Stier
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von Colin Ernst
Eine der verrücktesten Geschichten, die ich je im Zusammenhang mit der Welt der Stiere zu hören bekam, nahm ihren Anfang in Mallorca. Ein junger Mann, Träumer, Abenteurer, Sportler und Perfektionist, hatte Jahre an seiner Idee gearbeitet, die ihn in aller Welt berühmt machen sollte. Miguel Estelrich Perelló, geboren in Santa Margarita, auf Mallorca, war Akrobat, Artist mit dem Fahrrad. In den schwierigen Nachkriegsjahren, suchten viele Menschen ihr Glück im Wagemut. Die einen stellten sich den Stieren gegenüber, Estelrich arbeitete an einem Hochseilakt, ohne Sicherung. Vier lange Jahre tüftelte er an der Möglichkeit, eine plaza de toros, von Turm zu Turm, auf einem Seil, mit dem Fahrrad zu überqueren. Die Idee kam wohl nicht von Ungefähr, denn sein Freund Eduardo Pages war Manager der plaza de toros von Palma de Mallorca. Miguels lebensgefährlicher Akt, "Ruta de la muerte" (Todesweg), den er unter dem Künstlernamen "Mestelrich", war zu damaligen Zeiten, im Jahr 1947 etwas Sensationelles, nie da gewesenes.
Einmal liess er ein kleines Trapez in der plaza aufbauen. Dort verharrte er, auf seinem Fahrrad sitzend, während der Stier in der Arena war. Der toro griff ihn nicht an, denn ein toro reagiert nicht auf unbewegliche Gegenstände. Natürlich gab es Schwierigkeiten, von den Verantwortlichen die Genehmigungen zu solch gewagten Schauspielen zu bekommen, aber er bekam sie. Diese Nummer nannte man "Suerte del Don Tancredo", etwas ganz Neues. Der Artist auf dem Trapez, während der Stier um ihn herum sauste. Miguel bekam daraufhin viele Angebote, unter anderem zu einem Musical taurino, in allen plazas Spaniens. Allerdings lernte er auch, das einige Stiere die Unbeweglichkeit nicht respektierten und wurde, ohne Konsequenzen auch schon mal auf die Hörner genommen. Aber schnell entwickelte "Mestelrich" neue Ideen, was man mit Stier und Fahrrad alles anfangen kann. Rejoneo zu Rade, war eine davon, welche allerdings mit einem Desaster endete. Statt den rejón zu setzen, musste er auf dem Rad flüchten, was er allerdings sehr geschickt machte, bis die cuadrilla den quite ausführte.
La Suerte de Don Tancredo
Der empresarioPages, der sah mit welch wagemutigem Jungen er es zu tun hatte, gab ihm die Chance, den Hochseilakt in der plaza von Palma de Mallorca durch zu führen. Das Debüt, eine plaza in der Luft zu überqueren, während unten ein toro auf ihn wartete, fand am 16.August 1947 in der überfüllten plaza de toros von Palma statt. Nun ging es steil bergauf. Es wurde gefilmt, Mestelrich hatte Verträge mit führenden plazas in Spanien und Portugal. Später führte ihn sein Traum, etwas Unvergleichliches zu tun, um die ganze Welt: Frankreich, Deutschland, Schweiz, England, Venezuela, Colombia, Peru, Panama, USA, Ägypten, Syrien. Insgesamt 54 Länder hat der Hochseilkünstler und beinahe torero mit seinem Schauspiel bereist, zu damaligen Zeiten mehr als ein Rekord!
Hier ein Video, welches in der ersten Minute Mestelrichs Auftritt in Palma de Mallorca zeigt:
Von weitem kann man ihn schon erkennen. Da steht er oben auf den Hügeln der hispanischen Halbinsel, bewegungslos schaut einen an, und jeder der ihn sieht denkt sich, ja, das ist Spanien, dass ist sein Markenzeichen. Der toro bravo. Jener toro der speziell für die corridas, für die festejos taurinos, im englischen Sprachgebrauch nennen sie es bullfight, wir Deutschen haben daraus den Stierkampf abgeleitet, aufwendig auf den über 1.100 ganderías gezüchtet wird.
Egal zu welcher Jahreszeit, er ist immer zu sehen. (Foto: mundotoro)
Eine besseres Werbeemblem kann es kaum geben. Es sich mittlerweile auch auf spanischen Flaggen und anderen touristischen Artikel wieder. Einen Schönheitsfehler hat die Angelegenheit doch.
Damals im Jahr 1956 gelang es der Werbeagentur Sahuquillo für den bekannten Getränkehersteller aus El Puerto de Santamaría (Andalusien) ein Werbesymbol zu entwerfen, welches man heute weltweit mit dem Namen Osborne verbindet. Den Toro de Osborne. Und so trat der toro bravo aus Andalusien eine marketingtechnische Weltreise an. Denn fast alle Produkte von Osborne wurden mit diesem neuen Logo des spanischen Stieres versehen.
Bei so einer genialen Marketingidee ist es doch naheliegend, mit diesem so einprägsamen Symbol auch für andere Produkte zu werben. Und sie gingen weiter, denn mit einem solchen erfolgreichen Logo könnte man doch auch für andere Produkte werben. Gesagt getan, der erste eigene Shop mit Souvenirs, Getränken, sogar Kleidungen und Schmuck öffnete in El Puerto de Santa María. Es folgten Madrid, Salamanca, Burgos, Málaga, Valencia und Toledo. Mittlerweile wird es als Franchise angeboten. Und den Touristen scheint es zu gefallen, denn was verbindet schon Spanien mehr als der toro.
Obwohl die Grupo Osborne mit dem toro bravo als Emblem eine Menge Geld verdient und den toro so auch in die Welt hinausträgt, ist der Sektorganadero eher unzufrieden mit dem südandalusischen Unternehmen. Denn dieser erfolgreichen Marke scheint es offenbar am notwendigen Interesse für die mundo de los toros zu fehlen. Immerhin stammt ihr Emblem aus dieser Welt taurino. Die ganaderos sind enttäuscht. Osborne setzte sich so gar nicht für die toros ein. Immerhin verbirgt sich hinter dem spanischen toro die pure Identifikation mit Spanien, den spanischen dehesas, der spanischen Mentalität und eines einzigartigen Schauspiels, welches jüngst zum Kulturgut erklärt worden ist. Im Hause Osborne sieht man dieses ein wenig anders. Zwar fühle man sich als authentische Spanier mit spanischem sangre, aber man habe die Welt im Auge. Die meisten ihrer Kunden wissen nichts über die toros und viele Gegner gehören auch zum Kundenkreis. Somit will man einem Disput aus dem Wege gehen, meint, den antitaurinos keine Angriffsfläche zu geben. Eigentlich einleuchtend.
Viele kleine toros die keine toros sein sollen oder dürfen.
Über Menschen die den Ablauf einer corrida störten um selbst ins Rampenlicht zu gelangen
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von Colin Ernst
Das nicht nur El Cordobés seine Erlebnisse als und mit espontáneos hatte, zeigt diese Geschichte, mit glücklichem Ausgang. Wie die traurige Geschichte von Fernando (siehe 3. Teil dieser Serie) , spielt auch diese in Albacete. 1978, bei einer corrida mit Damaso González und toros von Samuel Flores. Dort stahl der novilleroManuel Garijo „El Tarta“ dem maestroGonzález die Show. Der toro sollte eigentlich zurück in den corral gebracht werden, aber Manuel sprang ins ruedo, und es gelang ihm, mit seiner eingeschmuggelten muleta, dem toro so gute muletazos zu entlocken, das es ihm sogar erlaubt wurde, dieses Exemplar zu töten. Eine tief angesetzte media estocada, tötete den Stier schnell, was ihm den Beifall vom Publikum und anschließenden Aufenthalt im Gefängnis bescherte.
Später machte er, nach seiner alternativa 1980 letztlich negative Schlagzeilen. Die Züchter Samuel Flores, und Daniel Ruiz beschuldigten ihn, sie mit Repressalien der der Terrororganisation ETA bedroht zu haben, wenn sie ihn nicht mit deren Stieren kämpfen ließen. El Tarta hatte, als novillero, verbotener Weise, als espontáneo bei ihren corridas agiert, was die Züchter später veranlasste ihn für die zukünftigen corridas abzulehnen.
Manuel Garijo Alcantuz "El Tarta" und seine Ehefrau Ángela Martínez Orea wurden im Juli 1983 vom Gericht der ersten Instanz in Albacete, Morddrohung durch die ETA und einer Erpressung mit einer Forderung von zwanzig Millionen Peseten an die ganaderosSamuel Flores und Daniel Ruiz zu jeweils lediglich drei Monaten Haftstrafe verurteilt.
Was auffallend ist, weder im Cossío noch in den bekannten Internetportalen über die mundo de los toros wird der torero aus Albacete aufgeführt. Die taurinische Szene hat sich von ihm distanziert.
Über Menschen die den Ablauf einer corrida störten um selbst ins Rampenlicht zu gelangen
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von Colin Ernst
Ein espontáneo hat auch zum Rücktritt von Manuel Benitez geführt. Eine corrida in Albacete (Kastilien - La Mancha), im September 1981, mit den matadores de torosRafael de Paula, El Cordobés und Palomo Linares. Der Nachmittag fing nicht gut an. Es hagelte Pfiffe und Sitzkissen, zuerst für de Paula, dann für El Cordobés. Der fünfte Stier, von der ganaderíaGuartales, mit Namen Sospechoso (Verdächtiger), mit ausladenden Hörnern verliess den toril. Vom tendido7 sprang Fernando Eles Villarroel Sanchez ins ruedo. Mit nacktem Oberkörper, das rote Hemd in der Hand, lief er auf das Tier zu und zitierte den toro. Dieser nahm den espontáneo sogleich mit kurzem Anlauf auf die Hörner. Und setzte ihm, der am Boden lag, heftig nach. Mehrfach.
Neben anderen Verletzungen, waren zwei der cornadas tödlich. Fernando verblutete in Sekunden schnelle im Sand der plaza von Albacete.
Später wird El Cordobés vorgeworfen, zu spät eingegriffen zu haben. Laut Gesetz (Artikel 34, Absatz 5 des reglamento taurino) ist es die Pflicht der cuadrilla, welche in diesem Moment im ruedo ist, den espontáneo abzuhalten, einzufangen, den Stier abzulenken und den Delinquenten im burlardero der Polizei zu übergeben. Fernando, so hieß es, hätte getrunken und wollte dem maestro demonstrieren "Wer er ist". El Cordobés verließ Albacete, sichtlich geschockt, fluchtartig. Am Folgetag gab er seinen endgültigen Rücktritt bekannt.
Über Menschen die den Ablauf einer corrida störten um selbst ins Rampenlicht zu gelangen
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von Colin Ernst
Am 19. Mai 1968 sprang der toreroMiguel Mateo "Miguelin" als espontaneo in das ruedo von Las Ventas. Warum? Der toro wurde gerade von El Cordobés bearbeitet, und Miguelin wollte demonstrieren, das der Stier des Cordobés kein bisschen gefährlich war. Das Video zeigt unter anderem Miguelin wie er den toro am Kopf streichelt und sich lässig auf dem Rücken des torossich anlehnt. Was aber sollte diese Demonstration bedeuten?
In diesen Zeiten waren die figuras alle auf höchstem Niveau, Ordoñez, El Viti, Curro Romero, Diego Puerta, Paco Camino... und anführend: El Cordobés, schwer diese Riege zu durchbrechen, ähnlich wie heute. Gleichzeitig gab es Gerüchte, das die toros des Superstars des toreo, an den Hörnern manipuliert seien, das so genannte afeitado und die Manager des Cordobés nur die ungefährlichsten Stiere für den maestro reservierten. Nun, all dies war das Motiv des Miguelin, der trotz seiner Legitimation als professioneller torero, erst mal abgeführt wurde. Eine Geldstrafe ersparte ihm längeren Aufenthalt in der Arrestzelle bei der Polizei.
Damit war die Geschichte mit dem espontáneo noch nicht zu Ende. Ich kann mir vorstellen, das El Cordobés an diesem Tag in Las Ventas, eine Wut auf seinen „Kollegen“ hatte, die es in sich hatte. Später, hatte Miguelin ein Problem mit espontáneos, die sich vermehrt bei seinen corridas in die Arena wagten. Miguelin behauptete, das dies von Manuel Benitez "El Cordobés", bezahlte espontáneos wären. Viele Jahre später, El Cordobés war schon zurück getreten, gab es eine Benefizcorrida in Las Ventas. Mit Antoñete, Manuel Benitez "El Cordobés", Joselito und anderen. Als die Reihe an El Cordobés war, sprang ein junger Mann, als espontáneo in den Sand... Manuel Diaz, heute bekannt als "El Cordobés". Ihm blühte nicht nur das gleiche Schicksal, wie allen – eine Verhaftung, er wurde auch so berühmt wie sein Vater.
Über Menschen die den Ablauf einer corrida störten um selbst ins Rampenlicht zu gelangen
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von Colin Ernst
Ein espontáneo, was ist das? Schon beim Lesen dämmert es einem, etwas Spontanes. In der Welt der toreros ist es Mythos und gefürchtet zugleich. Die sogenannten espontáneos, waren junge Männer, die unbedingt Stierkämpfer werden wollten. Sie sprangen während einer corrida ins ruedo und lenkten so Aufmerksamkeit auf sich. Den Glücklichen gelangen ein paar pases mit ihrer mitgebrachten muleta oder ihrer Jacke und dann wurden sie verhaftet und abgeführt. Den weniger Glücklichen nahm dieser spontane Sprung in die Arena das Leben. Ich möchte über drei espontáneos berichten, die Geschichte machten.
El Cordobés wird verhaftet.
(Foto: Toros y Toreros)
Der uns wohl bekannteste Glückssucher, um eine oportunidad zu bekommen, um eine Chance zu erkämpfen war damals der junge Mann mit dem Namen Manuel Benitez. aus dem andalusischen Dorf Palma del Río. Ihm gelang es, mit seinen lebensgefährlichen Aktionen, die Aufmerksamkeit zu erringen, um die ihn bis heute wohl jeder, hinter vorgehaltener Hand, beneidet. Mehrmals hatte sich der Junge aus Palma del Rio, unerlaubt in die, damals größtenteils aus zusammengestellten Heuwagen bestehenden plazas portátiles, geschlichen. Weniger das er dort mit seiner Kunst brillierte, mehr mit seinen teilweise akrobatischen volteretas. Oft befand er sich mehr in der Luft, dorthin befördert mittels der Hörner des Tieres, als vor dem Stier oder der Kuh. Aber er fiel auf. Einige Gefängnisstrafen bescherte ihm seine Passion. Aber am Ende wurde er entdeckt, gefördert und vom Publikum gehasst und geliebt, wie es sich für den bekanntesten torero des Landes gehört.
Vom espontaneo zum Superstar unter den toreros: Manuel Benitez "El Cordobés
(Foto: mundotoro)
Manuel Benitez „El Cordobés“ wurde international bekannt, und damit auch sein Land. Neben Anfeindungen aus Reihen der toreros, hatte er auch selbst unter den espontáneos zu leiden. So bekam der maestro aus Córdoba seine eigene Medizin zu schlucken.
Fortsetzung folgt. _______________________________________________________________ Literaturhinweis: ... oder du wirst Trauer tragen, Larry Collins und Dominique Lapierre Über das phantastische Leben des El Cordobés C, Bertelsmannverlag, München, 1986
Gleich zwei indultos bei einer corrida in Kolumbien
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Die indultos, also jene Begnadigungen von toros gehörten in der Vergangenheit, besonders im letzten Jahrhundert, eher der Seltenheit an. Doch in diesem Jahr geht es in Amerika auffallend munter los. In der 25.000 Seelengemeinde im kolumbianischen Lenguazaque errungen gleich zwei toros an einem tarde den Weg zurück in die Freiheit.
Matías Tejela, Manuel Libardo und Leandro de Andalucía (Fotos: mundotoro
Der Züchter
Vor vollen tendidos gelang es der ganaderíaJuan Bernado Caicedo mit ihren toros durch und durch zu überzeugen. Mit viel nobleza, raza und bravura ausgestattet, beförderte diese corrida die bisher eher als mittelmässig bekannte ganadería in den Himmel der Apotheose. Und schliesslich waren es die beiden matadores de toros Matías Tejela und Manuel Libardo denen es gelang mit ihren künstlerisch anspruchvollen Manövern mit temple die nobleza der toros vorzuführen und die Emotionen in die tendidos zu übertragen. Zwei indultos an einem Tage.
Aber auch der dritte matador im Bunde, Leandro de Andalucía verstand es zu überzeugen, denn sein letzter toro erreichte eine vuelta al ruedo. Was für ein Tag für eine ganadería. Der ganaderoDon Juan Bernardo Caicedo verliess mit den drei matadores ebenfalls die plaza auf den Schultern durch die puerta grande.
Der spanische Schriftsteller Antonio Gala schrieb die Drehbücher zur Serie Paisaje de figuras, wo er sich 39 spanischen Persönlichkeiten zuwendete, zum Beispiel Francisco Goya, dem Gaudi oder auch El Greco, und in einer Art Selbstgespräche diese zu Wort kommen liess. Darunter auch zwei toreros. Pedro Romero (1754 bis 1839) und Juan Belmonte (1882 bis 1962). Letzterer wurde im Oktober 1984 ausgestrahlt und der matadorBelmonte wurde durch den Schauspieler Paco Rabal dargestellt.
Natürlich fragt sich hier ein jeder, was hat das Abschneiden eines orejas mit der arte de torear zu tun? Die Antwort ist einfach. Zwar handelt es sich dabei definitiv nicht um Kunst, sondern um die Bewertung der künstlerischen Leistung durch die toreros. Mit anderen Worten, das cortar una oreja ist die Messlatte der erbrachten Leistung eines matadores.
Ein jeder Besucher einer corrida, wo die matadores mit trofeos ausgezeichnet worden sind hat es schon gesehen. Doch kaum einer kennt den geschichtlichen Hintergrund, kaum einer weiss wie es dazu gekommen ist. Woher kommt eigentlich dieser Brauch?
Seinen Anfang hatte dies in den Maestranzas von Ronda und Sevilla. Wir gehen zurück in 18. Jahrhundert. Dort wurde der Stier nach der corrida der erfolgreichen cuadrilla geschenkt, nicht nur zum Selbstverzehr und um Freunde und Bekannte damit zu einem Festmahl einzuladen. Es war auch Bestandteil der Bezahlung einer cuadrilla, die das Fleisch auch oft an Bedürftige verteilte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich allerdings zum Fleischereigeschäft und die Metzger wollten auf den Umsatz nicht mehr verzichten und man begann die toros nicht mehr komplett zu verschenken. Für ein oreja gab es einen viertel toro, für zwei orejas einen halben toro und für dos orejas y rabo ein ganzer toro.
Es gab auch mal den Brauch, dass die empresarios die toreros statt mit orejas mit Goldmünzen belohnten. Die matadores jedoch lehnten diese ab, empfanden sie es doch wie Almosen.
Ein oreja für Sebastián Castella aus Frankreich (Foto: mundotoro)
So wurde das Ohr, „laoreja“, zum Symbol, dass die cuadrilla mit ihrem torero so gut war, das man ihnen den Stier für ihre Leistung zusprach. Ein oreja stand damals für einen Stier. Jetzt nicht mehr und lediglich der matador erhielt ein oreja als Auszeichnung.
Erst viel später, als der Ursprung dieses trofeos in Vergessenheit geriet, wurden von den begeisterten aficionados zwei Ohren, also zwei Stiere vergeben. Für die maximalen Trophäen, die zu Mitte des letzten Jahrhunderts zwei orejas, den rabo (Schwanz) und einen Huf des Tieres, betrugen, hätte der torero und seine Mannschaft also gut vier Stiere verdient. Heute bekommt der torero, der eine gute Arbeit abgeliefert hat, gut tötet, meist ein oreja. War die Arbeit sehr gut, gibt es zwei. Zwei orejas und den Schwanz gibt es bei exzellenter Arbeit, was in wenigen Fällen mit einem indulto des Stieres endet. Diese Begnadigung, seitens des toreros, des Publikums, des ganaderos, des Präsidenten und des Züchters, wird mit den symbolischen trofeos belohnt. Den Brauch auch noch den Fuss eines Tieres zu gewähren, habe wir selbst in der Neuzeit noch nie gesehen.
Das erste oreja in Spanien wurde in Madrid, an den matadorJose Lara "Chicorro" (1839 bis 1911) vergeben. Alfonso XII sass auf dem königlichen Balkon, an diesem historischen 29. Oktober 1876. Das zweite oreja gab es erst 1910, also 34 Jahre später, an den matadorVicente Pastor al toro "Carbonero". In Sevilla bekam erst 1915 ein torero das erste oreja. Kein geringerer als José Gómez Ortega "Joselito" (1895 bis 1920) bei seinem encierro mit sechs Santa Coloma Stieren. Der Name des toros war der legendäre Cantinero.
Bis 1942 gab es in Spanien lediglich 10 rabos. Den ersten erhielt 1918 in Las Ventas der novilleroJosé Rogers "Valencia I". Zwei Monate später gelang es mit Joselito dem ersten matador in Sevilla einen rabo zu erobern.
Wie viele trofeos dem matador für seine lidia zustehen und wer dieses heute zu entscheiden hat, bestimmt das reglamento taurino in Artikel 82, Absatz 2: Die Entscheidung des ersten orejas liegt beim Publikum, welches durch das Schwenken mit weißen Taschentüchern, die trofeo fordern kann. Die Verantwortung für das zweite oreja liegt exklusiv in den Händen des Präsidenten der corrida. Der rabo kann laut reglamento taurino (Artikel 83, 2) nur bei einem indulto gewährleistet werden, was aber nicht immer sein muss, da sich gerade dörfliche plaza de toros gelegentlich über das reglamento hinwegsetzen.
José Miguel Arroyo ist am 1. Mai 1969 in Madrid geboren. Nach einer schwierigen Kindheit, sein Vater war in der Drogenszene involviert, trat er der escuela taurina von Madrid bei. Er selbst sagte dazu, "Ohne die toros wäre ich heute im Gefängnis oder tot". Seinen erste öffentlichen Auftritt hatte er mit 13 Jahren bei einer becerrada in Sangüesa (Navarra), wo er sein erstes oreja erlangte. Nur ein Jahr später gelang ihm dasselbe resultadoartístico in der wichtigsten plaza de toros von Spanien, in Las Ventas. Seine alternativa trat er vor 14.000 Zuschauern in der Malagueta von Málaga am 20. April 1986 an. Sein padrino war Damaso González und sein testigoJuan Mora. Sein resultadoartístico war ein oreja.
Von da an begann eine einzigartige Karriere. Mit der capa gelang es ihm nicht selten die Emotionen noch vor dem ersten tercio in die tendidos zu übermitteln. Seine quites versetzten das Publikum in einen Rausch. Auch die muleta beherrschte er mit dem notwendigen temple. Sich zu viel oder gar zu hektisch zu bewegen lag "Joselito" sowieso gar nicht. Und kaum ein maestro verstand es mit solch einer Kontinuität seiner lidia einen krönenden Abschluss zu verleihen. Wenn ein torero den Titel matador de toros wirklich verdient hat, dann er. Fast alle estocadas sassen perfekt und führten schon beim ersten Ansatz zum Tod des toros. Keine Frage, "Joselito" war im letzten Jahrhundert einer der wahren grossen maestros mit dem estoque.
Und trotz all dieser so hoch anerkennenswerten Leistung gab sich der maestro stets bescheiden. Den Medien ging er meistens aus dem Weg, er gehörte zu den stillen Stars in der Szene taurina. Trotzdem kannten und verehrten sie ihn alle. Er gehört auch zu den ganz wenigen toreros, welche nie beim Publikum in Ungnade gefallen sind. Pitos oder broncas gab es einfach nicht bei den seriösen Auftritten eines "Joselito".
Nun betritt er wieder die Bühne. Da müsste doch eigentlich Freude aufkommen. Doch jene alegría hält sich in Grenzen, denn der maestro hat beschlossen, in diesem Jahr nur einmal anzutreten, dann hat er sich einen Ort abseits der spanischen afición auserkoren und schliesslich eine plaza wo gerade mal 2.600 Zuschauer in den tendidos Platz finden. Glücklich derjenige der dabei sein darf.
José Miguel Arroyo"Joselito" betritt wieder das ruedo ... für einen Auftritt
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Die erste Sensation des Jahres ist perfekt! Der matador de torosJosé Miguel Arroyo"Joselito" kehrt nach gut zehn jähriger Abwesenheit ins ruedo zurück. So zumindest berichten die spanischen Medien (mundotoro und Aplausos). Allerdings findet die vielleicht einzige Aktuation des maestros und Leiter der escuela taurina von Madrid, im französischen Istres statt. Der empresario der plaza, kann es selbst nicht recht glauben. Man hatte sich unterhalten, im letzten Jahr nach dem Triumph von Morante, dass Istres genau die Kulisse sei, die den beiden maestros gefalle ... Nun sind die carteles geschrieben und Istres hat eine feria, die nichts zu wünschen übrig lässt. Enrique Ponce ist zum ersten Mal in Istres, die alternativa für Cayetano Ortiz, eine große Ehre, mit Joselito und Morante als Paten und Zeugen. Zwei Nachmittage mit Morante. Lieber Gott, schenk mir einen Lottogewinn, damit ich nach Istres reisen kann - dachte ich, angesichts der Nachricht.
Unter Moral verstehen wir im Allgemeinen verschiedene Handlungsmuster, welche gewissen Prinzipien unterstehen. Dabei spielen gewissen Werte, Pflichten sowie ethische Ansätze eine fundamentale Rolle. Eigentlich eine klare Angelegenheit. Doch wie lässt sich die Moral in Sachen toros interpretieren?
Ernest Hemingway
Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway stellte zwar klar, ohne es aber zu rechtfertigen, dass es moralisch sei, wonach man sich wohl fühle. Und das es unmoralisch sei, wonach man sich nicht wohl fühle. Eine einfache Interpretation. Demnach ist die corridafür ihn etwas Moralisches, weil er sich sehr wohl fühle während diese stattfinde. Wohl auch deswegen weil es bei ihm ein Gefühl für Leben, Tod, Sterblichkeit und Unsterblichkeit auslöse. Und am Ende fühlte er sich stets traurig aber auch sehr wohl.
Francis Wolff
Der französische Philosoph Francis Wolff bewundert die moralischen Tugenden der toreros. Die corrida sei keineswegs lediglich Technik oder Kunst, nein, sie sei vielmehr eine suerte der "Kunst des Lebens" wobei gewisse moralische Prinzipien befolgt werden müssen:
Man muss diesem ohne Frage gefährlichem toro gegenübertreten und seinen Mut und auch die Kaltblütigkeit demonstrieren.
Und jene Begegnung findet vor einem Publikum statt, wo es heisst, nicht sein Gesicht zu verlieren; und das mit Würde und wie ein caballero.
Es verlangt den toro zu dominieren. Und die Vorraussetzung dafür sei, dass man sich selbst, seinen eigenen Körper, Instinkte und Emotionen beherrsche.
Es gilt den toro zu töten. Um dieses zu tun ist der matador gezwungen, sein eigenes Leben zu riskieren. Das verlangt Ehrlichkeit sich selbst gegenüber sowie ein Kompromiss mit den eigen physischen wie moralischen Konditionen.
Schliesslich spielt da noch eine tragende Rolle, dass der matador zunächst dem toro alleine entgegentritt, mit der späteren Hilfe seiner banderilleros. Auch und gerade hier setzt der torero sein Leben aufs Spiel.
Auch für Wolff reflektiert sich bei den toros ein authentisches Gefühl des sich Wohlfühlens. Ein Modell der Wahrhaftigkeit.
Mit anderen Worten, als moralisch vertretbar wird angesehen, was zum einen erwartet und zum anderen für richtig gehalten wird. Und dabei handelt es sich keineswegs um moraltheoretische Rechtfertigung sondern schlichtweg um eine Interpretation von Werten für die Umsetzung einer Zweckmässigkeit. Für taurinos und aficionados eine klare Angelegenheit.
Am meisten ärgert die Nichtkenner der Szene taurino, dass die toros öffentlich getötet werden. Antitaurinos prangern dieses an und bezeichnen es als eine Hinrichtung bis hin zum Mord. Die Frage ist, muss der toro wirklich getötet werden?
Es sei mal festgestellt, Stiere werden grundsätzlich nicht für die Haltung als Haustiere gezüchtet. Der Zweck liegt ohne Frage in der Fleischgewinnung. Bei den corridas ist das Hauptmotiv ein wenig anders. Zwar werden auch die toros im Nachhinein verspeist, aber der entscheidende Faktor ist, dass so ein res während der zwanzigminütigen lidia mehr lernt als im ganzen Leben. Der toro beginnt zu begreifen, dass es weder die capa noch die muleta ist von der die Bedrohung ausgeht und kommt langsam drauf, den torero ins Visier zu nehmen. Mit anderen Worten er ist nicht mehr toreable. Er wird für den Menschen zu einer Lebensgefahr. Dies ist einer der Gründe, warum es vollkommen untersagt ist, sich bis zum Beginn einer corrida einem toro zu Fuss zu nähern.
Der französische Philosoph Francis Wolff betritt mit seinen Erklärungen eine kultivierte Ebene. Er führt drei Punkte an, welche den Tod eines toros rechtfertigen. Da wäre zunächst die symbolische Deutung: Eine corrida ist die Erzählung eines heldenhaften Kampfes mit dem tragischen Tod des Tieres, eben jenes toros. Dann kommt der ethische Moment, der "Augenblick der Wahrheit", wo sich der matador mit voller Risikobereitschaft ungeschützt zwischen die Hörner des toros wirft um den Todesstoss mit dem estoque auszuführen. In der estocada reflektiert auch der dritte und letzte Punkt des Philosophen. Die Ästhetik. Denn erst eine perfekt ausgeführte und vor allem todbringende estocada ist in der Lage das Kunstwerk einer gelungenen lidia vorbildlich, meisterhaft wie geradezu virtuos abzurunden. Die arte del toreo verlangt eben einen perfekten Abschluss.
Abschliessend sei noch erwähnt, dass auch in Portugal die toros getötet werden. Nur geschieht dieses nicht im Rahmen einer corrida, sondern die ebenfalls verwundeten toros werden erst später ausserhalb in einem matadero getötet.