Freitag, 25. September 2009

Las Vegas – eine Tortur für Don Bull?

Unblutige Stierkampfe in Las Vegas bald ohne Toreros?

Groß wurde es angekündigt. Unblutige Stierkämpfe in den Vereinigten Staaten. Es sollte eines der medialen Ereignisse in der Glamourwelt von Las Vegas werden. VIP-Lounges, Sterne-Menus für 650 Dollar und die normalen Eintrittskarten ab 75 bis 550 Dollar sollten Zuschauer aus Amerika und der ganzen Welt anlocken um die 7.000 Plätze im South Point Hotel and Casino zu füllen.

Erste Reaktionen auf der iberischen Halbinsel belächelten dieses Vorhaben. So ganz nach dem Motto, sollen sie nur mal machen! Ein Freund von mir winkte gleich ab: “Genau, ich gebe da zwei- bis dreitausend Dollar oder mehr aus, um mir mit einem mit Sicherheit nicht fachkundigem Publikum irgendwelche Kerle anzuschauen die sich toreros nennen und auf so komische Matratzen einstechen!”

In einem Punkt irrte sich mein Freund. Nicht vollkommen unbekannte Provinzkerle, sondern die Stars der Stierkampfszene sollten einen Erfolg garantieren. Und in der Tat, waren auf den Ankündigungen große Namen zu lesen. Die Creme de la Creme der aktuellen tauromaquía: Enrique Ponce, Julián López El Juli, El Fandi, Francisco Rivera Ordóñez, José Ortega Cano, Morante de la Puebla, Javier Conde, Pedrito de Portugal, um nur einige zu nennen. Die Presse und die einschlägigen Medien in Spanien hielten sich zu diesem Thema eher bedeckt. Nur in den Reihen der aficionados wollte man es genauer wissen: Was bewegt einen Startorero wie Enrique Ponce sich für so ein Spektakel zur Verfügung zu stellen? Was bringt die Künstlertoreros Morante de la Puebla oder ein Javier Conde dazu? Mit welchen Summen wurden sie wohl gelockt? Gut, ein Ortega Cano, das weiß ganz Spanien, dem fehlt es an finanziellen Mitteln und kann ein jedes Geld ziemlich gut gebrauchen. Nur, was ist eigentlich, wenn in Amerika keiner diese Stars aus der Welt der Stierkämpfe kennt?

Da kam die Stunde der Wahrheit und keiner ging hin!

Die 44 VIP-Tische wurden entfernt, das Menu gestrichen und nicht einmal zu einem Drittel konnten sich die restlichen Zuschauerreihen füllen. 315 bis 450 Dollar für einen Sitzplatz in den ersten acht Reihen, dass ist einfach zu viel! Auch am nächsten Tag sah es nicht anders aus. Weder Touristen noch Amerikaner können sich dafür begeistern, was beim amerikanischen Sender Univisión in spanischer Sprache in der Rubrik “Sport” zu sehen ist: Toros sin sangre!

Stiere ohne Blut?

Beim Internetportal “La Tauromaquía” bringt man es auf den Punkt: “Fliesst bei diesen toros Coca Cola durch die Adern? Korrekt wäre "Toreo sin sangre" Es zeigt auf wie oberflächig und unseriös die Veranstalter mit diesem doch für viele traditionellem Kulturgut umgehen. Zugegeben, in Spanien existiert sehr wohl der Begriff der toros. “Vamos a los toros” ein typischer Ausruf, dass wir jetzt eben nicht nur zu Stieren sondern zu einem Stierkampf gehen. Aber der Begriff löst bei Nichtkennern mit Sicherheit Irritationen aus. Und die von Don Bull erklärte Aufklärung und Annäherung an die Welt der toros findet so mit Sicherheit nicht statt. Noch ein Beispiel:

Ein Stier wird nicht getötet und begnadigt?

Da wird geworben, dass die Stiere weder verwundet noch in der Plaza de toros getötet werden. Mit allem Respekt, wie kann man da einen toro bravo auch noch begnadigen? Passiert da den Tierchen doch etwas hinter den Kulissen? Sofort ab ins Steakhaus? Es ist ganz gewiss nicht so, dass die Stiere nicht getötet werden sollen oder können. An keiner Stelle wird das von Don Bull oder seiner “Produktionsfirma” festgehalten, aber man will es suggerieren, dass den Stieren eben nichts geschieht.

Erkennen wir hier nicht eine Doppelmoral? Ist es nicht so, wenn wir uns einen guten Stier anschauen, viele olés rufen, toros und toreros bewundern, und wissen dabei, dass der Stier in wenigen Minuten sterben wird? Bewegt man sich da nicht in die Richtung eines ethisch-moralischen Zwiespalts? Werden hier Werturteile den momentanen und vor allem optischen Bedürfnissen angepasst und „mit zweierlei Maß“ bewertet sodass man sie publikumswirksam in Szene setzen kann? Der Stierkampf nur noch als ein reines Marketingobjekt?

Und jetzt Toros ohne Blut und ohne Toreros?

Da tönte Don Bull noch vor wenigen Tagen bei der Radiosendung Carrusel Taurino, er sei sehr stolz und befriedigt wie sein Projekt angelaufen sei. Zwar waren die ersten beiden corridas nicht so gut besucht, aber er will weitermachen, auch mit einem neuen Marketingkonzept. Und der US-Bundesstaat Nevada will mithelfen und sich darum sorgen, dass wenigsten 4.000 verbilligte Karten an den Mann gebracht werden können. Doch mal ehrlich, wovon will man dann eigentlich die Torero-Stars bezahlen?

Am besten gar nicht, denn ein Großteil der spanischen Elite hat sich zurückgezogen oder stellt ihren Auftritt in Frage. Nicht nur, weil es ihnen selbst suspekt erscheint, nein, die Kritik aus den Reihen der eigenen afición ist grösser geworden. Und die treuen Anhänger will man natürlich nicht verärgern.

So gesehen hat mein oben zitierter Freund gar nicht mal unrecht! Wer zahlt schon über 200 Euros zum Beispiel für einen Enrique Ponce, El Fandi und Francisco Rivera Ordóñez in Las Vegas, wo allein schon Anreise und Unterkunft ein Vermögen kosten, wenn man dieselben Toreros vor spanischer Kulisse in einer Plaza de toros der ersten Kategorie für 20 bis 65 Euros sehen kann?

Bleiben noch die Amerikaner. Aber, kommt es denen nicht billiger und vor allem authentischer dann nach Mexiko zu reisen?

Man kann es drehen und wenden wie man will. Es entsteht der Eindruck, das Don Bull, in seiner Eigenschaft als Veranstalter weder den toreros und den toros noch dem Publikum den nötigen Respekt gegenüber zeigt. Wahrscheinlich ist wohl auch der Name “Don Bull” nicht richtig gewählt. “Don Bill” würde eher passen, der Herr der Banknoten, derjenige dessen Illusion nur aus vielen, vielen Dollars besteht und nicht in der Befriedigung der afición. Da liegt der entscheidende Unterschied.

Samstag, 12. September 2009

Toreros der Küche

Schon seit geraumer Zeit gehört es zum Trend, sich als Berühmtheit in Kochsendungen oder Büchern zu präsentieren. So war es nur eine Frage der Zeit, wann denn die caballeros der Lichteranzüge ihre kulinarischen Gedanken freigeben. So haben die beiden Journalistinnen Pilar und Susana Carrizosa, bekannt durch das spanische Fernsehen (Madrid hoy und informe semanal) schon Ende 2006 ein Buch zu diesem Thema herausgegeben:
Toreros en la cocina
Siebzehn matadores de toros tauschten die muleta gegen Kochschürze und die espada gegen Küchenmesser ein und präsentieren 35 Speisen. Meistens im Rahmen eines eleganten Restaurants oder auf der eigenen Hacienda sprechen sie jene aficionados an, welche sich in den tendidos genauso wohlfühlen wie in kulinarischen Tempeln. Begleitet werden einige von dem katalanischen Zwei-Sterne-Starkoch Sergi Arola.
Javier Vazquez aus Madrid beginnt mit den Worten “Genauso wie in der Plaza de toros fühlt sich einer in der Küche alleine. Das stellt sich zunächst die Frage, wie man denn seine Arbeit am besten beginnt? Nun, genauso wie im Rund einer Stierkampfarena! Denn das erste was man anstrebt ist es, sich vorzubereiten, Und eines haben der torero und der Koch gemeinsam, am Ende wollen sie, dass es dem Publikum gefällt”. Der aus Sevilla stammende Julio Aparicio erkennt als Gemeinsamkeit den Wunsch, die Lust, die Einfachheit sowie eine jede Illusion. Und fügt hinzu: “Ob man nun einem Stier gegenüber steht oder an der Herdplatte, muss vorbereitet, intelligent wie wachsam sein, und vor allem, vor einer jeden guten faena (der eigentlichen Arbeit) viel Gefühl einbringen”. Auf den Nenner bringt es der Sternekoch Sergi Arola „Es ist eine Form etwas Wertvolles zu teilen, ob als Mann oder Frau. Ich kann mir ein Leben ohne Sensibilität nicht vorstellen, und das ist das Besondere in der Kochkunst. Darum gefällt mir auch der Stierkampf, wegen seiner besonders magischen Sensibilität”. Und er fügt hinzu, dass man wie beim Stierkampf die nötige Eingebung benötigt.
Bei so viel Sensibilität kann man sich eigentlich nur voller Spannung auf diese tauro-kulinarische Lektüre freuen. Und ein erster Blick über die Seiten verrät, hier geht es nicht nur um Rezepte, sondern die matadores de toros geben hier auch Privates von sich. Aber natürlich stehen ihre lukullischen Erlebnisse, ihre feinschmeckerische Erziehung und nicht zuletzt auch nicht unbedingt so kulinarische „Köstlichkeiten“ im Zentrum der Lektüre.
So „erfreute“ sich, der mittlerweile 85-jährige Jaime Ostos in Kolumbien an „gerösteten Ameisen“, natürlich ohne es zu wissen: „Allein schon der Gedanke, dass ich den kompletten Ameisenhaufen fast allein verspeist habe, löste bei mir … den Rest erspare ich Euch“. Der aus Cádiz stammende José Antonio Canales Rivera kam bei einer Überlebenssendung im spanischen Fernsehen in den Genuss eines Mischgetränkes aus Echsenaugen, Würmern, Heuschrecken, Affenhirn und weiteren Delikatessen. Und er verkündete nach mehreren Tagen des Hungerns, zwar schmeckte es „fatal, aber ich fühlte mich fabelhaft, und ich glaube kaum einer kann dieses Gefühl nachvollziehen!
Im Großen und Ganzen handelt sich meistens um einfache, eher ländliche Rezepte, die nicht selten aus Mutters Kochstube stammen. So finden wir ein SALMOREJO von José Antonio Canales Rivera und MIGAS a la Victor Puerto oder MIGAS AL ESTILO CAMPUZANO. Und Tomás Campuzano aus Écija bei Sevilla erklärt uns, was es genau ist: „Wenn diese (gemeint sind die Brotkrumen) schön knusprig sind, gibt man ein Spiegelei darüber. Das ist der entscheiden Campuzano Geschmack“. Der aus Valencia kommende Vicente Barrera bereitet, wie zu vermuten ist natürlich eine PAELLA VALENCIANA DE POLLO Y CONEJO.
Richtig erstaunt wird der Leser über die Kochkünste der Litri-Dynastie. Vater wie Sohn haben nicht nur Stierblut in den Adern, sondern beherrschen auch ihr Handwerk in der Küche. Miguel Báez y Espuny „Litri“ erlernte die Kochkunst sozusagen nebenher. Bei seinen Reisen zu den verschiedenen corridas de toros war er von der Zubereitung der Speisen so begeistert, dass er mit den einzelnen Köchen einen Deal machte: „Ihr zeigt mir wie es geht, und ich besorge euch Eintrittskarten für den Stierkampf”. Nun versteht er sich in der Küche bestens zu bewegen, und er hat es gar nicht gerne, wenn man ihm Verbesserungsvorschläge unterbreitet oder gar es wagt ihn zu kritisieren. Köstlich seine etwas unfeine Ausdrucksweise: „Mujé, má vino, cao en la puta!“ Natürlich trat bezüglich der Kochkunst sein Sohn in dieselben Fußstapfen, der über eine andere Delikatesse zu berichten weiß. Miguel Báez Litri jr. heirate Carolina Adriana Herrera, Tochter der bekannten Modedesignerin Carolina Herrera. Und eben seine Schwiegermutter liebte es in der Küche, genauso wie in der Mode, die Geschmäcker ordentlich zu vermischen. So gab es unter anderem BOHNEN MIT KETSCHUP.
Das klassische Stiergericht ESTOFADO DE RABO DE TORO wird von Jaime Ostos zubereitet. Er liebt es zu kochen, bleibt aber bei der alten, sprich traditionellen Küche: „Die neue Küche ist eigentliche eine Bauernfängerei!“
Aber nicht alle Toreros in diesem Buch, lieben es zu kochen oder sehen sich als werdende Köche. Vicente Barerra stellt trocken fest: „Ich versuch es gar nicht zu verheimlichen! Warum sollte ich lügen? Weder bin ich Koch, noch habe ich Spaß daran in der Küche zu stehen. Aber manchmal muss man es halt tun um zu überleben“. Der Medienstar Francisco Rivera Ordoñez benötigt einen Roman, ganze zwanzig Wörter, um seine Speise zu umschreiben: SOLOMILLO DE CEBÓN CON SALSA DE COLMENILLAS, PATATA CREMA, FONDO DE ALCACHOFA CON ESPINACAS, TOMATE CHERRY Y PUNTA DE TRIGUERO. Dahinter ist höchste Kochkunst zu vermuten, doch schnell wird man aufgeklärt: “Ich habe nicht die leiseste Idee, wie man mit dem Küchenherd umgeht. Das einzige was ich wirklich bereiten kann ist ein Spiegelei. Und ich mag noch nicht mal Eier“.
Das es in einem solchen Buch tauro-kulinarische Begriffe gibt ist eigentlich zu erwarten: Die Zubereitung wird allgemein als FAENA umschrieben und zahlreichen Gerichte erinnern an die Tauromaquia: PAVO REAL CON BANDERILLAS AL ESTILO VÁZQUEZ, RUEDO DE VERDURAS, SUERTE DE SOLOMILLO von José Pacheco Rodriguez „El Califa”, oder eine VERÓNICA DE SETAS CAMPERAS, ESTOQUE DE CHULETAS von Julio Aparicio und ob die TROMPETA DE LA MUERTE bei den SARDINAS ASADAS von Miguel Báez Litri jr. auch dazugehört, sei dem Leser selbst überlassen.

Eine unterhaltsame Lektüre für einen jeden der die Tauromaquia mit der kulinarischen Welt verbinden möchte. Sympathisch auch deswegen, weil die Stierkämpfer ein wenig aus ihrem privaten Leben erzählen. Insofern ist dieses Buch in seiner Art bis zu diesem Zeitpunkt einzigartig, sozusagen konkurrenzlos.
TOREROS EN LA COCINA
(in spanischer Sprache)
Pilar Carrizosa
Susana Carrizosa
Edition: El tercer nombre, S.A.
ISBN: 84-935102-8-9
Preis: 30,- Euros

Sonntag, 6. September 2009

Geistliche Afición


Den Titel könnte man durchaus auf spirituelle Fundamente beziehen. Aber in diesem Blog ist es natürlich naheliegend, einen Blick auf eine afición der Geistlichen zu werfen, die einen Hang zur mondo de los toros haben.

Antonio Cañizares: Kurienkardinal
Antonio Kardinal Cañizares Llovera hat in Rom, fernab von der Welt der toros die Leitung der Vatikan-Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung übernommen. Der 1945 in der Region Valencia geborene Priester entwickelte schon frühzeitig einen Faible für den Stierkampf. Und so spricht sich der Kurienkardinal der römisch katholischen Kirche für den Stierkampf aus.
Es versteht es sich aber von selbst, das er in der Funktion als ehemaliger  Erzbischof von Toledo, sowie Primas von Spanien, und jetzt als  Kurienkardinal sich weder privat noch öffentlich gegen die Tauromaquia äußert.

Don Cesáreo: Priester und Kampfstierzüchter
Bekannt sind die Stiere von Don Cesáreo aus Salamanca als los toros del Cura de Valverde (Die Stiere des priesters aus Valverde). Obwohl dieser schon 1994 verstorben ist, kenn man seine Stiere noch heute unter dieser Bezeichnung.


Diese Stierzucht wurde am 20 April 1941 von Don Juan Sánchez Rodríguez gegründet. 1953 vererbte dieser die Zucht an seine Kinder und eben an Don Cesáreo, den Pfarrer des Ortes. Während jedoch der Familiennachwuchs seine Stiere an andere bekannte Züchter, wie zum Beispiel Litri, verkaufte, beschloss der Priester seine Tiere, 80 Kühe und zwei Stiere, zu behalten. Es war ein langer Weg, und zunächst reichte es auch nur für die kleinen Plaza de toros. Dreißig Jahre sollte es dauern bis am 23. Juli 1983 das erste Mal seine toros in einer bedeutenden Stierkampfarena zu sehen waren: In Ávila. Zwei weitere Jahre später, also 1985 in Bilbao, dann in Logroño und noch einmal in Ávila wo es sogar eine vuelta al ruedo  für den Stier gab(eine Ehrenrunde für den getöteten Stier, als Zeichen für eine gute Zucht). Erst drei Jahre vor seinem Tod gelang ihm der Sprung nach Madrid.
Auch nach dem Tod von Don Cesáreo erregten seine toros 1999 und 2002 in Madrid für Aufsehen. Aber in der letzten Zeit sind die Stiere des Priesters rar geworden, und wenn überhaupt, nur noch in Frankreich zu sehen.
Und wie beinahe schon zu vermuten ist, reflektiert in seinem Brandzeichen ein (Kirchen) Portal mit einem Kreuz.

Jean Cadilhac: Bischof von Nimes (1978 bis 1999)
Er bezog ebenfalls zum Entsetzen der Stierkampfgegner eine positive Stellung zum Stierkampf:
„Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn Katholiken zu den Stierkämpfen gehen, ich gehe ja auch gerne hin. Was ich an den Corridas so schön finde, ist, dass der Mensch das Tier dominieren kann, so wie Gott es will – das ist ganz im Sinne der Größe des Menschen.“
Hier bezieht er sich wohl auf den Artikel 2417 im katholischen Katechismus:
"Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat"
Und dieser Artikel bezieht sich auf die Bibel. In 1.Mose 2,2-3 lesen wir:
"Furcht und Schrecken vor euch soll kommen über alle Tiere der Erde und über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf Erden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben! Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen; wie das grüne Kraut habe ich es euch alles gegeben."
Andere Übersetzungen sprechen davon, wo die Tiere "in eure Gewalt" gegeben werden. Die Bibel erklärt sich hier also eindeutig: Der Mensch steht über dem Tier. Die Bedeutung wird eindeutig wenn wir weiterlesen:
"Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, weil sie dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten."
Tierversuche ja, Menschenversuche, nein. Tiere dürfen sterben, gar leiden, wenn es den Menschen dadurch gut geht. Die Grenzen sind gesetzt.
Aber die umstrittene Aussage finden wir ebenfalls in dem selben Artikel, wo es da heißt, "die Tiere für die Freiheit dienstbar" zu machen. Denn jetzt bekommt der Hinweis "wenn es den Menschen dadurch gut geht" eine völlig neue Sichtweise. Denn für die afición leidet und stirbt der Stier nicht nutzlos und widerspricht auch nicht der Würde des Menschen - auch wenn es Tierschützer anders sehen.
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Quellennachweise:


Katechismus der Katholischen Kirche: Dritter Teil, Kapitel 7, II - 2417 und 2418 
Bibelübersetzungen: Schlachter 2000, Gute Nachricht Bibel 
Radio Vatican, 09/12/2008

Dienstag, 1. September 2009

Die päpstliche Bulle von 1567

Die römisch-katholische Kirche verbietet Stierfeste

Immer wieder berufen sich Tierschützer auf Papst Pius V (1504 -1572) und seine berühmte päpstliche Bulle aus dem Jahr 1567, die die Teilnahme an Stierfesten unter Androhung der Exkommunizierung verboten hatte.

Was kaum einer weiß, Pius V war vor seinem päpstlichen Wirken 28 Jahre lang Inquisitor für die Provinzen Como und Bergamo und 3 Jahre lang Großinquisitor der römisch katholischen Kirche. Da fällt es einem wirklich schwer zu glauben, der Papst hätte damals sein Herz für die Stiere entdeckt. Ganz gewiss nicht. Es ging ihm dabei um kirchliche wie politische Angelegenheiten:

ERSTENS: Was ihn schon damals als Großinquisitor mächtig störte war, dass Philipp II von Spanien (1527 – 1598) die spanische Inquisition als staatliche Organisation in festen Händen hielt, und nicht daran dachte diese Rom zu unterstellen.

ZWEITENS: An solchen Stierfesten kamen nicht selten zahlreiche caballeros ums Leben. Die Kirche konnte nicht akzeptieren, dass die edlen Ritter ihr von Gott geschenktes Leben so einfach dahin warfen. Außerdem fehlten sie dann für die Kriegseinsätze unter christlicher Flagge.

DRITTENS: Stierfeste fanden oft sonntags statt. Sie begannen schon gegen zehn Uhr am Vormittag und endeten in regelrechten Orgien bis spät in der Nacht hinein. Für den besuch von Gottesdienste gab es da keine Zeit und dadurch blieben viele Gotteshäuser leer.

Spanien spielte aber für Pius V eine wichtige Rolle, gerade im Kampf gegen das osmanische Reich. Um ein wenig mehr Kontrolle über die Iberische Halbinsel zu bekommen, ließ er jene päpstliche Bulle aufsetzen. Doch er machte die Rechnung ohne Philipp II. Dieser nämlich befürchtete Unruhen des Volkes, gar den Unmut des Adels, dem die Organisation jener Stierfeste unterlag, und ließ diese päpstliche Bulle erst gar nicht veröffentlichen. Als Erklärung schrieb er an den Vatikan : „Die Bräuche der Stierkämpfe liegen den Spaniern einfach einfach im Blut.“

Der historische Ablauf:

1567 wird die päpstliche Bulle De salutis gregis dominici von Papst Pius V veröffentlicht, in der die Stierkämpfe unter Androhung der Exkommunizierung verboten worden sind.
1575 lockerte Papst Gregor XIII diese Bulle in seinem Schreiben Exponis nobis super wieder auf, indem er das Verbot von Stierkämpfen nur auf Sonntage und geistliche Würdenträger bezog. Papst Gregor hatte sich nur deshalb darauf eingelassen habe, damit Spanien gleichzeitig mit Portugal, Italien und den katholischen Zonen in Polen 1582 den Gregorianischen Kalender einführt.
1583 setzte Papst Sixto V die päpstliche Bulle vom Stierkampfverbot wieder in Kraft. Vorher als Inquisitor von Venedig hatte ihn das Zugeständnis seines Vorgängers verärgert. Die eigentlichen Gründe für diesen Missmut decken sich wohl mit denen von Pius V. Aber es liegt auf der Hand, dass das Verbot von Stierkämpfen wieder mal eher eine Angelegenheit der Inquisition war und nicht unbedingt als Schutzfunktion für die Stiere anzusehen ist.
Obwohl Spanien den Vatikan des Machtmissbrauches und Interpretationsfalschheit beschuldigte wurde das vatikanische Verbot erst wieder nach dreizehn Jahren aufgehoben.
1596 hebt Papst Clemens VIII mit seiner Bulle Suscepti numeris alle Verbote bezüglich der Stierkämpfe auf.

Und wie steht es mit der Wirkkraft der päpstlichen Bulle?

Die Foundation Franz Weber aus der Schweiz veranstaltete diesbezüglich im Juni 2008 einen Schauprozess in Genf. Um diesem einseitigen Prozess einen professionellen Anstrich zu geben sprechen sie von einem Urteil des Internationalen Gerichtshofes für Tierrechte hinter dem die United Animal Nations steht. Das “Vereinte Nationen” wirkt dabei ein wenig irritierend, denn mit den Vereinten Nationen hat diese frei-gemeinnützige Organisation nichts gemein. Im Urteil ist nachzulesen:

“Bis zur Umsetzung dieser Abschaffung fordert der Gerichtshof vom Papst Benedikt XVI, die die Stierkampfspiele unwiderruflich verurteilende Bulle DE SALUTE GREGI DOMINICI des Papstes Pius V, die immer noch gültig ist, zu erneuern und klare Richtlinien zu erlassen, nach denen die blutigen und abscheulichen Veranstaltungen, die Stierkämpfe darstellen, verurteilt werden müssen.”

Die Theologische Fakultät in Trier sieht es anders:
"Zur Frage der Gültigkeit: Wenn eine päpstliche Bulle nicht widerrufen wird, bleibt sie natürlich gültig. Viele päpstlichen Bullen haben aber keine tatsächliche Wirkkraft erlangt und sind im staatlichen oder kirchlichen Leben bedeutungslos geblieben. So haben mehrere Päpste im Mittelalter in Bullen die Ritualmordbezichtigungen gegen die Juden ausdrücklich verurteilt und Unwissenheit und Habgier auf Seiten der Christen als die eigentlichen Motive für diese falschen Anschuldigungen der Juden bezeichnet. Gefruchtet hat das nicht.
Bei Pastor steht übrigens auch, dass König Philipp II. und die spanischen Granden sich sofort gegen das Verbot der Stierkämpfe gewandt haben. Es haben zwar einige spanische Bischöfe im sog. Reformlibell der spanischen Bischöfe auf dem Konzil von Trient (1561-1563) unter vielen Reformforderungen auch das Verbot von Stierkämpfen und sonstigen Tierhetzen (besonders an Sonn- und Feiertagen) verlangt. Die Namen dieser Bischöfe werden jedoch nicht genannt. Auf der anderen Seite fand Philipp II. auch willfährige Theologen, die ihm in ihren Gutachten die Unbedenklichkeit der Stierkämpfe bescheinigten.
Ich vermute, dass das auch für den heutigen niederen und höheren Klerus in Spanien gilt."

Da die päpstliche Bulle von 1567 und deren Wiederaktivierung von 1583 im Jahr 1596 von Papst Clemens VIII eindeutig widerrufen worden ist, hat diese entsprechend auch keine Gültigkeit mehr. Jede weitere Diskussion darüber scheint überflüssig.

Siehe auch: Der katholische Stier

Sonntag, 30. August 2009

Und was sagt die Kirche dazu?

Die Rolle der katholischen Kirche zum Thema Stierkampf
Immer wieder versuchen Tierschützer sich an die katholische Kirche zu wenden, mit der Aufforderung sich gegen den Stierkampf zu richten und ihn gar zu verurteilen. So empörten sich zum Beispiel die französischen Tierschützer von COPRA dass sich ein französischer Pfarrer öffentlich auf einer Webseite zum Stierkampf bekannte. Auch deutsche Aktivisten hatten sich schon an den Vatikan gewannt – doch vergeblich. Der Heilige Stuhl schweigt.
Tierschutz und Kirche – passt das eigentlich zusammen?
Da sollte man sich durchaus mal die Frage stellen, Tierschutz und Kirche, geht das überhaupt? Können Tierschutzaktivisten wie von PETA eigentlich überzeugte Katholiken sein? Die Antwort fällt nicht schwer: Eigentlich nein! Allein schon die fundamentalen Grundgedanken beider Organisationen gehen meilenweit auseinander. So können wir in der Präambel der PETA lesen:
„PETA ist der Ansicht, dass die Grundrechte von Tieren, also ihre ureigensten Interessen, berücksichtigt werden müssen, egal, ob die Tiere für den Menschen von irgendeinem Nutzen sind. Genau wie wir, können sie leiden und haben ein Interesse daran, ihr eigenes Leben zu leben. Daher steht es uns nicht zu, sie für Ernährung, Kleidung, Experimente oder aus irgendeinem anderen Grund zu benutzen.“
Mit anderen Worten, Tiere sollen sich selbst überlassen sein. Wir, die Menschen, haben nicht das Recht uns in das Leben der Tiere, in welcher Form auch immer einzumischen.
Die katholische Kirche hat in ihrem Katechismus (1997) ebenfalls klar Stellung bezogen. Im Artikel 2017 über das siebte Gebot und die Achtung der Menschen und ihrer Güter ist folgendes zu lesen:
„Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat [Gen 2, 19-20; 9,1-14]. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, weil sie dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten.“
Ein vollkommende gegensätzliche Darstellung. Während PETA sich gegen den Nutzen von Tieren ausspricht, bezieht die katholische Kirche klar Stellung, indem sie feststellt, dass Tiere sehr wohl bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar gemacht werden dürfen.
PETA stellt allein durch die Andeutung „Genau wie wir …“ die Tiere mit den Menschen auf eine Ebene. Die katholische Kirche sieht es jedoch anders. Der Artikel 2018 endet mit:
„Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen gebührt.“
Der Standpunkt ist eindeutig: Erst die Menschen dann die Tiere. Also kann man sich doch nur wundern, warum von Seiten der Tierschützer immer wieder Versuche unternommen werden, die katholische Kirche zu beeinflussen. Eine Menschlichkeitswerdung der Tiere werden sie nie erreichen können.

Dienstag, 25. August 2009

Berühmte Stierkampfbesucher

Liebhaber oder Anhänger von Stierkämpfen werden als aficionados bezeichnet. Ernest Hemingway sieht in ihnen diejenigen die sich auf Stierkämpfe im Allgemeinen verstehen und sie dennoch gerne haben. Lorenz Rollhäuser erkennt in den aficionados den verständigen Teil des Publikums. Wie man es auch immer formulieren mag, sie haben alle etwas gemein: Die Liebe zum Stierkampf.

Die britische Schriftstellerin A.L. Kennedy differenziert dabei, indem sie die aficionados in Experten und Anhänger teilt. Man muss also kein Fachmann sein, um dem Spektakel zu folgen, wobei natürlich eine gewisse Basis an Grundkenntnissen erforderlich ist. Bei den nachfolgenden Namen handelt es sich also nicht nur um eine Auflistung von Experten oder Insidern, sondern es finden sich hier auch Personen die Stierkämpfe schon besucht haben.

(In alphabetischer Reihenfolge)

Aguirre, Esperanza (spanische Politikerin, PP) Foto
Alba, Herzogin von (spanischer Adel) Foto
Alberti, Rafael (spanischer Schriftsteller)
Alexandre, Vicente (spanischer Schriftsteller)
Almodóvar, Pedro (spanischer Regisseur)
Alvarez del Manzano, José María (Ex-Bürgermeister von Madrid)
Amores Guardiola, Andrés (spanischer Literaturkritiker)
Amusátegui, José María (Präsident der Bank BCHA)
Arenas, Javier (spanischer Politiker, PP)
Arola, Sergi (spanischer Zwei-Sterne-Koch)
Banderas, Antonio (spanischer Schauspieler)
Becker, Boris (deutscher Tennisspieler) Foto
Benlliure, Mariano (spanischer Bildhauer)
Berkel, Christian (deutscher Schauspieler)
Biatore, Flavio (italienischer Sportmanager) Foto
Bischof, Rainer (österreichischer Rechtswissenschaftler)
Boadella, Albert (spanischer Regisseur) Foto
Bono, José (spanischer Politiker, PSOE) Foto
Botella, Ana (spanische Politikerin, PP)
Brody, Adrian (amerikanischer Schauspieler)
Caesar, Gaius Julius (römischer Kaiser)
Calderón, Ramón (Ex-Präsident Real Madrid) Foto
Camacho, José Antonio (spanischer Fussballtrainer)
Cañizares, Antonio (spanischer Kardinal)
Capello, Fabio (italienischer Fussballtrainer)
Casillas, Iker (spanischer Torwart) Foto
Cela, Camilo José (spanischer Schriftsteller)
Cocteau, Jean (französischer Schriftsteller)
Collins, Larry (amerikanischer Schriftsteller)
Corbacho, Celestino (Ex-Arbeitsminister, PSOE) Foto
Charteris, Leslie  (amerikanischer Schriftsteller)
Chavez, Manuel (spanischer Politiker, PSOE) Foto
Conrad, Barnaby (amerikanischer Diplomat)
Cruz, Penelope (spanische Schauspielerin)
Dali, Salvador (spanischer Maler)
Dean, James (amerikanischer Schauspieler)
de Montherlant, Henry (französischer Schriftsteller)
Dion, Céline (kanadische Popsängerin)
Doña Letizia, Letizia Ortiz Rocasolano (Königin von Spanien) 
Doré, Gustavo (französischer Maler)
Dumas, Alexandre (französischer Schriftsteller)
El Cigala, Diego (spanischer Flamenco Sänger)
Espinosa de los Monteros, Carlos (Ex-Präsident, Daimler Benz, Spanien)
Felipe VI. (König von Spanien)
Ford, Richard (amerikanischer Schriftsteller)
Forsyth, Frederick (amerikanischer Schriftsteller)
Franklin, Sidney (amerikanischer Filmproduzent)
Gala, Antonio (spanischer Schriftsteller)
García, Ramón (spanischer Fernsehmoderator) Foto
García-Escudero, Pío (spanischer Politiker, PP) Foto
Gardner, Ave (amerikanische Schauspielerin) Foto
Gautier, Théophile (französischer Schriftsteller)
Goya, Francisco (spanischer Maler)
Guevara, Ernesto (argentinischer Guerillaführer) Foto
Guti (spanischer Fussballspieler) Foto
Hemingway, Ernest (amerikanischer Schriftsteller)
Hensel, Georg (deutscher Theaterkritiker)
Herrera Carlos (spanischer Journalist und Moderator)
Ingendaay, Paul (deutscher Journalist und Buchautor)
Irnberger, Harald (österreichischer Autor und Journalist)
Jiménez García-Herrera, Trinidad (spanische Gesundheitsministerin, PSOE)
Jiménez Mantecón, Juan Ramón (spanischer Schriftsteller)
Juan Carlos I.  (König von Spanien) Foto
Juan y Medio (spanischer Fernsehmoderator)
Jurado, Rocío (spanische Sängerin) Foto
Kerr Deborah (amerikanische Schauspielerin)
Lapierre, Dominique (französischer Schriftsteller)
Leiris, Michel (französischer Schriftsteller)
Le Pen, Jean-Marie (französischer Politiker)
Lorca, Frederico García (spanischer Schriftsteller)
Lord Byron (französischer Schriftsteller)
Mailor, Norman Kingsley (amerikanischer Schriftsteller)
Marchena, Pepe (spanischer Sänger)
Michel (spanischer Fussballspieler und Trainer) Foto
Michener, James A. (amerikanischer Schriftsteller)
Miró, Joan (spanischer Maler)
Montilla, José (Expräsident von Katalonien) Foto
Muhammad XII. Abu Abdallah, Boabdil (Sultan von Granada)
Neruda, Pablo (chilenischer Schriftsteller)
Ortega y Gasset, José (spanischer Schriftsteller)
Paz, Octavio (mexikanischer Schriftsteller)
Pérez-Reverte, Arturo (spanischer Schriftsteller)
Picasso, Pablo (spanischer Maler) Foto
Rajoy, Mariano (spanischer Politiker, PP) Foto
Ramos, Sergio (spanischer Fussballspieler) Foto
Resines, Antonio (spanischer Schauspieler) Foto
Rodríguez, Roberto (spanischer Fernsehmoderator)
Royal, Ségoléne (französische Politikerin)
Rubio, Paulina (mexikanische Sängerin) Foto
Rueda, Salvador (spanischer Schriftsteller)
Sabina, Joaquín (spanischer Liedermacher) Foto
Sanlúcar, Manolo (spanischer Gitarrist)
Samaranch, Juan Antonio (Präsident des IOC)
Saramago, José (portugiesischer Schriftsteller)
Sarkozy, Nicolas (französischer Staatspräsident)
Schlauch, Rezzo (deutscher Politiker, Grünen)
Serrat, Joan Manuel (spanischer Liedermacher)
Sorolla, Jóaquín (spanischer Maler) Foto
Steinbeck, John (amerikanischer Schriftsteller)
Tucholsky, Kurt (deutscher Schriftsteller)
Valle-Inclan, Ramón María del (spanischer Dramatiker)
Vargas Llosa, Mario (peruanischer Schriftsteller)
Vega, Pastora (spanische Schauspielerin)
Vega, Paz (spanische Schauspielerin) Foto
Viertel, Peter (amerikanischer Schriftsteller)
Villa, David (spanischer Fussballstar)
Wells, Orson (amerikanischer Schauspieler und Regisseur) Foto

Mittwoch, 19. August 2009

Und wenn die Zuschauer Kinder sind? (3.Teil)

Ein Jahr später

Und wieder gab es ein Certamen de Escuelas Taurinas 'La Malagueta'. Diesmal mit noch mehr Zuschauerbeteiligung. An die 36.000 Besucher verfolgten die Veranstaltungen, 20 Prozent mehr als im letzten Jahr.

Aber diesmal wurden wir zu einem Festival mixto in Benalmádena Pueblo eingeladen. Aber nicht nur wir, viele Einheimische und Kenner der Szene erfreuten sich an den invitaciónes. Wieder einmal sassen wir an der barrera im angenehmen Schatten und der einzige novillero Jiménez Fortes breitete direkt bei uns seinen prunkvollen Umhang des paseos aus. Zahlreiche Kinder füllten die Reihen der tendidos, aber nicht allen gefiel was sie sahen. Neben mir sass der neunjährige Jorge, interessiert an allem was er sah und seine Fragen nahmen kein Ende. Ob er es denn brutal fände? Nein, denn er esse gerne Fleisch und dann dürfe man sich nicht an sowas stören. Woher er denn die Weisheit habe? Von seinem Vater.

Meine Tochter hatte eine Freundin neben sich sitzen und klärte sie gewissenhaft über alles auf. Sogar den Sinn des picadores versuchte sie zu vermitteln.

Doch warum soll ich erzählen. Noch am selben Abend befragte ich sie dazu:

Wie haben dir heute die toros gefallen?
Mucho! Es hat mir sehr gefallen.

Was hat die am besten gefallen?
Am meisten haben mir die circulares gefallen. (Bei dem Manöver circular führt der torero den Stier vom Rücken her um seinen Körper.)

Und warum und was gefiel dir an den circulares?
Das der torero so still da stand und den Stier ganz langsam um sich führte. Das sah sehr elegant aus. (Sie macht eine Geste und zeigt mir das Manöver.) Er hatte überhaupt keine Angst dabei.

Gab es noch etwas, was dir gefiel?
Als der torero mit der capa den dritten Stier empfing und sich dazu nach rechts lang streckte indem er sein Knie beugte.

Und zum Schluss, als wir beim torero waren und er sich mit uns fotografieren liess.

Was gefiel dir überhaupt nicht?
Vor allem die Art und Weise wie der rejoneador seinen novillo tötete. Dabei blutete der Stier aus dem Mund. Das gefiel mir gar nicht!

Und dann gefiel mir auch nicht, als der novillo beim picador unter das Pferd geraten ist. Auch mag ich nicht, wenn der picador zu lange auf den Stier einsticht.

Traurig fand ich beim ersten Stier, dass dieser sich sein linkes Hinterbein verstaucht hatte. Da konnte der torero keine schöne faena aufbauen. Der torero hätte das arme Tier ruhig schneller töten können.

Möchtest du noch weitere Stierkämpfe sehen?
Ja, sehr gerne sogar.

Obwohl deine Freundin den Stierkampf fürchterlich fand?
Nun, es gibt Leute denen die toros nicht gefallen. Aber es gibt auch welche den gefällt es. Ich gehöre zur Gruppe der aficionados. Und wenn es meiner Freundin nicht gefällt, wird sie auch keiner zwingen Stierkämpfe sich anzuschauen.

Sonntag, 9. August 2009

Und wenn die Zuschauer Kinder sind? (2.Teil)

Der Stierkampf

Zurück an der barrera, erschien der Nachwuchstorero Jony de Ronda (Jonathan López, Canal Sur Zuschauer kennen ihn sicherlich). Auch ihn fand sie charmant, redete mit ihm und bekam ihr erstes Autogramm eines Stierkämpfers: „Para Alexandra, con cariño, Jony López“.

Der Gang vor uns begann sich zu füllen, es gab einiges zu sehen und durch die Nähe auch viel zu hören. So begann ich zunächst einmal ihr alles im Detail zu erklären: Wo der Präsident sitzt und wie er mit verschiedenen Tüchern die Veranstaltung leitet, wo der Stier rauskommt, von wo gleich die Musik ertönen wird, woran man die novilleros erkennt, und, und, und.… und sie hatte immer noch und wohl auch gerechtfertigte Bedenken den Stier gleich leiden zu sehen.

Die Plaza de toros hatte sich nun mit knapp 6.000 Zuschauern gefüllt als die Musik ertönte. Der Paso Doble gefiel ihr auch jetzt, und als die jungen Stierkämpfer einzogen spürte sie ein inneres Kribbeln. Es gab so viel zu sehen und zu beobachten, dass sie eigentlich gar nicht wusste wo sie hinschauen sollte.

Schließlich ertönte das Signal für den ersten eral. Das toril ging auf, das Kalb stürmte heraus. Und beim besten Willen, dass war nun wirklich kein Kalb mehr, sondern eher ein kräftiger kleiner Jungbulle. Dieser fegte einmal durchs Rund und rammte seine Hörner direkt vor uns in das burladero. Krachend flogen Späne und meine Tochter wich mit ihrem Oberkörper zurück, dachte sie doch, dass er gleich zum Sprung ins Publikum ansetzten würde. Ich klärte sie auf, nein, zum einen ist er dafür noch zu klein und zum anderen haben wir hier dicke Drahtseile, die uns schützen. Bei den nächsten Angriffen blieb sie standhaft.

Doch dieser erste Zusammenprall löste bei dem kleinen Mädchen eine völlig unerwartete Reaktion aus. Ihr Mitleid für das Tier wurde, bei soviel Kraft und Gewalt die sie da in unmittelbarer Nähe auf sich zugekommen sah, geradezu entmachtet. Da man jenes Geschehen praktisch aus derselben Perspektive wie die toreros im callejón betrachtete, also man kann sagen aus einer menschlichen Torero-Sichtweise, hatte sie zunächst ein Gefühl, dass ihr sagte, dass die Festung Mensch erst einmal zu verteidigen sei. Das Objekt des Mitleides verwandelte sich in eine Form unmittelbarer Gefahr, gar in eine Bedrohung, etwas dass es zu bezwingen gilt. Sie erkannte die körperliche Kraft des Stieres gegenüber der menschlichen Intelligenz. Umso beeindruckter fand sie es, als der erste Jungtorero sich diesem Ungetüm gegenüberstellte. Und schnell fand sie die Momente der Bewunderung für die einzelnen Bewegungsabläufe, der Eleganz und wo sie schon bald mit dem Publikum in ein kräftiges „olé“ einstimmte.

Beindruckt, schockiert aber auch ein wenig ängstlich zeigte sie sich, als ein eral einen der Stierkämpfer drei Mal erwischte. Der torero wurde durch die Luft gewirbelt, fiel unsanft auf die Erde, seine chaquetilla wurde zerrissen, die Schuhe, die so genannten zapatillas hatte er verloren und über sein Gesicht und die Weste strömte Blut. Und immer wieder kehrte der junge Mann zurück ins ruedo, um im Angesicht seines Rivalen seine Arbeit fortzusetzen. Ich erklärte ihr, warum weitere Begegnungen mit dem eral nun gefährlich seien, denn der Stier hätte nun erkannt, dass nicht das rote Tuch der Feind ist, sondern die Person daneben. Als schliesslich jemand aus dem callejón schrie, “mátarlo ya!”, töte ihn jetzt, stimmte meine Tochter ihm beinahe schon wie eine eingefleischte aficionada zu.

Das Blut hat sie fast nicht wahrgenommen. Und dabei hatten wir die Tiere fast immer direkt vor unseren Augen.

Es ging sogar noch weiter. Sie verstand den Sinn des picadores, und fand den Akt mit der Lanze für sich selbst auch gar nicht mehr so grausam wie es sich auf dem Bildschirm des Fernsehers darstellte.

Schließlich kam noch der Lokalmatador Javier Conde vorbei und wieder gab es einen netten Wortwechsel plus Autogramm.

Fazit

Meiner Tochter hatte es gefallen. Und sie würde gerne noch weitere Stierkämpfe besuchen.

Für einige Leser wird es sicherlich etwas grausam anmuten, dass ein Vater ein neun-jähriges Mädchen zu einem Stierkampf und dann auch noch in so unmittelbarer Nähe mitgenommen hat. Aber gerade diese Nähe ließ sie in das Thema eintauchen, da sie mit toreros und afición im Dialog stand, genauso litt, sich erschreckte oder freute und mit Vergnügen das weiße Taschentuch schwenkte. Und von der ersten Minute an hatte sie die Möglichkeit zu gehen.

Auch die Erkenntnis, dass die Menschen rund um den Stierkampf nicht weniger sympathisch sind, als die aus dem “normalen” Leben hatte sie nicht erwartet. So die alte Dame, die neben uns sass und ihr viel über Stierkampf zu erzählen wusste. Oder der dicke Zigarren rauchende Urandalusier hinter uns, der lautstark seine Anmerkungen in die Arena schrie. Diese wiederum, wurden von dem eleganten Herren, weiter rechts von uns, mit der Anmerkung kommentiert, er solle doch erst einmal das Regelwerk studieren, bevor er hier so dummes Zeug von sich gebe.

Eine Anmerkung zum Schluss: Dieser Wettbewerb der Stierkampfschulen von Málaga im Jahr 2008 mit seinen vier Veranstaltungen wurde von über 30.000 Zuschauern begleitet. Ein Großteil davon Familien mit ihren Kindern.

Freitag, 7. August 2009

Und wenn die Zuschauer Kinder sind? (1.Teil)

Das Thema der Tauromaquia ist für sich alleine schon recht schwierig, und wenn nun noch Kinder ins Spiel kommen wird es nicht gerade einfacher. Das dieses ein sehr sensibles Thema ist, dürfte wohl allen Lesern klar sein. Dabei geht es hier nicht um Jungtoreros, wie zum Beispiel der zehnjährige Miguelito aus Mexiko, der in Frankreich aufgetreten ist. Gott sei Dank sehen die Spanier das anders: Vor dem 16. Lebensjahr hat keiner etwas im öffentlichen Rund einer Plaza de toros zu suchen.
Aber was ist mit den jungen Zuschauern von Familien die der afición verfallen sind. Wann und wie soll man den Familiennachwuchs der Tauromaquia näher bringen? In Spanien gibt es dazu keine Altersbeschränkungen. Nur in Katalonien kann man erst mit 14 Jahren einen Stierkampf besuchen. In Andalusien werden in vielen Zonen die Kleinen sogar mit den toros gross. Die Stiere spielen hier eine wichtige Rolle. Oder wie hat König Philipp II dazu gesagt? “Die Bräuche der Stierkämpfe liegen den Spaniern einfach im Blut.“
Meine neunjährige Tochter hat schon mehrere Male eine corrida de toros im Fernsehen verfolgt. Im Allgemeinen gefiel es ihr: Das Ambiente, die Musik, das spektakuläre Setzen der banderillas a la El Fandi und die Wildheit der Stiere. Auch sieht sie sich gerne ab und zu das TV-Magazin Toros para Todos an (Link dazu auf der rechten Seite) mit dem charismatischen Moderator Enrique Romero. Nur bei den picadores, den Lanzenreitern und beim Todesstoß sah sie stets weg – ihr tat der Stier leid.
Das Vorspiel
Nun waren wir in Málaga und es gab an dem Nachmittag eine novillada mit Kälbern, ein Wettbewerb der Stierkampfschulen für Nachwuchstoreros. Meine Tochter war nicht sicher, entschied sich aber trotzdem es sich mal anzuschauen. Wie der Zufall es wollte kamen wir gerade als die Tore geöffnet worden sind. So ergatterten wir einen Platz an der barrera. Wir sassen in dem Insiderblock, gleich in der ersten Reihe an der hölzernen Barriere, genau dort wo die toreros sich im callejon, im Gang zwischen dem Rund und dem Publikum, aufhielten. Während des Stierkampfes hatten wir dann die kunstvollen capas der Stierkämpfer direkt vor uns auf der barrera ausgebreitet liegen.
Doch bevor es losging nahm ich meine Tochter beiseite, und ging mit ihr in die gegenüber von der Stierkampfarena liegenden Bar. Genau dort wo sich die afición zu einem letzten Drink traf, bevor es losging. Hier wollte ich meiner Tochter erst einmal drei Dinge zu ihrem ersten Stierkampf mit auf den Weg geben.
ERSTENS: Du sollst wissen, dass wir jederzeit, wenn du es wünscht, sofort den Stierkampf verlassen. Fühlst du dich angewidert, bist du traurig, wird dir gar übel oder was es auch immer ist, keiner wird dich zwingen einen Stierkampf anzuschauen. Du musst es nur ehrlich sagen und schon sind wir draußen. Denn zu dieser Veranstaltung gehen wir nur für dich, damit du es mal live erleben kannst.
ZWEITENS: Der Stier ist dazu da um zu sterben. Du wirst keinen sportlichen Wettkampf sehen. Der ganze Stierkampf hat nur ein Ziel: Den Tod des Stieres! Hierzu vielleicht eine Erklärung: Ich wollte sie mit möglichen indultos, also Begnadigungen der Stiere nicht durcheinander bringen, auch deswegen nicht, weil diese bei solchen Veranstaltungen sowieso nicht zugelassen sind.
DRITTENS: Bei diesem Stierkampf wirst Du Blut sehen. Mal mehr, mal weniger. Was aber nicht gleich bedeutet, dass durch das Blut auch Schmerzen hervorgerufen werden.
Große Augen eines kleinen Mädchens sahen mich an, und sie nickte verständig. Sie versprach mir mit einem kräftigen Handschlag es sofort mitzuteilen, wenn sie gehen möchte. Ich war so ziemlich davon überzeugt, dass wir keine viertel Stunde in der Plaza de toros bleiben werden.
Zurück zu Bar. Ein junger Mann, Diego,  bediente uns an der Theke, er wollte auch Stierkämpfer werden, aber das Glück hatte er leider nicht auf seiner Seite. Im letzten Jahr hat er hier an so einem Wettbewerb teilgenommen, aber seine Arbeit mit dem roten Tuch kam beim Publikum nicht an und wurde mit einem unerträglichen silencio abgestraft. Nie wieder, hatte er sich geschworen. Meine Tochter fand ihn trotzdem sehr sympathisch – schließlich flirtete er mit ihr kräftig und verabschiedete sich mit dem Wunsch sie bald hier wieder begrüßen zu können.
Antonio taucht auf. Auch er wollte mal Stierkämpfer werden, aber um ehrlich zu sein, ihm war dass alles viel zu gefährlich. Als er das erste Mal so einem Stier gegenüber stand, hat er es einfach mit der Angst bekommen, und beschlossen diese Karriere doch anderen zu überlassen. In den tendidos sei es sowieso bequemer und vor allem viel sicherer. Wir mussten sehr lachen, auf welche humorvolle Weise er sein taurinisches Scheitern uns vorgetragen hatte.

Mittwoch, 5. August 2009

Die Geburt der Tauromaquia

Wo ich in den letzten drei Beiträgen über die Beziehung zwischen Kunst, Kultur und dem Stierkampf geschrieben habe, stellt sich noch die Frage:

Seit wann zählt in Spanien die Tauromaquía zu den "bellas artes" den Schönen Künsten?

Und die beginnt zunächst einmal mit der Klärung:

Was ist eigentlich Tauromaquia?

Die aktuelle dreißigbändige Ausgabe des Cossíos, mit immerhin 21.000 Seiten, verwendet gerade mal vier Worte zur Erklärung: Arte de lidiar toros, also die Kunst mit Stieren zu kämpfen. Fertig! Ernest Hemingway bezeichnet es 1932 als Kunst, Stiere zu Fuß oder zu Pferd zu bekämpfen. Lorenz Rollhäuser spricht von künstlerischen Regeln bei der Lehre vom Stierkampf und Rolf Neuhaus benötigt in seinem aktuellen Buch gar nur ein Wort: Stierkämpferkunst. Und für den chilenischen Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda war die corrida ein Fest, Kunst und ein metaphysischer Schrei des Volkes.

Tauromaquia und Kunst, zwei Begriffe die vereint zu sein scheinen. Und so lässt sich die Frage, seit wann ist wird der Stierkampf als Kunst bezeichnet leicht beantworten: Solange es die Tauromaquia gibt! Aber … die Tauromaquia gibt es noch nicht so lange wie die Stierfeste. Also stellt sich diesbezüglich eine weitere Frage:

Seit wann gibt es eigentlich die Tauromaquia?

Bis weit in das 18. Jahrhundert waren die Stierfeste ein unorganisiertes Durcheinander. Jeder durfte teilnehmen und jeder konnte mit den Stieren treiben wozu er Lust und Laune hatte. Ob Bauernjungen aus Andalusien, Schlachtersöhne aus Madrid, Akrobaten aus Navarra oder edle Ritter, die sich hoch zu Ross mit Lanzen im Kriegsspiel übten, es war stets eine heillose Unordnung. Gäbe es heute noch diese Art von Stierfesten, der Stierkampf wär mit Sicherheit schon längst abgeschafft worden. Zwar gab es schon im 13. Jahrhundert Gesetzesblätter zur Organisation von Stiergefechten, jedoch bezogen diese sich nicht auf den Ablauf selbst.
Doch das sollte sich ändern. Am 20. Juli 1729 erblickte in Sevilla das Licht der Welt jemand, welcher der erste berühmte Torero der Tauromaquia werden sollte: Joaquín Rodríguez, bekannt unter dem Namen Costillares. Um 1750 wurde er zum matador de toros, und war der erste bekannte Stierkämpfer, der mit dem Umhang, der so genannten capa und der roten muleta kunstvolle Manöver vollführte. Vor allem wird ihm die Erfindung des volapié zugeschrieben, eine Tötungsart, bei der der Torero von vorne auf den Stier zugeht. In seinem Schatten eroberte ein weiterer den Torerohimmel: Der ebenfalls in Sevilla am 14. März 1754 geborene José Delgado, genannt Pepe-Hillo. Unter seinem Namen wurde 1796 in Cádiz die erste Tauromaquia o Arte de torear veröffentlicht. Dabei handelte es sich um die erste Systematisierung des Stierkampfs. Der Pöbel wurde aus der Plaza de toros entfernt, und professionelle Stierkämpfer übernahmen das Zepter im Rahmen einer klar strukturierten Ordnung, die noch heute größtenteils ihre Gültigkeit hat. Doch Pepe-Hillo hat das Buch nicht selbst geschrieben, konnte er doch gerade mal, kunstvoll seine Unterschrift auf das Papier bringen. Somit wird als Verfasser der ersten Tauromaquia der Freund des Maestros, José de la Tixera gesehen. Dass Pepe-Hillo es damit auch nicht so ernst nahm, zeigt die Tatsache, dass er selbst sich des Öfteren nicht an die Regeln hielt, sobald er die Möglichkeit hatte, auf andere Weise zu Ruhm zu gelangen. Erst der am 19. November 1754 in Ronda geborene Pedro Romero perfektionierte die Tauromaquia und schuf sogar eine eigene Stilrichtung, den schnörkellosen Ronda-Stil, im Gegensatz zur verspielten sevillanischen Schule.

Fazit: Wie weit man auch immer die kunstvollen Formen dem Stierkampf, insbesondere der Tauromaquia, zuordnen kann, die Anfänge finden sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Verbindung mit den drei Toreros Costillares, Pepe-Hillo und Pedro Romero. Lorenz Rollhäuser hat es so beschrieben, dass ab diesem Zeitpunkt die Toreros mit der Würde einer wissenschaftlich-künstlerischen Disziplin auftraten.
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Quellennachweise:
COSSÍO, Espasa, Calpe 2007, Band 1
EL COSSÍO, Espasa, Calpe 1996, Band 5
Ernest Hemingway, Tod am Nachmittag, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1957
Lorenz Rollhäuser, Toros, Toreros, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1990
Rolf Neuhaus, Der Stierkampf, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2007
Pierre Imhasly, Corrida, Edition Erpf, Bern 1982

Sonntag, 2. August 2009

Stierkampf, bald ein Weltkulturerbe?

Hat der Stierkampf eine echte Chance von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt zu werden?

Dresden trauert. Da bauen sie eine Beton-Metall-Konstruktion durch ihr Kulturerbe und schon ist der Titel weg. Kulturelles Eigentor mit Ansage! Aber wir sind in Spanien und wollen so von einem der spanischsten aller spanischen Themen reden, vom Stierkampf. Und schafft man hier eine Verbindung, also vom Stierkampf zum Weltkulturerbe, da stellt sich doch die Frage, der Stierkampf als Weltkulturerbe, geht das überhaupt?
Man muss nur in die Gesichter der resignierten Tierschützer schauen um nur zu erahnen, da scheint wirklich etwas dran zu sein. Die Chancen auf Erfolg, den angestrebten Eintrag des Stierkampfes als Weltkulturerbe der UNESCO durchzusetzen, schließen inzwischen auch eingefleischte antitaurinos nicht mehr aus. Die Lobbyisten seien zu mächtig und verfügen über zu viele politische Beziehungen, als dass ihre Forderungen ignoriert werden könnten. Denn man lebe in einer Zeit des Verfalls jeglicher moralischer Werte.


Der Anfang

Es begann in Paris am 17. Oktober 2003 als die UNESCO (Vereinte Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) ein Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes verabschiedete. Nachdem 30 Staaten es ratifiziert hatten, trat es zum 20. April 2006 in Kraft. Während Deutschland in der offiziellen Liste noch nicht zu finden ist, ist Spanien schon mit zwei immateriellen Kulturerbschaften vertreten: Den Mysterienspielen von Elche und dem Patum-Fest von Berga.
Die spanische Stierkampflobby erkannte schon sehr früh, dass ein Antrag zum Weltkulturerbe nur dann Aussichten auf Erfolg habe, wenn alle stierkampfpraktizierenden Länder gemeinsam vorgehen würden. So wurde Ende 2004 in Madrid die internationale Stierkampforganisation AIT (La Asociación Internacional de Tauromaquia) gegründet, mit dem Hauptziel den Stierkampf in die UNESCO-Liste mit aufzunehmen. Der Präsident der AIT, D. Williams Cárdenas Rubio rechtfertigt seinen Antrag damit, dass sich die Tauromaquia über Jahrhunderte hin entwickelt hätte und somit fundamentaler Bestandteil des sozialen, politischen und kulturellen Lebens des spanischen Volkes sei. Sein Einfluss reflektiere sich auf allen intellektuellen und künstlerischen Ebenen und bildet die Essenz der Hispanität. Hinzu betont er die länderübergreifende Wirkung, allen voran mit Frankreich, Portugal, Mexiko, Kolumbien, Peru, Venezuela und Ecuador, mit dessen politischer Unterstützung der jeweiligen Regierungen zu rechnen sei.
So wurde von der AIT im November 2005 der spanischen Kulturministerin Doña María del Carmen Calvo Poyato ein öffentliches Schreiben zugestellt mit der Aufforderung sich in dieser Angelegenheit als Vertreter Spaniens an die UNESCO zu wenden. Auch an die spanische Königstochter Doña Cristina de Borbón y Grecia wandte man sich in dieser Angelegenheit, sich doch für den Stierkampf als Kulturerbe einzusetzen.
Dem Vorgehen wurde ein Name gegeben:


Das Proyecto Tauromaquia-UNESCO.

Um politische Interessen bezüglich der Fiesta nacional zu wahren wurde im Juni 2006 die ATP (Asociación Taurina Parlamentaria) gegründet, der sich auf Anhieb 150 Senatoren anschlossen. Das sind immerhin schon 57 Prozent! Es folgten verschiedene Werbeveranstaltungen, so auch 2007 bei der Feria del toro in Portugal wo man bei den iberischen Brüdern auf viel Zustimmung gestoßen ist.

Weitere Hoffnung konnte die afición schöpfen, als die Schriftliche Erklärung für ein europaweites Verbot von Stierkämpfen am 15. Mai 2007 von ¾ der EU-Parlamentarier abgelehnt worden ist. Besonders schlimm für die antitaurinos, selbst bei den europäischen Tierschützern forderte nur die Hälfte ein Verbot. Und schließlich brachte dieser Antrag noch eine Erkenntnis zu Tage: Die politische Rückendeckung in Ländern wo Stierkampf praktiziert werde beträgt 92 Prozent, was natürlich die AIT bestärkt.

Am 4. und 5. Juli 2008 wurde die Welt der Tauromaquia im europäischen Parlament vorgestellt. Parallel dazu lief eine Ausstellung in Brüssel mit dem Titel Entre el Hombre y el Toro. Mit der Präsenz berühmter matadores de toros wie die Spanier Enrique Ponce, "El Juli" und des Franzosen Sebastián Castella wurde das Feedback der europäischen Parlamentarier durchaus als sehr positiv bewertet. Selbst die Tierschutzorganisationen mussten einräumen, dass die Chancen für einen Eintrag als Weltkulturerbe der UNESCO sehr gut stehen.

Im November 2008 kamen alle parlamentarischen Mitglieder der Organisationen für den Stierkampf aus Spanien, Frankreich, und Portugal in Madrid zusammen und beschlossen, dass man unter Berücksichtigung der kulturellen und artistischen Werte der Tauromaquia alles Nötige in die Wege leiten werde, mit dem Ziel den Stierkampf als Eintrag in die Liste der Kulturerben zu erlangen. 
Auf dem Fórum Mundial de la Cultura Taurina welches im Januar 2009 auf Terceira (Azoren) stattfand würdigte man ebenfalls das UNESCO-Projekt.

Auch die andalusische Landesregierung (Junta de Andalucía) fördert dieses Projekt in besonderem Masse.

Mittlerweile hat sich fast jede Organisation aus dem Stierkampfgewerbe dem Projekt Stierkampf-UNESCO angeschlossen. Allen voran in der Organisation Mesa del Toro aus Madrid, in der sich 15 Verbände zusammengeschlossen haben, und die gerade am 6. Juni 2009 bei einem internationalen Treffen ihre vollkommende Unterstützung zusagte.

Mehrere Städte mit Stierkampftradition bewerben sich als spanisches immaterielles Kulturgut


Damit die spanische afición ihrem Schritt zum Weltkulturerbe näher kommt, haben sich erstmals mehrere Veranstaltungen für die Wahl zum Spanischen Kulturerbe für die immateriellen Kulturgüter bei der IBOCC (International Bureau of Cultural Capitals) beworben. Von den 45 Bewerbungen werden 10 Kulturgüter zum Patrimonio Cultural Inmaterial de España deklariert. Aus dem Bereich des Stierkampfes haben sich Städte mit ihren Ferias und Fiestas beworben, wo der Stierkampf ein nicht wegzudenkender und stark integrierter Bestandteil darstellt:

Da wären unter anderem: 

Pamplona: Sanfermines 


Valencia: Las Fallas 

Sevilla: Feria de Abril 

Jerez de la Frontera: Feria del Caballo


Bei der Wahl sollen traditionelle Werte einen besonderen Aspekt darstellen.

Stierkampfgegner wie Stop Corrida befürchten: "Wenn jedoch die Anerkennung als spanisches Kulturerbe erreicht ist, wird der Antrag für das Weltkulturerbe der UNESCO sicherlich bald folgen."
Ganz aktuell hat SOS Galgos einen offenen Brief an die UNESCO gerichtet, wobei selbst sie eingestehen: Das Projekt Stierkampf-UNESCO / “Proyecto Tauromaquia de la UNESCO” ist inzwischen weit fortgeschritten und es sei kein Hirngespinst. Erbittert stellen sie fest, dass der Optimismus der Stierkampfanhänger alarmierend ist und zeigt, dass sie sicher sind, ihr Ziel zu erreichen. Auch die Fellbeisser Tierschutznachrichten sprechen von einer “Höchsten Alarmstufe” und wollen informieren wie ernst die Gefahr ist, dass der Stierkampf zum Kulturerbe erklärt wird.


Fazit

Die Stierkampflobby schleicht sich leise im Untergrund an ihr Ziel. Auf große Konfrontationen mit antitaurinos legt sie keinen Wert und achtet bei ihren Werbekampagnen stets auf eine positive Stimmung. So ist die AIT nun schon so weit vorangekommen, was sich nicht mal die größten Optimisten zu träumen gewagt hätten.

Ob der Stierkampf nun wirklich zum Weltkulturerbe geadelt wird, ist sicherlich noch recht offen und auch eine Frage der Zeit und des politischen Stimmungsbarometers. Aber genau an diesem letzten Punkt setzt die Lobby an und zieht somit wichtige Entscheidungsträger auf ihre Seite.

Freitag, 31. Juli 2009

Ist Stierkampf Kunst? (2. Teil)

Eine Medaille der Schönen Künste

Auch in diesem Jahr wurde vom spanischen Kultusministerium ein Stierkämpfer mit der Medalla de Oro de las Bellas Artes del Consejo de Ministros, der Goldenen Medaille für Schöne Künste ausgezeichnet. Neben dem bekannten Liedermacher Miguel Bosé und dem Sternekoch Juan María Arzak kommt der Matador de toros Fran Rivera Ordóñez zu Ehren. Er ist damit der dreizehnte Torero dem eine solche Auszeichnung zuteil wurde:

1996 - Antonio Ordóñez
1997 - Curro Romero und Santiago Martín Sánchez "El Viti"
1998 - Pepe Luis Vázquez und Miguel Báez «El Litri»
1999 - Álvaro Domecq y Díez
2000 - Antoñete
2001 - Rafael de Paula
2002 - Manolo Vázquez
2003 - Ángel Luis Bienvenida und Juan Antonio Ruiz Espartaco
2004 - Paco Camino
2005 - José María Manzanares
2006 - Enrique Ponce 2007 - José Tomás 
2008 - Francisco Rivera Ordóñez
2009 - Luis Francisco Espla (Nachtrag)
2010 - Pepe Martín Vázquez und José Miguel Arroyo "Joselito" (Nachtrag)

Ist Stierkampf als Kunst Teil einer Kultur?

Der Historiker Rolf Neuhaus (geb. 1951) gab seinem 2007 erschienen Buch „Der Stierkampf“ den Untertitel: „Eine Kulturgeschichte“. Karl Braun, Kulturwissenschaftler aus Berlin (geb. 1952) sieht in der corrida ein Kulturereignis, welches ein großes Menschheitsdrama vorführt. Auch beim Internetportal Taurosidona ist man sich einig: “Stierkampf ist eine Kunst. Kunst ist etwas das alle Jahrzehnte und Jahrhunderte, Krisen, Kriege und Regierungsformen nicht nur überdauert, sondern sich auch entsprechend ändert. Kunst ist immer ein Spiegel einer jeweiligen Epoche. Das sieht man auch an der corrida”. Es herrscht wohl Übereinstimmung: Kultur, Geschichte und Tradition scheinen sich zu decken. Auch beim Stierkampf. Da wird kaum diskutiert.

Aber die afición will mehr und geht weiter: Schon seit 2004 ist man bestrebt die Tauromaquia von der UNESCO als Weltkulturerbe erklären zu lassen. Dem Kind gab man sogar einen Namen: El Proyecto Tauromaquia-UNESCO. Ein Projekt, dass zum Entsetzen der Stierkampfgegner durchaus Aussicht auf Erfolg hat.

Und der Stierkampf, als Gegenstand der Kunst?

Die Tauromaquia nicht für die Kunst, sondern als Kunst? Für den bekannten spanischen Schriftsteller Antonio Gala (geb. 1932, Autor von „Die Handschrift von Granada“) ist es klar: „Der Stierkampf ist eine Kunst die vor allem Kopfarbeit und Bewusstsein verlangt! Und “er ist vor allem eine geistige Aufgabe!“. Der Wiener Professor Rainer Bischof (geb. 1947) muss es ähnlich sehen, nennt er sein Hauptkapitel über die einzelnen Phasen des Stierkampfs: „Arte de torear“ (Die Kunst mit den Stieren zu kämpfen). An anderer Stelle bezeichnet er es als “die umfassendste Darstellung des Lebens im Sinne des Theaters”. Also als eine Art künstlerischer Kommunikation zwischen Akteuren und den Zuschauern. Und bei Lorenz Rollhäuser (geb. 1953) lesen wir in einem Zitat, dass der berühmte Torero Belmonte „besser als jeder andere Künstler gewesen sei“. Keine Frage, viele vertreten den Standpunkt, dass wir hier über Kunst reden.

Gewiss, solche Auffassungen sind recht subjektiv. Und es versteht sich von selbst, dass es da auch Andersdenkende gibt: Die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy (geb. 1965) schrieb, „dass man die Schönheiten einer corrida nur entdecken kann, wenn man bereit ist, über eine Menge Ungeschicklichkeit, Widerwärtigkeit und Durcheinander, über Fehler, Versagen und mangelndes Können, hinwegzusehen.“ Und schließlich stellt sie nach einem schlechten Stierkampf fest, dass “ein solches Gemetzel kaum mit den Begriffen der Kunst zu rechtfertigen sei”. Auch das ist eine Meinung dazu.

Im Mai diesen Jahres gab es in der spanischen Hauptstadt eine Demonstration mit ungefähr 250 Teilnehmern gegen die Tauromaquia: „Stierkampf sei weder Kunst, noch Kultur.” Auch diese Botschaft ist eindeutig.
Man kann zu diesem Thema stehen wie man möchte, die Tauromaquia liefert als Objekt viel künstlerischen Raum für kulturelle Ansprüche. Die Kunst selbst versteht sich als ein menschliches Kulturprodukt. Und so kann man beobachten, dass ein Großteil der Gegner dieses nicht mal in Frage stellt. Der künstlerische Anspruch von Stierkämpfen wird auch fast nie diskutiert. Antitaurinos interessieren sich in erster Linie nur für den Rechtsanspruch. Denn sie wissen sehr wohl, würden sie darüber diskutieren, ob Stierkampf Kunst sei oder nicht, würden sie automatisch die Tauromaquia in den Stand menschlicher Kulturgüter adeln.
Würde man dem Stierkampf den Kulturstempel entziehen, würde er nicht mehr unter die Kunstfreiheit einer modernen Demokratie fallen. Und ohne dieses Fundament wäre er in der Tat rechtlich wie moralisch angreifbar. Ein Grund mehr für die Stierkampfgegner zu versuchen, das Projekt UNESCO zu vereiteln.

Siehe auch: Ist Stierkampf Kunst? (1. Teil)
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Quellennachweise:

Cossío, Los toros , Band 10 und 11, Espasa S.L., Calpe 2007
Wiesbadener Tagblatt vom 11.10.2008
Theophile Gautier, Reise in Andalusien, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1977
Ernest Hemingway, Fiesta, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1950
Ernest Hemingway, Tod am Nachmittag, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1957
Larry Collins & Dominique Lapierre, … oder du wirst Trauer tragen, Goldmann Verlag, München 1988
Rolf Neuhaus, Der Stierkampf – Eine Kulturgeschichte, Insel Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2007
Karl Braun, Der Tod des Stieres,Verlag C.H. Beck, München 1997
Antonio Gala, Paisaje andaluz con figuras, Editoriales Andaluzas Unidas, Granada 1984
Rainer Bischof, Heilige Hochzeit, Böhlau Verlag, Wien 2006
Lorenz Rollhäuser, Toros, Toreros, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1990
Alison Louise Kennedy, Stierkampf, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1999

Mittwoch, 29. Juli 2009

Ist Stierkampf Kunst? (1. Teil)



Ein Überblick mit der Frage, kann die Tauromaquia als gestaltende Kulturleistung gesehen werden?

Für die Tierschützer scheint die Antwort eindeutig. Stierkampf ist eine Barbarei, die Akteure Tierquäler, die Zuschauer mit sadistischen Anlagen versehen … nein das habe mit Sicherheit nichts weder mit Kunst noch mit Kultur zu tun.

Gehen wir doch mal ins Detail: Unter Kunst versteht man das Ergebnis einer menschlich kreativen Gestaltung. Auf den Stierkampf übertragen wäre das Ergebnis der Tod des Stieres. Doch dass der Tod selbst als Vollendung künstlerischen Schaffens nicht in Frage kommt, versteht sich von selbst. Es sei denn, Sterne Köche a la Ferran Adriá verwandeln dieses Endprodukt durch molekulare Einflüsse zu einem kulinarischen Kunstwerk. Jedoch findet sich sehr wohl der Tod als ein Mittel zur Kunst, wie es sich in so zahlreichen Kunstwerken reflektiert. Denken wir zum Beispiel an die Guernica.

Unter Kunst verstehen wir aber auch die Entwicklung zum Ergebnis. Den Prozess selber, wie wir ihn auch in der akustischen Darstellung von Musik wiederfinden. Und genau da schafft der Stierkampf, mit seinen Bewegungsabläufen, dem Spiel der Farben, den Effekten durch Licht und der Schatten, der Musik, dem Ambiente und seiner Dramatik viel Freiraum für kreative Gestaltung. Gerade in dieser theatralischen Darstellung mit dem beinahe unabwendbaren Ergebnis des Todes sehen viele Künstler eine Herausforderung. Und so reflektiert sich der Stierkampf in zahlreichen künstlerischen wie kulturellen Gattungen.

In der Malerei:

Der erste bekannte Vertreter dieser Gruppe dürfte wohl Francisco de Goya (1746 – 1828) sein. Seine berühmte „La Tauromaquia“ bestand aus 44 Radierungen (von denen heute noch 40 erhalten sind) und ist zwischen 1814 und 1816 entstanden. Nicht weniger unbedeutend seine Darstellungen des Toreros José Delgado 'Pepe Illo' (1754-1801), vor allem seinen tragischen Tod in der [i}Plaza de toros[/i] von Madrid. Der zweite große Name im Bereich der malerischen Tauromaquia kommt aus Málaga: Pablo Ruiz Picasso (1881 – 1979). Erst ein Besuch einer corrida de toros in dem französischen Arles 1957 inspirierte den Künstler zu einer eindrucksvollen grafischen Umsetzung über die Kunst des Stierkampfes. Erwähnt seien noch großartige Künstler wie Ignacio Zuloaga (1870 – 1945), Eduard Manet (1832 – 1880), Joaquín Sorolla (1863 – 1923), Daniel Vázquez Díaz (1882 – 1969), Eugenio Lucas (1858 – 1918), Roberto Domingo (1883 – 1956), Martinez de León (1895 – 1978) und die Illustrationen von Gustavo Doré (1832 – 1883) und Pharamond Blanchard (1805 – 1873) die wir in den Büchern „Voyage en Espagne“ bzw. in der kurzen Form von „Reise in Andalusien“ von Théophile Gautier finden. Um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

In den Stierkampfplakaten:


Naheliegend ist es wohl, dass sich einige Künstler in der Gestaltung von den carteles übten. Also Plakate die die Stierkämpfe ankündigen. Ohne darauf näher einzugehen hier ein Kuriosum: Sie hat immer in der ersten Reihe gesessen und dabei oft gleich drei Plätze eingenommen - damit sie ihre Malutensilien ausbreiten konnte. Mit Tusche fing die aus Wiesbaden stammende Edith Hultzsch die Bewegungen von toros und toreros ein. 1981 war sie die erste und bisher einzige Deutsche, die den Wettbewerb für das Plakat zu den Fiestas de Sanfermin in Pamplona gewinnen konnte.

 In der Bildhauerei:

Wer sich in der Dekorationsabteilung des spanischen Kaufhauses El Corte Inglés umschaut, hat mit Sicherheit schon einmal die metallenden Kopien von dem spanischen Bildhauer Mariano Benlliure (1862 – 1947) gesehen. In seinen Figuren spiegelt sich die gesamte Kraft der toros bravos wieder. Dekorativ für einen jeden aficionado der auch die Möglichkeit hat, diesen dekorativ zur Schau zu stellen.

In der Musik:

Da fällt einem natürlich zuerst einmal der Paso Doble ein. Nicht umsonst kennt man Ohrwürmer wie España cañi von Pascual Marquina Narro (1873 – 1948) oder Valencia von José Padilla (1889 – 1960). Und was wäre die Opernwelt ohne Carmen von Georges Bizet (1838 – 1875), welche erst, nach dem Tod des Komponisten, bei der Wiederaufführung in Wien 1875 zu einem internationalen Erfolg wurde. In Spanien schaffte 1912 El gato montés von Manuel Penella Moreno (1880 – 1939) den Durchbruch.

Auch im Flamenco sorgt der Stierkampf für viel Dramaturgie. Ob Gesang, Gitarre oder beides, in Spanien hat es viele bekannte Namen hervorgebracht, wie unter anderem den Sänger
Pepe Marchena (1903 – 1976) oder den Gitarristen Manolo Sanlúcar (geb. 1943) mit seiner bekannten Tauromagia (man achte auf das „gia“ statt dem „qìua“). Nicht umsonst ersetzen Flamencomusiker bei besonderen Stierkämpfen den Paso Doble. Das sich Literatur mit Musik verbinden kann zeigt hier der Llanto por Ignacio Sánchez Mejías mit dem Text von Federico García Lorca (1898 – 1936) und der Musik von Maurice Ohana (1913 – 1992).

Im Tanz:


Wo Musik ist kann auch getanzt werden. Und da holt uns zunächst der Paso Doble wieder ein. Nichts versinnbildlicht heute mehr den Stierkampf auf der ganzen Welt als dieser Tanz im 2/4 Takt (ursprünglich im 3/4Takt). Seit 1963 gehört er sogar zum Pflichtprogramm der lateinamerikanischen Tänze.

Aber nirgends findet der Stierkampf soviel theatralischen Ausdruck wie beim Flamencotanz. Die ernsthaften bis verzerrten Gesichter, die gespannten Körperhaltungen und die kontrollierten Bewegungen bis hin in das kleinste Detail spiegeln alle Dramatik einer
Corrida de toros wieder. Aktuell und auch in Deutschland zu sehen der aus Sevilla stammende Israel Galván (geb. 1973) mit seinem 2004 entstandenen Programm „Arena“. Hier stellt der Tänzer alles selber dar: Den Toro, den Matador de toros, den Banderillero und auch das Leben und den Tod, und zu der Choreographie ließ er sich durch die Zeichnung „Tauromaquia“ von Goya inspirieren. Von Kunst zu Kunst.

Im Film:


Erstaunlich dass bei soviel Dramaturgie der Stierkampf beim Film nie so den Durchbruch schaffte. Das liegt wohl auch daran, dass mit dem Medium Film eine sehr breite Masse angesprochen wird, und mit der Welt der Stiere eben wohl nicht der angestrebte Gewinn zu finden sei. Hollywood & Co. trauten sich an dieses Thema nicht ran. Doch ein kleiner mexikanischer Junge namens
Leonardo schaffte es 1956 in dem Film „Roter Staub“ tausende von jungen Zuschauern zum Weinen zu bringen, als sein Stier Gitanillo begnadigt worden ist. Und in Spanien? Ein paar Billigproduktionen, oft mit Coplaeinlagen vermischt, für den eigenen Markt – das war es eigentlich auch schon.


Adrian Brody als Manolete
Nur der spanische Regisseur Pedro Almodóvar (geb. 1951) wagte den Sprung mit der Thematik des Stierkampfs auf die internationale Bühne. Und mit Erfolg: „Matador“ aus dem Jahre 1986 mit Antonio Banderas. 2002 gab es sogar einen Oskar für den vielgerühmten Film „Sprich mit ihr“, wo eine Stierkämpferin im Zentrum des Geschehens steht. Dann war wieder Stille. Und erst jetzt wird die internationale Filmgemeinde gleich mit zwei Stierkampfproduktionen überfallen: Im November 2008 wurde in den Vereinigten Staaten der Dokumentarspielfilm „The matador“ mit einem „echten“ Matador de toros, dem populären David Fandila „El Fandi“ aufgeführt. Vorraussichtlich noch in diesem Jahr dürfen sich die Filmfans freuen auf Oscarpreisträger Adrian Brody der den legendären Torero Manolete verkörpert, welcher 1947 von dem Miura-Stier Islero in Linares getötet worden ist, sowie der spanischen Schauspielerin Penélope Cruz als seine große Liebe.

In der Photographie:


Ähnlich wie sich Fotografen zum Beispiel auf gewisse Sportbereiche spezialisiert haben, verhält es sich auch hier beim Stierkampf. Aktuelle Fotos, nahe am Geschehen mit gesellschaftlichen Blickwinkel und privater Sphäre, das ist in erster Linie gefragt. Momentaufnahmen journalistischer Darstellung des Lebens durch den Tod in der
Plaza de toros. Der erste bekannte Vertreter dieser Gruppe dürfte wohl der Franzose Juan Laurent y Minier (1816 – 1886) sein. Es folgte eine Menge an Stierkampffotografen, doch nur einer schaffte es mit seiner seiner weißen Kappe und der schon legendären Unterschrift an die wirkliche Spitze. Wer seinen Namen hört, bringt automatisch gleich den tragischen Tod von Manolete mit ihm in Verbindung: Francisco Cano Lorenzo (geb. 1912).

In der Literatur:

Nach den Romanciers wie Lord Byron (1788 . 1824) oder Thèophile Gautier (1811 - 1872) war es wohl Ernest Hemingway (1899 -1961) der dem spanischen Stierkampf zu internationalem Weltruhm verhalf. Neben seinen Büchern „Fiesta“ (1926) und „Tod am Nachmittag“ (1932) sorgten zahlreiche Depeschen für die Popularität der Tauromaquia. Der nach seinem Tod erst 1985 veröffentlichter Roman "Gefährlicher Sommer" gilt als das beste Werk, welches der amerikanische Schriftsteller über Stierkampf geschrieben haben soll. Viele folgten seinem Beispiel, James. A. Michener (1907 - 1997), Norman Mailor (1923 - 2007), John Steinbeck (1902 - 1968), Sidney Franklin (1893 - 1972) und so weiter, es wäre müßig sie jetzt alle aufzuzählen. Ein Buch soll aber nicht unerwähnt bleiben: „… oder du wirst Trauer tragen“ von Larry Collins (1929 - 2005) und Dominique Lapierre (1931). Hier wird auf brillante Weise der Werdegang von "El Cordobés" vor der Kulisse des spanischen Bürgerkrieges in die Diktatur hinein beschreiben.

Und im spanischen Sprachraum? Der "Stierkampfbrockhaus"
Cossío widmet dem Thema "Literatur und Journalismaus" ganze 700 Seiten. Das lässt erahnen, dass der Stierkampf auf der Iberischen Halbinsel zum literarischen Tagesgeschäft gehört. Dabei fallen große Namen wie Rafael Alberti (1902 - 1999), Juan Ramón Jiménez (1881 - 1858), Salvador Rueda (1857 - 1933), José Zorilla y Moral (1817 - 1893), Octavio Paz (1914 - 1998), Pablo Neruda (1904 - 1973), Vicente Alexandre (1998 - 1994), Camilo José Cela (1916 - 2002), José Ortega y Gasset (1883 - 1955), Federico García Lorca (1998 - 1936), um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Jährlich über 25.000 Artikel in der spanischen Presse ergänzen das literarische Angebot.

Fortsetzung folgt: Ist Stierkampf Kunst? (2. Teil)