SOS Galgos: Spanien ein Land gewalttätiger Machos, 2. Kommentar
Mittwoch, 14. Oktober 2009
Den Taurinos den Tod!
SOS Galgos: Spanien ein Land gewalttätiger Machos, 2. Kommentar
Sonntag, 11. Oktober 2009
Sympathie oder Mitleid für eine Antitaurina?
So ist es wohl Caroline Waggershauser ergangen, als sie Ende September zu den 150 Demonstranten (siehe Barcelona: Zwischen Polemik und Afición) in der katalanischen Metropole gehörte. Ich bezeichnete dieses als “Antitaurinisches Spiessrutenlaufen”. In einem bei SOS-Galgos erschienen Erfahrungsbericht bezeichnete sie ihre Gruppe als “eine handvoll Verrückter” und beobachtete das Geschehen: “Im Festgewand schritten die Taurinos mit teils mitleidigem, teils höhnischen Blick an uns vorbei…” Und weiter ist zu lesen: “Man schoss sogar Erinnerungsfotos von uns. Einige der “Unseren” preschten vor und beschimpften sie. Sie ernteten nur fröhliches Gelächter. Das Herz tat mir weh. Obendrein sind wir für die nur so etwas wie eine Kirmesattraktion.” Wir? Auch darauf hat sie eine Antwort: “Pensionäre, sehr viele einfache Hausfrauen, ein paar Hippies und Punkies”. Ein armseliges Häuflein nennt sie es. Aber, wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Doch das Echo war niederschmetternd. Denn die Reaktionen der afición arteten nicht in wüsten Beschimpfungen aus, nein der Schmach sass viel tiefer, denn die antitaurinos ernteten nur fröhliches Gelächter. Und wenn man diese Zeilen so zur Kenntnis nimmt, stellt sich in der Tat ein sentimentales Gefühl von Mitempfindung ein. Das haben sie nicht verdient! Nein wirklich nicht.
Doch dann wird Tacheles geredet, dem tief sitzendem emotionalen Frust Freiraum geschaffen: “Wir kochen verständlicherweise innerlich, würden uns diesen Taurinos am liebsten mit Krallen entgegenwerfen, haben die dunkelsten Vorstellungen von dem, was wir gerne mal in einem dunklen Verlies mit einem Torero anstellen würden.” Das klingt ja nun schon ganz anders, und so gar nicht nett. Die wenigen Sympathiepunkte sind reduziert. Aber schnell erkennt auch sie “so etwas darf niemals nach aussen dringen. Wir müssen immer die Contenance bewahren.” Antitaurinisches Fingerspitzengefühl? Ist ja grundsätzlich nichts dagegen zu sagen und fördert gewiss einen jeden Dialog bis diese tierschutzgerechte Diplomatie doch etwas mehr in verbalen Urteilen sich äussert und nun auch das spanische Volk sein Fett abbekommt: “Der Spanier ist ignorant, desinteressiert und unengagiert, der glücklich ist, wenn er sein Gläschen Wein in der Hand hat und seine Stiere am Sonntagnachmittag. Er ist nicht kritisch, er hinterfragt nicht.” Eine erstaunliche Feststellung für jemand, der in Spanien lebt.
Und schliesslich bringt es die Autorin auf den Punkt: “Wir müssen denen und aller Welt zeigen, dass wir die besseren Menschen sind.” Aha, denkt man sich, wenn man sich für die abolición de la tauromaquia einsetzt wird man ein besserer Mensch? Reicht der Einsatz, oder findet jene menschliche Aufwertung erst mit der endgültigen Abschaffung von Stierkämpfen statt? Überhaupt, wer sind eigentlich die besseren Menschen? Vegetarier oder Veganer, Frauen oder Männer, Christen, Moslems oder Ungläubige, Gebildete, Sportler oder was weiss ich … wer in solchen Kategorien denkt, ist weit entfernt von einem jeglichen Dialog zum wahren Meinungsaustausch.
Zum Schluss noch ein Zitat von Nietzsche, welches in dieser knappen Form auch auf die tauromaquía zutreffen könnte: “Bessere Menschen! — Man sagt mir, unsere Kunst wende sich an die gierigen, unersättlichen, ungebändigten, verekelten, zerquälten Menschen der Gegenwart und zeige ihnen ein Bild von Seligkeit, Höhe und Entweltlichung neben dem Bilde ihrer Wüstheit.”
Quellennachweise: SOS Galgos vom 07.10.2009: "Im Festgewand ins Schlachthaus"
Friedrich Nietzsche, 1873, Morgenröte, Buch 3, Seite 149
Samstag, 3. Oktober 2009
Barcelona: Zwischen Polemik und Afición
Fragt man in Europa nach, ob denn in Barcelona noch Stierkämpfe veranstaltet werden, erhält man meistens ein “Nein – ich glaube nicht” als Antwort. Das man so in Europa glaubt, in ganz Katalonien sei der Stierkampf abgeschafft lässt sich wohl auf eine einseitige Berichterstattung der internationalen Medien zurückführen, die immer nur dann hinschaut, wenn antitaurinos sich beeindruckend in Szene setzen. Zum Beispiel als Barcelona in einer geheimen Abstimmung im Jahr 2004 vom Rathaus zu einer “Barcelona antitaurina” gewählt wurde Und schliesslich gibt es da eine Liste mit 180.000 Unterschriften von Katalanen die eine sofortige abolición de la tauromaquia, eine Abschaffung von Stierkämpfen fordern.
Und es gibt doch Stierkämpfe in Barcelona
Doch wie sieht es in der Realität aus? Nach wie vor werden in der katalanischen Hauptstadt Stierkämpfe organisiert. Und nicht wenige sogar, in diesem Jahr sind es bis jetzt 18 corridas de toros. Das ist eine Steigerung zum Vorjahr von über 12 Prozent. Und es sind mehr als in den Stierkampfmetropolen wie Pamplona, Bilbao, Nîmes oder Málaga.
Am vergangenen 27. September trat der Superstar unter den toreros José Tomás in der Monumental von Barcelona an. ¡No hay billetes! Ausverkauft bis unter die Dachgiebel. Von nah und fern kamen sie angereist um diesen Event nicht zu verpassen. Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Kultur und der Filmbranche gaben sich ein Stelldichein und füllten die 19.582 Sitzplätze in den tendidos.
Antitaurinisches Spiessrutenlaufen
Und bei Prominenz stellt sich doch mal die Frage, wo bleiben da eigentlichen die antitaurinisch gesinnten Persönlichkeiten? Eine kleine Gruppe von an die 150 Personen mit Pappschildern und Plakaten bewaffnet glich eher einem Häufchen Verzweiflung denn aktiven Widerstand. Unter dem höhnischen Gelächter der afición glich deren Auftritt einem bemitleidenswerten Spiessrutenlaufen. Ein spanischer Journalist bringt es auf den Punkt: “Reine Potentialverschwendung. Sie ziehen mit 150 No-Names in eine Schlacht gegen eine 130-fache Übermacht gespickt mit Persönlichkeiten und vor allem mit Entscheidungsträgern”. Selbst die Stierkampfgegner erkennen dieses und auf einer deren Webseite ist zu lesen, dass solange in den ersten Reihen der Demonstrationen nicht Politiker, Journalisten, Schauspieler usw. stehen, wird man den spanischen Durchschnittsbürger nicht überzeugen können. Resigniert stellt man auf sos-galgos fest: “Für den Normalbürger sind wir nur ein Haufen Verrückter, Linker, Kommunisten, Terroristen, Separatisten, Marihuana rauchende Hippies und Grüne. Weiter nichts. Und so lange dieses Bild von uns rüberkommt, wird sich uns kein normaler Mensch anschließen”.
Und eigentlich lohnt es sich gar nicht mal
Finanziell gesehen fährt die Monumental mit ihren Stierkampfveranstaltungen nämlich rote Zahlen ein. Durchschnittlich werden die corridas in der katalanischen Metropole von 6.000 bis 8.000 Zuschauern besucht. Und rechnerisch muss der Veranstalter, die Familie Balañá, bei einer Belegung von nur 40 Prozent an die 20.000 Euros Verlust einstecken. Nur wenn die großen toreros anrücken klingelt es in der Kasse, Trotzdem hat sich die katalanische afición zusammengetan und setzt alles dran die tauromaquia auch in ihren Gefilden am Leben zu erhalten.
Wer entscheidet letztendlich darüber?
Was wir aus europäischen Zonen nicht nachvollziehen können ist wohl, wie geht das eigentlich? Da erklärt sich die Hauptstadt zu einer “Barcelona antitaurina”, und fünf Jahre danach werden immer noch Stierkämpfe organisiert. Und ein Ende scheint nicht in Sicht.
Die Erklärung ist einfach: Der Stierkampf in Spanien untersteht in erster Linie dem spanischen Staat, insbesondere dem Innen- und Justizministerium. Von ihm wird das Reglamento Taurino Nacional als königlicher Erlass herausgegeben, welches für das ganze spanische Territorium seine Gültigkeit hat, wobei es in einigen Regionen den traditionellen Gegebenheiten entsprechend abgewandelt oder angepasst werden kann – aber eben nicht abgeschafft. Da liegt der entscheidende Unterschied. Autonome oder lokale Entscheidungen dürfen und können staatliche Vorgaben nicht aufheben. Und so lange es im katalonischen Raum eine afición gibt, auch wenn sie in Barcelona nur 8.000 Personen zählt, wird der Staat das zu respektieren haben, denn durch Stierkämpfe kommen ja andere Bürger definitiv nicht zu Schaden.
Freitag, 25. September 2009
Las Vegas – eine Tortur für Don Bull?
Unblutige Stierkampfe in Las Vegas bald ohne Toreros?
Groß wurde es angekündigt. Unblutige Stierkämpfe in den Vereinigten Staaten. Es sollte eines der medialen Ereignisse in der Glamourwelt von Las Vegas werden. VIP-Lounges, Sterne-Menus für 650 Dollar und die normalen Eintrittskarten ab 75 bis 550 Dollar sollten Zuschauer aus Amerika und der ganzen Welt anlocken um die 7.000 Plätze im South Point Hotel and Casino zu füllen.
Erste Reaktionen auf der iberischen Halbinsel belächelten dieses Vorhaben. So ganz nach dem Motto, sollen sie nur mal machen! Ein Freund von mir winkte gleich ab: “Genau, ich gebe da zwei- bis dreitausend Dollar oder mehr aus, um mir mit einem mit Sicherheit nicht fachkundigem Publikum irgendwelche Kerle anzuschauen die sich toreros nennen und auf so komische Matratzen einstechen!”
In einem Punkt irrte sich mein Freund. Nicht vollkommen unbekannte Provinzkerle, sondern die Stars der Stierkampfszene sollten einen Erfolg garantieren. Und in der Tat, waren auf den Ankündigungen große Namen zu lesen. Die Creme de la Creme der aktuellen tauromaquía: Enrique Ponce, Julián López El Juli, El Fandi, Francisco Rivera Ordóñez, José Ortega Cano, Morante de la Puebla, Javier Conde, Pedrito de Portugal, um nur einige zu nennen. Die Presse und die einschlägigen Medien in Spanien hielten sich zu diesem Thema eher bedeckt. Nur in den Reihen der aficionados wollte man es genauer wissen: Was bewegt einen Startorero wie Enrique Ponce sich für so ein Spektakel zur Verfügung zu stellen? Was bringt die Künstlertoreros Morante de la Puebla oder ein Javier Conde dazu? Mit welchen Summen wurden sie wohl gelockt? Gut, ein Ortega Cano, das weiß ganz Spanien, dem fehlt es an finanziellen Mitteln und kann ein jedes Geld ziemlich gut gebrauchen. Nur, was ist eigentlich, wenn in Amerika keiner diese Stars aus der Welt der Stierkämpfe kennt?
Da kam die Stunde der Wahrheit und keiner ging hin!
Die 44 VIP-Tische wurden entfernt, das Menu gestrichen und nicht einmal zu einem Drittel konnten sich die restlichen Zuschauerreihen füllen. 315 bis 450 Dollar für einen Sitzplatz in den ersten acht Reihen, dass ist einfach zu viel! Auch am nächsten Tag sah es nicht anders aus. Weder Touristen noch Amerikaner können sich dafür begeistern, was beim amerikanischen Sender Univisión in spanischer Sprache in der Rubrik “Sport” zu sehen ist: Toros sin sangre!
Stiere ohne Blut?
Beim Internetportal “La Tauromaquía” bringt man es auf den Punkt: “Fliesst bei diesen toros Coca Cola durch die Adern? Korrekt wäre "Toreo sin sangre" Es zeigt auf wie oberflächig und unseriös die Veranstalter mit diesem doch für viele traditionellem Kulturgut umgehen. Zugegeben, in Spanien existiert sehr wohl der Begriff der toros. “Vamos a los toros” ein typischer Ausruf, dass wir jetzt eben nicht nur zu Stieren sondern zu einem Stierkampf gehen. Aber der Begriff löst bei Nichtkennern mit Sicherheit Irritationen aus. Und die von Don Bull erklärte Aufklärung und Annäherung an die Welt der toros findet so mit Sicherheit nicht statt. Noch ein Beispiel:
Ein Stier wird nicht getötet und begnadigt?
Da wird geworben, dass die Stiere weder verwundet noch in der Plaza de toros getötet werden. Mit allem Respekt, wie kann man da einen toro bravo auch noch begnadigen? Passiert da den Tierchen doch etwas hinter den Kulissen? Sofort ab ins Steakhaus? Es ist ganz gewiss nicht so, dass die Stiere nicht getötet werden sollen oder können. An keiner Stelle wird das von Don Bull oder seiner “Produktionsfirma” festgehalten, aber man will es suggerieren, dass den Stieren eben nichts geschieht.
Erkennen wir hier nicht eine Doppelmoral? Ist es nicht so, wenn wir uns einen guten Stier anschauen, viele olés rufen, toros und toreros bewundern, und wissen dabei, dass der Stier in wenigen Minuten sterben wird? Bewegt man sich da nicht in die Richtung eines ethisch-moralischen Zwiespalts? Werden hier Werturteile den momentanen und vor allem optischen Bedürfnissen angepasst und „mit zweierlei Maß“ bewertet sodass man sie publikumswirksam in Szene setzen kann? Der Stierkampf nur noch als ein reines Marketingobjekt?
Und jetzt Toros ohne Blut und ohne Toreros?
Da tönte Don Bull noch vor wenigen Tagen bei der Radiosendung Carrusel Taurino, er sei sehr stolz und befriedigt wie sein Projekt angelaufen sei. Zwar waren die ersten beiden corridas nicht so gut besucht, aber er will weitermachen, auch mit einem neuen Marketingkonzept. Und der US-Bundesstaat Nevada will mithelfen und sich darum sorgen, dass wenigsten 4.000 verbilligte Karten an den Mann gebracht werden können. Doch mal ehrlich, wovon will man dann eigentlich die Torero-Stars bezahlen?
Am besten gar nicht, denn ein Großteil der spanischen Elite hat sich zurückgezogen oder stellt ihren Auftritt in Frage. Nicht nur, weil es ihnen selbst suspekt erscheint, nein, die Kritik aus den Reihen der eigenen afición ist grösser geworden. Und die treuen Anhänger will man natürlich nicht verärgern.
So gesehen hat mein oben zitierter Freund gar nicht mal unrecht! Wer zahlt schon über 200 Euros zum Beispiel für einen Enrique Ponce, El Fandi und Francisco Rivera Ordóñez in Las Vegas, wo allein schon Anreise und Unterkunft ein Vermögen kosten, wenn man dieselben Toreros vor spanischer Kulisse in einer Plaza de toros der ersten Kategorie für 20 bis 65 Euros sehen kann?
Bleiben noch die Amerikaner. Aber, kommt es denen nicht billiger und vor allem authentischer dann nach Mexiko zu reisen?
Man kann es drehen und wenden wie man will. Es entsteht der Eindruck, das Don Bull, in seiner Eigenschaft als Veranstalter weder den toreros und den toros noch dem Publikum den nötigen Respekt gegenüber zeigt. Wahrscheinlich ist wohl auch der Name “Don Bull” nicht richtig gewählt. “Don Bill” würde eher passen, der Herr der Banknoten, derjenige dessen Illusion nur aus vielen, vielen Dollars besteht und nicht in der Befriedigung der afición. Da liegt der entscheidende Unterschied.
Samstag, 12. September 2009
Toreros der Küche
Toreros en la cocina
Siebzehn matadores de toros tauschten die muleta gegen Kochschürze und die espada gegen Küchenmesser ein und präsentieren 35 Speisen. Meistens im Rahmen eines eleganten Restaurants oder auf der eigenen Hacienda sprechen sie jene aficionados an, welche sich in den tendidos genauso wohlfühlen wie in kulinarischen Tempeln. Begleitet werden einige von dem katalanischen Zwei-Sterne-Starkoch Sergi Arola.
Javier Vazquez aus Madrid beginnt mit den Worten “Genauso wie in der Plaza de toros fühlt sich einer in der Küche alleine. Das stellt sich zunächst die Frage, wie man denn seine Arbeit am besten beginnt? Nun, genauso wie im Rund einer Stierkampfarena! Denn das erste was man anstrebt ist es, sich vorzubereiten, Und eines haben der torero und der Koch gemeinsam, am Ende wollen sie, dass es dem Publikum gefällt”. Der aus Sevilla stammende Julio Aparicio erkennt als Gemeinsamkeit den Wunsch, die Lust, die Einfachheit sowie eine jede Illusion. Und fügt hinzu: “Ob man nun einem Stier gegenüber steht oder an der Herdplatte, muss vorbereitet, intelligent wie wachsam sein, und vor allem, vor einer jeden guten faena (der eigentlichen Arbeit) viel Gefühl einbringen”. Auf den Nenner bringt es der Sternekoch Sergi Arola „Es ist eine Form etwas Wertvolles zu teilen, ob als Mann oder Frau. Ich kann mir ein Leben ohne Sensibilität nicht vorstellen, und das ist das Besondere in der Kochkunst. Darum gefällt mir auch der Stierkampf, wegen seiner besonders magischen Sensibilität”. Und er fügt hinzu, dass man wie beim Stierkampf die nötige Eingebung benötigt.
Bei so viel Sensibilität kann man sich eigentlich nur voller Spannung auf diese tauro-kulinarische Lektüre freuen. Und ein erster Blick über die Seiten verrät, hier geht es nicht nur um Rezepte, sondern die matadores de toros geben hier auch Privates von sich. Aber natürlich stehen ihre lukullischen Erlebnisse, ihre feinschmeckerische Erziehung und nicht zuletzt auch nicht unbedingt so kulinarische „Köstlichkeiten“ im Zentrum der Lektüre.
So „erfreute“ sich, der mittlerweile 85-jährige Jaime Ostos in Kolumbien an „gerösteten Ameisen“, natürlich ohne es zu wissen: „Allein schon der Gedanke, dass ich den kompletten Ameisenhaufen fast allein verspeist habe, löste bei mir … den Rest erspare ich Euch“. Der aus Cádiz stammende José Antonio Canales Rivera kam bei einer Überlebenssendung im spanischen Fernsehen in den Genuss eines Mischgetränkes aus Echsenaugen, Würmern, Heuschrecken, Affenhirn und weiteren Delikatessen. Und er verkündete nach mehreren Tagen des Hungerns, zwar schmeckte es „fatal, aber ich fühlte mich fabelhaft, und ich glaube kaum einer kann dieses Gefühl nachvollziehen!“
Im Großen und Ganzen handelt sich meistens um einfache, eher ländliche Rezepte, die nicht selten aus Mutters Kochstube stammen. So finden wir ein SALMOREJO von José Antonio Canales Rivera und MIGAS a la Victor Puerto oder MIGAS AL ESTILO CAMPUZANO. Und Tomás Campuzano aus Écija bei Sevilla erklärt uns, was es genau ist: „Wenn diese (gemeint sind die Brotkrumen) schön knusprig sind, gibt man ein Spiegelei darüber. Das ist der entscheiden Campuzano Geschmack“. Der aus Valencia kommende Vicente Barrera bereitet, wie zu vermuten ist natürlich eine PAELLA VALENCIANA DE POLLO Y CONEJO.
Richtig erstaunt wird der Leser über die Kochkünste der Litri-Dynastie. Vater wie Sohn haben nicht nur Stierblut in den Adern, sondern beherrschen auch ihr Handwerk in der Küche. Miguel Báez y Espuny „Litri“ erlernte die Kochkunst sozusagen nebenher. Bei seinen Reisen zu den verschiedenen corridas de toros war er von der Zubereitung der Speisen so begeistert, dass er mit den einzelnen Köchen einen Deal machte: „Ihr zeigt mir wie es geht, und ich besorge euch Eintrittskarten für den Stierkampf”. Nun versteht er sich in der Küche bestens zu bewegen, und er hat es gar nicht gerne, wenn man ihm Verbesserungsvorschläge unterbreitet oder gar es wagt ihn zu kritisieren. Köstlich seine etwas unfeine Ausdrucksweise: „Mujé, má vino, cao en la puta!“ Natürlich trat bezüglich der Kochkunst sein Sohn in dieselben Fußstapfen, der über eine andere Delikatesse zu berichten weiß. Miguel Báez Litri jr. heirate Carolina Adriana Herrera, Tochter der bekannten Modedesignerin Carolina Herrera. Und eben seine Schwiegermutter liebte es in der Küche, genauso wie in der Mode, die Geschmäcker ordentlich zu vermischen. So gab es unter anderem BOHNEN MIT KETSCHUP.
Das klassische Stiergericht ESTOFADO DE RABO DE TORO wird von Jaime Ostos zubereitet. Er liebt es zu kochen, bleibt aber bei der alten, sprich traditionellen Küche: „Die neue Küche ist eigentliche eine Bauernfängerei!“
Aber nicht alle Toreros in diesem Buch, lieben es zu kochen oder sehen sich als werdende Köche. Vicente Barerra stellt trocken fest: „Ich versuch es gar nicht zu verheimlichen! Warum sollte ich lügen? Weder bin ich Koch, noch habe ich Spaß daran in der Küche zu stehen. Aber manchmal muss man es halt tun um zu überleben“. Der Medienstar Francisco Rivera Ordoñez benötigt einen Roman, ganze zwanzig Wörter, um seine Speise zu umschreiben: SOLOMILLO DE CEBÓN CON SALSA DE COLMENILLAS, PATATA CREMA, FONDO DE ALCACHOFA CON ESPINACAS, TOMATE CHERRY Y PUNTA DE TRIGUERO. Dahinter ist höchste Kochkunst zu vermuten, doch schnell wird man aufgeklärt: “Ich habe nicht die leiseste Idee, wie man mit dem Küchenherd umgeht. Das einzige was ich wirklich bereiten kann ist ein Spiegelei. Und ich mag noch nicht mal Eier“.
Das es in einem solchen Buch tauro-kulinarische Begriffe gibt ist eigentlich zu erwarten: Die Zubereitung wird allgemein als FAENA umschrieben und zahlreichen Gerichte erinnern an die Tauromaquia: PAVO REAL CON BANDERILLAS AL ESTILO VÁZQUEZ, RUEDO DE VERDURAS, SUERTE DE SOLOMILLO von José Pacheco Rodriguez „El Califa”, oder eine VERÓNICA DE SETAS CAMPERAS, ESTOQUE DE CHULETAS von Julio Aparicio und ob die TROMPETA DE LA MUERTE bei den SARDINAS ASADAS von Miguel Báez Litri jr. auch dazugehört, sei dem Leser selbst überlassen.
Eine unterhaltsame Lektüre für einen jeden der die Tauromaquia mit der kulinarischen Welt verbinden möchte. Sympathisch auch deswegen, weil die Stierkämpfer ein wenig aus ihrem privaten Leben erzählen. Insofern ist dieses Buch in seiner Art bis zu diesem Zeitpunkt einzigartig, sozusagen konkurrenzlos.
TOREROS EN LA COCINA
(in spanischer Sprache)
Pilar Carrizosa
Susana Carrizosa
Edition: El tercer nombre, S.A.
ISBN: 84-935102-8-9
Preis: 30,- Euros
Sonntag, 6. September 2009
Geistliche Afición
Den Titel könnte man durchaus auf spirituelle Fundamente beziehen. Aber in diesem Blog ist es natürlich naheliegend, einen Blick auf eine afición der Geistlichen zu werfen, die einen Hang zur mondo de los toros haben.
Don Cesáreo: Priester und Kampfstierzüchter
Bekannt sind die Stiere von Don Cesáreo aus Salamanca als los toros del Cura de Valverde (Die Stiere des priesters aus Valverde). Obwohl dieser schon 1994 verstorben ist, kenn man seine Stiere noch heute unter dieser Bezeichnung.
Jean Cadilhac: Bischof von Nimes (1978 bis 1999)
Dienstag, 1. September 2009
Die päpstliche Bulle von 1567
Der historische Ablauf:
Und wie steht es mit der Wirkkraft der päpstlichen Bulle?
Ich vermute, dass das auch für den heutigen niederen und höheren Klerus in Spanien gilt."
Siehe auch: Der katholische Stier
Sonntag, 30. August 2009
Und was sagt die Kirche dazu?
Immer wieder versuchen Tierschützer sich an die katholische Kirche zu wenden, mit der Aufforderung sich gegen den Stierkampf zu richten und ihn gar zu verurteilen. So empörten sich zum Beispiel die französischen Tierschützer von COPRA dass sich ein französischer Pfarrer öffentlich auf einer Webseite zum Stierkampf bekannte. Auch deutsche Aktivisten hatten sich schon an den Vatikan gewannt – doch vergeblich. Der Heilige Stuhl schweigt.
Tierschutz und Kirche – passt das eigentlich zusammen?
Da sollte man sich durchaus mal die Frage stellen, Tierschutz und Kirche, geht das überhaupt? Können Tierschutzaktivisten wie von PETA eigentlich überzeugte Katholiken sein? Die Antwort fällt nicht schwer: Eigentlich nein! Allein schon die fundamentalen Grundgedanken beider Organisationen gehen meilenweit auseinander. So können wir in der Präambel der PETA lesen:
„PETA ist der Ansicht, dass die Grundrechte von Tieren, also ihre ureigensten Interessen, berücksichtigt werden müssen, egal, ob die Tiere für den Menschen von irgendeinem Nutzen sind. Genau wie wir, können sie leiden und haben ein Interesse daran, ihr eigenes Leben zu leben. Daher steht es uns nicht zu, sie für Ernährung, Kleidung, Experimente oder aus irgendeinem anderen Grund zu benutzen.“
Mit anderen Worten, Tiere sollen sich selbst überlassen sein. Wir, die Menschen, haben nicht das Recht uns in das Leben der Tiere, in welcher Form auch immer einzumischen.
Die katholische Kirche hat in ihrem Katechismus (1997) ebenfalls klar Stellung bezogen. Im Artikel 2017 über das siebte Gebot und die Achtung der Menschen und ihrer Güter ist folgendes zu lesen:
„Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat [Gen 2, 19-20; 9,1-14]. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, weil sie dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten.“
Ein vollkommende gegensätzliche Darstellung. Während PETA sich gegen den Nutzen von Tieren ausspricht, bezieht die katholische Kirche klar Stellung, indem sie feststellt, dass Tiere sehr wohl bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar gemacht werden dürfen.
PETA stellt allein durch die Andeutung „Genau wie wir …“ die Tiere mit den Menschen auf eine Ebene. Die katholische Kirche sieht es jedoch anders. Der Artikel 2018 endet mit:
„Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen gebührt.“
Der Standpunkt ist eindeutig: Erst die Menschen dann die Tiere. Also kann man sich doch nur wundern, warum von Seiten der Tierschützer immer wieder Versuche unternommen werden, die katholische Kirche zu beeinflussen. Eine Menschlichkeitswerdung der Tiere werden sie nie erreichen können.
Dienstag, 25. August 2009
Berühmte Stierkampfbesucher
(In alphabetischer Reihenfolge)
Aguirre, Esperanza (spanische Politikerin, PP) Foto
Alba, Herzogin von (spanischer Adel) Foto
Alberti, Rafael (spanischer Schriftsteller)
Amores Guardiola, Andrés (spanischer Literaturkritiker)
Bischof, Rainer (österreichischer Rechtswissenschaftler)
Boadella, Albert (spanischer Regisseur) Foto
Bono, José (spanischer Politiker, PSOE) Foto
Botella, Ana (spanische Politikerin, PP)
Camacho, José Antonio (spanischer Fussballtrainer)
Charteris, Leslie (amerikanischer Schriftsteller)
de Montherlant, Henry (französischer Schriftsteller)
Doré, Gustavo (französischer Maler)
Ford, Richard (amerikanischer Schriftsteller)
Gardner, Ave (amerikanische Schauspielerin) Foto
Gautier, Théophile (französischer Schriftsteller)
Guti (spanischer Fussballspieler) Foto
Hemingway, Ernest (amerikanischer Schriftsteller)
Hensel, Georg (deutscher Theaterkritiker)
Ingendaay, Paul (deutscher Journalist und Buchautor)
Irnberger, Harald (österreichischer Autor und Journalist)
Jiménez García-Herrera, Trinidad (spanische Gesundheitsministerin, PSOE)
Kerr Deborah (amerikanische Schauspielerin)
Leiris, Michel (französischer Schriftsteller)
Michener, James A. (amerikanischer Schriftsteller)
Muhammad XII. Abu Abdallah, Boabdil (Sultan von Granada)
Resines, Antonio (spanischer Schauspieler) Foto
Rodríguez, Roberto (spanischer Fernsehmoderator)
Rueda, Salvador (spanischer Schriftsteller)
Saramago, José (portugiesischer Schriftsteller)
Vargas Llosa, Mario (peruanischer Schriftsteller)
Viertel, Peter (amerikanischer Schriftsteller)
Mittwoch, 19. August 2009
Und wenn die Zuschauer Kinder sind? (3.Teil)
Ein Jahr später
Und wieder gab es ein Certamen de Escuelas Taurinas 'La Malagueta'. Diesmal mit noch mehr Zuschauerbeteiligung. An die 36.000 Besucher verfolgten die Veranstaltungen, 20 Prozent mehr als im letzten Jahr.
Aber diesmal wurden wir zu einem Festival mixto in Benalmádena Pueblo eingeladen. Aber nicht nur wir, viele Einheimische und Kenner der Szene erfreuten sich an den invitaciónes. Wieder einmal sassen wir an der barrera im angenehmen Schatten und der einzige novillero Jiménez Fortes breitete direkt bei uns seinen prunkvollen Umhang des paseos aus. Zahlreiche Kinder füllten die Reihen der tendidos, aber nicht allen gefiel was sie sahen. Neben mir sass der neunjährige Jorge, interessiert an allem was er sah und seine Fragen nahmen kein Ende. Ob er es denn brutal fände? Nein, denn er esse gerne Fleisch und dann dürfe man sich nicht an sowas stören. Woher er denn die Weisheit habe? Von seinem Vater.
Meine Tochter hatte eine Freundin neben sich sitzen und klärte sie gewissenhaft über alles auf. Sogar den Sinn des picadores versuchte sie zu vermitteln.
Doch warum soll ich erzählen. Noch am selben Abend befragte ich sie dazu:
Wie haben dir heute die toros gefallen?
Mucho! Es hat mir sehr gefallen.
Was hat die am besten gefallen?
Am meisten haben mir die circulares gefallen. (Bei dem Manöver circular führt der torero den Stier vom Rücken her um seinen Körper.)
Und warum und was gefiel dir an den circulares?
Das der torero so still da stand und den Stier ganz langsam um sich führte. Das sah sehr elegant aus. (Sie macht eine Geste und zeigt mir das Manöver.) Er hatte überhaupt keine Angst dabei.
Gab es noch etwas, was dir gefiel?
Als der torero mit der capa den dritten Stier empfing und sich dazu nach rechts lang streckte indem er sein Knie beugte.
Und zum Schluss, als wir beim torero waren und er sich mit uns fotografieren liess.
Was gefiel dir überhaupt nicht?
Vor allem die Art und Weise wie der rejoneador seinen novillo tötete. Dabei blutete der Stier aus dem Mund. Das gefiel mir gar nicht!
Und dann gefiel mir auch nicht, als der novillo beim picador unter das Pferd geraten ist. Auch mag ich nicht, wenn der picador zu lange auf den Stier einsticht.
Traurig fand ich beim ersten Stier, dass dieser sich sein linkes Hinterbein verstaucht hatte. Da konnte der torero keine schöne faena aufbauen. Der torero hätte das arme Tier ruhig schneller töten können.
Möchtest du noch weitere Stierkämpfe sehen?
Ja, sehr gerne sogar.
Obwohl deine Freundin den Stierkampf fürchterlich fand?
Nun, es gibt Leute denen die toros nicht gefallen. Aber es gibt auch welche den gefällt es. Ich gehöre zur Gruppe der aficionados. Und wenn es meiner Freundin nicht gefällt, wird sie auch keiner zwingen Stierkämpfe sich anzuschauen.
Sonntag, 9. August 2009
Und wenn die Zuschauer Kinder sind? (2.Teil)
Der Stierkampf
Zurück an der barrera, erschien der Nachwuchstorero Jony de Ronda (Jonathan López, Canal Sur Zuschauer kennen ihn sicherlich). Auch ihn fand sie charmant, redete mit ihm und bekam ihr erstes Autogramm eines Stierkämpfers: „Para Alexandra, con cariño, Jony López“.
Der Gang vor uns begann sich zu füllen, es gab einiges zu sehen und durch die Nähe auch viel zu hören. So begann ich zunächst einmal ihr alles im Detail zu erklären: Wo der Präsident sitzt und wie er mit verschiedenen Tüchern die Veranstaltung leitet, wo der Stier rauskommt, von wo gleich die Musik ertönen wird, woran man die novilleros erkennt, und, und, und.… und sie hatte immer noch und wohl auch gerechtfertigte Bedenken den Stier gleich leiden zu sehen.
Die Plaza de toros hatte sich nun mit knapp 6.000 Zuschauern gefüllt als die Musik ertönte. Der Paso Doble gefiel ihr auch jetzt, und als die jungen Stierkämpfer einzogen spürte sie ein inneres Kribbeln. Es gab so viel zu sehen und zu beobachten, dass sie eigentlich gar nicht wusste wo sie hinschauen sollte.
Schließlich ertönte das Signal für den ersten eral. Das toril ging auf, das Kalb stürmte heraus. Und beim besten Willen, dass war nun wirklich kein Kalb mehr, sondern eher ein kräftiger kleiner Jungbulle. Dieser fegte einmal durchs Rund und rammte seine Hörner direkt vor uns in das burladero. Krachend flogen Späne und meine Tochter wich mit ihrem Oberkörper zurück, dachte sie doch, dass er gleich zum Sprung ins Publikum ansetzten würde. Ich klärte sie auf, nein, zum einen ist er dafür noch zu klein und zum anderen haben wir hier dicke Drahtseile, die uns schützen. Bei den nächsten Angriffen blieb sie standhaft.
Doch dieser erste Zusammenprall löste bei dem kleinen Mädchen eine völlig unerwartete Reaktion aus. Ihr Mitleid für das Tier wurde, bei soviel Kraft und Gewalt die sie da in unmittelbarer Nähe auf sich zugekommen sah, geradezu entmachtet. Da man jenes Geschehen praktisch aus derselben Perspektive wie die toreros im callejón betrachtete, also man kann sagen aus einer menschlichen Torero-Sichtweise, hatte sie zunächst ein Gefühl, dass ihr sagte, dass die Festung Mensch erst einmal zu verteidigen sei. Das Objekt des Mitleides verwandelte sich in eine Form unmittelbarer Gefahr, gar in eine Bedrohung, etwas dass es zu bezwingen gilt. Sie erkannte die körperliche Kraft des Stieres gegenüber der menschlichen Intelligenz. Umso beeindruckter fand sie es, als der erste Jungtorero sich diesem Ungetüm gegenüberstellte. Und schnell fand sie die Momente der Bewunderung für die einzelnen Bewegungsabläufe, der Eleganz und wo sie schon bald mit dem Publikum in ein kräftiges „olé“ einstimmte.
Beindruckt, schockiert aber auch ein wenig ängstlich zeigte sie sich, als ein eral einen der Stierkämpfer drei Mal erwischte. Der torero wurde durch die Luft gewirbelt, fiel unsanft auf die Erde, seine chaquetilla wurde zerrissen, die Schuhe, die so genannten zapatillas hatte er verloren und über sein Gesicht und die Weste strömte Blut. Und immer wieder kehrte der junge Mann zurück ins ruedo, um im Angesicht seines Rivalen seine Arbeit fortzusetzen. Ich erklärte ihr, warum weitere Begegnungen mit dem eral nun gefährlich seien, denn der Stier hätte nun erkannt, dass nicht das rote Tuch der Feind ist, sondern die Person daneben. Als schliesslich jemand aus dem callejón schrie, “mátarlo ya!”, töte ihn jetzt, stimmte meine Tochter ihm beinahe schon wie eine eingefleischte aficionada zu.
Das Blut hat sie fast nicht wahrgenommen. Und dabei hatten wir die Tiere fast immer direkt vor unseren Augen.
Es ging sogar noch weiter. Sie verstand den Sinn des picadores, und fand den Akt mit der Lanze für sich selbst auch gar nicht mehr so grausam wie es sich auf dem Bildschirm des Fernsehers darstellte.
Schließlich kam noch der Lokalmatador Javier Conde vorbei und wieder gab es einen netten Wortwechsel plus Autogramm.
Fazit
Meiner Tochter hatte es gefallen. Und sie würde gerne noch weitere Stierkämpfe besuchen.
Für einige Leser wird es sicherlich etwas grausam anmuten, dass ein Vater ein neun-jähriges Mädchen zu einem Stierkampf und dann auch noch in so unmittelbarer Nähe mitgenommen hat. Aber gerade diese Nähe ließ sie in das Thema eintauchen, da sie mit toreros und afición im Dialog stand, genauso litt, sich erschreckte oder freute und mit Vergnügen das weiße Taschentuch schwenkte. Und von der ersten Minute an hatte sie die Möglichkeit zu gehen.
Auch die Erkenntnis, dass die Menschen rund um den Stierkampf nicht weniger sympathisch sind, als die aus dem “normalen” Leben hatte sie nicht erwartet. So die alte Dame, die neben uns sass und ihr viel über Stierkampf zu erzählen wusste. Oder der dicke Zigarren rauchende Urandalusier hinter uns, der lautstark seine Anmerkungen in die Arena schrie. Diese wiederum, wurden von dem eleganten Herren, weiter rechts von uns, mit der Anmerkung kommentiert, er solle doch erst einmal das Regelwerk studieren, bevor er hier so dummes Zeug von sich gebe.
Eine Anmerkung zum Schluss: Dieser Wettbewerb der Stierkampfschulen von Málaga im Jahr 2008 mit seinen vier Veranstaltungen wurde von über 30.000 Zuschauern begleitet. Ein Großteil davon Familien mit ihren Kindern.
Freitag, 7. August 2009
Und wenn die Zuschauer Kinder sind? (1.Teil)
Mittwoch, 5. August 2009
Die Geburt der Tauromaquia
Seit wann zählt in Spanien die Tauromaquía zu den "bellas artes" den Schönen Künsten?
Und die beginnt zunächst einmal mit der Klärung:
Was ist eigentlich Tauromaquia?
Seit wann gibt es eigentlich die Tauromaquia?
COSSÍO, Espasa, Calpe 2007, Band 1
EL COSSÍO, Espasa, Calpe 1996, Band 5
Ernest Hemingway, Tod am Nachmittag, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1957
Lorenz Rollhäuser, Toros, Toreros, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1990
Rolf Neuhaus, Der Stierkampf, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2007
Pierre Imhasly, Corrida, Edition Erpf, Bern 1982
Sonntag, 2. August 2009
Stierkampf, bald ein Weltkulturerbe?
Dresden trauert. Da bauen sie eine Beton-Metall-Konstruktion durch ihr Kulturerbe und schon ist der Titel weg. Kulturelles Eigentor mit Ansage! Aber wir sind in Spanien und wollen so von einem der spanischsten aller spanischen Themen reden, vom Stierkampf. Und schafft man hier eine Verbindung, also vom Stierkampf zum Weltkulturerbe, da stellt sich doch die Frage, der Stierkampf als Weltkulturerbe, geht das überhaupt?
Der Anfang
Es begann in Paris am 17. Oktober 2003 als die UNESCO (Vereinte Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) ein Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes verabschiedete. Nachdem 30 Staaten es ratifiziert hatten, trat es zum 20. April 2006 in Kraft. Während Deutschland in der offiziellen Liste noch nicht zu finden ist, ist Spanien schon mit zwei immateriellen Kulturerbschaften vertreten: Den Mysterienspielen von Elche und dem Patum-Fest von Berga.
Das Proyecto Tauromaquia-UNESCO.
Um politische Interessen bezüglich der Fiesta nacional zu wahren wurde im Juni 2006 die ATP (Asociación Taurina Parlamentaria) gegründet, der sich auf Anhieb 150 Senatoren anschlossen. Das sind immerhin schon 57 Prozent! Es folgten verschiedene Werbeveranstaltungen, so auch 2007 bei der Feria del toro in Portugal wo man bei den iberischen Brüdern auf viel Zustimmung gestoßen ist.
Am 4. und 5. Juli 2008 wurde die Welt der Tauromaquia im europäischen Parlament vorgestellt. Parallel dazu lief eine Ausstellung in Brüssel mit dem Titel „Entre el Hombre y el Toro“. Mit der Präsenz berühmter matadores de toros wie die Spanier Enrique Ponce, "El Juli" und des Franzosen Sebastián Castella wurde das Feedback der europäischen Parlamentarier durchaus als sehr positiv bewertet. Selbst die Tierschutzorganisationen mussten einräumen, dass die Chancen für einen Eintrag als Weltkulturerbe der UNESCO sehr gut stehen.
Mittlerweile hat sich fast jede Organisation aus dem Stierkampfgewerbe dem Projekt Stierkampf-UNESCO angeschlossen. Allen voran in der Organisation Mesa del Toro aus Madrid, in der sich 15 Verbände zusammengeschlossen haben, und die gerade am 6. Juni 2009 bei einem internationalen Treffen ihre vollkommende Unterstützung zusagte.
Damit die spanische afición ihrem Schritt zum Weltkulturerbe näher kommt, haben sich erstmals mehrere Veranstaltungen für die Wahl zum Spanischen Kulturerbe für die immateriellen Kulturgüter bei der IBOCC (International Bureau of Cultural Capitals) beworben. Von den 45 Bewerbungen werden 10 Kulturgüter zum Patrimonio Cultural Inmaterial de España deklariert. Aus dem Bereich des Stierkampfes haben sich Städte mit ihren Ferias und Fiestas beworben, wo der Stierkampf ein nicht wegzudenkender und stark integrierter Bestandteil darstellt:
Stierkampfgegner wie Stop Corrida befürchten: "Wenn jedoch die Anerkennung als spanisches Kulturerbe erreicht ist, wird der Antrag für das Weltkulturerbe der UNESCO sicherlich bald folgen."
Fazit
Die Stierkampflobby schleicht sich leise im Untergrund an ihr Ziel. Auf große Konfrontationen mit antitaurinos legt sie keinen Wert und achtet bei ihren Werbekampagnen stets auf eine positive Stimmung. So ist die AIT nun schon so weit vorangekommen, was sich nicht mal die größten Optimisten zu träumen gewagt hätten.
Ob der Stierkampf nun wirklich zum Weltkulturerbe geadelt wird, ist sicherlich noch recht offen und auch eine Frage der Zeit und des politischen Stimmungsbarometers. Aber genau an diesem letzten Punkt setzt die Lobby an und zieht somit wichtige Entscheidungsträger auf ihre Seite.



